Archiv der Kategorie 'Für Romano Alquati'

Wer Vereinzelte fragt, kriegt auch nur Vereinzeltes zu hören

Vor kurzem beim Aufräumen über eine Stelle gestolpert, in der Wolfgang Rieland, der die besten deutschsprachigen Arbeiten zum historischen Operaismus geschrieben hat (»Organisation und Autonomie. Die Erneuerung der italienischen Arbeiterbewegung«, Franfurt/M. 1977, Einleitung zu »Klassenanalyse als Klassenkampf. Arbeiteruntersuchungen bei Fiat und Olivetti« von Romano Alquati, Einleitung zu »Fiat-Streiks: Massenkampf und Organisationsfrage«, München 1970) und einige zentrale Texte auch übersetzte, eine grundsätzliche Kritik an den Methoden der empirischen Industriesoziologie übt (Alquati hat sich ja auf diesem Feld bewegt, das war sein Job1).
Diese Methoden konstituieren den Arbeiter erst als Bürger – der er außerhalb des Produktionsprozesses auch tatsächlich ist (Matthias Beltz, der für den REVOLUTIONÄREN KAMPF etliche seiner besten Jahre am Fließband von Opel Rüsselsheim schuftete, schilderte das befremdliche Erlebnis, wie ihn ein Kollege, mit dem er auf Arbeit selbstverständlich per Du war, siezte, als sie sich zufällig nach Feierabend oder am Wochenende in der Stadt über den Weg liefen) – und zwar als Bürger sozusagen nicht in Uniform, sondern im Overall: Der Bürger wird in die Fabrik hineinverlängert. Dort war er aber nicht, und dort ist er, sorry liebe Genossen R. Kurz und J. Bruhn, bis heute nicht. Der Methodenindividualismus reproduziert die Vereinzelung der Bürgers, weil er nach dem Arbeiter in seiner Vereinzelung fragt. Theorie verdoppelt Wirklichkeit, und das bekommt beide nicht gut.
Und diese spezifische Kritik Rielands – steht in der Einleitung zu Alquati-Texten auf den S. 36/37 –, lässt sich auch erweitern: Linke, die an der Wirklichkeit verzweifeln, verzweifeln nicht zuletzt an der Demütigung, Isolierung, Zurückgeworfenheit – an der Depression des Individuums. Das alles soll nicht geleugnet werden, es ist ja unübersehbar, nicht weg-zu-fühlen. Aber es gibt die Seite der Kooperation, das Bemühen in zig Mikrostrukturen eben nicht alles Funktionalität und Verwertbarkeit zu unterwerfen, einen Anarchismus der Gefühle, die kollektiver sind, als wir denken und als Facebook uns verrät.
»Der einzige Weg, das System zu verstehen, ist der, eine Vorstellung von seiner Zerstörung zu gewinnen«, schreibt Alberto Asor Rosa, ein weiterer ›Frühoperaist‹ 1962 – und das geht eben nur kollektiv (einfache Erkenntnis, aber schwierig auszusprechen).

Und erst diese Aufhebung des »einzelnen Arbeiters« innerhalb der Produktion schafft dann vollends die objektiven Voraussetzungen für die kollektive und solidarische Praxis der Arbeiter in ihrem Kampf. Dieser entscheidende politische Prozeß aber wird in dem Moment nicht praktisch begriffen, wo die Individualität des Arbeiters dadurch rekonstruiert wird, daß jetzt nur wieder jener »einzelne Arbeiter« – und zwar eben als solcher – außerhalb der Produktion befragt wird, als wiederum isoliertes Individuum, als welches er in der Produktion tatsächlich zu existieren aufgehört hat. Damit allerdings erkennt die soziologische Konzeption der Arbeiteruntersuchung nicht mehr die kapitalistische Wirklichkeit an, sondern nurmehr deren ideologischen Schein – und sei es auch dessen Reflex im Kopf des »einzelnen Arbeiters«.
Derselbe Widerspruch pointiert sich auch dort in der empirischen Sozialforschung, wo diese, auf der Suche nach jenem berühmten »Arbeiterbewußtsein«, zunächst durchaus richtig davon ausgeht, daß solches Arbeiterbewußtsein »greifbar« dort in Erscheinung tritt, wo es sich in Konflikten praktisch äußert: so in Streiks. Solche Streiks aber sind nicht Kämpfe von Individuen, sondern hier ist gerade der solidarische Zusammenhang dieser »einzelnen Arbeiter« das wesentliche politische Moment, das ihren Kampf überhaupt erst konstituiert. Wie aber soll man nun dieses handelnde Subjekt (den »kollektiven Arbeiter« Alquatis, wenn man so will) nach seinem »Bewußtsein« befragen, ohne gleichzeitig diesen wesentlichen Zusammenhang der kämpfenden Arbeiter in der Befragung immer nur »einzelner Arbeiter« praktisch doch wieder aufzulösen? Gerade an diesem Widerspruch wird deutlich, daß mit der Reduktion von Arbeiteruntersuchung auf simple Befragungstechnik die wesentlichen Momente des Kampfes – wo ja jenes »Arbeiterbewußtsein« »greifbar« Gestalt annimmt; das war die Voraussetzung – nicht mehr erfaßt werden können; und an dieser Stelle wird Arbeiteruntersuchung allerdings zur politischen Frage (und nicht zum Gegenstand irgendeines »Methodenstreits«)!

