Was es mit dem aufgegebenen Projekt auf sich hat

Große Hoffnung setzte man einst auf die Demokratie; aber Demokratie bedeutet lediglich, daß das Volk durch das Volk für das Volk niedergeküppelt wird.
Oscar Wilde (aus: Der Sozialismus und die Seele des Menschen [1891], in der Übersetzung von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann)

Als roter Faden durch den Blog ziehen sich die Einträge »Aus einem aufgegebenen Projekt«.
Der Autor verfolgte vor einigen Jahren das Vorhaben, die Demokratie-, Politik- und Staatskritik, wie sie die linksradikalen Strömungen des 20. Jahrhunderts und zuvor natürlich Marx, Bakunin … zu den unterschiedlichsten Anlässen geübt hatten, exemplarisch-synthetisch zu reformulieren – nicht als abstrakt-kategoriales Lehrbuch, auch nicht als historische Kritik (Entstehung des Revisionismus, Revolution und Konterrevolution in Russland, die ›Niederlage in der Niederlage‹, Kritik des historischen Antifaschismus etc.pp.), sondern direkt bezogen auf die Neugestaltung deutscher Verhältnisse seit dem Regierungsantritt von Rot-Grün (Politik der Neuen Mitte, Agenda 2010, Hartz-Gesetze, BRD-Imperialismus, Pop-Nationalismus etc.pp.). Besonders in den Blick sollten dabei die Moden und Unarten der linken Szene geraten – vom Zombie-Operaismus in Form des Multitude-Fetischismus über die (gar nicht mal so) heimliche Gewerkschaftsliebe von Autonomen bis zu den Verbraucherschutzidealen der (Ex-)Antideutschisten.
Vorbilder für die Fallstudien gab es zwei: die Artikelserie »Sul filo del tempo« (Über den Faden der Zeit) Amadeo Bordigas, eine große Chronik der 50er Jahre aus orthodox-kommunistischer Sicht – Bordiga kommentierte tagesaktuelle Geschehnisse vor dem Hintergrund eines strikt invarianten Marxismus’; Marxens »Herr Vogt«, vordergründig eine Abrechnung mit einem nationaldemokratischen Politiker, tatsächlich aber eine umfassende Politikkritik im Gewande einer schonungslosen Darstellung diplomatischer Verwicklungen (»Herr Vogt«, seine am wenigsten rezipierte Schrift und folglich so gut wie neu aufgelegt, war Marx immerhin so wichtig, dass er für sie ein Jahr lang die Arbeit am ›Kapital‹ unterbrach.)
Aus privaten Gründen, einer politisch-wissenschaftlichen Verpflichtung und nicht zuletzt der rapiden Zeitumstände wegen (Finanzkrise!) ist dieses Projekt, obwohl konzeptionell wie quantitativ recht weit gediehen, nicht beendet worden.
Was auf diesem Blog unter dem Titel »Aus einem aufgegebenen Projekt« online gestellt wird, sind nicht die – anderweitig und in rudimentärer Form ohnehin bereits häufig publizierten – Fallstudien und Polemiken zur demokratischen Politik in Deutschland resp. zur deutschen Ideologie. An ihnen ist die Zeit vorüber gegangen, und die hinterlässt Spuren. Vielmehr handelt es sich um, sagen wir es so: das theoretische Rückgrat, das in Bruchstücken weder systematisch noch chronologisch – bezogen auf die Geschichte des Projekts –veröffentlicht wird.
Viele der als Fundstücke präsentierten Fremdtexte stammen ebenfalls aus dem Umfeld dieses Projektes.