Ofenschlot http://ofenschlot.blogsport.de ... geschichtliche Abläufe so rekonstruieren, daß sie nie als irreversibel erscheinen, sondern als Ensemble von Flucht- und Wendepunkten, von Möglichkeiten des Umkehrens und Unterbrechens, des Neubeginnens und Ausführens alter halb geäußerter Wünsche vergangener Generationen ... Thu, 17 May 2012 21:30:17 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Viel Bewegung http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/17/viel-bewegung/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/17/viel-bewegung/#comments Thu, 17 May 2012 21:28:39 +0000 ofenschlot An den Rand gekritzelt http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/17/viel-bewegung/ Bloccupy hin oder her, der ganz überwiegende Teil der radikalen Linken ist der Ansicht, dass derzeit mal wieder ganz wenig läuft, insbesondere in Deutschland, keine Bewegung, kein Unmut, bzw. allenfalls »unbrauchbare Unzufriedenheit« (Peter Decker). Das sieht die herrschende Klasse anders. Muss mal so gesagt werden. Die FAZ etwa beklagt »Respektlosigkeiten am laufenden Band« – in Deutschland, nota bene:
»Tausende haben die Ordner im Innenraum des Stadions ignoriert, sie haben die Bitten des Stadionsprechers überhört, das Eigentumsrecht missachtet und insgesamt die Grundregeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt.« Es geht »nur« um Fußball, um das angebliche Drama von Düsseldorf, aber der Kommentator zielt vorsorglich auf das Höhere, auf das Gesamtgesellschaftliche, und dann geht es (ihm/ihnen) immer zuerst um »das Eigentumsrecht« und dessen Unantastbarkeit. Nutzlos der Hinweis, dass die Fans durch den Erwerb einer Eintrittskarte dieses Eigentumsrecht erst mal respektiert und zweitens dadurch erst einen bestimmten Anspruch an den Eigentümer formuliert haben – den Anspruch auf Brot und Spiele, auf genau das Spektakel, das Fußball nun mal ist.
Dieser Brot-und-Spiele-Komplex ist nun an sich selbst gescheitert, streng dialektisch betrachtet hat er sich ›aufgehoben‹, er funktioniert so perfekt, dass die Kommentatoren zwischen realer Unkontrollierbarkeit und perfekter Vollendung des Spektakels (die Leute entwickeln einen unbändigen Willen und verwenden eine irre Energie darauf, eine zunächst hoch abgesichertes Spielfeld zu erstürmen, würden sie nur zehn Prozent dieses Enthusiasmus’ darauf verwenden, für höhere Löhne und angenehmere Arbeitszeiten zu kämpfen, der Kapitalismus sähe sehr schnell sehr alt aus) nicht mehr zu unterscheiden wissen. Vielleicht ist es ja auch dasselbe.
»Diese Menschen waren keine brutalen Hooligans, keine sportpolitisch motivierten Ultras, es waren Hinz und Kunz, Väter mit teils minderjährigen Söhnen, die mittendrin sein wollten, nicht nur dabei. Dieses Verhalten ist nicht allein ein Phänomen des Fußballs. (…) Die Bereitschaft, Regeln zu brechen ist überall im Lande und quer durch die Gesellschaft zu erkennen. Demonstranten halten sich nicht an Verfügungen von Verwaltungsgerichten, große Unternehmen unterlaufen wie selbstverständlich Steuergesetze, selbst der einst höchste Mann im Staat wusste sich nicht zu benehmen.« Der FAZ-Mann antwortet nicht mit einem offenen Aufruf zum Klassenkampf von oben – das ist passé, eine Angelegenheit der 90er, als Rot-Grün hemmungslos den Eliten-Liberalismus protegierte –, sondern mit Moralsauce, denn Verfehlungen gibt es, ohje, auch unter Managern und Spitzenpolitikern, einfach überall! Am schlimmsten bleiben freilich »Hinz und Kunz«, in denen die Bestie der GROTESKEN BELEIDIGUNG schlummert: »Denn die Verrohung der Sitten sind das Ergebnis einer Entwicklung, die Lehrer schon seit Jahren beobachten, Unterrichtsstörungen, groteske Beleidigungen, ja Bedrohungen. Wer das ändern will, muss bei den Kleinsten anfangen, mit der Anerkennung von Grundwerten in der Familie. Im Stadion ist es zu spät.« Grundwerte, Anstand, Disziplin, Maßhalten, Mamapaparespekt, die üblichen Appelle, die sich an ALLE richten, aber allein denen schaden, die als Lohnabhängige sonst sehr wenige Gelegenheiten zum Über-die Stränge-Schlagen haben. Es sind übrigens diese Moralapostel, die den Meistertrainer Jürgen Klopp nicht zuletzt für sein penetrantes Geschwafel von der »Lust« und vor allem der »Gier« über den grünen Klee loben. Aber das nur nebenbei.
Was in Düsseldorf passiert ist (und einen Tag zuvor in Karlsruhe und ein paar Tage davor in Köln und dann noch in …) hat nichts mit Klassenkampf zu tun. Aber die Reaktionen darauf drücken eine große Verunsicherung aus: Selbst – nein, gerade – das am besten organisierte Spektakel lässt sich nicht restlos beherrschen. Gut möglich, dass demnächst die Feuilletons nichts mehr davon wissen wollen, ganz im Gegensatz zu den tiefschürfenden Essais der letzten zwanzig Jahre, dass das Fußballgeschehen ein besonders sensibler Gradmesser für gesellschaftliche Zustände ist. Die Erkenntnis könnte schwindeln machen.

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Schule der Dialektik http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/11/schule-der-dialektik/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/11/schule-der-dialektik/#comments Fri, 11 May 2012 16:56:11 +0000 ofenschlot Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/11/schule-der-dialektik/

Klaus Heinz Metzger: Der Fortschritt, so wie er im Material-Kapitel der Philosophie der Neuen Musik dargestellt ist, ist ein durch und durch dialektischer. Es gibt da diesen Satz, der, wie ich festgestellt habe, fast immer falsch verstanden wird: »Nicht nur verengt und erweitert es« – das Material – »sich mit dem Gang der Geschichte, sondern alle seine spezifischen Züge sind Male des geschichtlichen Prozesses.« Also: es verengt und erweitert sich. Das wird meist so mißverstanden: mal verengt es sich, dann erweitert es sich wieder, und das ist halt der Gang der Geschichte. Gemeint ist aber, daß Erweiterung und Verengung zwei dialektische Momente ein und derselben prozessualen Bewegung sind. Die Erweiterung ist zugleich die Verengung. Die Erweiterung des Materials etwa durch die atonale Revolution bedeutete zugleich den Ausschluß der gesamten tonalen Kompositionsmittel. Mit dem tonalen Material indes gingen zugleich die technischen Mittel seiner Behandlung dahin. Wie ist es heute mit dem Materialstand? 1958 hat Cage die Variations I geschrieben. Dort ist alles zum – möglichen – musikalischen Material geworden. Gleichzeitig ist es eben deshalb auch nichts: die berühmte Identität von Allem und Nichts, die Hegel schon ziemlich zu Beginn seiner Logik dargetan hat. Also: die Erweiterung, die Expansion, ist inzwischen bis zu allem gegangen und die Verengung, die Selektion, bis zu nichts, und beides ist dasselbe. Es gibt inzwischen wirklich nichts mehr auf der Welt, was nicht musikalisches Material sein.

