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Marx grotesk

Darf man Bücher anhand ihres Inhaltsverzeichnisses kritisieren? Man darf, wenn einem das Groteske bereits auf diesen Seiten anspringt.
Der akademische Marxismus erhebt mal wieder sein Haupt, und was »damals« (1968ff.) schon eine Operette war, taugt heute nicht einmal zur Farce. Sekundärliteratur zu Marx gibt es in diesen Wochen und Monaten mal wieder in Hülle und Fülle. Eigentlich muss man von Tertiärliteratur sprechen, denn Wälzer wie die von Ingo Elbe, »Marx im Westen. Die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik seit 1965«, oder Jan Hoff, »Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965« setzen sich ja primär mit der Sekundärliteratur der letzten Jahrzehnte auseinander. Das kann so weitergehen, und wir dürfen uns auf ungemein gelehrte Aufsätze à la »Kritische Anmerkungen zu Ingo Elbe. Warum die neue Marx-Lektüre in der Bundesrepublik schon 1964 begann« freuen. Oder wir bleiben einfach länger im Bett liegen.
Nun ist gerade ein weiterer fettleibiger Band erschienen: »Der sich selbst entfremdete und wiedergefundene Marx«, herausgegeben u.a. vom akademischen Groß- und Weitdenker (und früheren K-Gruppen-Germanisten) Helmut Lethen und Falko Schmieder, dem tatsächlich vor fünf Jahren mit »Ludwig Feuerbach und der Eingang der klassischen Fotografie. Zum Verhältnis von anthropologischem und historischem Materialismus« eine scharfsinnige ideologiekritische Studie gelungen ist.
Wie man hier sehen kann, ist der Band dreigeteilt, »Karl Marx, ein rebellischer Bürger des 19. Jahrhunderts«, »Der von sich selbst entfremdete Marx – der Marx der Arbeiterbewegung«, »Der wiedergefundene Marx – Der Marx der Philosophen«. Die erste Abteilung umfasst fünf Aufsätze (Marx im Kontext von Hegel, Darwin, Proudhon und Blanqui – keine Einwände), die dritte sieben (Marx mit Foucault, Badiou, Adorno … das Fieberthermometer steigt …), und die zweite »der Marx der Arbeiterbewegung« umfasst ebenfalls fünf – und drei davon beschäftigen sich mit Antisemitismus. Was fällt also den Herausgebern und ihren Nachwuchskräften zum Stichwort »Marx und Arbeiterbewegung« vor allem ein? Antisemitismus. Und das ist grotesk.1
Arbeiterbewegung? Es gäbe da viel zu besprechen: So hat noch jeder Schub militanter sozialer Kämpfe eine neue Form der Marx-Aneignung (die immer auch eine Marxismus-Kritik war) hervorgebracht. To name but a few: Die Herausbildung des italienischen Kommunismus in den 10er und frühen 20er Jahren des letzten Jahrhundert war in erster Linie eine radikale Politisierung Marxens (siehe Amadeo Bordiga und frühe seine Kritik der kulturalistischen Sozialismus-Vorstellungen von Antonio Gramsci und Angelo Tasca). Die Anti-Revisionisten in der SPD und die Gründergeneration der KPD – ob nun Rosa Luxemburg oder die Bremer Linksradikalen – haben sich stets gegen die Aufspaltung in einen »wissenschaftlichen« (ökonomistischen), »historischen« (überwundenen) und »polemischen« (nicht ganz ernst zu nehmenden) Marx gewandt. Der italienische Operaismus, die französische »Socialisme ou Barbarie«-Gruppe2, schließlich die Radikalen in den USA (Johnson-Forest-Tendency) haben den technologiekritischen Marx wieder entdeckt. Diesen dissidenten Spuren in den Arbeiterbewegungen, DIE Arbeiterbewegung hat es sowieso nie gegeben, hätte man nachgehen können. Und erst recht den konformistischen – den Verballhornungen von Marx durch Kautsky, Bernstein, ja sicher auch durch Lenin.
Nichts davon im »wiedergefundenen Marx«. Aber wisst ihr was? Es ist großartig! Doktorarbeiten über Mario Tronti, Seminare über Paul Matticks Krisentheorie, eine CLR-James-Rezeption bei Merve, eine Amadeo-Bordiga-»BasisBiographie« bei Suhrkamp … das wäre der wahre Horror.

  1. Zu den Aufsätzen selbst können wir nichts sagen (oder nur indirekt: Thomas Haurys Analyse des vermeintlichen Antisemitismus’ in »Zur Judenfrage« kann man auch seiner lesenswerten Dissertation »Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR« [Hamburger Edition, 2002] entnehmen – Haury weist dort nach, dass Marx mit antisemitischen Stereotypen erstaunlich unbedarft hantiert, der Aufsatz aber alles andere als antisemitische Intentionen zum Ausdruck bringt).
    Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in der Arbeiterbewegung – oder besser: mit der häufig nur halbgaren Abwehr des Antisemitismus durch die Arbeiterbewegung, siehe dazu die hinweisreiche Skizze von Gerhard Hanloser – ist keine zu vernachlässigende Beschäftigung. Grotesk ist hier der modische Reduktionismus. [zurück]
  2. Spätestens in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre verstanden sich führende SouB-Repräsentanten – Cornelius Castoriadis, Claude Lefort – als dezidiert anti-marxistisch und machten Marx direkt für den bürokratischen Ruin der sozialistischen Revolution verantwortlich. Dass man mit den Texten von SouB gleichwohl »marxistisch« weiterarbeiten konnte, dafür steht, im Guten wie im Schlechten, Guy Debord. [zurück]