Ofenschlot http://ofenschlot.blogsport.de ... geschichtliche Abläufe so rekonstruieren, daß sie nie als irreversibel erscheinen, sondern als Ensemble von Flucht- und Wendepunkten, von Möglichkeiten des Umkehrens und Unterbrechens, des Neubeginnens und Ausführens alter halb geäußerter Wünsche vergangener Generationen ... Mon, 03 Jun 2013 21:14:26 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en No Border! No Border? http://ofenschlot.blogsport.de/2013/06/03/no-border-no-border/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/06/03/no-border-no-border/#comments Mon, 03 Jun 2013 21:14:26 +0000 ofenschlot Allgemein Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2013/06/03/no-border-no-border/ Ja, klar, über die Parole besteht Einigkeit – aber wie steht es mit der Begründung: Warum denn eigentlich »Grenzen auf!«, und dann auch noch: »für alle«? Schon die Frage nach der Begründung rührt an ein Tabu, denn was sich legitimieren muss, gilt bereits als angezweifelt, schon als halb entwertet.
Andererseits: Dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten. Weß jedes Kind, weiß aber keine Linke, kein Linker mehr, wir sind ja alle unter die Sprachmystiker gegangen und fürchten uns vor einzelnen Worten mehr als vor realer Gewalt (selbst wenn die Worte FÜR reale Gewalt STEHEN, sie SIND es NICHT).
Es gibt eine gescheite Antwort auf die Frage nach dem »Warum« der »No Border«-Forderung. Gescheit, weil sie ganz unsentimental daherkommt. Die Antwort enthält auch schon den halben, na, Kommunismus-Beweis. Wolfgang Pohrt hat sie formuliert, 1993, unmittelbar nach diesem fürchterlichen Asyl-Kompromiss, »Abschied ohne Tränen« heißt der Text, und er steht in dem Band »Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand« (Edition Tiamat, Berlin 1993, S19f.).
Pohrt? Der alte Misanthrop? Nie um eine Zote verlegen? Genau, der. Entweder so einer sagt es – oder eben keiner.

Die Leute sehen, wie die Chancen schwinden, daß man selber zu den happy few gehört. Sie ahnen, daß es nicht mehr darum geht, wer verelenden müsse, sondern daß die Alternative alle oder keiner heißt. Sie spüren, daß ihre eigene Sicherheit auf den Prinzipien beruht, deren Aufhebung sie fordern. Deshalb erwarten sie keine Nachgiebigkeit. Zur Entscheidung steht, ob die Verhältnisse den Menschen angepaßt werden müssen, oder ob den bestehenden Verhältnisse die Menschen anzupassen sind, was ihre Verelendung, Vertreibung, Ausweisung bedeutet. Existierte eine Line, müßte ihre Forderung heißen: Offene Grenzen.
Das würde auf keinen Fall gemütlich. Die Ankommenden werden keine übertrieben netten Menschen sein. Sie bringen nicht Kultur mir, sondern Haß und Hunger. Sie werden diese Gesellschaft vor die Alternative stellen, ob sie sich ändern oder zusammenbrechen will. Aber vor dieser Alternative steht sie sowieso. Nur daß nichts bleibt, wie es ist, ist sicher. Vor der Zukunft haben alle Angst1. Sie wird durch Abschiebungen verstärkt, durch das Elend hinter dem Zaun, nicht durch offene Grenzen. Sie wird gemildert durch die Sicherheit: Was auch kommen mag – niemand wird rausgeschmissen, keiner muß im Elend verrecken, wer er auch sei. Nicht die Anwesenheit der rumänischen Zigeuner, sondern ihre Behandlung macht den Einheimischen Angst, weil sie jeden lehrt, wie es ihm selber ergehen könnte, wenn er nur noch ein bißchen tiefer rutscht. Die Leute würden einem dankbar sein, wenn man sie mit aller Macht zu einer anständigen Behandlung der Zigeuner zwänge. Das gäbe ihnen die Sicherheit, die sie derzeit am meisten entbehren.
Was angesichts der Stimmungslage der Mehrheiten und der Machtverhältnisse wie Utopie klingen mag, ist in Wahrheit Realismus. Umgekehrt ist es die reine Träumerei, was Realpolitiker für kluge Berechnung halten. Sie ignorieren die Bedeutung der Moral. Der amoralische Asylkompromiß beispielsweise hat vermutlich nicht nur Engholm das Genick gebrochen, sondern der ganzen SPD:
Wäre sie bei ihrer alten Linie geblieben – die Leute hätten sie verflucht und respektiert. Am Ende hätte sie vielleicht sogar die Partei gewählt, die in unsicheren Zeiten ein Minimum an Sicherheit bietet. Ein Minimum an Sicherheit bietet einer, wenn Verlaß darauf ist, daß er bestimmte Dinge unter keinen Bedingungen machen wird. Seit dem Asylkompromiß ist allen, die ihn wollten, klar, was sie selber – etwa Sozialhilfeempfänger oder Arbeitslose – von der SPD zu erwarten haben, wenn dies die Lage erfordert. Seither ist diese Partei – und mit ihr die ganze Linke – dort, wo sie 1933 war, als die Nazis alle Funktionäre abräumen konnten ohne jeden Protest aus der Bevölkerung.

  1. An anderer Stelle in »Harte Zeiten« (S.187) schreibt Pohrt:

    Wenn man nun aber alles rausschmeißen will, was die Deutschen nicht leiden können – die Asylbetrüger, die Sozialbetrüger, die Steuerbetrüger, die Absahner, die Ossis, die Wessis, die Gatten, die Gattinnen, die Politiker, die Politikerinnen – dann kommt dabei nur heraus, daß Deutschland sich in eine Abschiebehaftanstalt mit 80 Millionen Insassen verwandelt.
    Das, glaube ich, wurde mit dem sogenannten Asylkompromiß erreicht. Nicht alle stehen ganz oben auf der Prioritätenliste, aber irgendwo steht jeder.