Josef Früchtl: Das gilt also auch für die alten Harmonien.

Metzger: Ja, sicher, von daher kann man die Nichtigkeit des Ganzen gut beleuchten, denn zugleich können die avancierten ästhetischen Nerven überhaupt nichts mehr ertragen. Und die Unerträglichkeit des historisch nicht mehr Substantiellen war stets der Grund der selektiven Seite des Materialfortschritts. Unter das, was in jedem Moment auszuscheiden ist, fällt mittlerweile alles. Damit wären wir ja eigentlich am Ende. Aber vielleicht haben Sie trotzdem noch Fragen?

Früchtl: Wir könnten uns – versuchsweise – weniger am aktuellen Stand der Musik als an Adornos Theorie orientieren.

Metzger: Eines möchte ich zum aktuellen Stand sagen. Passiert ist das Jahr im Jahr 1958, nämlich diese Variations I von Cage. Und es ist so bestürzend, daß die allermeisten Komponisten es nicht einmal bemerkt haben, sondern so weiterkomponieren, als wäre nichts geschehen.

Früchtl: Jetzt muß ich doch einmal fragen: hat nicht die Kunst sozusagen immer recht? Der Kritiker hinkt hinter ihr her und muß zur Kenntnis nehmen, was Sache ist. Wenn man diesen Sachverhalt umkehrt – und das scheint mir Ihre Einstellung zu sein –, gerät man in Gefahr, von einer gewissen Warte aus – meistens ist sie auch sehr hoch – auf das irdische Geschehen in der Kunst in verächtlicher Haltung hinunterzublicken.

Metzger: Daß die Kunst immer recht habe, ist eine These, die sich Leichtigkeit halten läßt, sobald man sich die Befugnis zuspricht, darüber zu befinden, was Kunst sei und was nicht. Die Kunst, die immer recht hat, bestimmt man dann selbst und hat infolgedessen selber recht.

Aus: »Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno / hrsg. von Josef Früchtl und Maria Calloni«, Frankfurt/M. 1991: Suhrkamp. S.171ff.

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Die Revolution ist monochrom http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/07/die-revolution-ist-monochrom/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/07/die-revolution-ist-monochrom/#comments Mon, 07 May 2012 15:19:37 +0000 ofenschlot Allgemein http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/07/die-revolution-ist-monochrom/ … oder sie wird gar nicht sein.
Zu den Lieblingsfloskeln linksradikalen Aktivist_innentums (so richtig geschrieben?!) gehört der vielfältige, kreative, lebendige aber vor allem: bunte Widerstand — wie das Viertel, das kurz vor der Gentrifizierung stehend natürlich bunt bleiben muss, wie das Leben, das im Gegensatz zum grauen Alltag bunt zu sein hat, wie die Haare oder die Klamotten halt. Revolution wäre demnach vor allem ein Ding der Selbstverwirklichung, im Jargon gesrpochen: ein »Projekt«, und dieses wird dann so lange betrieben, bis den Aktivisten ein Lichtlein aufgeht, dass man sich auch ganz prima in dieser Gesellschaft selbstverwirklichen kann. Die Wahrheit ist natürlich, dass Selbstverwirklichung und bürgerliche Gesellschaft untrennbar zusammengehören, meistens steht die Selbstverwirklichung allerdings der Einsicht in diese Wahrheit entgegen.
Vom Anarchismus könnte man lernen, dass die Revolution anti-kreativ, anti-originell, also monochrom oder konsequent gesagt: sogar »anti-farblich« ist – nämlich schwarz. Man könnte, wird es aber nicht, weil die Anarchisten heute auch in erster Linie bunt sein wollen.
Dabei ist die Wahrheit so einfach: Die schwarze Flagge ist die paradox personifizierte Kritik der Kreativität, die Autorschaft und Originalität bis zur Unsichtbarkeit, bis zum Verschwinden in sich aufsaugt.
Sagt Howard Ehrlich:

Warum ist unsere Farbe schwarz? Schwarz ist ein Schatten der Negation. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nation … Schwarz ist eine Stimmung von Zorn und Wut gegen alle Verbrechen gegen die Menschheit, die im Namen der Verbindungen zwischen den Staaten verübt werden. … Schwarz ist auch eine Farbe der Trauer; die schwarze Fahne, die die Nation ausstreicht, betrauert die Millionen, die in inneren und äußeren Kriegen ermordet wurden, sie trauert für diejenigen, denen die Arbeit geraubt und besteuert wurde, um das Gemetzel und die Unterdrückung anderer Menschen zu bezahlen … Aber Schwarz ist auch schön. Es ist die Farbe der Bestimmtheit, der Lösung, der Stärke, eine Farbe, durch die alle anderen aufgeklärt und definiert werden.

Es ist das Schwarz der Fahne, das die Kollektivität der Aufständigen zum Ausdruck (konsequenter: Anti-Ausdruck) bringt. Carl Einstein über seine Erfahrungen in der Kolonne Durruti während der spanischen Revolution:

Durutti, dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich, von seiner Person. Er hatte das vorgeschichtliche Wort »ich« aus der Grammatik verbannt. In der Kolonne Durutti kennt man nur die kollektive Syntax. Die Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven Sinn zu erneuern.
Durutti hatte die Kraft der anonymen Arbeit innigst erkannt. Namenlosigkeit und Kommunismus sind eines. … Durutti war kein General, er war unser Kamerad. Dies ist nicht dekorativ, doch in dieser proletarischen Kolonne beutet man die Revolution nicht aus, man betreibt keine Publizität. Man sinnt nur auf eines: den Sieg und die Revolution. (…)
Die Kameraden wissen, dass sie diesmal für die arbeitende Klasse kämpfen, nicht für eine kapitalistische Minderheit, den Gegner. Diese Einsicht auferlegt allen strenge Selbstdisziplin. Der Milizmann gehorcht nicht, sondern verfolgt zusammen mit seinen Genossen die Verwirklichung seines Ideals, einer sozialen Notwendigkeit.
Durrutis Größe bestand gerade darin, dass er selten befahl, sondern stets erzog. Die Kameraden kamen, wenn er von der Front zurückkehrte, zu ihm ins Zelt. Er erklärte ihnen den Sinn seiner Maßnahmen und diskutierte mit ihnen. Durruti befahl nicht, er überzeugte. Nur die Überzeugung verbürgt ein klares, entschlossenes Handeln. Bei uns kennt ein jeder den Grund seines Tuns und ist mit diesem Eins. (…)

Es geht nicht um Glorifizierung und die Begeisterung für das Unmittelbare: Einsteins Statement ist in einer Ausnahmesituation verfasst worden und auch nur so zu verstehen. Wer das nicht berücksichtigt, verfehlt die historische Wahrheit dieser Agitation. Nur: Sollte die hiesige Linke sich jemals in einer Ausnahmesituation befinden, ist es ganz ratsam, sich vorher die historischen Lektionen anzueignen. Klingt banal. Aber die banalen Sachen hakt man ja fatalerweise meistens als »bereits erledigt« ab.

