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An einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung

Im März 2000 widmete die Zeitschrift KONKRET Robert Kurz’ »Schwarzbuch Kapitalismus« ausführliche Kritiken von Freerk Huisken1 und Michael Heinrich, die wenig vom Buch übrig ließen. Mich hat das damals vor allem für Huisken eingenommen, von dem ich bis dahin (und auch danach) allzu gewundene und verquaste Texte kannte, dieser war aber gründlich, präzise, angemessen polemisch (ja: angemessen polemisch, auch wenn das fast schon eine contraqdictio in adjecto ist). Man kann diese Kritiken aber auch als freiwillig unfreiwillige Anerkennung des Autors lesen – was wurde da für ein schweres Geschütz aufgefahren, um das halsbrecherische Projekt eines Einzelnen auseinander zu nehmen! Mag sein, Huisken und Heinrich haben die besseren Argumente, die besseren Bücher aber hat Kurz geschrieben.
Das Schwarzbuch ist damals »überall« besprochen worden – mit einer eigentümlich widerwilligen Bewunderung, denn vom Marxismus wollte man noch weniger als heute wissen. Ich erinnere mich an einen Bekannten, der das Buch für eine große Tageszeitung zu besprechen hatte, und dem vorab (!!) klar war, dass er es verreißen würde, weil schon beim ersten Blättern keinerlei »methodologisch abgesicherte« Satisfaktionsfähigkeit zu erkennen war – Einzelkämpfertum, keine Interdisziplinarität, keine Quellenforschung, oberflächliche Auswertung der Sekundärliteratur –, der sich aber gleichzeitig ehrlich fasziniert zeigte von der Anstrengung, dass jemand so ein Projekt durchziehe und im tiefsten Neoliberalismus noch oder: überhaupt einmal die Gegengeschichte des Kapitalismus schreibe – als populär angelegtes Sachbuch!
Ich denke, der große Moment Robert Kurz’ war nicht das Schwarzbuch, sondern »Der Kollaps der Modernisierung«, das HM Enzensberger mit dem ihm eigenen pfiffigen Opportunismus 1991 in der »Anderen Bibliothek« rausbrachte (fast genauso wichtig: »Honeckers Rache«, das zeitgleich bei der Edition Tiamat erschien): Am absoluten Nullpunkt marxistischer Theorie ihren Neustart zu formulieren – und zwar nicht im unterwürfig beflissenen Argument-Prokla-Haug-Altvater-Style – sondern im Vollbesitz ihrer analytischen Kraft: das war wichtig. Kurz machte für den Untergang des Realsoz weder externe Faktoren verantwortlich (ENTWEDER Verrat, Revisionismus, Romantik ODER zu wenig Marktfreiheit, zu spät einsetzende demokratische Reformen) noch drehte er die Vorzeichen einfach um (der Zusammenbruch ist gar keiner, es ist »nur« eine Transformation eines staatskapitalistischen Systems in ein privatkapitalistisches). Er zeigte, dass der Realsoz und die mit ihm – wie lose auch immer – assoziierte globale Arbeiterbewegung sich durchaus auf arbeitsontologische, positivistisch-rationalistische Prämissen des Marxschen Denkens selbst stützte. Das heißt nun nicht, dass Marx der Demiurg war, dem noch Stalin folgen musste, sondern umgekehrt: dass selbst in der bis dato avanciertesten theoretischen wie praktischen Kapitalismuskritik sich Elemente finden, die das Kritisierte fatalerweise affirmieren resp. rationalisieren. Eben: die Vergötzung der Arbeit, der Wahn, mit negativen Kategorien wie Wert, Geld, Profit etc.pp. positiv planen zu wollen. Kurz leistete die Selbstkritik des Marxismus aus marxistischer Perspektive, ohne den in der Tat verräterischen Rückgriff auf neobürgerliche Traditionsbestände (Gramsci, Habermas, Regulationstheorie etc.pp.).
Das haben damals doch auch andere gemacht?! Yep. Aber er tat es mit Chuzpe und schrieb dem Kapitalismus gleich noch den Nachruf – 1991, als andere das Ende der Geschichte hereingebrochen sahen! »Selbstkritik« und »Nachruf« waren bei Kurz identisch, ein Rundumschlag wie aus dem Nichts, und nur wer völlig verhockt in seiner ultraorthodoxen Kleinstgruppe ausharrte, konnte das nicht als erfrischend, befreiend und zutiefst befriedigend erleben.
»Der Kollaps der Modernisierung« ist eines dieser Bücher, die wichtig – wenn es nicht so abgeschmackt klingen würde: epochal – sind, nicht weil sie besonders »richtig« oder dramatisch »falsch« wären, sondern weil sie an einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung revolutionäre Energie verdichten und in einen großen Wurf bringen. Deshalb steht dieses Werk auf einer Stufe mit »Geschichte und Klassenbewußtsein« oder »Der eindimensionale Mensch«. Man sollte das nicht vergessen.