  1. Pier Paolo Pasolini ätzt 1968 über eine »häretische Variante« des Kommunismus »jedoch auf Grundlage des niedersten Jargons der ideologielosen Soziologen«. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass er die ›Operaisten‹ – oder das, was 1968 aus ihnen geworden war – gemeint hat. Das wäre – wie so vieles von Pasolini – böse und auch wohl überspitzend sein Ziel verfehlend, aber wie immer: ungeheuer klasseninstinktsicher. Alquati, Raniero Panzieri – den vor allem – oder Danilo Montaldi (kennt hier aber keiner) muss man freilich in Schutz nehmen, Jargon wird man bei ihnen nicht finden. [zurück]

Die despotische Rationalität (Erinnerung an die Anstrengungen für eine Revolution)

Im Juni vor fünfzig Jahren erschien die erste Ausgabe der Quaderni Rossi, jenes Theoriemagazins, das häufig als Gründungsdokument des Operaismus identifiziert wird (was aber ein bisschen wichtigtuerisch ist, die Wurzeln des sogenannten Operaismus – das war übrigens mal ein Schimpfwort, das darauf abzielen sollte, die hier durchaus vorliegende Verherrlichung der ArbeiterInnen-Subjektivität aufs Korn zu nehmen – liegen in den 50er Jahren, als sich junge Marxisten wie eben Raniero Panzieri an eine Relektüre des Marxschen und nota bene auch des Leninschen Textkorpus unter dem Eindruck zahlreicher Einflüsse [amerikanische Industriesoziologie] und Erinnerungen an die Aufgaben der Revolution [die Beharrlichkeit des Linkskommunismus] machten1). Dieses Jahr wäre der Zeitschriftengründer und wahrscheinlich anregendste ›Operaist‹ Raniero Panzieri (wahrscheinlich deshalb, weil nur ein Bruchteil seiner Schriften übersetzt ist) neunzig Jahre geworden. 1964, wenige Monate vor seinem jähen Tod am 9. Oktober 1964, veröffentlichte er in den Quaderni einen seiner letzten Texte »Mehrwert und Planung«. Aus diesem wird im folgenden zitiert (»Pozzoli-Edition«, S. 68f., gekürzt um zwei Fußnoten). Lassen wir das Konstruieren von Anlässen. Panzieris Text ist großartig, gerade weil er sich streng und absolut »unorigenell«am »Kapital« entlang hangelt und die rationalen Momente in der widersprüchlichen Einheit von Produktions- und Verwertungsprozess herausarbeitet. In diesen rationalen Momenten kristallisiert sich aber nicht das BEWAHRENSWERTE des Kapitalismus, seine guten Seiten. Gerade in ihnen konzentriert sich das Potenzial zur Verkehrung der Welt: Das Rationale im Produktionsprozess erscheint als Naturgesetz, Aufklärung schlägt in Mythos um, auch eine Dialektik der Aufklärung (man sollte nicht vergessen, dass Panzieri ein exzellenter Kenner der kritischen Theorie war). Der klassische Operaismus (ersetze dieses Wort künftig durch: orthodoxer Marxismus) singt gerade kein Loblied einer ungebrochen widerständigen Arbeiterinnensubjektivität, sondern will die reformistisch-revisionistischen Illusionen, die damals am krassesten von den Parteikommunisten Moskauer Provenienz gepflegt und gehegt wurden, zertrümmern. »Die ›immanenten Widersprüche‹ [der kapitalistischen Produktion] liegen nicht in den Kapitalbewegungen: die Entwicklung des Kapitals ist nämlich nicht durch das Kapital selbst begrenzt, sondern allein durch den Widerstand der Arbeiterklasse.« Damit ist die AUFGABE kommunistischer Klassenkerne formuliert und noch keine ZUSTANDSBESCHREIBUNG. Die Verdinglichung dieses Postulats zu einem ontologischen Zustand blieb dann Toni Negri überlassen. ANMERKUNG dieses Urteil mag zu schnell gefällt sein, aber es ist andererseits evident, dass Negris Assoziationsketten Lichtjahre von den mühseligen Begriffsbestimmungen Panzieris entfernt sind2.

