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Verdinglichung als Herrschaft

Dass abhängige Arbeit keine harmlose Sache ist, hat Hegel natürlich gewusst und diese Beziehung (Abhängigkeit ist ja kein stationärer Zustand) in ihren individuellen wie gesellschaftlichen Konsequenzen schon früh, am prägnantesten im berühmten »Herr-Knecht«-Kapitel seiner Phänomenologie, darzustellen gewusst. Freilich geht alles gut aus, und selbst die größte Negativität erweist sich als Teil, Antrieb einer weit größeren Bewegeung, die alles Störende in sich aufnimmt und zu ihrem Antrieb macht.
Man muss ein wenig suchen, aber da, an abgelegener Stelle, bringt Hegel doch sehr knapp, sehr hart den Effekt der Verdinglichung, in der Tat: eine Versteinerung, eine kaum wiedergutzumachender Verlust der Lebendigkeit auf den Punkt.

Die Arbeit nach einem fremden Willen ist α) das Abtun der eigenen Besonderheit desselben, β) eine Bearbeitung der Dinge oder eine solche negative Beziehung der Selbsts auf sie, welche zur Form der Dinge wird, die Gegenständlichkeit derselben erhält und sich selbst ein solches Dasein gibt.

Das ist §30 aus der »Bewußtseinlehre für die Mittelklasse [1808/09], aus dem Teilabschnitt »Herrschaft und Knechtschaft«, zitiert nach der ›Theorie‹-Werkausgabe Band 4, »Nürnberger und Heidelberger Schriften 1808-1817«, hg. von KM Michel und Eva Moldenhauer, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1970, S.81. Hegel unterrichte seit dem November 1808 – notgedrungen – Philosophie, auch Germanistik, Griechisch und höhere Mathematik, am Nürnberger humanistischen Egidiengymnasiums.
Seine diktierten Logikexerzitien sind hier überraschend undialektisch, was damit zu tun hat, dass seine Maximen geradezu als Merksätze fungieren. Nichts wird entwickelt, den Schülern nur etwas vorgesetzt, daher der mitleidslose Ton, ein (unfrewillig?) unversöhnlicher Ton. Dass abhängige Arbeit (heute: lohnabhängige Arbeit, natürlich, die auch dort wirksam ist, »primär wirkt«, wo sie nicht direkt in Erscheinung tritt) nicht nur verdinglichend ist, sondern Verdinglichung immer auch ein Herrschaftsverhältnis ist – und gleichzeitig ein Vergessen von Herrschaft, ein Unsichtbar-Werden –, steht in einer Parallelstelle. Die findet sich in einem nur wenig später gehaltenen Kurs der Bewusstseinslehre (von Hegels ersten Herausgebern offenbar als definitive Gestaltung des Stoffes angesehen, jedenfalls wurde dieser Kurs in die erste Gesamtausgabe aufgenommen), hier ist es §36 (gleicher Band der ›Theorie‹-Ausgabe, S.121):

Der eigene und einzelne Wille des Dienenden, näher betrachtet, löst sich aber überhaupt in der Furcht des Herrn, dem inneren Gefühle seiner Negativität auf. Seine Arbeit für den Dienst eines anderen ist eine Entäußerung seines Willens teils an sich, teils ist sie zugleich mit der Negation der eigenen Begierde die positive Formierung der Außendinge durch die Arbeit, indem durch sie das Selbst seine Bestimmungen zur Form der Dinge macht und in seinem Werk sich als ein gegenständliches anschaut. Die Entäußerung der unwesentlichen Willkür macht das Moment des wahren Gehorsams aus. (Peisistratos lehrte die Athenienser gehorchen. Dadurch führte er die Solonischen Gesetze in die Wirklichkeit ein, und nachdem die Athenienser dies gelernt hatten, war ihnen Herrschaft überflüssig.)

Wer gehorcht, dem erscheint Herrschaft (vulgo: äußeree Zwang) als überflüssig. Der Zusatz in Klammern ist unheimlich.