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Gesang vom sardischen Popanz http://ofenschlot.blogsport.de/2013/05/08/gesang-vom-sardischen-popanz/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/05/08/gesang-vom-sardischen-popanz/#comments Tue, 07 May 2013 22:03:34 +0000 ofenschlot Allgemein An den Rand gekritzelt http://ofenschlot.blogsport.de/2013/05/08/gesang-vom-sardischen-popanz/ Es geht um Gemeinplätze, das muss man vorab sagen, um Allgemeinplätze, die natürlich total kritisierenswert sind, rundum abzulehnen, nachgerade Ausdruck ultimativer Verdammnis. Domenico Losurdo fühlt ganz tief mit Gramsci:

Die entschiedene Parteinahme für die Sowjetunion wird bei Gramsci jedoch nie zu vulgärer Apologetik oder Selbsttäuschung. Wir haben es vielmehr mit einer im tiefsten Wortsinn kritischen Haltung zu tun, die nicht Ausdruck von Kälte und Distanz, sondern besorgter Anteilnahme für die Entwicklungen nach der Oktoberrevolution ist. Hier ein erhellendes Beispiel für Gramscis Herangehen.

Vulgäre Apologetik, tiefster Wortsinn, kritische Haltung, nicht Ausdruck von Kälte und Distanz, besorgte Anteilnahme… In 80 Phrasen um die Welt, und die hier stammen aus bloß einem Absatz!
Losurdo, der große Deutschland- und Stalin-Versteher unter den ECHTEN Kommunisten (und übrigens ein sehr präziser, sehr viel ergiebiges Material zusammentragender Philosophiehistoriker, darf man auch nicht übersehen), bespielt in der Jungen Welt die Themenseite mit einem Stück über »Antonio Gramsci und die Sowjetunion«. Hier also das erhellende Beispiel für Gramscis Herangehen.

Mit anderen Worten, Gramscis Kritik endet nie in dem »puren Defätismus«, den er in den »Gefängnisheften« Boris Souvarine vorwirft. Dieser, früher ein führender Repräsentant der Französischen Kommunistischen Partei und der Dritten Internationale, dann ein immer schärferer Kritiker des Bolschewismus und der Sowjetunion, beginnt seit 1930 seine Vorwürfe in La Critique sociale zu veröffentlichen. Gramsci verfolgt diese Zeitschrift aufmerksam – und verurteilt ihre Unfähigkeit, die tragischen Schwierigkeiten beim Aufbau einer neuen sozialen Ordnung zu begreifen. Wie (der französische Historiker, d. Red.) François Furet befriedigt feststellt, gehört Souvarine »zu der Kategorie von Intellektuellen, die eine sarkastische Freude daran empfinden, gegen eine möglichst große Zahl von Leuten recht zu behalten«. Genau diese Besserwisserei wird in den »Gefängnisheften« ins Visier genommen: »Durchweg Gemeinplätze, geäußert mit der Überheblichkeit dessen, der von sich sehr überzeugt ist. (…) Ja, es geht darum, an der Schaffung einer Elite zu arbeiten, doch diese Arbeit kann nicht abgekoppelt werden von der Arbeit der Erziehung der großen Massen; im Gegenteil, diese beiden Aktivitäten sind in Wirklichkeit eine einzige, und eben dies macht das Problem so schwierig (…); es geht schließlich darum, zugleich eine Reformation und eine Renaissance zu haben«. Folglich: »Offenkundig läßt sich der Molekularprozeß der Durchsetzung einer sich entwickelnden neuen Zivilisation nicht verstehen, ohne den historischen Zusammenhang von Reformation und Renaissance verstanden zu haben.«

Wir erfahren mit keiner Silbe, was Souvarine tatsächlich gesagt hatte. Aber es muss sich um Gemeinplätze handeln – die dann aber allesamt Gramsci nachliefert: Schaffung einer Elite, die aber nicht abgekoppelt sein darf von der Erziehung der großen Massen blablabla … im Gegenteil … in Wirklichkeit. Preisfrage: Worin besteht der kommunistische Gehalt in der Schaffung einer Elite (die sich grundsätzlich von einer Avantgarde unterscheidet, entweder weiß Gramsci nicht um den Unterschied, schlimm genug, oder er meint es ernst mit der Elite)? Was daran müsste einen Konservativen wie Furet eigentlich abstoßen? Machen Sie mal einen Blindfold-Test! Auf wenn tippt Ihr gegenüber? Gramsci ist der Richard David Precht der Linken.
Vielmehr: Er wurde dazu gemacht, Losurdo oder auf der anderen Seite des Ufers WF Haug stricken bis heute an der Legende, dass mit Gramsci der Marxismus so richtig schön tiefergelegt wurde (werden musste! wieso eigentlich?), so richtig gründlich verankert im Kulturleben der Massen. Die Tragik besteht darin, einem sehr skrupulösen, ernsthaft bemühten, einst als Parteiführer dann doch irgendwie integrativ zu wirken versuchenden (nachdem er nolens volens den Ausverkauf der italienischen Kommunisten an »Moskau« betrieben hatte), im Knast buchstäblich um sein Leben schreibenden Isolierten zu einem philosophischen Superstar aufzublasen. Es ist aber nur ein Popanz. Don’t blame it on him.