Wenn die Anwendung der Maschinen in großem Maßstab und in allen Produktionszweigen verallgemeinert ist, ist der Kapitalismus im Bereich der unmittelbaren Produktion Despotismus, der im Namen der Rationalität ausgeübt wird: der alte »wissenschaftliche« Traum vom Perpetuum mobile, einer ohne Arbeitsaufwand erzeugten Bewegung, scheint sich mit der aufs höchste gesteigerten Ausbeutung der Arbeitskraft und der höchsten Unterwerfung des Arbeiters unter den Kapitalisten zu realisieren (in der Verbindung dieser beiden Elemente äußert sich das Mehrwertgesetz).
Der Despotismus des Kapitals erscheint als Despotismus der Rationalität; sie ist die notwendige Vermittlung für das bessere Funktionieren des Kapitals in seinen beiden Bestandteilen, dem konstanten und den variablen Teil, festigt ihre Wechselbeziehung und läßt sie als technisch notwendig erscheinen. In der Sphäre der unmittelbaren Produktion ist der Kapitalismus für Marx Planung auf der Grundlage der unbeschränkten Entwicklung der Produktivkräfte: vor allem hier offenbart sich der antagonistische Charakter der kapitalistischen Produktion. Die ›immanenten Widersprüche‹ liegen nicht in den Kapitalbewegungen: die Entwicklung des Kapitals ist nämlich nicht durch das Kapital selbst begrenzt, sondern allein durch den Widerstand der Arbeiterklasse. Das Prinzip der Planung, das für den Kapitalisten ›Vorausschau‹, ›Sicherheit des Resultats‹, ›rationale Proportionalität‹ ist, setzt sich gegenüber dem Arbeiter nur als ›überwältigendes Naturgesetz‹ durch. Im Fabriksystem besteht der anarchische Aspekt der kapitalistischen Produktion einzig in der Insubordination der Arbeiterklasse, in ihrer Ablehnung der ›despotischen Rationalität‹. Angesichts der engen Verflechtung von Technik und Macht, die den Kapitalismus kennzeichnet, kann die Perspektive einer anderen (von den Arbeitern selbst bestimmten) Anwendung der Maschinen sich natürlich nicht auf die bloße Umwälzung der Produktions-(Eigentums-)verhältnisse gründen, als seien diese eine, Hülle, die auf einem bestimmten Entwickungsniveau der Produktivkräfte nur deshalb unweigerlich fallen müßte, weil sie zu eng geworden ist: die Produktionsverhältnisse liegen in den Produktivkräften, die Produktivkräfte tragen den ›Stempel‹ des Kapitals. Gerade das ermöglicht es dem Kapitalismus, sich auch noch fortzusetzen, nachdem die Entwicklung der Produktivkräfte bereits ihr höchstes Niveau erreicht hat. Die gesellschaftliche Regelung des Arbeitsprozesses stellt sich dann unmittelbar als eine Art Planung dar, die im Gegensatz zur kapitalistischen Planung steht.