Nietzsche-Lektüre

… Gleichviel, wenn Nietzsche (Wille z. Macht Nr. 751) proklamiert, »man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf ‚Glück‘: es steht (sc. in dieser Hinsicht) mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem niedrigsten Wurme«, dann macht er uns darüber hinaus ja sogar das Recht streitig, mit dem Worte »Recht« einen Sinne zu verbinden, diesen Ausdruck also in den Mund zu nehmen.
Eigentlich ist dieses dictum Nietzsches völlig unbekannt, mindestens völlig folgenlos geblieben. Wohl deshalb, weil es zu extrem war, als daß es hätte rezipiert, verstanden oder überliefert werden können. Wer einstimmt in die These, daß er kein Recht darauf hat, dazusein, der kann sich gleich aufhängen. Und der Arbeiter, der es akzeptiert, daß er keinen recht auf einen Arbeitsplatz hat, der hat dadurch ein Recht auf jeden anarchistischen Akt.
Wäre aber Nietzsches ungeheuerliche Rechtsaberkennung rezipiert, verstanden und überliefert worden, dann hätte die Empörung über sie unschwer zum emotionalen Generalnenner für alle Menschen aller Länder, aller Klassen, sogar der »Guten und Bösen« werden können. Denn nicht einmal in der nun zweihundertjährigen Geschichte des Anarchismus hat es je Theoretiker oder Demagogen gegeben, denen es eingefallen wäre, das Recht, von Anrechten zu sprechen, abzuleugnen. Auch Stirner macht da keine Ausnahme. Umgekehrt hat es nie einen Anarchisten gegeben, der nicht auf irgendwelche Rechte Ansprüche angemeldet hätte.
Was freilich nicht verhindert, daß theoretische Nietzsches philosophische These unwiderlegbar ist; denn es ist ja metaphysisch völlig unklar, was ein Recht sei, welche Seinsart ihm zukomme und von wo es seine Legitimität ableiten sollte.
Aber bekämpfbar ist Nietzsches These natürlich. Nein, mehr als das: wir müssen sie sogar bekämpfen. Auch wenn wir uns dadurch zu Nichtphilosophen machen.

Aus: Günther Anders, »Nietzsche-Lektüre«, in: Ketzereien, 3. Auflage, 1996, Beck Verlag München, S.215f.

Those were the days

… in allen politischen Kämpfen ging es eigentlich immer darum, für eine bessere Zukunft, wenn nicht Gegenwart zu kämpfen und das eigene Leben möglichst auch noch für diese glücklicheren Tage zu retten. Töten und getötet zu werden war immer unvermeidlicher historischer Tribut ans Bessere gewesen. Mit dem Ruf ›Es lebe der Tod‹ auf den Lippen gingen im Spanischen Bürgerkrieg die Falangisten in den Kampf, die Sprache der Nazis stammte aus der Untergangsphilosophie. Man muß zur Kenntnis nehmen, daß Todesideologie, Selbstvernichtungsbereitschaft Errungenschaften des Imperialismus, des 20. Jahrhunderts sind, einer Epoche, in der die Menschheit von der geheimen Ahnung durchdrungen ist, daß es auf sie wirklich nicht mehr ankommt. Nun muß man sich fragen, woher dieses Bewußtsein kommt, in unserem Falle, die ausweglose Perspektive, welche ein palästinensisches Kommando veranlaßt, in einer Art Kamikaze-Unternehmen [Anspielung auf die blutig beendete Geiselnahme eines israelischen Reisebusses, Anm. Ofenschlot] ihr Leben wegzuwerfen und gleichzeitig zu wissen, daß dadurch kurz- oder langfristig sich die Lage der Palästinenser nicht verbessert. Man wird sich, um die Herkunft dieses verzweifelten Bewußtseins zu verstehen, mit der palästinensischen Realität beschäftigen müssen, welche die Behauptung, die Palästinenser würfen ihr eigenes Leben weg, nicht mehr ohne weiteres zuläßt, sondern eher den Schluß, daß sie dort schon gar keines mehr haben.