  1. Im Gedächtnis habe ich die Kritik von Huisken als eine speziell an Kurz abgespeichert. So kann man sich irren: Schwerpunkt seiner Kritik bildete das von Kurz mitverfasste »Manifest gegen die Arbeit«, Kollektivautor war die Gruppe Krisis. [zurück]

Fürchtet euch nicht!

In Jalisco kennt man keine Angst vor dem Tod

In Mexiko im See von Patzcuaro liegt die kleine Insel Jalisco.

Auf 2350 Meter Höhe bietet sich den Besuchern eine erstaunliche Landschaft: stilles Gewässer, zerklüftete Berge, ein Himmel, der so nah scheint, als könnte man ihn fast mit den Händen greifen. Die Tarasken, Nachkommen einer stolzen Indianerrasse, kämpften gegen die spanischen Eroberer. Sie wurden geschlagen und übernahmen die christliche Religion der Eindringlinge; aber die von ihnen verehrten Heiligen haben die Züge der alten Gottheiten Sonne, Wasser, Feuer und Mond behalten. Die Tarasken sind geschickt bei der Lederbearbeitung, beim Holzschnitt, bei Tonarbeiten und der Wollweberei – und auch als Fischer. Wenn sie ihre seltsam geformten, wie Riesenschmetterlinge aussehenden Netze einholen, sind sie immer prallgefüllt mit Fischen. Jedoch, wie arbeitsam auch immer, sind die Tarasken noch sehr primitiv. In der Tat betrachten sie das Leben als einen Übergangszustand, als einen kurzen Moment, den man durchmachen muss, um die Glückseligkeit des Todes zu erreichen. Der Tod ist kein unabwendbares Schicksal mehr; im Gegenteil wird er als ein Gut, als das einzige wirklich unschätzbare Gut betrachtet. Das ist der Grund, weshalb für die Einwohner Jaliscos der »Tag der Toten« kein trauriger Tag ist. Früh morgens beginnt eine Feier. Die Häuser werden geschmückt und die Bilder der Heiligen mit Spitzen und Papierblumen verziert. Die aufgestellten Porträts der Toten werden von zahllosen Kerzen beleuchtet. Die Frauen bereiten die Lieblingsspeisen der verstorbenen Verwandten zu, damit diese sich freuen, wenn die Lebenden sie besuchen.

Auf dem Friedhof hinter der Kirche werden die Gräber, die meistens keine Namen tragen, geschmückt. In Jalisco gibt es keine Grabinschriften! Aber das heißt nicht, dass die Toten vergessen werden. Der Weg, der vom Friedhof zum Dorf führt, ist mit Blütenblättern bedeckt, damit die Toten den Weg nach Hause leicht finden können.

Am »Tag der Toten« machen sich die Frauen Jaliscos schön. Sie kämmen ihre langen dunklen Zöpfe und legen sich Silberschmuck an. Die Tracht besteht aus einem langen, roten, schwarzumrandeten Rock mit breiten Falten. Die bestickte Bluse verschwindet unter dem »Reboso«, der Kopf und Schultern bedeckt und aus dem oft der kleine Kopf der Neugeborenen herausguckt. Um Mitternacht gehen die Frauen alle zusammen zum Friedhof und knien nieder, um für ihre lieben Toten zu beten. Sie zünden Kerzen an: die großen zum Gedenken an die Erwachsenen und die kleinen für die, die dieses »Tal der Tränen« schon früh verlassen haben. Dann geben sie sich einer Meditation hin, die nach und nach mit Worten begleitet wird. So fängt eine Litanei an, die nicht traurig klingt, sondern die Zusammengehörigkeit der Lebenden und der Toten ausdrückt.