  1. Siehe hierzu jetzt die Einführung von Christian Frings: »Organisationskritik im Operaismus«, erschienen in Michael Bruch / Wolfram Schaffar / Peter Scheiffele (Hrsg.): »Organisation und Kritik«, Münster 2011 (Verlag Westfälisches Dampfboot), S. 170ff. Über weite Strecken ein präziser, knackiger Text, der sich mit dem Ärgernis des sog. Post-Operaismus nicht weiter aufhällt, der allerdings auch nicht dem Erbe des Linkskommunismus nachspürt. [zurück]
  2. Dieses Urteil mag zu schnell gefällt sein, aber es ist andererseits evident, dass Negris Assoziationsketten Lichtjahre von den mühseligen Begriffsbestimmungen Panzieris entfernt sind. [zurück]

»… die aber die lebendige Arbeit, die Arbeit der Lebendigen und die Lebendigen selbst, verschlingt und tötet«: Die Linie Bordiga-Panzieri

Bereits letztes Jahr ist bei Assoziation A ein Sammelband erschienen, der eine andere Neue Marx Lektüre vorschlägt, nämlich eine sozialgeschichtliche, an die Subjektivität von Arbeiterselbstbefreiungsbewegungen (die im 21. Jahrhundert anders aussehen als im 20. oder 19.) anknüpfende. »Über Marx hinaus« heißt der überaus heterogen zusammengestellte Band, in dem längst nicht alle Beiträge empfehlenswert sind. Denn in Teilen wird eine diffuse postoperaistische Szene angesprochen, die mit einer um ein wenig Klassenkampf-Geschichte angereicherten dekonstruktivistischen Marx-Lektüre vor allem ihre Subjektivität bestätigt und geadelt sehen will. Dann kann es gut passieren, dass ein wichtiger, ja entscheidender Hinweis über den Nexus von »alteuropäischer« Arbeiterradikalität und neuen »operaistischen Horizonten« geflissentlich überlesen wird.
In dem allerdings empfehlenswerten Essay »Lesarten des Maschinenfragments. Perspektiven und Grenzen des operaistischen Ansatzes und der operaistischen Auseinandersetzung mit Marx« (S. 407-432) zeichnen der immer inspirierte Riccardo Bellofiore und sein Mitstreiter Massimiliano Tomba die Linie Bordiga – Panzieri nach. Raniero Panzieri, zusammen mit Romano Alquati und Mario Tronti der wichtigste Denker des Operaismus (Alquati ist der Soziologe des O., Tronti sein Philosoph und Panzieri der kühne Stratege, der theoretische Kritik mit praktischer Zielsetzung immer grundsätzlich zu verbinden wusste), hat Anfang der 60er Jahre gegen den demokratischen Fortschrittswahn westlicher Stalinisten wie östlicher Sozialdemokraten (oder umgekehrt?) die Technologiekritik Marxens herausgearbeitet. Einen entscheidenden Schlüssel dafür fand er im sogenannten »Maschinenfragment«, einer sehr freigeistigen und assoziativen Passage in den Grundrissen, in der Marx, na, sagen wir es so: den Kommunismus ableitet – und zwar aus der historischen Tendenz des Wertgesetzes, das sich in der rasanten Entwicklung der Produktivkräfte selbst ad absurdum führt. Dieses Fragment ist in der späteren Entwicklung des Operaismus zu seinem ultimativeb Kulttext avanciert. Die Spekulation Marxens, die er in allen späteren Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie nie wieder aufnehmen sollte, wurde (und wird immer noch) als Realanalyse gelesen, die – wir reden hier von vielleicht zehn Druckseiten! – alles andere an Kritik bei Marx weit in den Schatten stellen soll. Das klingt überhitzt, das ist es auch, aber darum geht es hier nicht.
Die (Wieder-)Entdeckung der Technologiekritik (wenn man so will: die Klassenstruktur der Maschinerie) bei Marx ist jedoch nicht die originäre Leistung Panzieris, sondern sie fußt auf einigen programmatischen Schriften Amadeo Bordigas. Genau dies haben Bellofiore und Tomba in dankenswerter Klarheit herausgestellt, weswegen wir die Passage hier dokumentieren (in »Über Marx hinaus« auf den Seiten 409-412 zu finden, Übersetzer: Max Henninger).

Zwei Hinweise: 1. Die Zählweise der Fußnoten entspricht nicht dem Originaltext. 2. Der erwähnte Text Bordigas »I fondamenti del comunismo rivoluzionario marxista nella dottrina e nella storia della lotta proletaria internazionale« liegt auch auf Deutsch vor (in etwas holpriger Übersetzung): »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus in der Lehre und in der Geschichte des internationalen proletarischen Kampfes«.

