Archiv der Kategorie 'Prosa des Lebens'

Prosa des Lebens #8

Have you ever had somebody you idolized or looked up to as an artist?

Can‘t think of anybody, other than the fact that I thought Van Gogh was excellent.

How about in music?

Never in music I never have. A hero in music. No, fortunately.

So you didn‘t listen to like Delta blues and free jazz and stuff before you started to-

Not really. . . I met Eric Dolphy. He was a nice guy, but it was real limited to me, like bliddle-liddle-diddlenopdedit-bop, „I came a long way from St. Louie,“ like Ornette, you know. It didn‘t move me.

Dolphy didn‘t MOVE you?

Well, he moved me, but he didn‘t move me as much as a goose, say. Now that could be a hero, a gander goose could definitely be a hero, the way they blow their heart out for nothing like that.

Cpt. Beefheart
Don van Vliet aka Captain Beefheart (15.11.1941 — 17.12.2010)

Prosa des Lebens #7

Der auffälligste Typ in der Montage war Achille, ein 45jähriger Sarde.
Meine Beziehung zu ihm war Anfangs sehr kompliziert, und irgendwann einmal kam es zum großen Krach. In einer wilden Auseinandersetzung schrie er mich an, ich solle doch zur Universität zurückgehen, dort gehöre ich ja hin. Unmittelbarer Anlaß des Konflikts war eine Meinungsverschiedenheit bei einem ganz konkreten gewerkschaftlichen Problem. Die wirklichen Motive lagen aber tiefer, lagen in unserem grundsätzlich verschiedenen Verhalten im Betrieb: Die politische Linie und ihre Prinzipien, die ich überdenken wollte, stellten für Achille Werte dar, die man kompromißlos verteidigen mußte, wollte man seine Geschichte und Identität nicht verraten.
Achille hatte bei den Quaderni rossi gearbeitet und gehörte 1969 zu den ersten Arbeitern bei Lotta continua. Es gefiel ihm nicht, daß Lotta continua von Studenten organisiert wurde, die seiner Ansicht nach von Arbeiterproblemen nicht viel verstehen konnten. Zusammen mit einer Gruppe von Arbeitern organisierte er deshalb eine harte interne Auseinandersetzung. Die Folge war, daß Lotta continua ihn unter der infamen Beschuldigung, er sei ein Provokateur oder ein Spitzel, ausschloß. Ich glaube, niemand von denen, die für diese Entscheidung verantwortlich waren, hat sich jemals bei ihm entschuldigt, und darunter leidet er noch heute. Vor einiger Zeit wollte ich mit ihm darüber ein Interview machen und es Lotta continua zur Veröffentlichung vorschlagen. Als ich ihm von meiner Idee erzählte, merkte ich jedoch, daß für ihn noch eine offene und schmerzhafte Wunde war, was für mich nur eine Episode darstellte, deren Diskussion in einer Phase der selbstkritischen Reflexion hätte sinnvoll sein können. So verzichtete ich darauf.
Ein Beobachter von außen würde in Achille wahrscheinlich den klassischen Arbeiter der extremen Linken sehen: Kompromißlos bei jedem betrieblichen Problem, grundsätzlich für jede maximale Lohnforderung und die radikalsten Kampfformen, immer bereit, alle Widersprüche, auch die unter den Arbeitern, antagonistisch zusehen. Und in der Tat: Teilweise entspricht er diesem Bild wirklich – es ist ein Teil seines Lebens. Gleichzeitig ist er aber auch ein Arbeiter alten Stils, ungeheuer pflichtbewußt: So sehr, daß der Chef noch nie etwas an seiner Arbeit auszusetzen hatte. Er läßt sich selten krankschreiben, kann den Tag seiner Rente kaum erwarten und sehnt sich furchtbar nach Sardinien: In Turin ist er fest in eine sardische community integriert, zu der auch seine Familie und seine engsten Freunde gehören.
Vor einiger Zeit war ich bei seiner Hochzeit. Nie werde ich diese Szene vergessen: Dieser harte, kämpferische Mann war verlegen, ganz durcheinander und voller Rührung, unter all diesen Freunden und Landsleuten, die liebevoll und zugleich voller Respekt mit ihm umgingen. Ich erinnere mich auch genau (hoffentlich nimmt er es mir nicht übel, wenn ich es hier erzähle!), wie er, der ein überzeugter Atheist war, bei der Trauung an der Kommunion teilnahm – ein Akt der Hochachtung vor den schon ins Alter gekommenen Eltern seiner Frau.
Pietro Marcenaro, 1980

(aus: Ders., »Tempo, Tempo. Dialog über die Zukunft der Arbeit« (mit Vittorio Foa), Berlin 1982)