Währenddessen versammeln sich die im Dorf zurückgebliebenen Männer in der Nähe der Kirche, wo ein schwarzer Altar aufgebaut wurde – er ist den Toten gewidmet, die niemanden mehr haben, der für sie beten kann. Im Morgengrauen kehren sie nach Hause zurück, während ihre Frauen, die die Nacht über auf dem Friedhof gewacht haben, halbversteckt in ihrem »Reboso« zur Messe gehen. So verläuft in Jalisco der »Tag der Toten«. Auf den Gesichtern der Dorfbewohner sieht man keine Trauer, sondern die freudige Erwartung auf den Besuch ihrer Liebsten.

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Wir haben diesen Artikel mit seinem Originaltitel aus einer italienischen Kinderzeitschrift wortwörtlich übernommen. Es ist eines der zahllosen aufgewärmten Machwerke der US-amerikanischen Kultur, die von einer Zeitung oder Zeitschrift zur nächsten aufgegriffen werden, wobei die Schreiberlinge auf nichts anderes achten als auf den größtmöglichen Effekt. Der x-te Abschreiber hat nicht mal den tiefen Sinn erkannt, den dieser Artikel – wie konformistisch die Form auch immer – verbirgt.

Demnach würden die edlen mexikanischen Völker, die sich unter dem erbarmungslosen Terror der spanischen Eroberer zum Katholizismus bekehrten, den Beweis erbringen, dass sie »primitiv« geblieben sind, weil sie vor dem Tod weder Angst noch Abscheu zeigen.

Diese Volksstämme waren im Gegenteil die Erben einer für die damaligen wie für die heutigen Christen unverständlichen Zivilisation, die auf den Urkommunismus zurückgeht. Der abgeschmackte moderne Individualismus kann nur in eine grobe Verwunderung verfallen, wenn sogar in diesem blassen Text zu lesen ist, dass Grabsteine keine Inschriften tragen und dass den Toten, um die keiner trauert, Speisen zubereitet werden. »Unbekannte Tote« sind sie nicht, weil eine hohle und phrasenhafte Demagogie es so sagt, sondern durch die machtvolle Einfachheit eines Lebens, das Leben der Gattung und Leben für die Gattung ist, ewig wie die Natur und nicht wie ein Schwarm von dummen, im »jenseits« herumschweifenden Seelen, und das sich für seine Entwicklung die Erfahrungen der Toten, der Lebenden und der Ungeborenen zunutze macht – in einer geschichtlichen Abfolge, deren Verlauf in allen Momenten des materiellen Zyklus nicht Trauer sondern Freude ist.

Sogar in ihrer Symbolik sind diese Gebräuche edler als die unsrigen: so z.B. die Frauen, die sich für die Toten schön machen und nicht für die Geldsäcke unter den Lebenden wie in der kapitalistischen Kloake, in der wir alle versunken sind.

Dass unter der Hülle der grauenhaften katholischen Heiligen noch die uralte Form der nicht unmenschlichen Gottheiten – wie die Sonne – lebt, erinnert an die bis zu uns gelangten Kenntnisse (wie entstellt auch immer) von der Inkazivilisation, die Marx bewunderte. Obwohl sie einer nach Menschenblut verlangenden Sonne die schönsten Exemplare der jungen Generation opferten, waren die Inkas nicht primitiv und grausam; vielmehr erkannten diese Gemeinschaften intuitiv den Lebensfluss in der Energie, die ein und dieselbe ist, wenn sie sich von der Sonne auf den Planeten ergießt und wenn sie, in den Adern des lebenden Menschen fließend, Einheit und Liebe in der geeinten Gattung wird; eine Gattung, die, solange sie nicht dem Aberglauben der persönlichen Seele mit ihrer frommen Bilanz von Soll und Haben – Überbau der monetären Käuflichkeit – verfällt, sich vor dem Tod nicht fürchtet und weiß, dass der Tod des einzelnen eine Freudenhymne und ein fruchtbarer Beitrag zum Leben der Menschheit sein kann.

Im naturwüchsigen Urkommunismus (selbst wenn die Menschheit auf die Horde begrenzt war) hatte der einzelne nicht zum Ziel, seinem Nächsten Güter zu entreißen; vielmehr war er bereit, sich ohne jegliche Angst für das Überleben der großen Phratrie zu opfern. Saudumm ist die Legende, die diese Form auf den Schrecken zurückführt, den ein blutrünstiger Gott einflößen würde.