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Das Wissen der 90er http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/05/das-wissen-der-90er/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/05/das-wissen-der-90er/#comments Sat, 05 May 2012 15:50:00 +0000 ofenschlot An den Rand gekritzelt http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/05/das-wissen-der-90er/ Das war ja so ein typisches Pubertätsding: Jeder hatte die Platte, jeder hörte sie hoch und runter, jeder fand sie albern, komplett zum Fremdschämen, aber doch insgeheim unfassbar geil – bloß nicht zugeben: »Licensed To Ill«. Bis heute ist das Debüt-Album (1986) der Beastie Boys nicht kanonisiert, wird aber wohl ihre meistverkaufte Platte sein. Das jungmännliche Asi-Schocker-Image (das aus Rotznasenperspektive, wie wir heute wissen, schon den ganzen Verfall des klassischen us-amerikanischen HipHop ab Mitte der 90er Jahre treffsicher ironisiert) legte sich wie ein Schatten auf ihr erstes Meisterwerk, »Paul’s Boutique« (1989) fiel durch, noch nicht mal – es wurde gar nicht erst verstanden, das kam erst viel später, rückblickend mit den kommenden Alben: Zum ersten Mal bewiesen Ad-Rock (Adam Horovitz), Mike D (Michael Diamond) und MCA (Adam Yauch) ihr schier unfassbares Talent aus einem eklektizistischen Gewusel, einem unübersichtlich wuchernden Stil-Mix heraus präzise musikalische Statements zu komponieren – wenn man irgendwo die New Yorker Utopie verkörpert sehen wollte, dann hier: Vielfalt, Gewimmel, grelle Buntheit, aber alles das stiftet die Vision einer friedlich durchgeknallten Gemeinschaft. »Paul’s Boutique« – das war Coolness ohne Arroganz und Hierarchie, Stylness ohne Abgrenzungsgegockel, Abhängertum ohne Konzentrationsverlust. Das Kiffen muss sie zu Höchstleistungen angespornt haben (manchmal klappt das ja). Dass die Jungs – wie immer wieder betont wird – aus der jüdischen Mittelschicht Brooklyns stammten, macht nix – es ging ihnen um Zukunft, nicht Herkunft. Bzw. reduzierte sich die Herkunft auf das eine große Ding, auf die Hauptstadt des 20. Jahrhundert: New York. »Check Your Head« (1992) ist dann ihr Hauptwerk, weil es jenseits der damals so produktiven wie allerdings auch immer unwichtiger werdenden Subszenen von Postrock, Stoner, Minimal Techno oder Drum’n’Bass noch einmal großen Pop stiftete, Konsens geboren aus radikalem Experimentiergeist, keine Kompromisse, aber eine Einladung an alle. »Ill Communication« (1994) lieferte die Zauberformel dafür. Dass die drei danach in den Modus der Selbstbezüglichkeit einrasteten und nie wieder die Stärke der alten Zauberformal auszunutzen wussten – geschenkt. Außerdem stimmt das so nicht, ihre letzte große New-York-Hommage, »To the 5 Boroughs« (2004) war schon sehr rührend, gerade weil sie sich nie dem Sentimentalen hingaben. Lokalpatriotismus statt Heimatschutz, allemal sympathischer. Dass sie zwischendurch die Erleuchtung fanden und allerlei Tibet-Hindu-Zen-Gebimmel + Tierschutz und was mit Menschenrechten machten – ja, das ist tatsächlich Mittelstandsethik, das erwähnte dann aber keiner mehr. Gestern ist, nach drei Jahren Kampf gegen den Krebs, Adam Yauch gestorben. Die Zauberformel bleibt, und das ist die einzig gute Nachricht.

Beastie Boys – So What Cha Want von BeastieBoys-Official

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Nach dem 1. Mai http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/02/nach-dem-1-mai/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/02/nach-dem-1-mai/#comments Wed, 02 May 2012 19:41:23 +0000 ofenschlot Allgemein Amadeo Bordiga http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/02/nach-dem-1-mai/

Sozialismus ist, wie wir immer wieder einhämmern, die Eroberung des Gesamtprodukts seitens der nicht in Betrieben, sondern in der Weltgesellschaft assoziierten Arbeiter, also nicht nur die Eroberung des Mehrwerts – jenes Werts also, den, wie es banalerweise heißt, der Fabrikherr einheimst, tatsächlich aber ein vom Kapitalismus positiv hereingebrachter gesellschaftlicher Abzug ist. Eroberung, sagen wir es noch einmal, des Gesamtwerts, wonach der Wert zerstört sein wird, so wie nach der Eroberung der ganzen Macht die Macht zerstört sein wird.
Nur wenn das Gemeinwesen das Gesamtprodukt erobert, wird es möglich sein, die gesteigerte Produktivkraft zu nutzen und die Arbeitszeit auf ein Minimum herabzudrücken, wobei diese Arbeitszeit kaum höher sein wird als die der Gesellschaft geschenkte – das, was wir heute Mehrarbeit nennen und die auch ohne den Fabrikherrn bestehen bleibt, heute jedoch den Umweg: vom Arbeiter zum Betrieb, und vom Betrieb zur Gesellschaft, nehmen muss. Ohne dieses Ergebnis wäre es pure Aufschneiderei, von proletarischem Bewusstsein zu sprechen.

Nachträge

1. Bordiga reagiert hier polemisch präzise auf die Vorstellung, »Sozialismus sei die Eroberung des Betriebsgewinns für die Arbeiter«, also wäre primär die Selbstverwaltung der Fabriken durch die Arbeiterinnen und Arbeiter (und die Angestellten, sollten wir nicht vergessen), eine Irrlehre, deren historische Kontinuität er seit Proudhon verfolgt – Lassalle, Dühring (jener Eugen Dühring, den wir heute bloß noch als Engels’ punching ball kennen, vor 140, 130 Jahren aber einer der einflussreichsten Theoretiker der Arbeiterbewegung war – wohl weit einflussreicher als Marx und Engels), Sorel und schließlich Gramsci verortet er in dieser Linie.
Das mag unfair gegenüber Gramsci sein, immerhin eine zeitlang enger Genosse Bordigas!, aber ungeachtet seiner tadellosen kommunistischen Haltung propagierte er stets verworrene Räte-Ideen: Christian Riechers zitiert Gramsci

Der revolutionäre Prozeß dagegen verwirklicht sich auf dem Produktionssektor, in der Fabrik, wo das Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrückten herrscht, zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten, wo es keine Freiheit für den Arbeiter, keine Demokratie gibt.

und kommentiert

Nach Gramscis Vorstellungen soll ein Netz von Räteinstitutionen (Bauernräte eingeschlossen) Italien überziehen. Nicht die revolutionären Sowjets der Oktoberrevolution mit ihrer durchweg politischen Funktion, sondern im Prinzip unpolitische, auf rein ökonomische Aufgaben beschränkte Produzentenräte (…) geben das Grundmodell ab. Diese Räte sind qua Institution derart an den Betrieb gebunden, daß sie erst gar nicht den Rahmen überschreiten, in den wenig später das deutsche Betriebsrätegesetz die zuvor noch mächtige politische Rätebewegung zu zwängen versucht.
Während der Periode der Fabrikbesetzungen in Norditalien im September 1920 bleiben freilich die inzwischen gebildeten Fabrikräte in den Turiner Fabriken und organisieren mit Hilfe nur weniger bei ihnen verbliebener Techniker selbständig die Produktion. Gramscis Traum von der ökonomischen Autonomie der »Produzenten« verwirklicht sich für eine Weile. Die Gewerkschaft, welche »die Arbeiter nicht als Produzenten, sondern als Lohnarbeiter« (Gramsci) organisiert, scheint für einen Augenblick von der Szene zurückzutreten. Gramscis polemischer Einwand gegenüber [Angelo] Tasca, daß der Rat »in seinen höheren Formen dahin tendiert, dem vom Kapitalismus zu Profitzwecken geschaffenen Produktions- und Tauschapparat proletarische Züge zu verleihen« bewahrheitet sich jetzt. Die Arbeiter beweisen, daß sie auch ohne Aufsicht gut produzieren können. Darin liegt der »proletarische Zug«, der dem kapitalistischen Produktionsapparat verliehen wird. Das erzeugte Mehrprodukt eignen sie sich jedoch nicht an, sondern liefern es bei Ende der Fabrikbesetzungen dem Unternehmer aus.
(Christian Riechers, »Antonio Gramsci. Marxismus in Italien«, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanst. 1970, S.63; das Zitat Gramscis stammt aus, Ders., »Philosophie der Praxis«, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 1967, S.65 [»Der Fabrikrat«, in Ordine Nuovo, 5.6.1920])

2.