Prosa des Lebens #6

Er kannte eigentlich nur den Marxismus. Selbst Hegel nur vom Hörensagen. Ziemlich am Anfang meiner – wie soll ich es nennen: Bekanntschaft ist viel zuwenig, Freundschaft viel zuviel – hatte er so eine Bemerkung gemacht über Hegel als »Idealist«. Er benutzte diese Schablonenwörter ziemlich ungeniert. Daß Hegel »gar nicht in Frage komme«, und wenn man daneben Marx lese, dann sehe man, »welch ungeheure Kraft« das sei. Als ich das nächste Mal zu ihm kam, erklärte ich ihm: »Ich habe einen Text von Hegel und einen Text von Marx zum Vorlesen mitgebracht; ich werde das in chronologischer Reihenfolge tun, also mit Hegel anfangen.« Las aber Marx. Er fing an, zu höhnen. Dann las ich Hegel vor und behauptete, der Text sei von Marx. Er war ungeheuer angetan. Nun, schon in der damaligen Zeit, obwohl er erst ein Mittdreißiger war, war Brecht daran gewöhnt, gefeiert und vergöttert zu werden. Auch Männer behandelten ihn so, als seien sie Frauen. Was ich da getan, war eine Frechheit, die ihm noch nie vorgekommen war (die aber gar nicht unbrechtisch war). Als ich ihm meinen Trick gestand, schmiß er mich raus.

Prosa des Lebens #5

Duerr: In der Geschichte gibt es nie ein Zurück. Aber es ist doch naiv anzunehmen, moderne Gesellschaften seien in der Lage, alle und gerade die existentiellen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Die Ideologen der Aufklärung behaupten ja stur, daß der fortschreitende Erkenntnisprozeß der Wissenschaft dazu beiträgt, den Menschen ein beschwerde- und angstfreieres Dasein zu bescheren. Und daß sie es deshalb nicht mehr nötig hätten, Dämonen und Geister zu fürchten und zu bannen.

SPIEGEL: Was spricht dagegen?

Das ist ein fundamentaler Irrtum. Zivilisationsforscher wie Norbert Elias reden uns gern ein, daß die Menschen in archaischen Gesellschaften in ständiger Angst und Unsicherheit lebten. Um ihre Furcht zu kompensieren, hätten sie Geister, Werwölfe und magische Rituale erfunden. Unsinn, denn diese Altvorderen waren ihrer Umgebung perfekt angepaßt. Ihnen fehlte nichts, jedenfalls nichts, was wir ihnen zu bieten hätten. Ihre magischen Rituale dienten bestimmten Zwecken – etwa, die Tierwelt zu regenerieren oder eine verlorene Seele zurückzuholen. Das war kein fauler Zauber.

Was unterscheidet ihn von unserem Mode-Schamanismus?

Die Esoterik existiert weitgehend losgelöst vom Alltag der Menschen. Sie können an Elfen, Kobolde oder sonstwelches übersinnliche Personal glauben und trotzdem als Manager oder Frauenbeauftragte ganz normal funktionieren. Deshalb wird Esoterik – im Gegensatz zur politisch suspekten Scientology-Sekte – auch toleriert. Sie können noch so viele Schamanenkurse besuchen, Sie werden wahrscheinlich sogar ekstatische Erlebnisse verbuchen können, aber Sie werden nie ein Schamane. Denn der hatte einen sozialen Auftrag, er war, oft gegen seinen Willen, erwählt worden. Für ihn war das kein Schnickschnack, er wollte nicht irgendwohin fliehen oder, wie wir, das ganz andere erleben.

Also bleibt jedes esoterische Treiben letztlich völlig folgenlos.

Ja, jedenfalls für die Gesellschaft. Eine Bewegung, die primär auf die Veränderung des Bewußtseins abzielt, kann nie revolutionär sein. Häufig will sie ihren Adepten, ähnlich wie der Buddhismus, nur eine „innere Freiheit“ verschaffen. Man kann die New-Age-Bewegung nicht einmal als zivilisationskritisch bezeichnen. Viele ihrer Gurus lehren, daß die „höheren Bewußtseinsstufen“ einem dabei helfen, ein reibungsloses Rädchen der Zivilisationsmaschine zu werden.

Wir erinnern uns: Das Sein bestimmt das Bewußtsein.

Der wichtigste Satz, den Marx jemals geschrieben hat. Alle Ideologien, die meinen, das Bewußtsein bestimme das Leben einer Gesellschaft, kann man vergessen. Daran glauben nur luxusverliebte Mittelstandsbürger, die es sich leisten können, Bewußtseinsspielchen zu treiben.

Kurzum: Esoterik ist ein völlig nutzloser Zeitvertreib?