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#1 http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/17/1/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/17/1/#comments Wed, 17 Apr 2013 21:05:45 +0000 ofenschlot Klopfzeichen http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/17/1/ Die Maschinenarbeit hat die Geduldsfähigkeit der Arbeiter enorm entwickelt. Wer zehn Stunden am laufenden Band stehen kann, der kann auch sehr lange auf eine Konjunktur warten. (Paul Mattick)

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Eine orthodoxe Verteidigung der Revolution http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/17/eine-orthodoxe-verteidigung-der-revolution/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/17/eine-orthodoxe-verteidigung-der-revolution/#comments Wed, 17 Apr 2013 20:57:04 +0000 ofenschlot Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/17/eine-orthodoxe-verteidigung-der-revolution/

… nehmen wir also an, jemand wünsche sich eine Welt ganz spezieller Art, etwa eine blaue. Über Leichtigkeit oder Schnelligkeit seiner Arbeit hätte er nicht zu klagen; vermutlich brauchte er lange Zeit für die Umgestaltung. Er könnte wie wild arbeiten, bis alles blau ist. Er könnte heroische Abenteuer bestehen: wenn er einem Tiger die letzten Pinselstriche verpaßt. Er könnte Märchenträume durchleben: wenn er einen blond Mond aufgehen sieht. Doch dank seiner Arbeit hinterläßt dieser hochgesinnte Reformer die Welt tatsächlich (aus seiner Sicht) besser und blauer, als er sie vorgefunden hat. Selbst wenn er täglich nur einen einzigen Grashalm in seiner Lieblingsfarbe anmalte, er käme doch allmählich voran. Malte er indessen täglich mit einer neuen Lieblingsfarbe, dann käme er überhaupt nicht voran. Malte er nach Lektüre eines neuen Philosophen nun alles rot oder gelb, dann wäre seine bisherige Arbeit vergeblich; es bliebe nichts davon als ein paar umherstreunende blaue Tiger, Musterstücke seines schlechten Frühstils. Genau dies ist der Standpunkt des normalen modernen Denkers. Man wird einwenden, das Beispiel sei, wie ich selbst eingeräumt habe, völlig absurd. Dennoch erzählt es buchstäblich ein Stück neuerer Geschichte. Alle großen und tiefgreifenden Veränderungen unseres politischen Lebens stammen aus dem frühen – und nicht aus dem späten – 19. Jahrhundert. Sie stammen aus der Schwarz-Weiß-Epoche, als fast alle Menschen steif und fest an Toryismus, Protestantismus, Calvinismus, Reform und nicht selten Revolution glaubten. Wer etwas glaubte, arbeitete unermüdlich daran, ohne jeden Anflug von Skeptizismus; und so gab es eine Zeit, in der die Staatskirche hätte gestürzt werden können und das Oberhaus um ein Harr gestürzt worden wäre. Einfach deshalb, weil die Radikalen so klug waren, beharrlich und konsequent zu sein; weil sie so klug waren, konservativ zu sein. Aber unter den heutigen Verhältnissen fehlt es den Radikalen an Zeit und Tradition, um irgend etwas zum Einsturz zu bringen. Es steckt viel Wahrheit in dem Gedanken, den Lord Hugh Cecil in einer schönen Rede vortrug: daß nämlich die Zeit des Wandels vorüber ist und wir in einer Zeit des Bewahrens und des Stillstands leben. Aber vermutliche wäre Lord Hugh Cecil zutiefst betrübt, wenn er sähe (was er sicherlich tut), daß unsere Zeit nur deshalb eine Epoche des Bewahrens ist, weil sie eine Epoche des totalen Unglaubens ist. Wer will, daß Institutionen unverändert bleiben, braucht nur dafür zu sorgen, daß feste Überzeugungen rasch und in großer Zahl verschwinden. Je mehr das Leben des Geistes aus den Fugen gerät, um so mehr bleibt der Mechanismus der Materie sich selbst überlassen. Das Endergebnis all unserer politischen Projekte – Kollektivismus, Tolstoianismus, Neofeudalismus, Kommunismus, Anarchie oder gar »Wissenschaftliche Bürokratie« –, ihr einziges unmittelbares Resultat, besteht darin, daß Monarchie und Oberhaus erhalten bleiben. Das Endergebnis aller neuen Religionen wird sein, daß die anglikanische Kirche (weiß der Himmel, für wie lange) ihre zentrale Stellung nicht verliert. Karl Marx, Nietzsche, Tolstoi, Cunninghame Graham, Bernard Shaw und Auberon Herbert – sie alle trugen auf ihren riesigen gebeugten Rücken den Thron des Erzbischofs von Canterbury.

Generell läßt sich sagen: Freies Denken ist der beste Schutz vor Freiheit. Die Emanzipation des Sklaven verhindert man am ehesten, wenn man sich in moderner Manier der Emanzipation seines Denkens widmet1. Man lehre ihn, sich zu fragen, ob er frei sein will oder nicht, und er wird sich nicht befreien. Auch hier könnte man einwenden, das Beispiel sei weit hergeholt oder zu drastisch. Es gilt jedoch genauso für den normalen Mann auf der Straße. Gewiß, der Negersklave wird – als ein seiner Würde beraubter Barbar – entweder eine ganz menschliche Liebe zur Treuepflicht oder eine ganz menschliche Liebe zur Freiheit empfinden. Aber der Mann, den wir täglich sehen – der Arbeiter in Mr. Gradgrinds [Figur aus Charles Dickens’ Roman Hard Times. For These Times.] Fabrikhalle, der kleine Angestellte in Mr. Gradgrinds Büro –, macht sich so viele Gedanken, daß er gar nicht an die Freiheit glauben kann. Mit revolutionären Büchern wird er stillgestellt. Mit einem endlosen Reigen wirrer Philosophien wird er beschwichtigt und auf seinem Platz gehalten. Den einen Tag ist er Marxist, den nächsten Nietzscheaner, wieder den nächsten vermutlich ein Übermensch; und jeden Tag ein Knecht. Das einzige, was nach all den Philosophien bleibt, ist die Fabrik. Der einzige, der von all den Philosophien profitiert, ist Gradgrind. Es wäre lohnend für ihn, seine Industriesklaven ständig mit skeptizistischer Literatur zu versorgen. Und dabei fällt mir prompt ein, daß Gradgrind sich als Stifter von Bibliotheken einen Namen gemacht hat.2 Damit beweist er Verstand. Alle modernen Bücher sind auf seiner Seite. Solange die Vision vom Himmel ständig wechselt, bleibt die Vision von der Erde unverändert. Kein Ideal hat heute lange genug Bestand, um verwirklich zu werden, nicht einmal in Ansätzen. Niemals wird der junge Mann von heute etwas an seiner Umwelt ändern; immer wird er bloß sein Denken ändern.