(…)

Ich bin auch mit sehr vielen Leuten zusammengetroffen, die ich schon seit über zehn Jahren kenne, vor allem mit Kibbuzmitgliedern. Die bundesrepublikanische Linke hat den Kibbuz sehr lange für eine im wesentlichen fortschrittliche Einrichtung betrachtet, und auch heute, im Zuge der dubiosen Zurück-auf’s-Land-Bewegung genießt er beträchtliche Sympathien. Doch auch der Kibbuz hat sich unter dem Druck der jüngsten Entwicklung zu einem verläßlichen Bestandteil des großen Angstkartells gemausert. Mir sträubten sich die Haare, als ich alte Bekannte, deren Integrität ich nie in Zweifel gezogen hatte, auch bei den schärfsten politischen Differenzen nicht, plötzlich nach dem Standrecht verlangen hörte. Die Kibbuzim wimmeln von Hunden, die Furcht hat landsweit eine sympathische traditionelle jüdische Barriere gegen Haus- und Wachhunde niedergerissen. Mit dreifachem Stacheldrahtverhau umgeben, von Wachtürmen eingegrenzt, gleichen manche Kibuzzim eher Konzentrationslagern, jedes Gefängnis ist eine wirkliche Festung. Industrieanlagen jeder Art igeln sich ein wie auf einem Schlachtfeld, Wächter patrouillieren überall, wichtige Einrichtungen sind nachts in grelles Scheinwerferlicht getaucht, Rentner bewachen die Eingänge von Schulen und Kindergärten.
Einem oberflächlichen Touristen mag das entgehen, den Einheimischen ist es zum Vergessen: dies alles geschieht aus der umfassenden Angst heraus, daß sich zu einem unberechenbaren Zeitpunkt all das den Palästinensern zugefügte Unrecht schlagartig rächen wird.

Eike Geisel nach einen mehrwöchigen Besuch in Israel 1978, erschienen unter dem Titel »Tel Aviv – Hügel des Frühlings 1978. Außenpolitische Randglossen« in der Broschüre des Evangelischen Bildungswerks Berlin »Nationale und soziale Faktoren im Emanzipationsprozess des Nahen Ostens« (›graue Literatur‹, also in Bibliotheken nur schwer zu finden, archiviert aber z.B. vom Evangelischen Zentralarchiv Berlin).

Kleine Anmerkung die Falle des Antizionismus betreffend:
Wer sich die Hände reibt, um sogleich beruhigend auf den berühmt-berüchtigten Saulus-Paulus-Wandel1 hinzuweisen – denn von dem Geisel, den »wir« alle als Konkret- und Edition-Tiamat-Autor kennen, sind derartige Äußerungen nicht mehr bekannt (die heute absolut gängige Häme gegenüber den Palästinenser findet man nach meinem Kenntnisstand allerdings auch beim ›späten‹ Geisel nicht) –, dem sei gesteckt: Nein, es ist kein antizionistisches Pamphlet. Geisel kritisiert am Antizionismus die Fixierung auf den Zionismus, den jener zum Popanz aufbläst und mit dem er sich in Betonung der besonderen historischen Rolle des jüdischen Volkes einig weiß (wenn auch negativ) – um über Imperialismus und soziale Befreiung zu reden, ist Antizionismus folglich kein taugliches Konzept. Geisel macht die Falle des Antizionismus u.a. an folgendem Beispiel deutlich:

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Westberlin hat vor einiger Zeit in Briefen an den Senat, in der Presse und in an die beiden Universitäten gerichteten Schreiben in gewohnter Form gegen Solidaritätsveranstaltungen für den Kampf des palästinensischen Volkes in den westberliner Universitäten protestiert, weil es sich um antisemitische Propaganda handle. Das mag sich noch einfügen in die ohnehin vorhandene Dominanz zionistischer Ideologeme in der Gemeinde wie in der westberliner Öffentlichkeit. Was die Sache aber prekär macht, das ist die Reaktion der Angegriffenen. Sie reagieren (…) als wäre die Jüdische Gemeinde in Wahrheit eine Filiale des Staates Israel, eine ›Agentur des Zionismus‹, als wären ihre Mitglieder Zionisten sans phrase, und sie behaupten damit die von der zionistischen Ideologie phantasierte Identität von Judentum und Zionismus. Mit ihren Angriffen gegen die Jüdische Gemeinde treiben sie deren Mitglieder geradewegs dorthin, wo man alle Anstrengungen unternimmt, die Unterschiede ebenfalls zu verwischen: in die Arme des Zionismus.