Der erste, der in Italien die Bedeutung des Maschinenfragments unterstrich, war Amadeo Bordiga.1 Auf den Text aufmerksam gemacht hatte ihn Roger Dangeville, Mitglied der Internationalistischen Kommunistischen Partei (Partito Comunista Internazionalista, PCInt) und Herausgeber der ersten französischen Ausgabe der Grundrisse, die 1967 in den Éditions Anthropos erschienen war.2 Möglicherweise lässt sich, über Danilo Montaldi [viel zu früh verstorbener Historiker, ein Linkskommunist zwischen Bordiga, Korsch und den frühen Operaisten, Anm. Ofenschlot] und andere, ein genealogischer Zusammenhang oder eine indirekte Verbindung zwischen der Redaktion der Quaderni Rossi [Panzieri war zumindest ihr ideeller Chefredakteur, Anm. Ofenschlot] und diesen Texten von Bordiga rekonstruieren.3 Das ist aber nicht das Problem, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen. Uns interessieren in erster Linie die von Bordiga 1957 aufgeworfenen theoretischen und politischen Fragen.

Bordiga lag daran, die Automatisierung der Produktion, die sowohl bei den »bürgerlichen Ökonomen« als auch bei »jener Arbeiterbande des falschen russischen Sozialismus« Verwirrung gestiftet hatte,4 aus marxistischer Perspektive zu analysieren. Mit der Automatisierung stellten sich die Probleme einer drastischen Reduzierung der industriellen Arbeitskraft, einer neuen Arbeitslosigkeit und der voraussehbaren Schwierigkeiten, denen eine große Menge Frauen und Männer nicht nur beim Geld verdienen begegnen würden, sondern vor allem auch beim Ausgeben von Geld, also beim Erwerb der ungeheuren Warenmassen, die in den halbleeren und automatischen Fabriken produziert werden sollten. Einerseits wollte Bordiga die Epigonen des sowjetischen Konzepts der »Vollbeschäftigung« und jene sozialdemokratischen Kommunisten angreifen, die die Demokratisierung des Kapitals betrieben. Andererseits waren da aber auch die »halbgaren Marxisten«, die angesichts der Perspektive einer »totalitär automatischen Produktion« keine andere Sorge hatten, als dass mit ihr das Gesetz, demzufolge die Gesamtheit des Wertes auf die Arbeit der Lohnarbeiter zurückgeht, zusammenbrechen würde. Bordiga antworte ihnen: »Auf den Abfallhaufen mit den Gesetzen des Wertes, des Äquivalententausches und des Mehrwerts: Mit ihrer Auflösung bricht die Form der bürgerlichen Produktion selbst zusammen.«5 Bordiga ging es darum, die Notwendigkeit des Kommunismus unmittelbar aus kapitalistischen Phänomenen zu beweisen.

Soweit der allgemeine Rahmen. Aus der Analyse einiger Textpassagen, die stets im Kontext von Bordigas glühender Polemik gegen den sowjetischen und den fortschrittsgläubigen Marxismus geschrieben wurden, wird die Stoßrichtung der Politik Bordigas ersichtlich. Bordiga schreibt: »Die Wissenschaft, die die unbeseelten Glieder der Maschinerie entsprechend ihrer Konstruktionsweise zwingt, wie Automaten zu agieren, existiert nicht im Bewusstsein des Arbeiters, sondern wirkt über die Maschine wie eine fremde Macht, wie die Macht der Maschine selbst, auf ihn ein.«6 Die verschiedenen Glieder des Maschinensystems wirken wie ein einziger Automat, denn eben das ist das Ziel, um dessen willen die Maschinen entworfen und gebaut werden. Es ist die Funktion der Maschinen, »durch ihre Konstruktion zweckgemäß als Automat zu wirken.« Dieses Ziel, das mit der Herstellung von Maschinen, die die Arbeit zugleich potenzieren und intensivieren, verfolgt wird, existiert nicht nur im Bewusststein des Arbeiters, sondern es ist ihm sogar entgegengesetzt: Die Maschinen sollen zu einer »fremden Macht« werden.

