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Weird and Wonderful Tales of Modern Social Decadence

Die Existenz einer bewaffneten Bevölkerung von Negern, die das von kriminellen Schandtaten befleckte Land besetzt halten, ist ein schauriges Schauspiel für alle weißen Nationen.

Charles Talleyand, französischer Außenminister, an den us-amerikanischen Staatssekretär James Madison, 1805 (ein Jahr zuvor war die Halbinsel nach einem für damalige Verhältnisse schier unfassbar blutigen Befreiungskrieg unabhängig geworden).

Man kann in Haiti auch als völlig unpolitischer Mensch nicht umhin, von den Veränderungen Notiz zu nehmen, die der durch die wohlwollende Intervention der Vereinigten Staaten etwas gewaltsam zur Geltung gebrachte amerikanische Einfluss bewirkt hat. Die konstruktiven Reformen sind ja bei uns im Norden oft genug rühmend erwähnt worden – die neuangelegten Straßen, die Kanalisation, die Hospitäler, die hygienischen Maßnahmen, die Stabilisierung der Währung, die Belebung der Wirtschaft und die Sicherung der Ruhe und Ordnung. Aber man glaube ja nicht, dass wir Amerikaner nichts weiter als krasse Materialisten sind. Der allerbemerkenswerteste Erfolg unserer Erziehungsmethoden ist ein rein ideeller. Er besteht darin, dass es uns mit vieler Mühe gelungen ist, den oberen Klassen der Haitianer so etwas wie Rassenbewusstsein beizubringen. Man muss nämlich wissen, dass diese haitianischen Städter in den mehr als hundert Jahren, in denen sie als Herren im Lande schalten und walten durften, nicht nur reich geworden waren, sondern sich auch Kultur, eine eigene Literatur und eine aristokratische Tradition zugelegt hatten. So kam es, dass sie in ihrem überheblichen Selbstbewusstsein ganz vergaßen, dass die Neger nach der göttlichen Weltordnung eigentlich eine untergeordnete Rasse sind und zu bleiben haben. Eine der schwierigsten Aufgaben der amerikanischen Okkupation bestand darin, den Haitianern dies klarzumachen. Es erwies sich deshalb als so überaus schwierig, weil diese Nigger sich sehr halsstarrig zeigten und durchaus nicht eines Besseren belehren lassen wollten. Zudem wurde das Problem noch dadurch kompliziert, das es unter den Amerikanern einige wenige, aber einflussreiche Leute gab, die es für richtig hielten, die Haitianer ganz so zu behandeln, als ob es Weiße wären.

William Seabrook (Ethnologe aus den USA, 1886-1945), »Geheimnisvolles Haiti«, Berlin 1931, S.27.
»Geheimnisvolles Haiti«galt Jahrzehnte als das Standardwerk der populären resp. Alltagskultur der Haitianer und als gelungenste Annäherung an die Voodoo-Riten. Werke, die ohne den — offensichtlich nie verhehlten – rassistischen Subtext auskommen, »The Divine Horsemen« von Maya Deren oder Alfred Metrauxs »Voodoo in Haiti«, standen, auch hierzulande, im Schatten von Seabrooks Machwerk. Es wurde 1982 von Matthes & Seitz neu aufgelegt, während die Deren erst 1992 und der Metraux noch einmal zwei Jahre später übersetzt wurden.
Der letzte Satz in Seabrooks Zitat könnte eine Anspielung auf die National Association for the Advancement of the Colored People sein, die vehement gegen die andauernde Okkupation agitierte.
Die Intervention amerikanischer Streikträfte (1915, Ende der Besatzung: 1934), die offiziell auf extrem chaotische Regierungsverhältnisse reagierte und zu Beginn von nicht wenigen Haitianern begrüßt wurde, war der Auftakt einer brutalen Kapitalisierungswelle: Zerstörung der einheimischen Flora und Fauna um neue, riesige Plantagensystem zu schaffen, Aufbau einer dementsprechenden Infrastruktur (Verkehrswege, Kanalisation), die unter dem Einsatz massivster Zwangsarbeit realisiert wurde (wobei sich die Okkupatoren eines Ausnahmeparagraphens der haitianischen Verfassung bedienten), brutale Verfolgung und Nidermetzelung aller Aufstandsversuche, Änderung der ursprünglichen haitianischen Verfassung, die den Verkauf von Land an Ausländer verbot.