Aus: Gilbert Keith Chesterton, »Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen«, aus dem Englischen neu übersetzt von Monika Noll und Ulrich Enderwitz, Frankfurt am Main : Eichborn, 2000. S.204ff. (Erstveröffentlichung 1908)

  1. Fast zu jedem Satz fiele einem ein aktueller Verweis resp. eine Korrespondenzstelle aus dem Kanon des revolutionären Marxismus ein. Allerdings: Man kommt ja selber drauf! Zwei Verweise konnten wir uns nicht verkneifen (der andere steht in der zweiten Fußnote):

    Wir haben schon weiter oben den Unterschied aufgezeigt zwischen der falschen These, wonach sich in jeder Epoche die gegensätzlichen Interessen der Klassen in gegensätzlichen Theorien der Klassenmitglieder spiegeln, und der richtigen These, wonach in jeder Epoche die beherrschte Klasse dazu neigt, sich zum den Interessen der herrschenden Klasse entsprechenden theoretischen System zu bekennen. Sklave im Fleische, Sklave im Geiste. Der alte bürgerliche Schwindel besteht eben darin, mit der Befreiung des Geistes beginnen zu wollen, was zu nichts führt und die Nutznießer der sozialen Privilegien nichts kostet; was zuerst befreit werden muss, sind die Leiber.
    So ist es auch bezüglich des Bewusstseins falsch, die deterministische Reihenfolge wie folgt zu setzen: machtvolle ökonomische Ursachen – Klassenbewusstsein – Klassenkampf. Die Reihenfolge ist hingegen: bestimmende ökonomische Ursachen – Klassenkampf – Klassenbewusstsein. Das Bewusstsein kommt zum Schluss und im Allgemein erst nach dem schließlichen Sieg. Das ökonomische Bedürfnis bündelt den Druck und die Kraftanspannung all derjenigen, die durch die von einer bestimmten Produktionsweise kristallisierten Formen unterdrückt und erstickt werden; sie reagieren, schlagen um sich und wagen den Sturm auf die Festungen des Systems; im Laufe dieser Zusammenstöße und Kämpfe verstehen sie immer besser deren allgemeine Bedingungen, die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Kampfes, und das Programm der kämpfenden Klasse schält sich deutlich heraus.

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  2. »mit eisler bei horkheimer zum lunch. danach schlägt eisler für den ›Tuiroman‹ [ = Intellektuellenroman, Ofenschlot] als handlung vor: die geschichte des frankfurter soziologischen instituts. ein reicher alter mann (der weizenspekulant weil) stirbt, beunruhigt über das elend auf der welt. er stiftet in seinem testament eine große summe für die errichtung eines instituts, das die quelle des elends erforschen soll. das ist natürlich er selber.« (Brecht, »Arbeitsjournal«, 12.5 1942) [zurück]
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Known Unknowns http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/02/known-unknowns/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/02/known-unknowns/#comments Tue, 02 Apr 2013 18:51:05 +0000 ofenschlot An den Rand gekritzelt http://ofenschlot.blogsport.de/2013/04/02/known-unknowns/ Für Donald Rumsfeld!

When one evening the linguistic philosopher Noam Chomsky remarked at dinner in Trinity College that the foundations of his theory of language were »fundamentally unknowable aspects of the mind,« Sraffa commented sharply: »Then how can you talk about it?«

(Aus: John Eatwell, „Piero Sraffa: Seminal Economic Theorist 1898-1983″, Science & Society, Vol. 48, No. 2 (Summer, 1984), pp. 211-216)

Nachtrag:

In his early work (particularly in the Tractatus Logico-Philosophicus), Wittgenstein used an approach that is sometimes called „the picture theory of meaning,“ which sees a sentence as representing a state of affairs by being a kind of a picture of it, mirroring the structure of the state of affairs it portrays. There is an insistence here – it can be said at the risk of some oversimplification – that a proposition and what it describes must have the same logical form. Sraffa found this philosophical position to be altogether erroneous, and argued with Wittgenstein on the need for him to rethink his position.
According to a famous anecdote, [in 1929] Sraffa responded to Wittgenstein’s claim by brushing his chin with his fingertips, which is apparently readily understood as a Neapolitan gesture of skepticism, and then asked, „What is the logical form of this?“
(…)
The conversations that Wittgenstein had with Sraffa were evidently quite momentous for Wittgenstein. He would later describe to Henrik von Wright, the distinguished Finnish philosopher, that these conversations made him feel „like a tree from which all branches have been cut.“

(Aus: Amartya Sen, “Sraffa, Wittgenstein, and Gramsci”, Journal of Economic Literature, Vol. 41, No. 4 (Dec., 2003), pp. 1240-1255)

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Wertkritikkritik http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/06/wertkritikkritik/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/06/wertkritikkritik/#comments Wed, 06 Mar 2013 15:02:31 +0000 ofenschlot Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/06/wertkritikkritik/ (Freuden der alten Marx-Lektüre II, Teil 1 hier)

So ist die wertschaffende, abstrakte Arbeit für Rubin als gesellschaftliche Kategorie zu begreifen, in der jedes stoffliche Element fehlt. Wenn dem so ist, dann ist nicht verständlich, wie das Wertgesetz das von Rubin hervorgehobene und sich auf reale Arbeitszeitrelationen beziehende Gleichgewicht mit sich bringen kann. Wie abstrakt auch immer, die Arbeitszeit drückt sich in Produktion aus und die Gesamtproduktion muß der kapitalistisch bestimmten gesellschaftlichen Arbeitsaufteilung entsprechen. Die Vergegenständlichung des Werts setzt die Produktion voraus, so daß der Wert des Naturstoffes und der Arbeit nicht entbehren kann, wenn er auch selbst weder das eine noch das andere ist. Was Rubin sich zu sagen bemüht, ist, daß Gebrauchsgüter in der Warenproduktion erst Wertcharakter annehmen müssen, um sich als Gebrauchsgüter realisieren zu können, daß dies aber nicht eine Notwendigkeit der Produktion ist, sondern eine Eigenart, die sich ausschließlich aus der Warenproduktion ergibt. In dem Sinne ist der Wert ein rein gesellschaftliches Phänomen, da er unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen wegfallen würde, ohne damit die „Ökonomie der Zeit“ zur Bewältigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse aufzuheben.

