Archiv der Kategorie 'Fundstücke'

No Border! No Border?

Ja, klar, über die Parole besteht Einigkeit – aber wie steht es mit der Begründung: Warum denn eigentlich »Grenzen auf!«, und dann auch noch: »für alle«? Schon die Frage nach der Begründung rührt an ein Tabu, denn was sich legitimieren muss, gilt bereits als angezweifelt, schon als halb entwertet.
Andererseits: Dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten. Weß jedes Kind, weiß aber keine Linke, kein Linker mehr, wir sind ja alle unter die Sprachmystiker gegangen und fürchten uns vor einzelnen Worten mehr als vor realer Gewalt (selbst wenn die Worte FÜR reale Gewalt STEHEN, sie SIND es NICHT).
Es gibt eine gescheite Antwort auf die Frage nach dem »Warum« der »No Border«-Forderung. Gescheit, weil sie ganz unsentimental daherkommt. Die Antwort enthält auch schon den halben, na, Kommunismus-Beweis. Wolfgang Pohrt hat sie formuliert, 1993, unmittelbar nach diesem fürchterlichen Asyl-Kompromiss, »Abschied ohne Tränen« heißt der Text, und er steht in dem Band »Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand« (Edition Tiamat, Berlin 1993, S19f.).
Pohrt? Der alte Misanthrop? Nie um eine Zote verlegen? Genau, der. Entweder so einer sagt es – oder eben keiner.

Die Leute sehen, wie die Chancen schwinden, daß man selber zu den happy few gehört. Sie ahnen, daß es nicht mehr darum geht, wer verelenden müsse, sondern daß die Alternative alle oder keiner heißt. Sie spüren, daß ihre eigene Sicherheit auf den Prinzipien beruht, deren Aufhebung sie fordern. Deshalb erwarten sie keine Nachgiebigkeit. Zur Entscheidung steht, ob die Verhältnisse den Menschen angepaßt werden müssen, oder ob den bestehenden Verhältnisse die Menschen anzupassen sind, was ihre Verelendung, Vertreibung, Ausweisung bedeutet. Existierte eine Line, müßte ihre Forderung heißen: Offene Grenzen.
Das würde auf keinen Fall gemütlich. Die Ankommenden werden keine übertrieben netten Menschen sein. Sie bringen nicht Kultur mir, sondern Haß und Hunger. Sie werden diese Gesellschaft vor die Alternative stellen, ob sie sich ändern oder zusammenbrechen will. Aber vor dieser Alternative steht sie sowieso. Nur daß nichts bleibt, wie es ist, ist sicher. Vor der Zukunft haben alle Angst1. Sie wird durch Abschiebungen verstärkt, durch das Elend hinter dem Zaun, nicht durch offene Grenzen. Sie wird gemildert durch die Sicherheit: Was auch kommen mag – niemand wird rausgeschmissen, keiner muß im Elend verrecken, wer er auch sei. Nicht die Anwesenheit der rumänischen Zigeuner, sondern ihre Behandlung macht den Einheimischen Angst, weil sie jeden lehrt, wie es ihm selber ergehen könnte, wenn er nur noch ein bißchen tiefer rutscht. Die Leute würden einem dankbar sein, wenn man sie mit aller Macht zu einer anständigen Behandlung der Zigeuner zwänge. Das gäbe ihnen die Sicherheit, die sie derzeit am meisten entbehren.
Was angesichts der Stimmungslage der Mehrheiten und der Machtverhältnisse wie Utopie klingen mag, ist in Wahrheit Realismus. Umgekehrt ist es die reine Träumerei, was Realpolitiker für kluge Berechnung halten. Sie ignorieren die Bedeutung der Moral. Der amoralische Asylkompromiß beispielsweise hat vermutlich nicht nur Engholm das Genick gebrochen, sondern der ganzen SPD:
Wäre sie bei ihrer alten Linie geblieben – die Leute hätten sie verflucht und respektiert. Am Ende hätte sie vielleicht sogar die Partei gewählt, die in unsicheren Zeiten ein Minimum an Sicherheit bietet. Ein Minimum an Sicherheit bietet einer, wenn Verlaß darauf ist, daß er bestimmte Dinge unter keinen Bedingungen machen wird. Seit dem Asylkompromiß ist allen, die ihn wollten, klar, was sie selber – etwa Sozialhilfeempfänger oder Arbeitslose – von der SPD zu erwarten haben, wenn dies die Lage erfordert. Seither ist diese Partei – und mit ihr die ganze Linke – dort, wo sie 1933 war, als die Nazis alle Funktionäre abräumen konnten ohne jeden Protest aus der Bevölkerung.