Erinnerung an die Schönheit der Revolution [Die Linie Rimbaud-Breton-Haiti]

[1944] hatte Aimé Césaire Haiti besucht, dessen Intelektuelle sich unter dem Druck der US-Okkupation auf ihre afrikanischen Wurzeln besannen: Mit seinem poetischen Manifest Cahier d‘un retour au pays natal rannte der Dichter der Négritude bei haitianischen Intellektuellen offene Türen ein. Damit war der Boden bereitet für den Auftritt von André Breton, dessen Vortrag über die surrealistsiche Revolution in Haiti wie eine Bombe einschlug, und dies nicht nur im übertragenen Sinn.
Die High-Society der Hauptstadt, einschließlich des Staatschefs Elie Lescot, versammelte sich am 20. Dezember 1945 im Cinéma Rex, schräg gegenüber vom Präsidentenpalast, um dem Wortführer des Surrealismus zu applaudieren, von dem man allerhand Wunderdinge erzählte. Das Grußwort des Ethnologen Pierre Mabille, Kulturattaché aus dem von deutscher Besatzung befreiten Frankreich, legte die Lunte an die Zändschnur, die im Kinosaal glomm: „Ich möchte Sie hinweisen auf die Kompromißlosigkeit im Leben von André Breton. Seine entschiedende Ablehnung jeder Art von Opportunismus ist unter Literaten eine Seltenheit. Junge Menschen aus aller Welt werden von Bretons Magnetismus angezogen, weil sie sein Unbehagen teilen angesichts der von außen aufoktroyierten Bedingungen ihrer Existenz.“
Damit war der Grundton angeschlagen, der in Haiti auf einen breiten Resonanzboden traf, der der vom Wohlwollen Washingtons abhängige Präsident Lescot war extrem unpopulär, und das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Hoffnungen auf tiefgreifende Veränderungen geweckt. Die Minister und ranghohen Militärs trauten ihren Augen und Ohren nicht, als breton, statt über die Rolle der Latinität oder ein ähnlich unverfängliches Thema zu sprechen, unter Berufung auf Rimbaud zur Entreglung und Entrieglung der Sinne aufrief, ohne zu bedenken, daß man in Haiti seine Parolen vom Kampf gegen Doppelmoral und Heuchelei wörtlich nehmen würde.
Das Publikum trampelte mit den Füßen, johlte und pfiff, der Kinosaal wurde zum Tribunal, und der Staatschef mußte unter Polizeischutz zum Ausgang geleitet werden. Am nächsten Tag verbot die Regierung die dem Surrealismus gewidmete Sondernummer der Literaturzeitschrift La Ruche (Bienenwabe), André Breton wurde zur Persona non grata erklärt, und der Herausgeber der Zeitschrift, der junge Dichter René Depestre, wurde ins Gefängnis gesteckt. Daraufhin traten Schüler und Studenten in den Streik, die Arbeiter der Zuckerindustrie und der staatlichen Zementfabrik schlossen sich ihnen an, die Botschafter Frankreichs und der USA forderten Depestres, und im Januar 1946 legte ein Generalstreik Haiti lahm.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde René Depestre im Triumphzug durch die Straßen getragen, und ohne sein Zutun fand der junge Dichter sich an der Spitze einer Massenbewegung wieder, die Präsident Lescot zum Rücktitt zwang. Sein Nachfolger Estimé wies Depestre als Aufwiegler und Unruhestifter nach Frankreich aus, wo die Mandarine von Paris ihn mit offenen Armen empfingen. Unter dem Einfluß von Aimé Cesaire sagte René Depestre sich später vom Surrealismus los und trat in die Kommunistische Partei ein, die ihn als Neger vom Dienst auf internationalen Friedenskongressen herumreichte …

Aus: Hans Christoph Buch, Tanzende Schatten oder der Zombie bin ich. Romanessay, Frankfurt/M: Eichborn, 2004, S. 73ff.
Breton bezeichnetze diese Schockwellen als einzige surrealistische Revolution, die den Namen wirklich verdient.