Und an die Adresse PLO gerichtet stellt er ebenso eindeutig klar:

Wir alle wissen, was Unterdrückungspolitik ist, wie man die Auslöschung organisiert [Geisel spielt in diesem Zusammenhang auf die ungesühnten us-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam an, Anm. Ofenschlot] – und sollten nicht vergessen, daß ein revolutionärer Befreiungskampf schon in seiner Praxis ein Stück Befreiung von den terroristischen Zusammenhängen sein muß, in denen dieser Kampf geführt wird. In den Mitteln muß das Ziel aufscheinen, selbst wenn man unterstellt, daß der bewaffnete Kampf Priorität besitzt.

Geisels Text ist von der dialektischen Spannung durchzogen, die Verrohung der israelischen Gesellschaft durch ihre eigene Besatzungspraxis zu zeigen (»Diese Entwürdigung [der Palästinenser, Anm. Ofenschlot] hat sich, der Dialektik kolonialer Unterdrückung folgend, zur zweiten Natur der vorläufigen Sieger entwickelt.«), ohne dies auf gleichsam vor-gesellschaftliche, vor-zivilisatorische Residua wie Religion, kulturelle Identität etc. zu beziehen (wie es der Antizionismus nahe legt): der staatsgewordene Zionismus ist kein jüdisches, sondern eine kolonialistisches Phänomen.
Die dialektische Spannung gilt auch für die von ihm eingeforderte Solidarität mit den Unterdrückten, die er konsequent vom Identitätskarneval (jener »… orientalische Schnickschnack, mit dem sich Demonstranten maskieren…«) abgrenzt.
Mag sein, dass Geisel in den Folgejahren einfach zu müde war, um diese Spannung noch weiter durchzuhalten; naheliegend auch, dass die Situation in Deutschland und speziell in der deutschen Linken einfach zu drückend, zu klebrig-muffig-heuchlerisch wurde, um darin noch mit exakter Kritik UND Parteinahme zu intervenieren. Mir liegt es jedenfalls fern, Geisel als Renegaten anzuprangern. Die in diesem hier auszugsweise dokumentieren Text gespeicherte Erfahrung bleibt als Herausforderung an die heutige Linke, nicht mehr, nicht weniger.

  1. Als Übersetzer, Herausgeber, Kommentator war Geisel u.a. an folgenden Publikationen beteiligt — man beachte die (interessierte?)Ahnungslosigkeit des Wikipedia-Eintrags: Nathan Weinstock, »Das Ende Israels? Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus« (Wagenbach Verlag 1975); Isaac Deutscher, »Die ungelöste Judenfrage. Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus« (Rotbuch Verlag 1977, beide Bücher zusammen mit Mario Offenberg herausgegeben); Hanna Lévy-Hass, »Vielleicht war das alles erst der Anfang. Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen 1944-1945« (+ Interview mit Lévy-Hass, Rotbuch 1978). Geisel war zudem Redakteur des von der Deutsch-Israelischen Studiengruppe an der FU Berlin herausgegebene Magazins »Diskussion«.
    Ein digitaler Reprint des Werks von Weinstock findet sich hier, allerdings ohne die Einleitung von Geisel/Offenberg. Die nicht weiter gekennzeichnete und deswegen missverständliche Herausgeber-Bemerkung vom Dezember 2004 kann natürlich nicht von den Originalherausgebern stammen.[zurück]

»Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet…«

Seit ich aus meinem Handwerkerleben tägliche Schreibstunden habe aussparen können, mein einziger Mehrwert, hat mich ein Vorhaben besessen und gequält: das Andenken des seltsamen Menschen zu retten, der Feuer an das – von äußersten »Linken« wie »Rechten« als »Schwatzbude« verachtete – Gebäude des Reichstages gelegt und damit ungewollt den heimlich angebahnten Freundschaftsvertrag zwischen den beiden blutigsten Alleinherrschern jener Zeit gestört und hinausgeschoben hatte – er war erst sechs Jahre später besiegelt worden.

Von dem Attentat aufgeschreckt, hatten beide Vertragsparteien in dem bettelarmen, landfremden Brandstifter nur ein Werkzeug des anderen sehen wollen und sich gegenseitig eines tückischen Anschlags bezichtigt. Aber keiner der dem Reichsgericht wie auch im »Gegenprozeß« in London vorgebrachten Verdachtsgründe hatte die eine oder andere Beschuldigung zu erhärten vermocht. Der Angeklagte hatte, so wie er selber hartnäckig versichert, seine Tat alleine begangen. Richter und Kläger beider Lager hatten sich zu der verschwiegenen Erkenntnis bequemen müssen, daß der Einfall eines »hergelaufenen« halbblinden Maurers die geheimen Absichten zweier gewaltiger Machtgebilde durchkreuzt hatte.

Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet, Auftakt zur Verfolgung aller Eigenwilligen bis tief in die Reihen beider Parteien hinein: das Leitbild des gehorsamen »politischen Soldaten« hatte das des »Aufständischen«, des »Rebellen« verdrängt.

Nachdem sie den von aller Welt verdammten Brandstifter enthauptet, hatte der Kanzler des Deutschen Reiches an einem selben Tage alle Unbotmäßigen seiner Partei ohne Gericht noch Spruch erschießen lassen. Kaum später hatte der andere im Osten sich angeschickt, als »Schädlinge«, »Saboteure«, »Verräter« und »schlüpfriges Otterngezücht« schlechthin alle Ungleichen, nicht ohne sie zuvor zu erniedrigen und seelisch zu zerstören, in den Tod zu schicken.

Aus: Georg K. Glaser, »Jenseits der Grenzen. Betrachtungen eines Querkopfs«, Claassen Verlag, Düsseldorf 1985, S. 203f.
Szenen aus dem nie vollständig und eigenständig publizierten Drama sind in der Glaser-Anthologie »Aus der Chronik der Rosengasse und andere kleine Arbeiten« erschienen (Dietz Verlag, Bonn 1985). Einiges an Material zu Glaser hat dieser Genosse zusammengetragen.

Glaser: »Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also den Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtig hält, um statt dessen nur noch den politischen Soldaten gelten zu lassen. In diesem Sinn hat jede Partei die Soldaten für die andere Seite vorbereitet.«
(Das Zitat kursiert im Netz ohne Quellenangabe, vermutlich stammt es aus einem im Interviewband »Lebensgeschichten«, Lamuv-Verlag, Bornheim 1981, erschienenen Gespräch mit Glaser.)

Paul Mattick: »Man wird, lässt sich die Lüge vom Naziagenten nicht mehr aufrecht erhalten, euch sagen, dass v.d.L. verantwortlich gemacht werden muss für den Hitlerterror , der nach den Brand einsetzte. Aber damit werden sie den alten Lügen nur eine neue anfügen. Die Nazis übten den Terror schon vor den Brand aus. Sie sprachen schon vorher öffentlich aus, dass sie alle Arbeiter, die sich ihnen entgegenstemmen werden, niederschlagen werden. Die Zahl der Arbeitermorde stieg schon vor dem Brand in schnellem Tempo. Der faschistische Terror war nicht eine Folge der Tat v.d.L., sondern seine Tat sollte der Beendigung des Terrors gegen die Arbeiterschaft dienen. Die Niederlage des deutschen Proletariats auf die Tat v.d.L. zurückzuführen zu wollen, ist nur ein Versuch, den eigenen Bankerott zu verbergen.«
Mattick hat noch sein letztes, bewusst als Vermächtnis konzipiertes Buch »Marxism, last refuge of the bourgeoisie?« (1981) van der Lubbe gewidmet.

Zu Marinus van der Lubbe:
Horst Karasek, »Der Brandstifter. Lehr- und Wanderjahre des Maurergesellen Marinus van der Lubbe, der 1933 auszog, den Reichstag anzuzünden«, Wagenbach Verlag, Berlin/West 1980.
Josh van Soer (Hg.), »Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand. Rotbuch«, Edition Nautilus, Hamburg 1983
Martin Schouten , »Marinus van der Lubbe. Eine Biographie«, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1999

In den letzten Jahren sind einige Neuerscheinungen zur never ending story Reichstagbrand erschienen:
Sven Felix Kellerhoff, »Der Reichtagsbrand. Die Karriere eines Krininalfalls«, Be.Bra.Verlag, Berlin/Brandenburg 2008, Rezension
Marcus Giebeler, »Die Kontroverse um den Reichstagsbrand: Quellenprobleme und historiographische Paradigmen«, Meidenbauer Verlag, München 2010
Alexander Bahar und Wilfried Kugel, »Der Reichstagsbrand. Das Ende einer Legende«, Papy Rossa Verlag, Köln 2012 (soll im November erscheinen) Offensichtlich knüpft das Buch an eine gleichnamige 2001 erschienene Publikation der beider Autoren an.
Siehe auch diese Kontroverse.