  1. An anderer Stelle in »Harte Zeiten« (S.187) schreibt Pohrt:

    Wenn man nun aber alles rausschmeißen will, was die Deutschen nicht leiden können – die Asylbetrüger, die Sozialbetrüger, die Steuerbetrüger, die Absahner, die Ossis, die Wessis, die Gatten, die Gattinnen, die Politiker, die Politikerinnen – dann kommt dabei nur heraus, daß Deutschland sich in eine Abschiebehaftanstalt mit 80 Millionen Insassen verwandelt.
    Das, glaube ich, wurde mit dem sogenannten Asylkompromiß erreicht. Nicht alle stehen ganz oben auf der Prioritätenliste, aber irgendwo steht jeder.

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Eine orthodoxe Verteidigung der Revolution

… nehmen wir also an, jemand wünsche sich eine Welt ganz spezieller Art, etwa eine blaue. Über Leichtigkeit oder Schnelligkeit seiner Arbeit hätte er nicht zu klagen; vermutlich brauchte er lange Zeit für die Umgestaltung. Er könnte wie wild arbeiten, bis alles blau ist. Er könnte heroische Abenteuer bestehen: wenn er einem Tiger die letzten Pinselstriche verpaßt. Er könnte Märchenträume durchleben: wenn er einen blond Mond aufgehen sieht. Doch dank seiner Arbeit hinterläßt dieser hochgesinnte Reformer die Welt tatsächlich (aus seiner Sicht) besser und blauer, als er sie vorgefunden hat. Selbst wenn er täglich nur einen einzigen Grashalm in seiner Lieblingsfarbe anmalte, er käme doch allmählich voran. Malte er indessen täglich mit einer neuen Lieblingsfarbe, dann käme er überhaupt nicht voran. Malte er nach Lektüre eines neuen Philosophen nun alles rot oder gelb, dann wäre seine bisherige Arbeit vergeblich; es bliebe nichts davon als ein paar umherstreunende blaue Tiger, Musterstücke seines schlechten Frühstils. Genau dies ist der Standpunkt des normalen modernen Denkers. Man wird einwenden, das Beispiel sei, wie ich selbst eingeräumt habe, völlig absurd. Dennoch erzählt es buchstäblich ein Stück neuerer Geschichte. Alle großen und tiefgreifenden Veränderungen unseres politischen Lebens stammen aus dem frühen – und nicht aus dem späten – 19. Jahrhundert. Sie stammen aus der Schwarz-Weiß-Epoche, als fast alle Menschen steif und fest an Toryismus, Protestantismus, Calvinismus, Reform und nicht selten Revolution glaubten. Wer etwas glaubte, arbeitete unermüdlich daran, ohne jeden Anflug von Skeptizismus; und so gab es eine Zeit, in der die Staatskirche hätte gestürzt werden können und das Oberhaus um ein Harr gestürzt worden wäre. Einfach deshalb, weil die Radikalen so klug waren, beharrlich und konsequent zu sein; weil sie so klug waren, konservativ zu sein. Aber unter den heutigen Verhältnissen fehlt es den Radikalen an Zeit und Tradition, um irgend etwas zum Einsturz zu bringen. Es steckt viel Wahrheit in dem Gedanken, den Lord Hugh Cecil in einer schönen Rede vortrug: daß nämlich die Zeit des Wandels vorüber ist und wir in einer Zeit des Bewahrens und des Stillstands leben. Aber vermutliche wäre Lord Hugh Cecil zutiefst betrübt, wenn er sähe (was er sicherlich tut), daß unsere Zeit nur deshalb eine Epoche des Bewahrens ist, weil sie eine Epoche des totalen Unglaubens ist. Wer will, daß Institutionen unverändert bleiben, braucht nur dafür zu sorgen, daß feste Überzeugungen rasch und in großer Zahl verschwinden. Je mehr das Leben des Geistes aus den Fugen gerät, um so mehr bleibt der Mechanismus der Materie sich selbst überlassen. Das Endergebnis all unserer politischen Projekte – Kollektivismus, Tolstoianismus, Neofeudalismus, Kommunismus, Anarchie oder gar »Wissenschaftliche Bürokratie« –, ihr einziges unmittelbares Resultat, besteht darin, daß Monarchie und Oberhaus erhalten bleiben. Das Endergebnis aller neuen Religionen wird sein, daß die anglikanische Kirche (weiß der Himmel, für wie lange) ihre zentrale Stellung nicht verliert. Karl Marx, Nietzsche, Tolstoi, Cunninghame Graham, Bernard Shaw und Auberon Herbert – sie alle trugen auf ihren riesigen gebeugten Rücken den Thron des Erzbischofs von Canterbury.