Aus einer Rezension Paul Matticks zu Rubins „Studien zur Marxschen Werttheorie“, Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin, 10 Jg., Juni 1974, Heft 2, S. 257-261.

Es muß noch bemerkt werden, daß die deutsche Übersetzung [Rubins] aus dem Amerikanischen stark gekürzt ist und daß die ausgelassenen Teile eigentlich zu den besten des Buches gehören.

Et voilà.
Die amerikanische Übersetzung stammt übrigens von Fredy Perlman, der insbesondere zum Kapitel über Warenfetsichsmus eine Einleitung/ einen Kommentar verfasste.

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»So wie früher die Toten geblutet haben, wenn der Mörder an die Leiche trat« http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/04/so-wie-frueher-die-toten-geblutet-haben-wenn-der-moerder-an-die-leiche-trat/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/04/so-wie-frueher-die-toten-geblutet-haben-wenn-der-moerder-an-die-leiche-trat/#comments Mon, 04 Mar 2013 19:36:51 +0000 ofenschlot Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/04/so-wie-frueher-die-toten-geblutet-haben-wenn-der-moerder-an-die-leiche-trat/ Heiner Müller: … ich hab‘ irgendwann mal so einen ganz kurzen Text geschrieben über Fadejew nach dem Selbstmord von Fadejew. Du weißt noch, wer Fadejew war? Er war, also …

Alexander Kluge: Ein russischer Schriftsteller? Vorsitzender des Schriftstellerverbandes …

Müller: Russischer Schriftsteller. Ein sehr guter Schriftsteller zunächst.

Kluge: Was hat er geschrieben?

Müller: Und dann war…“Die Neunzehn“, zum Beispiel. Das ist ein Roman aus dem Bürgerkrieg, wo er – es ist eigentlich die beste Beschreibung der Situation des jüdischen Intellektuellen – als Kommissar in dieser Bauernhorde, dieser frühen Roten Armee. Wo er beschreibt, unter anderem, den Ekel dieses Mannes, dieses Intellektuellen vor diesen Bauern, die stinken und primitiv sind. Und er haßt sie eigentlich, und sein Grundgefühl ist Ekel. Aber er muß sie lieben. Weil sie sind die Revolution. Sie sind die Zukunft.

Kluge: Und er ist Offizier?

Müller: Und er ist Kommissar. Ja. Und sie hassen ihn, weil er Jude ist und ein Intellektueller. Es ist wirklich ein toller Roman. Und dann wurde Fadejew der Repräsentant eigentlich des Stalinismus in dem Schriftstellerverband. Von ihm stammt dieser Satz über Sartre: „Eine Hyäne an der Schreibmaschine“— das war von Fadejew. Und …

Kluge: Das war bei ihm negativ gemeint.

Müller: Das war ganz negativ gemeint, ja.

(…)

Müller: Fadejew hat sich erschossen nach dem zwanzigsten Parteitag, also als Chruschtschow zum ersten Mal über Stalin und die Verbrechen gesprochen hat. Und am Abend vorher kriegt er Besuch von einem Schriftsteller, der fünfzehn Jahre im Lager gewesen war. Und Fadejew hatte nichts für ihn getan, hätte etwas tun können. Er war Sekretär des Schriftstellerverbands. Und der hatte einen Traum während dieser Lagerzeit: wenn er rauskommt, Fadejew ohrfeigen. Und er besuchte einen Freund, sagte: „Komm, wir gehen zu Fadejew.“ Und sie gingen zu Fadejew. Fadejew war betrunken, wie immer, also zuletzt war nur noch der Wodka. Und Fadejew stand in der Tür, und er hat ihn geohrfeigt und ist gegangen. Und in der Nacht hat sich Fadejew erschossen. Und angeblich auf der Couch, auf der Majakowski sich erschossen hat – die hatte er gekauft als Antiquität.

BEIM WIEDERLESEN VON ALEXANDER FADEJEWS DIE NEUNZEHN
In einer Nacht mit Wodka DER HIMMEL VOLL MADEN
Schreibt er sein Bild fest mit dem Revolver im Blitzlicht
Des letzten Parteitags als die Denkmäler bluten

Und die blutenden Denkmäler, das finde ich wichtig, daß Denkmäler bluten können. So wie früher die Toten geblutet haben, wenn der Mörder an die Leiche trat.

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Deadlocked http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/01/deadlocked/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/01/deadlocked/#comments Fri, 01 Mar 2013 11:02:33 +0000 ofenschlot An den Rand gekritzelt http://ofenschlot.blogsport.de/2013/03/01/deadlocked/ Nachtrag zum gestrigen Fußball-Beitrag.
Hier ein Bild, das ich auf der Fußball-Taktik-Seite zonalmarking.net gefunden habe. Es ist eine Momentaufnahme aus dem 2010er WM-Spiel Spanien-Schweiz. Die Schweizer spielten brutal-hässlichen Beton-Fußball und gewannen 1:0. Die WM hatte gerade erst begonnen, und Spanien stand schon vor einem Wendepunkt.

Der treffende Kommentar der Analytiker:

The lack of Spanish width was incredible – look at this shot from the first half, with Spain’s four attacking players within a ten-yard square in the centre of the pitch, allowing the Swiss defence to concentrate on such a narrow space, leaving the flanks completely free.