In der Form des Tausches, des Geldes und der Klassen verschwindet der Sinn für das Fortleben der Gattung zugunsten des abartigen Sinnes für den Fortbestand des Spargroschens, dessen Ausdruck die Unsterblichkeit der Seele ist, die ihre Glückseligkeit außerhalb der Natur mit dem Gott »Wucher« vertraglich abschließt. Ausgerechnet in den Gesellschaften, die behaupten, die Barbarei durch die Zivilisation abgelöst zu haben, fürchtet man sich vor dem persönlichen Tod und macht einen Kniefall vor Mumien – sogar vor den Moskauer Mausoleen mit ihrer scheußlichen Geschichte.

Im Kommunismus – eine wissenschaftliche Gewissheit, obwohl noch nicht geschehen – wird die Identität des Individuums und seines Schicksals mit der Gattung zurückerobert, nachdem innerhalb der Menschheit alle Grenzen und Trennungen wie: Familie, Rasse und Nation beseitigt worden sind. Nach diesem Sieg endet jede Furcht vor dem persönlichen Tod; erst dann verschwindet jeglicher Kult des Lebendigen und des Toten, da sich die Gesellschaft zum ersten Mal auf der Basis des Wohlseins, der Freude und der Reduzierung des Schmerzes, des Leides und des Opfers auf ein rationales Minimum organisiert und der harmonischen Abfolge der Generationen – naturwüchsige Bedingung der Prosperität der Gattung – jeglichen mysteriösen und unheimlichen Charakter genommen hat.

Amadeo Bordiga, aus »Il Programma Comunista«, Nr. 23, 15.12.1961 [Übersetzung: Kollektiv H]

Über CLR James (Aus einem aufgegebenen Projekt, #17)

Aus einer in den 1940er Jahren in Detroit geführten Diskussion zwischen marxistischen Militanten …
»Together [C.L.R.] James and [Raya] Dunayevskaya hat come to one firm conclusion. This was that the American People were much too sophisticated to be led by a Vanguard Party as Lenin has wanted it to be, a party which would think on behalf of the working class, issue “lines” and slogans and rules on their behalf.
This was what distinguished [their] ›Correspondence Group‹ from the others peddling their ideological line to largely indifferent Detroit workers. With James’s deportation [from the US] Dunayevskaya, however, while having gone along with the theory in his presence, couldn’t see herself functioning without an organization even if it wasn’t called the Vanguard Party. She was of the opinion that if you were a revolutionary you had to do something; James’s increasingly rigorous point of view seemed to be in favour of doing nothing except observing what the people themselves did and describing its revolutionary potential.«
(Farukh Dhondy, »C.L.R. James. A Life«, London 2001, S. 131f.)

Vorbemerkung
Eine Bringschuld. Denn wir hatten bereits hier darauf hingewiesen, einen längeren Beitrag zu CLR James zu bringen, der in England und den USA eine Art Superstar des Marxismus ist (das ist nicht hagiographisch gemeint, der Kult um CLR ist real und dabei durchaus problematisch), der in Deutschland aber nahezu unbekannt ist.
Er ist sogar so unbekannt, dass sein einziges ins Deutsche übersetzte Buch »Die schwarzen Jakobiner. Toussaint L‘Ouverture und die San-Domingo-Revolution« zunächst in der DDR (Verlag Neues Leben, 1984) und dann im DKP-Verlag Pahl-Rugenstein erschienen ist. Als James’ »Die schwarzen Jakobiner« schrieb (1937/38) war er glühender Anhänger Trotzkis, das Buch orientiert sich in Stil und Herangehensweise offensichtlich an Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« und wurde sogar von Trotzki angeregt, der sich gewünscht hatte, dem erwachenden schwarzen Proletariat in den USA ein positives Geschichtsbuch mit auf dem Weg zu geben. Tja, wenn das die Zensoren in der DDR und ihre Weichbirnenableger in der DKP gewusst hätten! Aber offensichtlich hat niemand das Buch genauer gelesen, der »trotzkistische Impetus« (nicht zu verwechseln mit dem späteren abgeschmackten Trotzkismus) liegt jedenfalls auf der Hand …
Folgender Text mag einen etwas zu jubilierenden Ton haben. Dieser erklärt sich dadurch, dass der Text ursprünglich eine auf Anregung eines befreundeten freien Lektors verfasste Werbung für einen Verlag war, der vorläufiges Interesse zeigte, eine kommentierte CLR-James-Anthologie herauszubringen.
Das Projekt hat sich zerschlagen, vorläufig zumindest. Deshalb wird dieser Text in die Kategorie »Aus einem aufgegebenen Projekt eingeordnet.