Unabgegoltenes

Und die Hauptaufgabe für die revolutionären Arbeiter in Deutschland besteht heute ganz und gar nicht mehr darin, an jenen unvermeidlich im inneren Kreis der Beteiligten noch für eine geraume Zeit mit großer Heftigkeit andauernden »häuslichen Streitigkeiten« der verschiedenen rechten, mittleren und linken Strömungen in den Kommunistischen Parteien und um die Kommunistischen Parteien teilzunehmen. Unsere Aufgabe besteht darin, jenen toten »Kommunismus«, der als ein betrübliches und bisweilen närrisches Gespenst in der heutigen proletarischen Arbeiterbewegung umgeht, zu seinen Toten heimzuschicken, und uns mit verdoppelter Energie hineinzustellen in die heute schon mit fühlbarer neuer Kraft beginnenden gegenwärtigen und wirklichen Kämpfe der Arbeiterklasse. Hier ist Rhodos, hier springe! Das ist Marxismus und Leninismus, das allein ist unter den jetzt gegebenen Bedingungen wirkliche kommunistische Politik.

Karl Korsch, »Die zweite Partei«, Kommunistische Politik, 2.Jg, Nr. 19/20, 28.12.1927, S.1-4; wieder in (und hier zitiert nach):Ders., »Politische Texte«, Herausgegeben und eingeleitet von Erich Gerlach und Jürgen Seifert. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1974 (hier: S. 219).12

  1. In ihrer kurzen Einleitung zu diesem Text erwähnen die Herausgeber noch eine Bemerkung Korschs zur Organisationsform:

    In einer »An unsere Leser!« wird rückblickend über die Aufgabe der Kommunistischen Politik gesagt, daß es darauf angekommen sei, für »eine Anzahl klassenbewußter zum kritischen Selbstdenken entschlossener Proletarier die Möglichkeit zu schaffen, sich von einer Ideologie und Organisation zu befreien, die sich heute noch kommunistisch nennt, in Wirklichkeit aber längst aus einer Entwicklungsform in eine Fessel des revolutionären proletarischen Klassenkampfes umgewandelt worden ist.« Korsch kommt in der Folgezeit nicht mehr auf diese einzige Anmerkung zur Parteistruktur zurück.

    -- Warum auch? Die Texte, Notizen, Untersuchungen und Briefe des späten Korschs beinhalten die durchgeführte Partei- und Organisationskritik, insofern Korsch die (Selbst-)Zerstörung der alten Arbeiterbewegung unbestechlich festhält, wozu müsste er also Kritik der »Parteistruktur« explizit machen?[zurück]

  2. Oder auch:

    Was als Arbeiterbewegung® existierte und heute beschrieben wird, läßt sich unter die Parteigeschichtsschreibung subsumieren, so wie das auch von der bürgerlichen und DDR-Geschichtsschreibung gemacht wird. Die – über die verschiedenen aktuellen und historisch abgeleiteten, politischen Fraktionsinteressen – legitimierten Versuche, die selbständigen revolutionären Bewegungen als Inhalt der Geschichte der Arbeiterbewegung® zu deklarieren, scheiterten überall umso eher, je mehr die zugrundeliegenden Kategorien der jeweiligen Geschichtswissenschaft von der wirklichen Geschichte entfernt sind. Je allgemeiner gültig, je verallgemeinerter der Anspruch auf ›objektiv‹, ›wissenschaftlich-sozialistisch‹, ›historisch-materialistisch‹, desto beliebiger ist die wissenschaftliche Interpretation; so ist es unmöglich, die Geschichte der revolutionären Bewegung im Rahmen der Geschichte der Arbeiterbewegung® zu schreiben, da es diese letztere in Wirklichkeit nur gab als die jedem genugsam bekannten Formen im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. als Parteien des maßvollen Fortschritts im Rahmen der Gesetze im weitesten Sinne.

    Aus: H.D. Heilmann, »Ist diese Linke wirklich noch das Rechte?«, Schwarze Protokolle Nr.6, Oktober 1973, hier zitiert nach dem PDF.[zurück]