Mit diesem Fundstück beginnen wir eine lose Reihe von unsystematischen Einträgen, in denen Haiti als Ort genuin revolutionärer Konflikte im Mittelpunkt steht. Anlass ist die deutschsprachige Veröffentlichung von Susan Buck-Morss‘ bahnbrechender Studie Hegel und Haiti sowie der anstehende 220. Jahrestag des großen Sklavenaufstands (21.8.1791), der die in der Unabhängigkeit der französischen Kolonie gipfelnde Revolution einleitete.
Frühere Haiti-Einträge finden sich hier und hier.

Ruhe und Ordnung auf Haiti – eine Erfolgsgeschichte

Jetzt regiert also die Cholera auf Haiti. Die Menschen sind in Panik, manche haben sogar eine Klinik, die Cholera-Patienten pflegt, angegriffen, weil sie die Klinik als Herd weiterer Erkrankungen vermuten. Dass die Cholera um sich greift liegt an den immer noch katastrophalen hygienischen Zuständen (zehn Monate nach dem Erdbeben!). Zudem sind die vielen Unterernährten und HIV-Infizierten zu schwach, als dass ihr Körper sich überhaupt gegen die Cholera wehren könnte.
Was ist da schief gelaufen?, ist die Frage, die nun wieder die periodisch aufwallende Haiti-Berichterstattung beherrscht. Die Frage kennt man auch aus den Reportagen zum Halbjahrestag des verheerenden Erdebebens, die registrieren mussten, wie wenig an Wiederaufbau bislang passiert ist. Oder aus einer Rede Bill Clintons in Port-au-Prince, als er schnelle, unbürokratische Hilfe und einen zügigen (auch politischen) Wiederaufbau versprach und sich verdruckst für die neoliberale Handelspolitik entschuldigte, die Haiti bereits in den Jahren vor dem Erdbeben regelrecht verwüstete1.
Ja, was läuft da schief – in einem Land von der Größe Brandenburgs, das seit 2004 de facto ein Protektorat der UN ist und das nach dem Erdbeben u.a. von 14.000 US-Soldaten geflutet wurde? Wie ist es angesichts dieser geballten Militärkraft (die doch wohl die Rettungsaktionen und die Wiederaufbaumaßnahmen wenn nicht selbst durchführen, so doch zumindest flankieren müssten) möglich, dass so wenig passiert?
Die Frage ist falsch gestellt. Es passiert doch tatsächlich eine Menge, ja, vielleicht das Wichtigste, was die westliche Welt so zu bieten hat: die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Von dieser Friedhofsstille wusste zum Beispiel Kevin Pina, Regisseur des Dokumentarfilms »Haiti. We must kill the bandits« (2007), zu berichten, als er auf die Rolle der lateinamerikanischen UN-Soldaten des MINUSTAH-Einsatzes (Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti) einging:

Es gibt eine direkte Parallele zwischen der militärischen Taktik, die UN-Truppen unter dem Kommando brasilianische Generäle in Haiti verfolgen und ähnlichen militärischen Operationen in ihrem eigenen Land. Es handelt sich um dieselben Kommandeure, die den Soldaten in den Favelas von Sao Paolo und Rio de Janeiro Schießbefehle erteilen. Ein Bericht von Amnesty International über ›Todesschwadronen‹ in Rio de Janeiro und Sao Paolo legt dar, dass die brasilianische Militärpolizei bei ihren Einsätzen in den Favelas zum Mittel der ›Invasion‹ greift – gewaltsame Massenrazzien, die häufig gar nicht begründet werden und gleich die ganze Community pauschal für kriminell erklären. Die Mehrheit der Opfer dieser Polizeigewalt sind arme schwarze oder farbige Jugendliche. Als auf Haiti Demonstranten durch die Forderung nach einer Rückkehr von Präsident Aristide die Autorität der UNO herausforderten, haben ähnliche Taktiken im Slum von Cité Soleil zu mehreren schweren Massakern geführt. Jedes Mal wurden sämtliche Einwohner des Viertels von den Vereinten Nationen und der bürgerlichen Presse als Verbrecher und Gangster oder als deren Helfershelfer bezeichnet.

Aber eines der erschütterndsten Ereignisse aus der Zeit nach dem Erdbeben gibt der Schriftsteller, Publizist und Haiti-Kenner Hans Christoph Buch wieder2. Der Terror hat nie aufgehört.

Nichts charakterisiert die chaotische Situation Haitis besser als die Tatsache, dass 4000 Häftlinge am 12. Januar in Port-au-Prince aus dem Zuchthaus flohen, rechtskräftig verurteilte Mörder, aber auch Unschuldige, die seit Jahren auf ihren Prozess warteten – allen voran der Gefängnisdirektor, der sich auf diesem Weg kritische Fragen entzog. Die Zeche für den Massenausbruch zahlten andere Häftlinge in Les Cayes im Süden Haitis, die während des Bebens zu meutern begannen, weil sie den Einsturz des baufälligen Gebäudes befürchteten. Daraufhin wurde das Gelände von UN-Truppen umstellt: Haitianische Polizisten feuerten in die mit Häftlingen überbelegten Zellen, töteten neunzehn wehrlose Menschen und verletzten Dutzende. Der Gefängnisdirektor wurde belobigt und befördert, die Toten verscharrt und ihre Habe verbrannt, um das Blutbad zu vertuschen, dessen Aufdeckung Reportern der New York Times zu verdanken ist.

  1. Verwüstung ist wörtlich zu nehmen: die diktierte Monokultur in der Agrarwirtschaft führte zur anhaltenden Auslaugung und schließlich Erosion der Böden, die letzten Wälder wurden abgeholzt. Das alles leistet Erdrutschen Vorschub, die nach dem Erdbeben viele Menschen unter sich begruben. Zudem provoziert die anhaltende Armut auf dem Land eine anhaltende Stadtflucht – in jene Städte, die bereits überlaufen sind und über keine gesicherte Infrastruktur verfügen. Ein Erdbeben von einer gewissen Stärke trifft diese Städte und ihre Bewohner, insbesondere Port-au-Prince, tödlich. [zurück]
  2. Die Passage findet sich im Vorspann zu seinem »neuen« Buch »Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat« (Wagenbach), das in Wirklichkeit eine verschleierte Neuausgabe seines – in der Tat sehr verdienstvollen – Frühwerks »Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen« (1976, ebenfalls Wagenbach) ist. [zurück]

Antikommunist. Liberal. Und natürlich Rassist, Ehrensache!

In der aktuellen Jungle World ist ein Band mit (Kurz-)Erzählungen von Marko Martin besprochen. Der Autor wird so charakterisiert:
»Marko Martin ist Antikommunist, doch ist er kein Rechter, sondern ein Liberaler, auch wenn das Wort „liberal“ dank einer merkwürdigen Partei heute so einen hässlichen Beiklang hat. Für sein eigentliches Umfeld wiederum ist er wahrscheinlich sogar ein Linker.«
Was der Rezensent Jörg Sundermeier zu erwähnen vergessen hat: Marko Martin ist auch ein Meister der kleinen imperialistisch-rassistischen Miniatur. So fielen ihm zur jüngsten Naturkatastrophe in Haiti, die eine durch und durch soziale ist, folgende – ja klar: ketzerische, kühn gegen den Mainstream stehende, lupenrein liberale – Zeilen ein:

»Ist es herzlos, jetzt im Augenblick der größtmöglichen Katastrophe die Frage zu wagen, weshalb ausgerechnet Haiti, immerhin bereits 1804 unabhängig geworden, zu einer Art Vorhölle werden konnte? Experten sagen, dass erdbebentaugliche Bauweise (wie etwa im rationalen Costa Rica seit den Fünfzigerjahren Usus) ein Massensterben verhindert hätte. Auch weisen sie darauf hin, dass ein Land, welches seine Bodenschätze nicht nutzt und stattdessen Wälder abholzt, zur perfekten Einflugschneise für Hurrikans wird. Weshalb jedoch dieser empörende Mangel an Vorausschau?
Kolonialismuskritiker führen gern die Vokabel von der „Entfremdung“ bzw. der „Zerstörung organisch gewachsener Kultur“ im Mund, um jede Dritte-Welt-Abstrusität zu erklären. Was aber, wenn die Haitianer, zu 90 Prozent homogene Nachfahren afrikanischer Sklaven, auf geradezu furchterregende Weise „authentisch“ geblieben sind, Täteropfer ihres obskurantistischen Voodoo-Kultes, der jedes abgewogene Moralsystem vitalistisch unterminiert? Von Mario Vargas Llosa stammt der strenge, im Grunde jedoch mitfühlende Satz: „Wichtige Elemente einer sogenannt autochthonen Kultur müssen verschwinden, will man die Existenz der in ihr Lebenden retten.“«

Es stimmt, dass Haiti seine Bodenschätze nicht genutzt hat, das haben stets andere für die Bevölkerung gemacht. Die entscheidende Zerstörung der haitianischen Flora geht etwa auf die amerikanische Besatzung (1915-1934) zurück, die Besatzer veranlassten eine Reduzierung des Baumbestandes von 60 auf 20 Prozent, um großflächige Sisal-Plantagen anzulegen. (Lustig auch, dass Martin als Gegenbild zu Haiti Costa Rica einfällt und nicht etwa das benachbarte Kuba, wo bei Sturmwinden erheblicher Sachschaden entsteht, aber für gewöhnlich kein Mensch physisch zu Schaden kommt.)
Den anderen Dreck – von wegen: 90 Prozent homogene Nachfahren afrikanischer Sklaven – mag man kaum kommentieren, vielleicht trotzdem der Hinweis darauf, dass die Sklavenbevölkerung von Saint Domingue so heterogen war, dass sie ihre eigene Sprache – Creole – erfunden hat. Auch die synkretistischen Voodoo-Rituale sind vor diesem Hintergrund kaum als »authentisch« anzusehen. Und wenn wir schon von Moral reden, dann bitte so — aus dem Voodoo stammt nämlich auch folgender Satz (heute noch auf der ein oder anderen Scheißhaustür bei Ford oder Opel zu lesen): Wenn Arbeit etwas Schönes wäre, hätten die Reichen sie den Armen nicht überlassen.
Man kann sagen: Es hat im 20. Jahrhundert kein Massaker auf Haiti gegeben, dass die USA nicht entweder selbst initiiert haben oder doch zumindest politisch in Auftrag gegeben und abgesichert haben. Aristide, wie korrupt, eitel und letztendlich fatal seine Politik auch immer gewesen sein mag, ist in den Jahren vor dem zweiten Putsch gegen ihn ökonomisch regelrecht stranguliert worden, auch von der EU, aber doch hauptsächlich von den USA. Es ist absurd, den Opfern des Imperialismus vorzuwerfen, sie wären eben dies: Opfer. »Logisch« geht das nur, wenn man sie zu, mindestens, »Täteropfern« erklärt (ein tolles Wort; reserviert aber ausschließlich wohl für Neger; man stelle sich das Alarmgeschrei vor, jemand würde die israelische Politik als Produkt von »Täteropfern« bezeichnen) und dies aus einer »Dritte-Welt-Abstrusität« herleitet.
Und noch was: Haiti ist nicht »immerhin bereits 1804 unabhängig geworden«. Die Passivform ist verräterisch. Die Sklaven Saint Domingues haben sich in einer Revolution und dann in einem äußerst brutalen Befreiungskrieg, den Napoleon ihnen aufgezwungen hat, unabhängig erklärt. Das ist ein Unterschied, nicht wahr?
Dieser kleine Kommentar von Martin ist kein großer, kein wichtiger Text. Aber der Dreck quillt durch die Ritzen. Und die Tradition der Verleugnung, Verdrängung, des Verächtlichmachens und des Kleinredens der haitianischen Revolution – die ist wirklich groß.