Darauf folgt nicht nur, dass das »ganze System der automatischen Maschinerie ein Ungeheuer bildet, unter dessen Gewicht eine versklavte und unglückliche Menschheit erdrückt wird, ein Ungeheuer, welches das Bild, das Marx von der gegenwärtigen Gesellschaft zeichnet, dominiert«, sondern auch, dass die Wissenschaft »vor allem technische Wissenschaft und Überlegenheit ist, das Monopol einer ausbeutenden Minderheit.«7 Bordiga endet sich gegen den fortschrittsgläubigen Optimismus der Reformisten, der im wissenschaftlichen und technischen Fortschritt einen weiteren Schritt in Richtung einer Anhebung des allgemeinen Wohlstands sieht. Was Bordiga zur Diskussion stellt, ist nicht so sehr der wissenschaftliche Fortschritt an sich als vielmehr sein Klassencharakter: die Tatsache, dass die Herstellung des Wohlstands zugleich auch die des Elends einer anderen Klasse ist. Gegen die begeisterten Apologeten jenes technischen Fortschritts, den er in seiner unverwechselbaren Prosa das »Unheil der toten Arbeit« nennt, schreibt Bordiga: »Die sich das von der lebendigen Arbeit produzierte Kapital (den Mehrwert) aneignen, sind weder Menschen noch eine menschliche Klasse: Sie sind das Monster, die objektivierte Arbeit, das fixe Kapital, Monopol und feste Burg der Kapitalform an sich, eine seelenlose und sogar leblose Bestie, die aber die lebendige Arbeit, die Arbeit der Lebendigen und die Lebendigen selbst, verschlingt und tötet.«8

Bordigas Polemik zielt auf den russischen Marxismus und trifft gleich mehrere Varianten des stalinistischen Marxismus. Zunächst einmal die sowjetische Ideologie, die die Ausweitung der russischen Industrieproduktion als Mittel zur Herstellung eines stählernen Sozialismus darstellte. Während es doch die Verwandlung der Mehrarbeit nicht in freie Zeit sondern in Mehrwert ist, die die kapitalistische Produktionsweise kennzeichnet: »Das fixe Kapital in Form der Maschinerie ist das, was sie heute, im Osten wie im Westen, den Komplex der Instrumentalgüter nennen und gleichermaßen als Mittel zur Steigerung der Masse der Produktivkräfte loben – das neue Monster, das heute die Menschheit erstickt. Dies ist wahrhaftig ein aneichen für die Dominanz der kapitalistischen Produktionsweise.«9 Aber Bordiga greift nicht nur die russische Ideologie an, die die Entwicklung der Produktivkräfte als Sozialismus ausgibt und sich auch bei so manchem erklärten Antistalinisten findet. Er wendet sich ebenso gegen die Vorstellung, das Monströse der kapitalistischen Produktionsweise bestehe schlichtweg in der privaten Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalisten. Ungeheuerlich ist vielmehr das fixe Kapital, das die lebendige Arbeit verschlingt. »Die Bestie«, schreibt Bordiga, »ist der Betrieb, nicht die Tatsache, dass er einen Betriebsleiter hat.«10 Ebenso greift Bordiga die gegen die Arbeiter gerichteten Varianten des verwirklichten Sozialismus an. Das Bild eines Sozialismus der Selbstverwaltung oder Arbeiterkontrolle wird von ihm verworfen, denn ein solcher Sozialismus bereitet der Fabrikdespotie, die nicht auf die Bösartigkeit des Kapitalisten, sondern auf die Gesetze des Kapitals zurückgeht, kein Ende: sie verlängern vielmehr den Prozess der Kapitalverwertung. Die Erniedrigung der lebendigen Arbeit im kapitalistischen Betrieb lässt sich nicht beheben, indem der Betrieb in den besitz anderer übergeben wird, sondern einzig durch die Revolutionierung der Arbeitsweise und der Arbeitsbedingungen. Für Bordiga »ergibt sich die Antithese von Kapitalismus und Sozialismus nicht auf der Ebene des Eigentums oder der Betriebsverwaltung, sondern auf der der Produktion.«11

Die Apologie des technischen Fortschritts war gut geeignet, sowohl die kapitalistische Akkumulation in Russland als auch den sozialdemokratischen Gradualismus im Westen zu rechtfertigen. In beiden Fällen handelt es sich um die Vorstellung eines mit dem Sozialismus versöhnbaren Kapitalismus. Der Stalinismus und die westliche Sozialdemokratie waren für Bordiga die Gefahr: das, was das Wiederaufleben der revolutionären Klassenbewegung noch auf Jahre hinaus blockieren würde.