Wenn Russland eine Orgie der Spezialisierung, der despotischen Arbeitsteilung sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb des Betriebs, ja der Zwangsarbeit veranstaltet, die die kombinierten Arbeiter in die jeweiligen Arbeitslager deportiert, so geschieht dies nicht, weil Stalin ein Schuft ist, sondern weil man nur so die kapitalistische Produktion etablieren kann – zu einer Zeit, in der die Jahrhunderte dauernde Entwicklung von der ersten halb-handwerklichen Manufaktur bis hin zu den automatisierten Monsterbetrieben schon durchlaufen war. Und weil nur so der Kampf gegen die Anarchie der Unternehmen zu führen ist; ein Kampf, der in den staatlichen Bilanzen der UdSSR leicht abzulesen ist.
Der Staatskapitalismus versucht gegen die Anarchie der Produktion vorzugehen, aber da Waren produziert werden und es stets um die Produktionskosten geht, bleibt nur, den Betriebsdespotismus über die Lohnarbeit zu verschärfen.
Dies ist jedenfalls keine sozialistische Verwaltung. Der Sozialismus wird den Arbeiter, folglich den Menschen befreien, und zwar gleichzeitig von der gesellschaftlichen Anarchie und der Ausbeutung im Betrieb, von der Arbeitsteilung und der beruflichen Spezialisierung. Dieser lange Kampf wird in dem Moment beginnen und von den Sektoren ausgehen, in dem wir mit der Geld-/Warenproduktion fertig geworden sind bzw. sie überwunden worden ist.
Vom bellum omnium contra omnes wird man zum Kommunismus kommen, sobald jeder Anreiz zum Wettbewerb aus der Organisation des Lebens verbannt ist.
Denn der Wettbewerb ist der Grund dafür, dass der Unglückselige, der Blut und Wasser schwitzt, um allen zu zeigen, wie groß die Kohlenmenge ist, die an einem Arbeitstag mit der Hacke aus einem Flöz gehauen werden kann, ein nationaler »Held der Arbeit« werden kann – und den jeder Marxist am liebsten mit Fußtritten traktieren würde.
Aber auch darin liegt eine Logik. Die kapitalistische Gesellschaft braucht die Helden der Arbeit. Der Kommunismus wird sie abschaffen.

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1. Mai http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/01/1-mai/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/01/1-mai/#comments Mon, 30 Apr 2012 23:34:10 +0000 ofenschlot Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2012/05/01/1-mai/

Erzählung des Arbeiters Franz K.

Ich bin Bauarbeiter, rot seit 1918, seit 46 nicht mehr so. Ich habe mit der Wismut das Erzgebirge auf den Kopf gestellt, acht Stunden täglich, in Schächten ohne Sicherung, die jeden Tag absaufen konnten. Wer nicht mit dem Schacht absoff, soff ab im Schnaps. Wen der Schnaps nicht fertigmachte, den brachten die Weiber auf den Hund. Es war schwer, sich herauszuhalten: aus den Schächten, aus den Weibern, aus dem Schnaps. Jetzt hat sich das gebessert: die Schächte sind gesichert, und die Weiber sind verheiratet. Hier im Kombinat hab ich mir noch kein Bein ausgerissen. Wenns der Bauleitung zu langsam geht, warum kommt sie nicht zu uns auf die Baustelle? Manchmal schicken sie einen Dispatcher mit Motorrad. Der kommt an in einer Staubwolke, reißt das Maul auf und fährt wieder ab in einer Staubwolke, eh wir zu Wort gekommen sind. Aber in der Versammlung reden sie uns mit Arbeiterklasse an. Wenigstens könnten sie dafür sorgen, daß es keine Wartezeiten gibt. Wir warten auf die Zeichnungen. Wir warten auf Material. Das drückt auf den Lohn. Wir wissen, was wir wert sind und machen nichts umsonst. Eh wir uns bescheißen lassen, bauen wir vor: der Lohn steigt schneller als die Mauern, die Kurve schneller als die Produktion. Die Brigadiere schreiben die Norm, die wir brauchen, und der Polier drückt beide Augen zu. Es ist nicht sein Schaden. Bremer war der erste, der das nicht mitgemacht hat. Er sagte immer wieder: Das ist Betrug. Betrug kommt nicht in Frage. Er hat nicht mitgemacht, nicht für Prügel, die er gekriegt hat, und nicht für Bier, das wir ihm angeboten haben. Er ist rot bis auf die Knochen.

Heiner Müller, zuerst veröffentlicht in dem Stück »Die Korrektur«, Neue Deutsche Literatur, Berlin 5/1958, S. 21-36, hier zitiert nach Heiner Müller, »Werke 2. Die Prosa«, Suhrkamp, Frankfurt 1999, S. 75.

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»Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre.« http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/28/es-wird-nichts-zu-kontrollieren-und-verwalten-da-sein-niemanden-demgegenueber-selbstbestimmung-zu-verlangen-waere/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/28/es-wird-nichts-zu-kontrollieren-und-verwalten-da-sein-niemanden-demgegenueber-selbstbestimmung-zu-verlangen-waere/#comments Sat, 28 Apr 2012 16:36:23 +0000 ofenschlot Allgemein Amadeo Bordiga http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/28/es-wird-nichts-zu-kontrollieren-und-verwalten-da-sein-niemanden-demgegenueber-selbstbestimmung-zu-verlangen-waere/ Selbstbestimmung und Selbstverwaltung stehen unvermindert hoch im Kurs bei radikalen Linken (genauso wie »Basisdemokratie« im Gegensatz zur angeblichen bloß formellen oder bürgerlichen Demokratie). Es grassiert eine regelrechte »Selbst-«Sucht, als ob es nicht auch böse Selbst-Wörter gäbe – die Selbstoptimierung beispielsweise (Management-Jargon!), und von Selbstregierung reden all die Selbstverwalter dann schon nicht mehr so gerne, denn mit »›Regierung« hat man ja so seine Probleme, obwohl die Selbstverwaltung immer auch auf eine Art Regierung abzielt, aber wer denkt schon gerne so weit. Erinnert sei daran, dass die Sache mit dem Selbst, also die Subjektivierung von Politik, die freilich ein die Subjektivierung voraussetzendes übermächtiges Objekt impliziert, mit der Selbstkritik begann, mit jenem erniedrigenden, demütigenden Verfahren, in dem die Opfer Stalins in diesen so unheimlichen Schauprozessen sich zu Tätern erklärten: Im Stande ihrer größten Machtlosigkeit und totalen Isolierung mussten sie sich – selbstkritisch – in die Rolle diabolischer Gegenspieler einfühlen; nie waren sie selbstbewusster als im Moment vor ihrer realen Auslöschung, ein gespenstischer Akt der Selbstbestimmung, den mit für ausländische Prozessbeobachter zutiefst verwirrendem Furor nicht wenige Altbolschewiken vollzogen.1