Dieser Schnappschuss demonstriert, in was für eine Sackgasse das Tika-Taka-Spiel geraten kann. Del Bosque lernte aus dem Desaster und ersetzte David Silva, mittlerweile wieder Stammspieler, im laufenden Turnier durch Pedro resp. Jesus Navas. Also Flügelspieler, die von außen kommend David Villa, eben kein typischer Strafraum-Spieler, bedienten. Der weitere Verlauf des Turnier gab ihm recht.
Zwar spielt auch Barcelona mit Flügelspielern, sehr extensiv sogar (die Verteidiger Dani Alves und Jordi Alba rücken weit nach vorne), aber es fehlt an Geschwindigkeit oder besser gesagt: die fehlende Geschwindigkeit macht sich zunehmend bemerkbar, dann nämlich wenn die gegnerischen Mannschaften auf die seltenen Ballverluste Barcas mit Highspeed-Attacken, wie sie Ronaldo oder vor kurzem noch Drogba starten konnten, reagieren.

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Die Zauberformel lautet … http://ofenschlot.blogsport.de/2013/02/28/die-zauberformel-lautet/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/02/28/die-zauberformel-lautet/#comments Thu, 28 Feb 2013 14:59:39 +0000 ofenschlot An den Rand gekritzelt http://ofenschlot.blogsport.de/2013/02/28/die-zauberformel-lautet/ Ich glaube, es war nach dem Weltmeistertitel und in der letzten wirklich glanzvollen Saison Pep Guardiolas als Barca-Trainer, dass die katalanische Sportpresse sich bei Spielen der Nationalmannschaft gar nicht einkriegen konnte: auch die Nationalelf spiele ja wie Barca und das sei somit Ausdruck der ultimativen Dominanz – der Erfolg der Nationalmannschaft also kein Produkt des endlich gefundenen Kompromisses zwischen Real- und Barca-Spielern, sondern einfach eine Verlängerung katalanischer Fußball-Kunst, der sich auch Sergio Ramos oder Xabi Alonso, die madrilenischen Ultras, klaglos unterzuordnen hätten.
Das stimmte zwar schon damals nicht so ganz, weil Vicente Del Bosque wesentlich defensiver als Guardiola denkt und maximal einem Außenverteidiger die Eskapaden als verkappten Flügelstürmer erlaubt (2010 – Sergio Ramos, 2012 – Jordi Alba), während bei Barca es beide Außenverteidiger machen, was bedeutet, dass sich dann Busquets in die Defensive zurückfallen lasssen muss.
Und das stimmt für den EM-Gewinn 2012 erst recht nicht.
Ganz deutlich wird das, wenn man das Spiel der spanischen Nationalmannschaft mit dem aktuellen – nein: leider »ewigen« – Spiel des FC Barcelona vergleicht. Die Zauberformel lautet nicht »Barcelona for ever« (ach, immer das Gejammer, wir können nur unser System spielen, wir werden daran festhalten und wenn wir uns vertrauen, sind wir unschlagbar, notfalls gehen wir mit unserem System unter, määh määh määh), sondern Kurzpassspiel + Premier-League-Veredelung + Akzeptanz der Mourinho-Lektionen. Del Bosque macht als Trainer vielleicht wirklich nicht viel, aber er muss wohl als Typ enorm integrativ sein (ist zwar im konservativ-klerikal-autokratischen Real-Milieu groß geworden – als Spieler und als Trainer –, kommt aber aus einem sozialistisch-republikanischen Elternhaus, steht also für den Antifaschismus, den Barca etwas dreist für sich reklamiert) und vor allem versteht er es, die spielerisch-taktischen Zutaten nahezu perfekt zu mixen, etwas was Van Gaal, Cruyff und ihr Schüler Guardiola – also die angeblichen Totalgenies des modernen Fußballs – in ihrem Kurzpass-Ballbesitz-»Defensive funktioniert auch mit drei Mann«-Dogmatismus nicht können (José Mourinho kann es auch, hinterlässt aber als Trainer bislang stets – durch Intrigen, Wagenburgmentalität, Paranoia etc.pp. – ausgelaugte Mannschaften).
Schauen wir kurz auf die Spanier, wie sie sich während der EM präsentiert haben: Der Ausfall Carles Puyols in der Innverteidigung erweist sich als »Glücksfall«, Del Bosque beordert den Rechtsverteidiger Ramos nach innen, wo er sich auch noch mit Gerard Piqué vertragen muss: Die beiden mögen sich nicht, katalanischer Nationalist der eine, andalusischer der andere, dann noch der Barca-Real-Hass etc.pp., und Del Bosque weiß, wenn die sich nicht vertragen, geht alles schief. Sie vertragen sich. Und Ramos, ein umgeschulter Stürmer (so spielt er halt, wir kennen die Bilder von der WM 2010), bleibt auch noch brav in der Defensive, kaum Ausbrüche nach vorne. Man wächst an seiner Verantwortung. Rechts spielt dafür Alvarao Arbeloa (2007-2009 beim FC Liverpool!), über den keiner spricht, weil er so schnörkellos und unspektakulär auftritt, aber der ist ein harter Hund, kleine Nickeligkeiten, gutes Tackling, schnelle Spieleröffnung, nix Besonderes, aber genau das braucht Del Bosque. Links darf dann Jordi Alba tatsächlich nach vorne stürmen. Vor der Abwehr packt Del Bosque mit Xabi Alonso, Xavi und Sergio Busquets ein defensives Mittelfeld, das diesen Namen verdient, eine zweite Abwehrreihe, wie sie Mourinho nicht besser hätte erfinden können, wobei Alonso und Busquets als Doppelsechs agieren und Xavi etwas weiter nach vorne aufrückt. Vorne dann Verzicht auf den Stürmer, dafür rotierend Silva-Fabregas-Iniesta. David Silva war 2011/12 der beste Spieler von ManCity, Cesc Fabregas, zu dem später mehr, ist eigentlich immer noch der beste Arsenal-Spieler der letzten zehn Jahre, eine prägung, die ihm bei Barca schwer zu schaffen macht. Also vorne regiert die Premiere League, angefeuert von den genialen Zuspielen Andres Iniestas. Die Alternativen, die sich Del Bosque vorbehält, sind fantastisch, de facto aber zweitranging: Pedro und Jesus Navas – zwei Flügelspieler – kann er bringen, wenn er Weite braucht, wenn die Abwehrketten der Gegner noch weiter aufgerissen werden sollen. In Juan Mata (2011/12 bester Spieler von Chelsea) und Santi Cazorla (aktuell bester Spieler von Arsenal) hat er zwei verkappte Stürmer, die perfekt Silva und Fabregas ersetzen/ ablösen können, mit dem bulligen Negredo, dem tragischen Torres (Liverpool, Chelsea) und dem überraschend pfiffigen Llorente kann er drei klassische Stürmer, die aber allesamt taktisch weiterdenken als, sagen wir, Mario Gomez, aufbieten – für die Durchschlagskraft. Demnächst kommt dann noch der Senkrechtstarter Michu (aktuell bester Spieler von Swansea) hinzu, und der hat gerade alles im Überfluss – Durchschlagskraft, Passsicherheit, Geschwindigkeit, Mannschaftsdienlichkeit.