Falsch. Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte. Vor etlichen Jahren ging ich mit einem Freund zum Tauchen auf einer fernen Insel an den Strand. Unterwegs sahen wir einen prächtigen Baum, und ich sagte: „Was für ein herrliches Gewächs.“ Da ahnte ich noch nicht, daß in diesem Geäst eine Nymphe wohnte, die sich von meinem Lob außerordentlich geschmeichelt fühlte.

Was passierte dann?

Wir hatten ungefähr zwei Stunden getaucht, als ich plötzlich in beiden Beinen schwere Krämpfe bekam und hilflos im Wasser trieb. Mein Leben lief wie ein Film an mir vorüber, und ich dachte: Das war‘’s wohl. Doch mit einem Mal spürte ich festen Grund unter den Füßen: Ein Wunder war geschehen, ich stand auf einer Koralle und war gerettet.

Welche Zauberkraft hat da eingegriffen?

Ist mir namentlich bekannt. Die Einheimischen haben mir hinterher alles erklärt: In dem Riff hausen rothaarige Wassernixen, die ganz scharf darauf sind, Männer zu schnappen und im Liebesrausch zu ertränken. Die verliebte Baumnymphe habe gerade noch rechtzeitig spitzbekommen, daß die tückische Konkurrenz sich an mir zu schaffen machte, und ließ flugs eine Koralle wachsen.

Was haben Sie daraus gelernt?

Das Erstaunliche ist: Ich glaube weder an Nymphen noch an Sirenen, auch wenn ich‘’s gerne täte, und trotzdem hat mir diese Erzählung geholfen, mit dem traumatischen Ereignis fertig zu werden. Ich habe mich in dieser liebevollen Legende aufgehoben gefühlt.

Sie fühlten sich besser betreut als von einem Psychologen oder irgendeinem Wissenschaftler?

In der Tat. Die Wissenschaftler tun oft so, als hätten sie den Königsweg zur Wirklichkeit gepachtet. Dabei haben sie meist keine bessere, sondern lediglich eine lieblosere Einstellung zu den Dingen. Als einmal ein Psychologe ein Mädchen, das seine Puppe herzte und küßte, darauf hinwies, daß die Puppe doch gar nicht lebe, entgegnete das Kind empört: „Ja, weißt du denn nicht, wie sehr ich sie liebhabe?“ Viele Wissenschaftler, die ich kenne, sind schrecklich gefühllos, fade und steif – stiff to everyone but the ladies, wie die Engländer sagen.

Prosa des Lebens #4

Wir haben schon weiter oben den Unterschied aufgezeigt zwischen der falschen These, wonach sich in jeder Epoche die gegensätzlichen Interessen der Klassen in gegensätzlichen Theorien der Klassenmitglieder spiegeln, und der richtigen These, wonach in jeder Epoche die beherrschte Klasse dazu neigt, sich zum den Interessen der herrschenden Klasse entsprechenden theoretischen System zu bekennen. Sklave im Fleische, Sklave im Geiste. Der alte bürgerliche Schwindel besteht eben darin, mit der Befreiung des Geistes beginnen zu wollen, was zu nichts führt und die Nutznießer der sozialen Privilegien nichts kostet; was zuerst befreit werden muss, sind die Leiber.

So ist es auch bezüglich des Bewusstseins falsch, die deterministische Reihenfolge wie folgt zu setzen: machtvolle ökonomische Ursachen – Klassenbewusstsein – Klassenkampf. Die Reihenfolge ist hingegen: bestimmende ökonomische Ursachen – Klassenkampf – Klassenbewusstsein. Das Bewusstsein kommt zum Schluss und im Allgemein erst nach dem schließlichen Sieg. Das ökonomische Bedürfnis bündelt den Druck und die Kraftanspannung all derjenigen, die durch die von einer bestimmten Produktionsweise kristallisierten Formen unterdrückt und erstickt werden; sie reagieren, schlagen um sich und wagen den Sturm auf die Festungen des Systems; im Laufe dieser Zusammenstöße und Kämpfe verstehen sie immer besser deren allgemeine Bedingungen, die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Kampfes, und das Programm der kämpfenden Klasse schält sich deutlich heraus.

Seit Jahrzehnten wird uns entgegnet, eine Revolution der Unbewussten zu wollen.

Wir könnten antworten, dass es uns überhaupt nicht verdrießt, wenn die Schläge auch von denen versetzt werden, die sich des Kampfausgangs noch nicht bewusst sind, Hauptsache, die Revolution zertrümmert den Berg von Niedertracht und Schäbigkeit, den das bürgerliche Regime errichtet hat und zerbricht den Höllenkreis seiner Institutionen, die das Leben der Arbeitermassen erdrücken und aussaugen.