Generell läßt sich sagen: Freies Denken ist der beste Schutz vor Freiheit. Die Emanzipation des Sklaven verhindert man am ehesten, wenn man sich in moderner Manier der Emanzipation seines Denkens widmet1. Man lehre ihn, sich zu fragen, ob er frei sein will oder nicht, und er wird sich nicht befreien. Auch hier könnte man einwenden, das Beispiel sei weit hergeholt oder zu drastisch. Es gilt jedoch genauso für den normalen Mann auf der Straße. Gewiß, der Negersklave wird – als ein seiner Würde beraubter Barbar – entweder eine ganz menschliche Liebe zur Treuepflicht oder eine ganz menschliche Liebe zur Freiheit empfinden. Aber der Mann, den wir täglich sehen – der Arbeiter in Mr. Gradgrinds [Figur aus Charles Dickens’ Roman Hard Times. For These Times.] Fabrikhalle, der kleine Angestellte in Mr. Gradgrinds Büro –, macht sich so viele Gedanken, daß er gar nicht an die Freiheit glauben kann. Mit revolutionären Büchern wird er stillgestellt. Mit einem endlosen Reigen wirrer Philosophien wird er beschwichtigt und auf seinem Platz gehalten. Den einen Tag ist er Marxist, den nächsten Nietzscheaner, wieder den nächsten vermutlich ein Übermensch; und jeden Tag ein Knecht. Das einzige, was nach all den Philosophien bleibt, ist die Fabrik. Der einzige, der von all den Philosophien profitiert, ist Gradgrind. Es wäre lohnend für ihn, seine Industriesklaven ständig mit skeptizistischer Literatur zu versorgen. Und dabei fällt mir prompt ein, daß Gradgrind sich als Stifter von Bibliotheken einen Namen gemacht hat.2 Damit beweist er Verstand. Alle modernen Bücher sind auf seiner Seite. Solange die Vision vom Himmel ständig wechselt, bleibt die Vision von der Erde unverändert. Kein Ideal hat heute lange genug Bestand, um verwirklich zu werden, nicht einmal in Ansätzen. Niemals wird der junge Mann von heute etwas an seiner Umwelt ändern; immer wird er bloß sein Denken ändern.

Aus: Gilbert Keith Chesterton, »Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen«, aus dem Englischen neu übersetzt von Monika Noll und Ulrich Enderwitz, Frankfurt am Main : Eichborn, 2000. S.204ff. (Erstveröffentlichung 1908)

  1. Fast zu jedem Satz fiele einem ein aktueller Verweis resp. eine Korrespondenzstelle aus dem Kanon des revolutionären Marxismus ein. Allerdings: Man kommt ja selber drauf! Zwei Verweise konnten wir uns nicht verkneifen (der andere steht in der zweiten Fußnote):

    Wir haben schon weiter oben den Unterschied aufgezeigt zwischen der falschen These, wonach sich in jeder Epoche die gegensätzlichen Interessen der Klassen in gegensätzlichen Theorien der Klassenmitglieder spiegeln, und der richtigen These, wonach in jeder Epoche die beherrschte Klasse dazu neigt, sich zum den Interessen der herrschenden Klasse entsprechenden theoretischen System zu bekennen. Sklave im Fleische, Sklave im Geiste. Der alte bürgerliche Schwindel besteht eben darin, mit der Befreiung des Geistes beginnen zu wollen, was zu nichts führt und die Nutznießer der sozialen Privilegien nichts kostet; was zuerst befreit werden muss, sind die Leiber.
    So ist es auch bezüglich des Bewusstseins falsch, die deterministische Reihenfolge wie folgt zu setzen: machtvolle ökonomische Ursachen – Klassenbewusstsein – Klassenkampf. Die Reihenfolge ist hingegen: bestimmende ökonomische Ursachen – Klassenkampf – Klassenbewusstsein. Das Bewusstsein kommt zum Schluss und im Allgemein erst nach dem schließlichen Sieg. Das ökonomische Bedürfnis bündelt den Druck und die Kraftanspannung all derjenigen, die durch die von einer bestimmten Produktionsweise kristallisierten Formen unterdrückt und erstickt werden; sie reagieren, schlagen um sich und wagen den Sturm auf die Festungen des Systems; im Laufe dieser Zusammenstöße und Kämpfe verstehen sie immer besser deren allgemeine Bedingungen, die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Kampfes, und das Programm der kämpfenden Klasse schält sich deutlich heraus.