CLR (Cyril Lionel Robert) James, 4. Januar 1901 – 19. Mai 1989
Das Faszinierende an dem Afro-Trinidadianer CLR James ist weniger die ungeheure Energie, die sich in einer über 50-jährigen Theorie-, Literatur- und Journalismus-Produktion niederschlägt und die sich von den 1920er Jahren bis in die 80er hinein zieht. Aus ihr gehen zahllose Aufsätze, Essays, Polemiken und Kurzgeschichten, ein Dutzend monographischer Werke und eine ganze Reihe von Kollektivschriften hervor. Die Resultate dieser Produktivität spiegeln sich in einer ungeheueren Themenvielfalt, die von Cricket, über die Geschichte der schwarzen Jakobiner und der pan-african Revolts, Polemiken gegen die Politik der Kommunistischen Internationale, die globale Einschätzung des Nachkriegskapitalismus und die neuen Perspektiven einer sozialistischen Revolution, die Analyse des modernen Fabriksystems, die publizistische Unterstützung von Black Power als authentischen Ausdrucks globalen proletarischen Widerstandes, die Kommentierung der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, bis zur Darstellung Moby Dicks als Symbol des ebenso unwiderstehlichen wie fatalen Aufstiegs des Kapitalismus im 19. Jahrhundert reicht. Allein die schiere Liste seiner Veröffentlichungen, die große Spannweite seiner Themen und die Souveränität, mit der er sie offenbar bewältigt (egal, auf welchem Gebiet er sich bewegt, er wird – ob als Hegel-Kommentator oder Cricket-Fan): Das ist schon sehr beeindruckend! Genie, Renaissance Man, Olympionik, das sind die Schlagwörter, die fallen.
Aber wie gesagt, das macht noch nicht das Faszinierende aus. James ist kein Wissensanhäufer, kein Tausendsassa, der auf vielen Hochzeiten tanzt, kein intellektueller Hochleistungssportler. Die Stärke seines Denkens liegt darin, dass die Werkkomplexe nicht voneinander zu trennen sind. Es sind immer wieder bestimmte Themen, die sich über die Jahre durchziehen, die in unterschiedlicher Gestalt in den an sich sehr verschiedenen Texten auftauchen: Die Kritik an der Politik der Kommunistischen Internationale unter Stalin (ihre Degradierung zu einer Agentur großrussischer Außenpolitik) ist vor dem Hintergrund seiner strikt internationalistischen Haltung zu verstehen. – Diese internationalistische Haltung führt zu seiner Neubegründung des Universalismus, der sich nicht mehr von den Metropolen her definiert, sondern von den Revolten der Ausgegrenzten und Ausgebeuteten. – Zu den Ausgegrenzten und Ausgebeuteten zählt er aber nicht nur die schwarzen Jakobiner, sondern natürlich auch die Arbeiter der USA oder Englands.
James denkt populäre Kultur (Cricket!), Arbeiterwiderstand und afrikanisch-karibische Emanzipation, Kritik des Stalinismus und des Befreiungsnationalismus, Universalismus und Widerstand »von unten«, der immer aus Not und Begrenztheit heraus sich entwickelt/entwickeln muss, zusammen. Sein Buch über Cricket, »Beyond a Boundary« ist ein Buch über Cricket und gleichzeitig eine literarisch-soziologische Untersuchung über die Durchsetzung kolonialer Kulturpraktiken und ihre subversiv-entwendende Aneignung durch die Kolonisierten. Sein Hegel-Kommentar »Notes on Dialectics« ist, darin ganz dem Impetus des Cricket-Buches gleichend, eine listige Subversion des schwäbisch-preußischen Denkers, immer auf der Suche, die Dialektik radikal als Kraft der Negativität zu verstehen.
Man kann diese Kette der Assoziationen und Verbindungen beinahe endlos fortsetzen!