Die historische Geburt linker Selbst-Sucht ist in den Ritualen der Selbstkritik zu suchen. Ironie der Geschichte, dass das Konstrukt der Selbstbestimmung ausgerechnet bei dezidiert anti-stalinistischen Gruppen aufblühte, namentlich – sprich: am profiliertesten – bei der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie (SouB), deren zentrale Thesen in einem mittlerweile legendären Text von Cornelius Castoriadis unter dem Titel »Über den Inhalt des Sozialismus« niedergelegt wurden2. Amadeo Bordiga, der schon zu Beginn der 50er Jahre in einer ausführliche Essay-Reihe3 sich ebenso gründlich wie sarkastisch mit den rrrrrevolutionären SouB-Ideen auseinandergesetzt hatte4, kam 1957 in dem Referat »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus« noch einmal – abschließend – auf die Franzosen zurück5.

Sagte Marx welches der »Inhalt des Sozialismus« ist? Marx hat eine dermaßen metaphysische Frage nicht beantwortet. Der Inhalt eines Gefäßes kann sowohl Wasser als auch Wein oder eine stinkende Flüssigkeit sein. Als Marxisten können wir uns fragen, welcher historische Prozess zum Sozialismus führt, und können uns auch fragen, welche Verhältnisse zwischen den Menschen »im Sozialismus«, das heißt in der nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, herrschen werden.
Unter beiden Aspekten sind absolut idiotisch die Antworten: Kontrolle über die Produktion in der Fabrik – Verwaltung der Fabrik, oder die andere, die sie oft begleitet: Selbstbestimmung des Proletariats.
Was den historischen Prozess anbelangt, der von einer vollindustriellen kapitalistischen Gesellschaft zum Sozialismus führt, haben wir ihn schon vor einem Jahrhundert beschrieben: Entstehung des Proletariats, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei, Organisation des Proletariats zur herrschenden Klasse. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die Kontrolle und die Leitung der Produktion, aber nicht im Betrieb und nicht durch die Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und durch den von der Klassenpartei geführten Klassenstaat.
Wenn diese Suche nach dem lächerlichen »Inhalt« sich aber auf die vollständig sozialistische Gesellschaft bezieht, verlieren die Formeln Arbeiterkontrolle und Arbeiterverwaltung in noch weiterem Maß jeglichen Sinn. Im Sozialismus gibt es nicht mehr die zwischen Produzenten und Nichtproduzenten gespaltene Gesellschaft, weil es keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn man dieses metaphysische Wort verwenden will) des Sozialismus wird nicht die Selbstbestimmung des Proletariats, wird nicht die proletarische Kontrolle und Verwaltung sein, sondern das Verschwinden des Proletariats; der Lohnarbeit; des Tauschs und auch des am längsten überlebenden: des Tausches zwischen Geld und Arbeitskraft; und schließlich des Betriebs. Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre. Wer solche ideologischen Phrasen gebraucht, zeigt nur seine absolute theoretische und praktische Ohnmacht, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die nicht eine schlechte Nachahmung der bürgerlichen Gesellschaft sei. Sie wollen nur die Autonomie ihrer selbst – gegenüber einer harten Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur. Der ganz junge Marx, noch in den Windeln der hegelschen Formeln – an die solche Leute noch heute glauben – hätte geantwortet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die Autonomie des Bourgeois, ewiges Vorbild des Menschen, findet (siehe »Die jüdische Frage«).

  1. Wolfgang Pohrt ganz richtig über den Zusammenhang von Despotie und Subjektivierung:
    Hitler und Stalin haben es auch gewusst: Nicht das Wort des Führers war Befehl, sondern sein Wille. Und den kannte man halt nicht. Den lernte man erst kennen, wenn es zu spät war. Also kann man sich nie bequem im Sessel zurücklehnen und darauf vertrauen, man habe doch alle Anweisungen befolgt und alles richtig gemacht. Man muss vielmehr permanent versuchen, sich hineinzudenken und hineinzufühlen in den Führer oder in den Markt, man muss versuchen, die Trends zu erschnuppern, und man weiß nie, ob es geklappt hat. Dieses Risiko schärft alle Sinne, es hält einen hellwach. (Aus: Ders., »Kapitalismus Forever«, Berlin 2012: Edition Tiamat, S. 60)
    Eben – Selbstoptimierung. [zurück]
  2. Im Rahmen der bei der Edition AV erscheinenden Castoriadis-Werkausgabe finden sich die Thesen im Band 2.1, »Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus«. Es kursieren auch ältere Übersetzungen. [zurück]
  3. Die wichtigsten Texte sind hier genannt, auf Deutsch liegen vier der genannten fünf vor (und der letzte ist bereits in Vorbereitung): »Die Lehre vom ›Teufel im Leibe‹«; »Vorwärts, Barbaren!«; »Der Froschmäusekrieg«; »Das Geschnatter über die Praxis«. [zurück]
  4. Keine Ironie der Geschichte, sondern eine ermüdende Nachlässigkeit ist es, wenn in einer der wenigen auf Deutsch vorliegenden ausführlichen Arbeiten über SouB zwar brav referiert wird (S.27), dass es eine »bordigistische« Strömung auf Seiten der französischen antistalinistischen Linken gegeben, Bordiga eine, oh la la!, »ungewöhnliche Theorie« vertreten und auch dass »SouB sich zu diesem Zeitpunkt mit ihnen [hier gemeint: sog. »Neobordigisten« ?!] in einem längeren Diskussionsprozeß über die UdSSR, die aktuelle Entwicklung des bürgerlichen und bürokratischen Kapitalismus, das Bewußtsein von Klasse und Partei, die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Gesellschaft sowie revolutionäre Perspektive und aktuelle Aufgaben der Avantgarde verständigt« habe. Aber es ging nicht um »Verständigung«, sondern um Trennung, und was die Punkte der Bordigisten, äh… Neobordigisten bzgl. des »Bewußtseins von Klasse und Partei« (was für ’ne blöde Konstruktion, die sich so nicht bei B. findet!) gewesen waren, dass sie sich um’s Ganze von den SouB-Positionen unterscheiden, erfährt man nicht, nicht mal im Modus der »ungewöhnlichen Theorie«. [zurück]
  5. Zitiert nach einer mutmaßlich verbesserungswürdigen Übersetzung. Die Fettungen stammen aus der Übersetzung, wir können nicht dafür bürgen, dass sie sich auch im Original finden. An diese Grundlagen hat mich der Genosse von Espace Contre Ciment erinnert! [zurück]
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http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/28/es-wird-nichts-zu-kontrollieren-und-verwalten-da-sein-niemanden-demgegenueber-selbstbestimmung-zu-verlangen-waere/feed/
Evolutionäres Verschwinden der Gewalt? http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/26/evolutionaeres-verschwinden-der-gewalt/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/26/evolutionaeres-verschwinden-der-gewalt/#comments Thu, 26 Apr 2012 20:08:44 +0000 ofenschlot Allgemein http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/26/evolutionaeres-verschwinden-der-gewalt/ Letzten Herbst hat das Buch »Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit« von Steven Pinker für – na, jetzt müsste hier die Floskel stehen … für Furore gesorgt. Hat es aber nicht so richtig. Es ist ein gewichtiges Werk, weil er auf den 1200 Seiten eine Irrsinnsmenge an Fakten und Literatur verarbeitet, und es ist auch in einem renommierten Verlag erschienen, die Feuilletons kamen also nicht drum herum. Aber es ist vielleicht ein bisschen heikel, ein Buch abzufeiern und das Pinker-Paradigma auszurufen, wenn man in einer dermaßen rezessionszerfurchten Zeit schreiben muss, in der der big bang, der nächste richtig große Krieg nur eine gescheiterte Währungsrettungskonferenz entfernt liegt. Pinker jedenfalls gibt den knallharten Evolutionstheoretiker der Gewaltlosigkeit, sozusagen eine fröhlich-pragmatische US-Version Norbert Elias’. Herfried Münkler resümmierte in der FAZ:

So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

Dabei könnten auch wir es belassen, hätten wir nicht kürzlich einer Diskussion beigewohnt, in der Pinker von linker Seite aus verteidigt, ja: angepriesen wurde, vor allem als Gegengift für den in der Tat lähmenden Kulturpessimismus (äußert sich bei Linken eher als Geschichtsfatalismus – denn die nächste Dubstep-Party will sich keiner vermiesen lassen). Das Anliegen geht in Ordnung, die spontan geäußerte Kritik – Pinker würde sich nicht um »strukturelle« oder »verinnerlichte« (soll wohl heißen: statistisch nicht erfassbare, aber evidente) Gewalt kümmern – war wenig triftig. Wir haben uns auch ein paar Notizen gemacht – die nicht als Buchbesprechung etc.pp. zu verstehen sind –, weil die Diskussion aber bislang nicht wieder aufgenommen wurde, lagen sie ein paar Wochen auf dem Desktop und werden jetzt hier veröffentlicht.

Das Gegen-Argument zu Pinker ist nicht, dass die Gewalt »verinnerlicht« oder »struktruell« geworden ist, man halst sich damit nur die Probleme auf, was Begriffe wie Verinnerlichung resp. strukturell meinen (sie erklären die Gewalt gerade nicht).
Die Behauptung, dass »wir« immer friedfertiger werden, fängt an zu riechen, wenn man sich die entsprechende Analogie dazu ausmalt: Demnach lebten wir bereits im Sozialismus. Ist doch klar, früher haben die Leute sechs Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet und sind mit 40 oder spätestens 50 an irgendeiner Arbeiterseuche krepiert, von den zwölf Kindern haben auch nur vier überlebt. Heute fängst du erst mit 30 an zu arbeiten, wirst mit 60 in die Frührente geschickt, hast eine 38-Stunden-Woche, vier Wochen Urlaub … und wenn du mal arbeitslos bist, kriegst du Stütze und auch noch staatlich finanzierte Weiterbildungsmaßnahmen angedient.
Also leben wir im Sozialismus! Das würde selbst ein Negrist nicht mal nach der Einnahme krassen Optimismus induzierender Happy-Pills behaupten wollen.
Verhältnisse in ihrem historischen Verlauf zu vergleichen führt meistens zu einem schwerwiegenden Methodenfehler – weil das, was verglichen wird, isoliert wird von seinem realen Zusammenhang. Wenn man vergleicht, dann den Sachverhalt XY nicht mit etwas früherem, sondern man muss die Gesellschaft an ihren eigenen Ansprüchen, ihren eigenen Maßstäben messen. Es hat 1995 in Srebrenica einen planmäßigen Massenmord an 8000 bosnischen Männern durch serbische Milizen gegeben. Für Pinker aus historischer Perspektive wohl eine Petitesse. Ja, früher, da hätten sie nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die Kinder, einfach alle niedergemetzelt, so ungefähr würde die Pinker-Linie aussehen.
Aber: Srebrenica hätte es niemals geben dürfen! Jugoslawien war eine antifaschistische Republik, jahrzehntelang Völkerfreundschaft gepredigt, unglaublich viele »Mischehen« (nicht meine Sprache!), einheitliche Sprachenpolitik, mit einem Wort: hochzivilisiert. Die Frage ist doch nicht, ob früher viel mehr umgebracht worden wären, sondern warum eine Gesellschaft so schnell zerfällt (und sich neu konstituiert – das Srebrenica-Massaker sollte so etwas wie das Gründungsverbrechen der Serbischen Republik von Bosnien sein) und dabei diese Gewalt freisetzt. Um solche Fragen zu klären, muss man eine Gesellschaft an sich selbst messen.1
Um zum vermeintlichen Sozialismus zurück zu kommen: Die Verelendung besteht nicht darin, dass »alles immer schlimmer wird«, sondern dass es keine Garantie gibt, dass nicht alles doch ganz schlimm kommt. Oder andres gesagt: Der Skandal besteht darin, dass vermutlich allein mit den tagtäglich in Deutschland weggeschmissenen Nahrungsmitteln man den Hunger in der Welt ausräumen könnte. Das ist der Maßstab. Oder noch mal anders gesagt: Die Menschen schuften nicht mehr zehn, sondern acht Stunden pro Tag (dafür hat der Kapitalismus 80 Jahre gebraucht…), gemessen am technisch-wissenschaftlich-kommunikativen-kooperativen Stand der Gesellschaft – so wie sie jetzt ist, man muss sich nicht irgendwelche Utopien flüchten! – bräuchte jeder aber nur zwei Stunden zu arbeiten. Nicht bloß in Europa, sondern weltweit. Verelendung ist immer ein qualitativer Begriff, dass man ihn empirisch darstellen kann, heißt nicht, aus der bloßen Empirie eine Tendenz abzuleiten.

  1. Pinker unterlaufen wohl noch mehrere dieser methodischen Fehler, z.B. scheint er Massaker in früheren Zeit so zu bewerten, als wären sie statistisch wie die neuzeitlichen Kriege erfasst, man kann aber nicht mit der Gewissheit über frühere Gewaltherrscher urteilen – etwa über Dschingis Khan – wie man das über Mao oder Hitler kann. [zurück]
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Avantgarde/Elite http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/24/avantgardeelite/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/24/avantgardeelite/#comments Tue, 24 Apr 2012 13:06:20 +0000 ofenschlot Allgemein Fundstücke http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/24/avantgardeelite/ (Nachtrag zum vorherigen Eintrag über das »Anknüpfen an Alltagskämpfen« und der dort implizit enthaltenen Avantgarde-Apologie.)