Erinnert werden soll noch an dieser Stelle an Georges Anglade, einem der wichtigsten zeitgenössischen (Exil-)Schriftsteller Haitis, der am Tag des Erdbebens zusammen mit seiner Frau in seinem einstürzenden Haus erschlagen wurde. Einige seiner Werke, »Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?«, »Das Lachen Haitis, Ein Mosaik in 90 Lodyans«, liegen auch auf Deutsch vor. Angalde schrieb vor zwei Jahren in der NZZ angesichts der Food-Riots auf Haiti über das Nationalheiligtum Haitis, dessen »Opferung« man als Symbol des eliminatorischen Neoliberalismus betrachten muss:

»Haiti hat sein eigenes und besonderes Signal, das anzeigt, dass man ganz unten angekommen ist. Ein Signal, das sich trotz all den Greueln, welche die Geschichte des Landes seit der Gründung der Kolonie Santa Domingo im 18. Jahrhundert überschatteten, bis in die jüngste Zeit noch niemals, absolut niemals manifestiert hat. Ich meine damit die Zerstörung des haitianischen Wunderbaums, des Mangobaumes, der den Menschen auf der Insel heiliger ist als den Indern ihre Kühe.
Nach dreihundert Jahren ist der Mangobaum, den Generation nach Generation verehrt und gehegt hat, der letzte Überlebende der zerstörten haitianischen Flora. Man könnte fast sagen, dass es bisher ein Sakrileg war, die Axt an einen dieser Bäume zu legen, die den Menschen alljährlich die fünfmonatige Hungerzeit überbrücken helfen. Während rund hundertfünfzig Tagen – zwischen der Saatperiode im Mai und der Erntezeit im November – sind es zwei, drei Mangos pro Tag und Person, die den nagenden Hunger stillen. Das ergibt drei Milliarden Mangos pro Jahr: eine gewaltige Anzahl, von Bäumen geerntet, die wachsen, wo immer ein Baum wachsen kann; von Bäumen, die zu fällen ein wenig schnelles Geld und die Gewissheit künftigen Hungers bedeutet.
Trotzdem sieht man seit zwei Jahren, was man in Haiti nie zuvor sah: Planken aus dem rotem Holz des Mangobaums, die am Straßenrand für Bauzwecke feilgeboten werden. Klafterweise Mangoholz, für die Öfen der Destillerien bestimmt. Säcke mit Kohle aus Mangoholz, zu Haufen getürmt, um auf die in Richtung Port-au-Prince fahrenden Camions verladen zu werden.
Die Regierung war taub für sämtliche schrillenden Alarmglocken – obwohl der haitianische Staatspräsident, der Premierminister, der Vorsitzende des Senats, der Landwirtschaftsminister und sein Staatssekretär allesamt ausgebildete Agronomen sind. In den Menschen wuchs das Gefühl, dass man sich „dort oben“ über ihren Hunger mokierte; und weil dieses Gefühl berechtigt war, trugen sie ihre Wut auf die Straße.«

Nachtrag: Das wichtigste Buch zur haitianischen Revolution, wenn auch in Details überholt, nämlich „Die schwarzen Jakobiner“ von C.L.R. James, über den wir demnächst ausführlicher erzählen, findet sich hier.