  1. Amadeo Bordiga, Traiettoria e catastrofe della forma capitalistica nella classica monolitica costruzione teorica del marxismo, in: il programma comunista 19/20 (1957), wieder abgedruckt in: ders., Economia marxista ed economia controrivoluzionaria, Mailand 1976, S.189-208. [www.alter-maulwurf.de übersetzt den Titel mit »Katastrophischer Verlauf der kapitalistischen Produktionsweise im klassischen, in sich geschlossenen theoretischen Bauwerk des Marxismus«, dieses Grundsatzreferat liegt noch (??) nicht auf Deutsch vor, es gibt aber ein anderes Referat Bordigas, das auf dieses verweist: »Das revolutionäre Programm der kommunistischen Gesellschaft beseitigt jede Form des Eigentums am Boden, an den Produktionsanlagen und an den Produkten der Arbeit« (1958), Anm. Ofenschlot] [zurück]
  2. Vgl. Liliana Grilli, Amadeo Bordiga: capitalismo sovietico e comunismo, Mailand 1982, S.253. [zurück]
  3. Einige Analogien im Denken Bordigas und Panzieri behandelt Pier Aldo Rovatti, Il problema des comunismo in Panzieri, in: AutAut 149/150 (1975), S.75-101. [zurück]
  4. Bordiga, Economia marxista (wie Anm.1), S.189. [zurück]
  5. Ebd., S.190. [zurück]
  6. Ebd., S.193. [zurück]
  7. Ebd., S.193-194. [zurück]
  8. Ebd., S.200. [zurück]
  9. Ebd., S.211. [zurück]
  10. Amadeo Bordiga, I fondamenti del comunismo rivoluzionario marxista nella dottrina e nella storia della lotta proletaria internazionale, in: il programma comunista 13-15 (1957), S.56. [zurück]
  11. Grilli, Amadeo Bordiga (wie Anm.2), S.264. [zurück]

Ciao Romano. Erinnerung an Romano Alquati

(Vorbemerkung Ofenschlot: Der lange angekündigte Kommentar zu den [Früh-]Schriften Romano Alquatis steht noch aus. Wir fühlen uns durchaus in der Pflicht, diesen nachzuholen, allerdings wird das nichts mehr vor der Sommerpause.
In der Zwischenzeit, Espace contre ciment hat bereits darauf hingewiesen, ist die neue Ausgabe von Sozial.Geschichte Online erschienen, einem Kompendium, das im weiteren Sinne der operaistischen Tradition zugehört und immer wieder lesenswerte Essays und Themensammlungen publiziert. In der aktuellen Ausgabe findet sich auch ein weiterer Nachruf auf Romano Alquati. Diesen fügen wir unserer kleinen Alquati-Sammlung zu.
Schön ist, dass in diesem Nachruf das Konzept der ›militanten Untersuchung‹, aus der ja einige Genossen regelrecht einen Fetisch gemacht haben, schlicht und sachlich erklärt wird. Dennoch können sich die Autoren zumindest einen pathetischen Begriff nicht verkneifen – den des ›militanten Seminars‹, was auch immer das sein mochte… Ein Widerspruch in der Übersetzung lässt schmunzeln: Es gibt zwar ›AktivistInnen‹, die die Klasse erforschen. Die Klasse ist aber die ›Arbeiterklasse‹, die eine ›Arbeitersubjektivität‹ ausbildet und sich zu einer ›Arbeiterbewegung‹ aufrafft. Großes Binnen-I, where have you gone?)

Emiliana Armano / Raffaele Sciortino
Ciao Romano. Erinnerung an Romano Alquati

Am vergangenen 3. April starb Romano Alquati in Turin im Alter von 75 Jahren. Alquati war ein herausragender Vertreter des operaistischen Gedankenguts, ein systematischer und intelligenter Denker jenseits der konventionellen Schemata. Er war einer der differenziertesten Erforscher der Subjektivität und der Zusammensetzung der Arbeiterklasse.