Eines ist es, von Avantgarde, die im Dienst des Volkes steht oder sich stellen will oder vorgibt sich zu stellen, zu sprechen und ein anderes, von Elite zu sprechen. In der Avantgarde-Metapher steckt ja ein Versprechen, daß es gelingen kann, die Massen mitzureißen. In der Elitekonzeption steckt die Vorstellung – latent natürlich, es muß nicht immer artikuliert werden – einer permanenten Stratifikation, die prinzipiell nicht aufgehoben werden kann. In der Avantgarde-Konzeption scheint mir das Gleichheitsprinzip der Menschen und ein Begriff von Wissen durchzuleuchten oder anvisiert zu sein, der an alle gerichtet ist, eine Katholizität; während die Elite prinzipiell die Unterscheidung, die unübersteigbare Schranke zwischen der großen Masse und den wenigen setzt und gezwungen ist, einen heroisierenden Begriff von Wissenschaft zu postulieren oder unbewußt einzuspielen. (…) Das für mich bis heute noch bedeutendste Dokument, in dem ein Anfang einer neuen Form von Wissen gesetzt werden soll, ist das »System-Fragment« des deutschen Idealismus, von Hegel, Hölderlin und Schelling, wobei ich jetzt die Frage ausschalte, ob es ein Text von Schelling oder ein Text von Hegel oder ein von beiden konzipierter Text ist. Erinnern Sie sich doch, da wird von der »Gleichheit der Geister« gesprochen, von dem Utopikum, daß alle zu erreichen sind von diesem Wissen. Es fällt das Wort von der »Mythologie der Vernunft« – eine Vernunft, die in die Sinnlichkeit herabreicht. Das war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein politisches Programm, auch die Stände zu erreichen, die nur im Sinnlichen sich bewegen. (…) das ist kein Elitepapier, sondern da ist der Begriff von Wissenschaft, der an alle geht, der sich dann vollendet in Hegels »Phänomenologie des Geistes«, die auch den Philosophiebegriff der Neuzeit grundlegend verändert. Wenn ich das Problem auf eine Formel bringen kann: Der klassische Philosophiebegriff – wobei die Unterschiede hier zwischen Plato und Aristoteles und Thomas wegfallen und vielleicht sogar der Anfang der Neuzeit vernachlässigt werden darf – der klassische Philosophiebegriff impliziert die These: Der Weg zur Wahrheit ist schwer, diffizil, und nur wenige können ihn gehen, aber immer gehen. Mit Hegel beginnt ein neuer Begriff der Philosophie: Der Weg zur Wahrheit ist schwer – »Arbeit des Begriffs« ist Arbeit! –, aber am Ende können alle daran teilhaben. Und es ist nicht zufällig, bei aller Differenz zwischen Hegel und Marx, daß es dieser Begriff von Wahrheit ist, die nicht nur in einer Theorie, die nur wenigen bei Muße zugänglich ist, inkarniert bleibt, sondern daß Wahrheit durch die Praxis der Geschichte eine Möglichkeit für alle wird, also Philosophie – das war das Anliegen von Hegel – das Esoterikum verliert.

Aus: »Elite oder Avantgarde? Jacob Taubes im Gespräch mit Wolfert v. Rahden und Norbert Kapferer«, Tumult. Zeitschrift für Verkehrwissenschaft, Nr 4., 1982, S. 64f.1

  1. Taubes antwortet – ablehnend (»Ich kann Ihrer phänomenologisch orientierten Analyse nicht folgen«) auf folgende Ausgangsthese der Interviewer:
    »Gerade in diesem Gewande, im Gewande des Egalitären konnte das Elitäre sich umso wirksamer Bahn brechen, was die Entwicklung der Studentenbewegung selbst dann ja auch verdeutlicht, als die Avantgardekonzeptionen immer freimütiger vertreten wurden bis hin zum postulierten und praktizierten Kaderprinzip, wo die Trennung – gerade auch die organisierte Trennung – zwischen einer elitären Vorhut und den Massen bzw. der Basis schließlich wieder rigoros und mit Nachdruck betont wurde.« [zurück]
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Anknüpfen macht auch nicht immer schöner http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/20/anknuepfen-macht-auch-nicht-immer-schoener/ http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/20/anknuepfen-macht-auch-nicht-immer-schoener/#comments Fri, 20 Apr 2012 20:33:07 +0000 ofenschlot Allgemein http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/20/anknuepfen-macht-auch-nicht-immer-schoener/ In der Jungle World gibt es eine Diskussion über die aktuellen Krisenproteste (sogenannten Krisenproteste, well). Ein Text aus der Disko-Serie hat Anlass zum Weiterdenken gegeben: Peter Nowak forderte in der Ausgabe vom 12. April »Zurück zu den Alltagskämpfen«, und die zentrale Passage Nowaks scheint mir diese zu sein:

Wenn die Parole, die Symbolik hinter sich zu lassen, ernst gemeint ist, müsste man die Alltagskämpfe am Arbeitsplatz, im Jobcenter, an der Universität oder im Stadtteil zum Ausgangspunkt der Proteste machen. Die Großdemonstration wäre dann nur das Forum, auf dem sich die Menschen mit ihren jeweiligen Protesten präsentieren, sich koordinieren, aber auch voneinander lernen können.