Diese Spiegelungen, dieses Auftauchen von altbekannten Themen an ganz unerwarteten Text(stell)en, sorgen dafür, dass der Gegenstand »CLR James« nicht nur ein äußerst reichhaltiger, sondern auch ein sehr komplexer ist. Sein Werk ist die Einheit von Bruch und Kontinuität.
Das wäre auch das zentrale Thema einer Anthologie: Nicht ein Füllhorn dem Leser präsentieren, sondern das spezifische James’sche Anliegen vermitteln: Die Begründung eines Universalismus von unten, von den Rändern her; eines Universalismus, der zu gleichen Teilen die Erfahrungen jener pan-african revolts, des dissidenten Marxismus, der Bourgeoisie in der Epoche Herman Melvilles in sich aufgenommen hat; der über Nkrumah so spricht wie über streikende Werftarbeiter im realsozialistischen Polen!
Diese multipolare Denkweise, die nicht in Eklektizismus und Beliebigkeit zerfällt, ist es denn auch, was James für die Diskussionen der Jetztzeit relevant macht. Gab es zu James’ Zeiten schon den Vorwurf des »Eurozentrismus«? James hätte ihn wohl kaum akzeptiert. Er hat sich stets als emphatischer Leser Shakespeares und Melvilles bezeichnet und als Schüler der europäischen Aufklärung (als er 1932 nach England geht, sagt er: »Ein Bürger kehrt heim.«). Seine Parteinahme für die europäische Aufklärung hat er niemals von seiner Unterstützung der schwarzen Befreiungsbewegung losgelöst betrachtet. Er ist ein schwarzer Universalist, jemand der versucht, die Unterschiedlichkeit der sozialen Kämpfe in einer gemeinsamen Perspektive zu denken. Eine Perspektive, deren Einheit nicht mehr durch die Existenz einer Avantgarde-Partei konstituiert wird.
Sicherlich hat James zu verschiedenen Zeitpunkten Führungspersonen anerkannt: Trotzki, Eric Williams, Castro, Nkrumah. Gerade letzterem hat er Huldigungsadressen entgegengebracht, die irritieren (Nkrumah als neuer Lenin etc.pp.). Er ist darin stets enttäuscht worden, und er hat natürlich versucht, diese Illusionen zu verarbeiten.
Die Relevanz von James für die heutige Debatte um globale Emanzipation ist eine doppelte: 1. Er unterläuft die Dichotomie der Debatte um »Post Colonial« auf der einen Seite und den, nun ja, »neuen« Universalisten auf der anderen Seite (jenen Leute, die den Vorwurf des Orientalismus umdrehen und einen Okzidentalismus daraus machen), indem er den kommunistischen Internationalismus aus der Mottenkiste des ML geholt und ihn gründlich entstaubt hat. 2. James selber ist ein historisches Artefakt – ein Mann der Illusionen, Fehler und Enttäuschungen. Er hat keine unumstößlichen Wahrheiten verkündet, wollte das auch nie. Er hat sein Denken immer als eingreifendes, die Kämpfe begleitendes verstanden, auch aus seinen Fehlern lässt sich einiges lernen. , Sein provokantes, rasantes, niemals »nur« theoretisches, sondern immer auch artistisches Denken und Schreiben ist selbst dann anregend, wenn er sich verrannt hat: Die Illusionen, die sich James gemacht hat, waren ja Illusionen ganzer Befreiungsbewegungen. Sich heute darüber zu verständigen, ist für die Neubegründung von Emanzipation von einiger Dringlichkeit.
Natürlich war James auch als Praktiker immer mittendrin: Ein gefragter Cricket-Journalist, ein politischer Aktivist, der etliche Jahre illegal in den USA als Graswurzel-Aktivist der linksradikalen Johnson-Forrest-Tendency unter schwarzen Automobilarbeitern zubrachte, ein Professor, der in den 60er Jahren auf Trinidad und Tobago für die Einführung der Rätedemokratie stritt (noch so eine Illusion) , ein Gesandter Trotzkis, eine Romanfigur Naipauls.