»Premiere-League-Veredelung« meint hier dreierlei: 1. Vertikalität (der schnelle Pass nach vorne – im Gegensatz zum horizontalen Barca-Spiel); 2. Geschwindigkeit (ergibt sich zwingend aus der Vertikalität); 3. Definition von Räumen. Letzteres ist entscheidend: Das Spiel von Braca findet INNERHALB eines Raumes statt, es heißt ja auch: Telefonzellen- oder Billard-Fußball (der Billard-Raum ist sehr statisch!), und die Botschaft lautet: Mögen die Räume noch so eng sein, wir passen passen passen und finden immer jemanden von uns, den wir anspielen können, und irgendwann macht ihr einen Fehler, dann ist die Lücke da, mag sie auch noch so klein da, und der Floh hüpft durch und mit ihm der Ball… Klingt todsicher, ist aber bereits mehrfach entschlüsselt worden: Mag sein, ihr findet eine Lücke und stoßt durch, dann findet ihr dahinter noch eine Abwehrreihe, und wenn IHR mal den Ball verliert, bringen wir ihn sofort nach vorne und umkurven (Ronaldo hätte auch als Leichtathlet beste Chancen auf Weltruhm!) einfach eure Innenverteidigung, denn hinten auf den Flügeln steht keiner mehr. Barcelona würde derzeit selbst gegen Hannover96, die ja einen für ihre Verhältnisse mitreißenden Offensivfußball spielen, Gegentreffer kassieren.
Dagegen definiert das vertikale Spiel resp. der vertikale Pass in der Offensive Räume, weil der Ball schnell nach vorne gebracht wird, die Abwehrkette erst in die Tiefe und dann durch einen aufgerückten gegnerischen Flügelspieler (oder jemanden wie Jordi Alba) in die Breite gezogen wird – auf einmal ist ganz viel Platz da. Del Bosque lässt so spielen (denkt an die ersten beiden Tore gegen Italien im EM-Endspiel), und die Leute, die ihm (auch) in Zukunft dafür zur Verfügung stehen, sind eher nicht von Barca, sondern heißen: Michu, Mata, Silva, Cazorla, Jesus Navas (David Villa wird Barca Ende der Saison verlassen, Fabregas ist und bleibt ein Arsenal-Spieler).
Jetzt der Blick auf Barca: Pep Guardiola, der große Fußball-Philosoph, immer mit einem Kant-Reclam-Heftchen in der Anzugtasche und einem Hermann-Hesse-Zitat auf den Lippen, er konnte 2010/11 nichts mit Ibrahimovic anfangen (den er aber unbedingt haben wollte!), er hat zuvor Eto’o fahrlässig abgeschrieben, er hat in seiner letzten Saison unbedingt Fabregas haben wollen, konnte aber ebenfalls kaum etwas mit dessen risikofreudigem, offensivem Vertikalspiel anfangen, weswegen der wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängt, dann holte G. noch Alexis Sanchez, den man entweder an seiner Entfaltung als Stürmer hindert (alle Augen auf Messi) oder der es schlicht nicht besser kann. Einen Strategen in Sachen Personalplanung kann man Guardiola nicht nennen. Der jetzige Barca-Trainer Tito Vilanova hat das zu korrigieren begonnen – zumindest im Fall von Fabregas, der im herbst endlich an seine geniale Arsenal-Zeit anknüpfen konnte --- und durfte!, aber sonst? Hat man Alexandre Song geholt, eine weiteren defensiven Mittelfeldspieler (was sollte das?), setzt man David Villa nach seiner langen Verletzungsauszeit nicht ein, zumindest nicht so, dass der Spieler an seinen Einsätzen wachsen kann, frustriert man seinen eigenen besten Nachwuchsspieler Cristian Tello durch Bankdrückerei. Andere hoch gelobte Nachwuchskräfte (Montoya, Bartra) kommen noch seltener zum Zug. Alles Stillstand, Selbstgefälligkeit, Musealisierung. Der Verein ist unfähig, ein Jahr zur Neufindung und Überbrückung einzuplanen resp. durchzuziehen (wie das gerade, mit dann doch überaschend großem Erfolg, der AC Mailand praktiziert).
Und jetzt ist auch noch Tito, der tatsächlich ein bisschen weiter blicken kann, schwer erkrankt, was die Mannschaft noch mehr auf sich zurückwirft, noch mehr in ihren längst dechiffrierten Spielcodes erstarren lässt. Sie haben sich selbst in ihrem Kurzpassspiel eingekerkert, auf einmal sieht es jeder – das ist ja berechenbar, dies Tänzeln auf engstem Raum! Virtuos, aber kaum variabel. WIR warten jetzt auf EUREN Fehler, und dann überrennt jemand schlicht und ergreifend den schnaufenden Dieseltruck Puyol.
Puyol ist mittlerweile ein Problemspieler, Xavi kann seine mangelnde Geschwindigkeit auch immer weniger durch seinen Passspielautomatismus kompensieren, Messi ist innerhalb seiner Mannschaft schlicht unkontrollierbar, steht häufig da, wo er nicht stehen sollte, staubt immer mehr ab, liefert weit vorne kaum noch frische Ideen, offensichtlich kritisiert ihn keiner mehr. Wenn sie demnächst Neymar holen werden (die Gerüchte könnten aber auch ein Medienhype sein), könnte sich die Ibra-Nr. wiederholen, denn irgendjemand müsste Messi einfangen und ihm klar machen, dass Barca nicht SEINE Mannschaft ist. Das will keiner, das kann keiner, daran denkt vermutlich auch niemand im Verein.
Die Idee von Cruyff und später Van Gaal war: Wir entwickeln ein System, das in sich ruht, das nicht darauf abzuzielen braucht, sich immer wieder neu auf die Gegner einstellen zu müssen. One size fits all. So eine Art historische Invarianz. Klar, wer IMMER im Ballbesitz ist (und bei Verlusten sofort zur Balleroberung ansetzt, also weiter angreift), der braucht sich keine Gedanken über die Taktik der anderen zu machen, denn die haben ja keinen Ball. Was sollen die denn machen?
Heute weiß man: Sie können eine Menge machen.
Die Idee in einem ultraflexiblen Spiel wie Fußball ein System zu installieren, was dieser Flexibilität diametral entgegensteht, mag verführerisch sein, ist aber auf Dauer undurchführbar – logisch unmöglich. Die jüngsten Niederlagen Barcas waren heftig und kamen plötzlich, überraschend war diese Entwicklung nicht. Die Pointe von Del Bosques Erfolg als Nationalcoach besteht vermutlich einfach darin, sich zu sagen, dass es per se keine spanische Dominanz gibt — nicht als Ausgangspunkt!, dass man sich immer wieder einstellen muss, wobei die Schritte minimal sein können. Aber es müssen welche folgen. Nach vorne, vertikal.