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  2. »mit eisler bei horkheimer zum lunch. danach schlägt eisler für den ›Tuiroman‹ [ = Intellektuellenroman, Ofenschlot] als handlung vor: die geschichte des frankfurter soziologischen instituts. ein reicher alter mann (der weizenspekulant weil) stirbt, beunruhigt über das elend auf der welt. er stiftet in seinem testament eine große summe für die errichtung eines instituts, das die quelle des elends erforschen soll. das ist natürlich er selber.« (Brecht, »Arbeitsjournal«, 12.5 1942) [zurück]

Wertkritikkritik

(Freuden der alten Marx-Lektüre II, Teil 1 hier)

So ist die wertschaffende, abstrakte Arbeit für Rubin als gesellschaftliche Kategorie zu begreifen, in der jedes stoffliche Element fehlt. Wenn dem so ist, dann ist nicht verständlich, wie das Wertgesetz das von Rubin hervorgehobene und sich auf reale Arbeitszeitrelationen beziehende Gleichgewicht mit sich bringen kann. Wie abstrakt auch immer, die Arbeitszeit drückt sich in Produktion aus und die Gesamtproduktion muß der kapitalistisch bestimmten gesellschaftlichen Arbeitsaufteilung entsprechen. Die Vergegenständlichung des Werts setzt die Produktion voraus, so daß der Wert des Naturstoffes und der Arbeit nicht entbehren kann, wenn er auch selbst weder das eine noch das andere ist. Was Rubin sich zu sagen bemüht, ist, daß Gebrauchsgüter in der Warenproduktion erst Wertcharakter annehmen müssen, um sich als Gebrauchsgüter realisieren zu können, daß dies aber nicht eine Notwendigkeit der Produktion ist, sondern eine Eigenart, die sich ausschließlich aus der Warenproduktion ergibt. In dem Sinne ist der Wert ein rein gesellschaftliches Phänomen, da er unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen wegfallen würde, ohne damit die „Ökonomie der Zeit“ zur Bewältigung der gesellschaftlichen Bedürfnisse aufzuheben.

Aus einer Rezension Paul Matticks zu Rubins „Studien zur Marxschen Werttheorie“, Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Berlin, 10 Jg., Juni 1974, Heft 2, S. 257-261.

Es muß noch bemerkt werden, daß die deutsche Übersetzung [Rubins] aus dem Amerikanischen stark gekürzt ist und daß die ausgelassenen Teile eigentlich zu den besten des Buches gehören.

Et voilà.
Die amerikanische Übersetzung stammt übrigens von Fredy Perlman, der insbesondere zum Kapitel über Warenfetsichsmus eine Einleitung/ einen Kommentar verfasste.

»So wie früher die Toten geblutet haben, wenn der Mörder an die Leiche trat«

Heiner Müller: … ich hab‘ irgendwann mal so einen ganz kurzen Text geschrieben über Fadejew nach dem Selbstmord von Fadejew. Du weißt noch, wer Fadejew war? Er war, also …

Alexander Kluge: Ein russischer Schriftsteller? Vorsitzender des Schriftstellerverbandes …

Müller: Russischer Schriftsteller. Ein sehr guter Schriftsteller zunächst.

Kluge: Was hat er geschrieben?

Müller: Und dann war…“Die Neunzehn“, zum Beispiel. Das ist ein Roman aus dem Bürgerkrieg, wo er – es ist eigentlich die beste Beschreibung der Situation des jüdischen Intellektuellen – als Kommissar in dieser Bauernhorde, dieser frühen Roten Armee. Wo er beschreibt, unter anderem, den Ekel dieses Mannes, dieses Intellektuellen vor diesen Bauern, die stinken und primitiv sind. Und er haßt sie eigentlich, und sein Grundgefühl ist Ekel. Aber er muß sie lieben. Weil sie sind die Revolution. Sie sind die Zukunft.

Kluge: Und er ist Offizier?

Müller: Und er ist Kommissar. Ja. Und sie hassen ihn, weil er Jude ist und ein Intellektueller. Es ist wirklich ein toller Roman. Und dann wurde Fadejew der Repräsentant eigentlich des Stalinismus in dem Schriftstellerverband. Von ihm stammt dieser Satz über Sartre: „Eine Hyäne an der Schreibmaschine“— das war von Fadejew. Und …

Kluge: Das war bei ihm negativ gemeint.

Müller: Das war ganz negativ gemeint, ja.