Hinweise
* Textsammlung
Etwas unstrukturiert und ein bisschen selektiv, aber insgesamt ein sehr vorzeigbares Archiv. Ein paar Empfehlungen: »Why Negroes should oppose the war« (Broschüre, 1939); »The Invading Socialist Society« (Grundlagentext der Johnson-Forest Tendency, zusammen mit Grace Lee Boggs und Raya Dunayavskaya, 1947); »The Revolutionary Answer to the Negro Problem in US« (Essay, 1948); »State Capitalism and World Revolution« (zweiter Grundlagentext der JF-Tendency, zusammen mit Raya Dunayavskaya, 1950); »Marxism and the Intellectuals« (Broschüre, 1962); »Black Power« (Rede in London, 1967). Weitere Verweise u.a. zu seiner einst wichtigsten Mitstreiterin (und späteren Kontrahentin) Raya Dunayevskaya.

* CLR James Institut
Klingt hochtrabender als es ist, bietet aber eine interessante Textsammlung. Zur Einführung geeignet: »C.L.R. James and The Struggle for Happiness« by Anna Grimshaw and Keith Hart.

* Wikipedia
Es ist zwar ziemlich wurstig, einen Wikipedia-Eintrag extra zu erwähnen, weil eh jeder sofort bei WIkipedia nachschaut (und dann häufig enttäuscht wird), aber in diesem Fall ist der Eintrag mit seinen vielen Verweisen ein wirklich guter Einstieg.

* Biographien. Der oben bereits zitierte Farrukh Dhondy hat eine flott zu lesende mit dem nötigen human touch geschrieben; Paul Buhles »C.L.R. James. The Artist as Revolutionary« ist gewohnt kompetent (Buhle ist der Chronist der amerikanischen Neuen Linken, als Redakteur von Radical America war er Ende der 1960er/ Anfang der 70er Jahre maßgeblich an der Neuentdeckung James’ beteiligt); Frank Rosengartens »Urbane revolutionary: C. L. R. James and the struggle for a new society« ist die aktuellste (2008), er wertet sehr viel Archiv- und Nachlassmaterial aus.CLR James

Wie schafft man es, 90 Minuten nichts über Rudi Dutschke zu erzählen?