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Fetischkritikkritik http://ofenschlot.blogsport.de/2013/02/24/fetischkritikkritik/ http://ofenschlot.blogsport.de/2013/02/24/fetischkritikkritik/#comments Sun, 24 Feb 2013 14:57:16 +0000 ofenschlot Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2013/02/24/fetischkritikkritik/ (Freuden der alten Marx-Lektüre I)

1976 bespricht der Rätekommunist Paul Mattick den Sammelband »Marx und Marxismus heute« (hrsg. von Gerd Breitenburger und Günter Schnitzler, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1974) für die IWK (12. Jg., Heft 1, S.89-94) und geht dabei auch auf den Aufsatz »Der gesellschaftstheoretische Charakter der Marxschen Werttheorie« des Soziologen Johannes Berger ein (u.a. Co-Autor des zweibändigen Kompendiums »Krise und Kapitalismus bei Marx«, später Professor in Bielefeld).

Johannes Berger wendet sich dem gesellschaftstheoretischen Gehalt der Marxschen Werttheorie zu, um den Vorwurf von Seiten der Soziologie der marxistischen Beschränkung auf die Kritik der politischen Ökonomie zurückzuweisen. Er geht davon aus, daß Marx, im Gegensatz zur klassischen Ökonomie, den Wert nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ abhandelte, wobei es sich bei der qualitativen Analyse um die Auflösung der konkreten in allgemein abstrakte Arbeit handelt. Gesellschaftliche und natürliche Bestimmungen der Arbeit fallen auseinander. Um gesellschaftlich zu werden, muß die konkrete Arbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus abstrakt werden. Marx’ Lehre vom Doppelcharakter ist keine vom Denken geschaffene Unterscheidung, sondern basiert auf den wirklichen Verhältnissen. In einer Gesellschaft, in der für den Tausch produziert wird, wird die Arbeit des einzelnen nicht unmittelbar gesellschaftliche Arbeit, sondern gesellschaftlich erst ›post festum‹, durch den Austausch als Tauschwert gesetzt.
Dazu ließe sich sagen, daß dies sowohl für die abstrakte Darstellung der Warenproduktion im allgemeinen gilt, aber nicht ausreicht für das Verständnis der spezifisch-kapitalistischen Warenproduktion, in der der›Austausch‹ von Kapital und Arbeit nur ein scheinbarer ist. Das Kapital tauscht nichts gegen den Mehrwert, der auf dem Wert beruht, sondern eignet sich den Mehrwert durch den monopolisierten Besitz oder die Kontrolle der Produktionsmittel an. Die kapitalistische Gesellschaft beruht nicht, wie Berger anzunehmen scheint, auf dem Warenfetischismus, den Mystifikationen, die sich aus den Tausch- oder Wertverhältnissen ergeben, sondern aus der tatsächlichen Beherrschung der Produktionsbedingungen durch das Kapital. Deshalb stimmt es auch nicht, daß durch Einsicht in die Mystifikationen der Warenproduktion diese selbst aufgehoben werden können. Der Warenfetischismus ist nicht nur ein ›falsches Bewußtsein‹, sondern (…) eine ›objektiv‹ vom Kapital unablösbare Erscheinungsform der ihr zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse. Auch bei voller Erkenntnis, daß der Kapitalismus nur eine historische Form gesellschaftlicher Produktion und die verkehrte Welt der Warenproduktion keine notwendige ist, bleiben die dem Warenfetisch verbundenen Produktionsverhältnisse bestehen. Worauf es ankommt, ist, daß nicht nur die fetischisierten Bewußtseinsformen, sondern auch die sozialen Verhältnisse, die ihnen zugrundeliegen, objektiv durch den objektiv waschenden Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen dem Verfall entgegentreiben.

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