(…)

Müller: Fadejew hat sich erschossen nach dem zwanzigsten Parteitag, also als Chruschtschow zum ersten Mal über Stalin und die Verbrechen gesprochen hat. Und am Abend vorher kriegt er Besuch von einem Schriftsteller, der fünfzehn Jahre im Lager gewesen war. Und Fadejew hatte nichts für ihn getan, hätte etwas tun können. Er war Sekretär des Schriftstellerverbands. Und der hatte einen Traum während dieser Lagerzeit: wenn er rauskommt, Fadejew ohrfeigen. Und er besuchte einen Freund, sagte: „Komm, wir gehen zu Fadejew.“ Und sie gingen zu Fadejew. Fadejew war betrunken, wie immer, also zuletzt war nur noch der Wodka. Und Fadejew stand in der Tür, und er hat ihn geohrfeigt und ist gegangen. Und in der Nacht hat sich Fadejew erschossen. Und angeblich auf der Couch, auf der Majakowski sich erschossen hat – die hatte er gekauft als Antiquität.

BEIM WIEDERLESEN VON ALEXANDER FADEJEWS DIE NEUNZEHN
In einer Nacht mit Wodka DER HIMMEL VOLL MADEN
Schreibt er sein Bild fest mit dem Revolver im Blitzlicht
Des letzten Parteitags als die Denkmäler bluten

Und die blutenden Denkmäler, das finde ich wichtig, daß Denkmäler bluten können. So wie früher die Toten geblutet haben, wenn der Mörder an die Leiche trat.

Fetischkritikkritik

(Freuden der alten Marx-Lektüre I)

1976 bespricht der Rätekommunist Paul Mattick den Sammelband »Marx und Marxismus heute« (hrsg. von Gerd Breitenburger und Günter Schnitzler, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1974) für die IWK (12. Jg., Heft 1, S.89-94) und geht dabei auch auf den Aufsatz »Der gesellschaftstheoretische Charakter der Marxschen Werttheorie« des Soziologen Johannes Berger ein (u.a. Co-Autor des zweibändigen Kompendiums »Krise und Kapitalismus bei Marx«, später Professor in Bielefeld).

Johannes Berger wendet sich dem gesellschaftstheoretischen Gehalt der Marxschen Werttheorie zu, um den Vorwurf von Seiten der Soziologie der marxistischen Beschränkung auf die Kritik der politischen Ökonomie zurückzuweisen. Er geht davon aus, daß Marx, im Gegensatz zur klassischen Ökonomie, den Wert nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ abhandelte, wobei es sich bei der qualitativen Analyse um die Auflösung der konkreten in allgemein abstrakte Arbeit handelt. Gesellschaftliche und natürliche Bestimmungen der Arbeit fallen auseinander. Um gesellschaftlich zu werden, muß die konkrete Arbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus abstrakt werden. Marx’ Lehre vom Doppelcharakter ist keine vom Denken geschaffene Unterscheidung, sondern basiert auf den wirklichen Verhältnissen. In einer Gesellschaft, in der für den Tausch produziert wird, wird die Arbeit des einzelnen nicht unmittelbar gesellschaftliche Arbeit, sondern gesellschaftlich erst ›post festum‹, durch den Austausch als Tauschwert gesetzt.
Dazu ließe sich sagen, daß dies sowohl für die abstrakte Darstellung der Warenproduktion im allgemeinen gilt, aber nicht ausreicht für das Verständnis der spezifisch-kapitalistischen Warenproduktion, in der der›Austausch‹ von Kapital und Arbeit nur ein scheinbarer ist. Das Kapital tauscht nichts gegen den Mehrwert, der auf dem Wert beruht, sondern eignet sich den Mehrwert durch den monopolisierten Besitz oder die Kontrolle der Produktionsmittel an. Die kapitalistische Gesellschaft beruht nicht, wie Berger anzunehmen scheint, auf dem Warenfetischismus, den Mystifikationen, die sich aus den Tausch- oder Wertverhältnissen ergeben, sondern aus der tatsächlichen Beherrschung der Produktionsbedingungen durch das Kapital. Deshalb stimmt es auch nicht, daß durch Einsicht in die Mystifikationen der Warenproduktion diese selbst aufgehoben werden können. Der Warenfetischismus ist nicht nur ein ›falsches Bewußtsein‹, sondern (…) eine ›objektiv‹ vom Kapital unablösbare Erscheinungsform der ihr zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse. Auch bei voller Erkenntnis, daß der Kapitalismus nur eine historische Form gesellschaftlicher Produktion und die verkehrte Welt der Warenproduktion keine notwendige ist, bleiben die dem Warenfetisch verbundenen Produktionsverhältnisse bestehen. Worauf es ankommt, ist, daß nicht nur die fetischisierten Bewußtseinsformen, sondern auch die sozialen Verhältnisse, die ihnen zugrundeliegen, objektiv durch den objektiv waschenden Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen dem Verfall entgegentreiben.