Blöde Frage, einfache Frage: Indem man ein Biopic über Dutschke fürs ZDF dreht.
Gestern lief also die groß angekündigte Revue – und wir haben sie uns angeguckt (dass Bayern weiterkommt, war eh klar). Gut, er war ein Charismatiker und supernett und auch noch emanzipiert (freiwilliges Windelwechseln!), Gaston Salvatore war ein Charmeur und Bernd Rabehl schon immer irgendwie verkniffen. Ok, sonst noch was? Ah ja, Dutschke ist ein bisschen nervös – wir schreiben da schon die frühen 1970er, der Gehetzte besucht alte Freunde in Berlin –, weil Rabehl eine Doktorarbeit mit dem gleichen Thema wie Rudi schreibt. Man erfährt das Thema freilich nicht, noch nicht mal ein Schlagwort.
Schön, wirklich schön, ist das ewige Gegockel der alten Säcke Rabehl und Salvatore, die von heute aus ihre Freundschaft mit Rudi und die damaligen Umstände kommentieren dürfen. Ich war näher an Rudi dran, nein ich war es. Rabehls abfällige Äußerungen über Rudis Frau Gretchen, dieser Neidhammel, entlarven sich so ganz von selbst – auf dieser Ebene der Zwischentöne ist der Film gelungen.
Gaston Salvatore – gegen den Harald Wieser einst eine herrlich hämische Polemik schrieb: »In seiner 1971 abgelieferten Gedichtsammlung „Natascha Ungeheuer“, einem Attentat auf die Lyrik, unternahm Salvatore (…) gleich „Sieben Rückkehrversuche“ in „Die schwierige Bourgeoisie“. Der achte ist ihm geglückt.« – gibt den Filmemachern den dringenden Ratschlag, den Film mit dem Attentat und den Bildern der Ausschreitungen enden zu lassen. Was kam schon noch in den 1970ern?
Sehr viel – wenn man sich denn fürs Inhaltliche interessiert hätte. Dutschkes Werk ist in diesem Jahrzehnt entstanden: Die Ausformulierung seines Antibolschewismus, der Versuch der Begründung einer Ethik des Revolutionärs, vor allem seine umfassende Leninismus-Kritik: »Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus.«, so hieß seine Doktorarbeit – die von Rabehl übrigens »Marx und Lenin«. Rabehl ist der gründliche, verbissene Philologe: Lenin war kein Marxist, Überraschung! Der große Revolutionär war auch ein mehr oder weniger systematischer Marx-Missdeuter.
Dutschke wagte dagegen den Sprung aus der Ideengeschichte, aus der Philologie in die Sozialgeschichte und stellt Lenin als Westler in einem nicht-westlichen Umfeld dar – als einen Marxisten deutscher Prägung, der als Erziehungsdiktaturler endet/ enden muss. Die Arbeit ist unter fast allen Gesichtspunkten granatenmäßig falsch, vor allem ist Dutschkes Kenntnis der russischen Geschichte (die er vor allem aus Marxens verzerrendem antirussischem Blickwinkel analysiert) haarsträubend. Und dennoch ist das ein ungemein anregendes, vielschichtiges, lebendiges Werk. Zu viel, zu groß, zu kommunistisch für einen Film, dem man allenfalls entnehmen kann, dass Rudi »von drüben« kam und irgendwie ein Problem mit Missständen aller Art hatte.
Oh nein, man muss nicht jedes Mal, wenn Rabehls Visage irgendwo auftaucht »Nazi, Nazi« krakeelen (er ist übrigens kein Nazi; er ist Nationalist, das reicht eigentlich schon, aber er ist ein perfider noch dazu, weil er konsequent den Marxismus und die Subversionsgeschichte von 1968 – von beidem hat er auch noch erschreckend viel Ahnung! – für den nationalen Aufbruch instrumentalisieren will). Aber man hätte doch Dutschkes Patriotismus sehr wohl erwähnen können. Und dann hätte man auch Rabehls Dutschke-Verzerrungen herausarbeiten können: Denn während bei Dutschke die Sehnsucht nach einem sozialistisch vereinigten Deutschland klar dem großen Ziel – der Weltrevolution – untergeordnet ist, eine Etappe derselben darstellt, stellt Rabehl unter Aufbietung seiner Restintelligenz den Gedanken der nationalen Befreiung in den Mittelpunkt von Dutschke Werk und Leben.
Dutschkes Texte sind selten durchdacht, wer krudes Zeug finden will, muss nicht lange suchen, aber Wind der Geschichte geht durch sie hindurch, es sind ungeheuer lebendige Werke – auch da, wo sie in geschraubten Denkfiguren verenden. Man spürt nämlich, dass er da was in den Griff bekommen wollte. Die Hampelmänner, die in Dutschkes Engagements für die Ostdissidenten nur den Übergang zum Antikommunismus entdeckten und dementsprechend pöbelten und die, anstatt etwas über den Realsoz mal herauszubekommen, sich freiwillig doof und unwissend stellten (und von denen einige – wie der abgeschmackte Superlafontainist Christoph Butterwegge aus Köln – eine Karriere hingelegt haben, wie sie Dutschke nie angestrebt hatte) – die hatten alles im Griff. So kann man das sagen.
Darüber – nichts im Film. Klar, wäre ja dann auch ein anderer – längerer – geworden, der niemals nie nicht im ZDF hätte laufen können.
Die Verniedlichung des Revolutionärs ist konterrevolutionär. Und so oblag es dem Achse-des-Guten-Autor Ingo Langner, mitten im Weichzeichner-Mainstream das Wort zu ergreifen und ein paar einfache, ganz offenliegende Wahrheiten über Dutschke auszusprechen (dem Vernehmen nach hat Langner sich mittlerweile den Schaum vor Mund abwischen können):
»Die repräsentative Demokratie und den Parlamentarismus lehnte er ab. Im vom DDR-Sozialismus und den Truppen der sowjetischen Roten Armee umzingelten Westberlin wollte Dutschke eine Räterepublik nach dem Vorbild der Pariser Kommune errichten. (…) Die reale Arbeitszeit veranschlagte Dutschke in diesem Paradies auf Erden keck auf nur fünf Stunden täglich. Dutschke bejahte die Militärgewalt der kommunistischen vietnamesischen Truppen. Den Vietnamkrieg betrachtete er als revolutionären Auftakt auch für Europa.« »Deshalb hier dies zur Erinnerung: Dutschkes Ziel war die Weltrevolution.«
Wo er recht hat, hat er recht.