Abgesehen davon, dass es ein bisschen weltfremd ist, eine »Großdemonstration« zu einem Ort zu deklarieren, wo Menschen »sich koordinieren« – eine Demo ist gerade kein Forum, wo gegrübelt wird, sondern man zeigt sich der Welt; die Koordination fand vorher statt –, ist es auch nur ein Postulat, das er formuliert, und er sollte, wenn ich seine Autorentätigkeit richtig verfolgt habe, es besser wissen. Wenn … dann … müsste. Wenn ich es ernst meine, dass ich mit dem Auto in den Urlaub fahren will, dann muss ich vorher den Führerschein gemacht haben. Naja.
Jede linke Agitation, jede Kampagne von radikalen Gruppen ist doch nur dann von Relevanz – soll heißen: bleibt über den unmittelbaren Anlass hinaus etwas länger im Gedächtnis – wenn sie an Alltagskämpfen anknüpft. Das ist doch eine so grundlegende Praxis- und Erkenntnisbedingung, dass ich mich wundere, wenn sie überhaupt noch mal formuliert wird.1 Das Anknüpfen an reale Konflikte vor Ort ist Voraussetzung – nicht das Rätsel. Die Fragestellung müsste einen Schritt weitergehen: Wieso geht das häufig so furchtbar schief, wenn an »Alltagskämpfe«2 angeknüpft wird – und was geht da schief? Nur daraus können die Konsequenzen bestimmt werden.
Das Interessante ist doch, dass Nowak – wie übrigens viele Linke – offensichtlich etwas grundlegend verdrängt: Die Linke hatte erst kürzlich, sozusagen: gestern, großen Erfolg mit dem »Anknüpfen« gehabt. Genauer gesagt: DIE LINKE, also die Partei bzw. das, was dann zur Partei wurde. Denn woraus ist dieser West-Aufschwung, dieser Durchbruch zu erklären? Aus der Anti-Hartz-Bewegung 2004, aus den Agenda-Gesetzen 2003, aus den unterschiedlichen Wellen der neoliberalen Bildungsreform. Es sind drei Gruppen gewesen, die den Durchbruch resp. die erfolgreiche Linksabspaltung von der SPD möglich gemacht hatten: 1. Frustrierte Betriebsräte, die die Erosion der Sozialpartnerschaft in ihren Betrieben durchlitten und sich an der Nibelungentreue der Gewerkschaften zur SPD aufgerieben hatten – ein gewerkschaftlicher Mittelbau, der von der Bürokratie in regelrecht verheizt wurde und der noch basisnah genug war/ist, um die – diffuse, gewiss – Wut von unten zu spüren. 2. Anti-Hartz-Aktivistinnen und -Aktivisten, Leute aus der Arbeitslosenbewegung. 3. Ein akademisches Prekariat, das die Trostlosigkeit der Bildungsreformen, die Verhunzung von Forschung & Lehre frontal zu spüren bekommen hat.
Da haben wir drei Alltagskonflikte, dreimal Anknüpfen – und schließlich eine bundesweite Koordination. Natürlich kann man a priori sagen: Wenn es schon eine Partei sein muss, dann sollen sich die Leute nicht weiter wundern, dass es so schief geht, die Parteiform ist doch per se des Teufels. Aber man muss schon genauer hingucken, um dahinter zu kommen, was da kaputt gemacht worden ist. Es ist offensichtlich, dass die Partei die Anti-Hartz’ler als Mobilisierungstruppen verheizt hat und das die Leute selber in der West-LINKEN keine Rolle mehr spielen, alle Forderungen aus dieser Bewegung, die, wie verkrümmt auch immer, Ansätze zu einer radikalen Kritik der (Lohn-)Arbeit enthielten, kommen nicht mehr vor. Die Partei stützt sich auf das Protestreservoir, das – im Hinblick auf Wahlkampagnen und Parlamentsarbeit, sicher auch auf zukünftige Koalitionen – am stabilsten und berechenbarsten erscheint: das Gewerkschaftsmilieu (dementsprechend der Aufstieg von Klaus Ernst zum Parteichef); die Akademikerinnen und Akademiker dienen eher dazu, so etwas wie eine neoliberal-kritische Diskurshegemonie vorzubereiten, sind also für den Parteiapparat nicht unmittelbar zentral und dürfen sich auf Kosten der RLS austoben. Wir haben also drei Gruppen: die einen sind an Gegenmacht im Betrieb interessiert, an einem neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Kapital und Arbeit, der »der Arbeit« wieder mehr Rechte einräumt; die zweiten haben als Aussortierte sicherlich die radikalste Perspektive, sind gewillt, sich in Kampagnen und Mobilisierungen besonders engagiert reinzuhängen; die dritten leiden darunter, dass sie ihr akkumuliertes Wissen nicht adäquat einsetzen können, sie sind die frustrierte Bildungselite, bereit zum, naja, vorsichtigen Klassenverrat. Die übergreifende Organisationsform ist die der Partei, genauer: des neuen Westflügels einer bereits existierenden Partei, und übernimmt damit nolens volens alle Voraussetzungen, um als solche anerkannt zu werden: Akzeptanz demokratischer Institutionen; Teilnahme an den vorgeschriebenen politischen Willensbildungsprozessen; Vorrang von Wahl(kampagn)en. Alles, was heterogen ist, wird dem untergeordnet, alles Radikale darf allein als Mobilisierungstreibstoff vorkommen.
Die Linkspartei interessiert mich nicht, aber die Absorption von Bewegungsenergie. Es ist einfach zu sagen: Es hat so kommen müssen. Natürlich hat es so kommen müssen. Aber die Bewegungen »von unten«, aus denen die Westlinke entstanden ist, waren real, und dass betriebliche Interessen – also Interessen von Lohnabhängigen in sog. Normalarbeitsverhältnissen – gegen die Bedürfnisse des Prekariats gleichsam verrechnet werden, ist nicht selbstverständlich. Aber wieso ist das gelungen? Und was hätte dagegen unternommen werden müssen? Wo gibt es die Spaltungen von oben – etwa die Behauptung, Arbeiterinteressen sind von denen der Prekarisierten erst mal unterschieden und darin auch höherwertig? Wo hätte die radikale Linke die Spaltung von unten betreiben müssen?
Über sowas müsste man diskutieren, was ein Interesse an Geschichte voraussetzt (und auch ein Interesse an der Klärung der Frage, wieso Geschichte so häufig verdrängt wird – und sei es diejenige unserer unmittelbaren Gegenwart), aber auch an kompromissloser Analyse – wieso will z.B. die FAU unbedingt Gewerkschaft spielen? Wieso artikuliert sich deren Kritik am DGB ausschließlich als Bürokratiekritik, aber nicht als eine der Form? Klar – weil diese dann auch die FAU selber miteinschließen müsste.
Zum Schiefgehen: Das liegt am Vermittlungswahn. »Wie kriegen wir das alles unter einen Hut?«. Linke denken endlos darüber nach. Ja, wie geht das wohl alles zusammen, die Kämpfe der einen und die Kämpfe der anderen? Eigentlich kann man da nur sagen: lasst es. Nicht vermitteln, sondern radikalisieren. Das zeigt die Geschichte: Wenn sich die amerikanische Arbeitslosenbewegung in den 30er Jahren auf die »offiziellen« Organisationen und Gewerkschaften verlassen hätte und eben nicht allein losmarschiert wäre, wäre es Essig gewesen. Die Radikalität einer Bewegung, kann die gesamte mitreißen, die Aktion eines Teils der Klasse kann für die ganze stehen – das ist die Wahrheit, oder kleiner gehangen: der historische Sinn der Avantgarde, die man nicht mit Elite verwechseln darf. Die schwarzen Arbeiter, die sich 1968 in Detroit in eigenen Organisationen versammelt haben, taten das nicht aus Separatismus und Black-Panther-Nationalismus, sondern um die Klassenkämpfe insgesamt voranzubringen, und zwar über die Artikulation ihrer Bedürfnisse. Die unabhängige Organisierung kommunistischer Feministinnen intendierte nicht die Entdeckung weiblicher Differenz (das kam später und ist schon als Backlash zu verstehen), sondern war notwendiger Ausdruck der Selbstbehauptung. Der Klassenkampf bringt durchaus das Element der Besonderung und Abspaltung hervor – muss es hervorbringen, um nicht eingemeindet, befriedet zu werden.
Und das Mittel der Radikalisierung? Hat mal jemand so auf den Punkt gebracht: »Proletarier gegen Bourgeois ist eine Formel, um die gegenwärtige Gesellschaft marxistisch zu beschreiben, nicht eine marxistische Formel der Revolution; die richtige heißt: Kommunismus gegen Kapitalismus.«3

  1. Jede Stadtteil-Aktivistin weiß, dass die Leute in ihrer Nachbarschaft, die die Schriften, also die theoretisch-historischen Selbstverständigungen, ihrer Heimatorganisation lesen, schreiend davon laufen müssten. Wenn die Aktivisten, na, Respektsperson sein sollen, Gestalten, auf die Verlass ist, dann weil sie sich auf das, was bei ihnen im Quartier passiert, einlassen, weil sie immerhin gelernt haben, die Leute nicht gleich mit Zizek-Gefuchtel zu nerven, sondern zuhören können. [zurück]
  2. Gibt es eigentlich nicht-alltägliche Kämpfe? Wenn ich gegen AKWs kämpfe, dann doch weil die Gefahr alltäglich ist! [zurück]
  3. Oder Lenin in »Staat und Revolution«:

    Wer NUR den Klassenkampf anerkennt, ist noch kein Marxist, er kann noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben sein. Den Marxismus auf die Lehre vom Klassenkampf beschränken, heißt den Marxismus stutzen, ihn entstellen, ihn auf das reduzieren, was für die Bourgeoisie annehmbar ist. Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der DIKTATUR DES PROLETARIATS ERSTRECKT. Hierin besteht der tiefste Unterschied des Marxisten vom durchschnittlichen Klein- (und auch Groß-) Bourgeois. Das muß der Prüfstein für das WIRKLICHE Verstehen und Anerkennen des Marxismus sein.

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