Die politische Biographie Romanos beginnt in der minoritären, aber wichtigen Gruppe der jungen »Barfuß-Forscher« der 1950er Jahre, die – trotz ihrer kritischen Verbundenheit mit der Arbeiterbewegung und insbesondere ihren gewerkschaftlichen Organisationen – bald einen grundlegenden Bruch mit der institutionellen Repräsentation und dem nationalen Weg zum Sozialismus vollzog. Dabei unterscheidet sich diese Gruppe zugleich von der »historischen« antistalinistischen Opposition, nicht zuletzt, weil sie einer anderen Generation angehört. Sie nimmt jene außergewöhnliche Zäsur voraus, die erst 1968 zur Reife kommen sollte. Romano Alquati entwickelt sich in einer kulturell anregenden Umgebung, die sich in jenen Jahren auf der Suche nach einem von Verkrustungen befreiten Marxismus befindet. Statt die Arbeiterklasse gemäß dem Kanon der kommunistischen »Kirche« zu begreifen, sollen die AktivistInnen es ermöglichen, die Klasse zu erforschen und ihr zuzuhören, so wie sie ist. Zudem bereichert eine kritische Neulektüre der soziologischen Klassiker diesen Ansatz, der für einen phänomenologischen Zugang zur Subjektivität der Arbeiterklasse offen ist.

In Cremona – einer Stadt auf der Poebene, in der sich die Kämpfe des bäuerlichen Proletariats und die stürmische Industrialisierung des Nachkriegswirtschaftsbooms kreuzen – durchläuft Romano gemeinsam mit seinem Freund Renato Rozzi und dem »häretischen« Kommunisten Danilo Montaldi seine politische Bildung. Und es ist auch Montaldi, unter dessen Einfluss Alquati die ersten Erfahrungen mit der militanten Untersuchung sammelt. Die Erfahrungen aus den Kämpfen in Cremona im Gepäck, zieht der fünfundzwanzigjährige Romano in die »Fabrik-Stadt« Turin. Dort beteiligt er sich mit Raniero Panzieri aktiv an der Redaktion der Zeitschrift Quaderni Rossi, die für die Entstehung der neuen Linken von grundlegender Bedeutung ist. Ab 1963 arbeitet er dann mit Mario Tronti und Toni Negri im Redaktionskollektiv der Zeitschrift Classe Operaia, dem wahren Geburtsort dessen, was später als operaismo bekannt werden sollte. In diesem Schmelztiegel kollektiver Erfahrungen, in engem Kontakt mit einer neuen Figur der Arbeiterklasse, mit jenen »neuen Kräften« des Massenarbeiters, die zum Neokapitalismus in einem potenziell antagonistischem Verhältnis stehen und sich in ihrem Verhalten und ihrer Denkweise erheblich von der alten Arbeiterbewegung unterscheiden, werden grundlegende analytische Kategorien wie etwa die der Klassenzusammensetzung erarbeitet.

Dabei wird mit der »Methode« der conricerca oder Mit-Untersuchung auch ein Untersuchungs- und Interventionsansatz vorgelegt. Die conricerca, die Anfang der 1960er Jahre als militante Feldrecherche mit den Arbeitern von Fiat Mirafiori und anderen Fabriken des Piemonts (Olivetti, Lancia) entstand, ist zugleich Untersuchungsaktivität und Erkenntnisprozess. Sie verändert sowohl die Identität des Untersuchenden als auch das, was von nun an Arbeitersubjektivität genannt wird. Es handelt sich um eine Interventionspraxis, die den militanten Untersuchenden und die erforschten Subjekte auf dieselbe Ebene stellt. Die gesonderte Figur der »Avantgarde«, die der Tradition und politischen Logik der Linken bis heute so teuer ist, wird aufgehoben. Ziel ist, das Verhältnis Theorie-Praxis-Organisation horizontal und als zyklische Bewegung neu zu formulieren. Aber die militante Untersuchung ist keine als Methode formalisierbare Praxis. Sie ermöglicht – auch in den Perioden der Inaktivität – eine Lektüre der durch den Unterschied von technischer und politischer Zusammensetzung sich abzeichnenden Konfliktivität. Als Grundlage dienen dabei die Analyse und Diskussion der informellen Organisation und der konstituierenden Ambivalenzen der Klasse. Es ist kein Zufall, dass diese Untersuchungen in dem neuen Zyklus der Arbeiterkonflikte, der in Turin mit der Revolte auf der piazza Statuto im Juni 1962 einsetzt und das lange italienische 1968 antizipiert, eine aktive Rolle spielen.

Romanos große Fähigkeit, jene Zäsuren zu erfassen, die bei jeder politischen und organisatorischen Entwicklung vorrangig sind, veranlasst ihn bereits in den frühen 1970er Jahren – die auch den Höhepunkt der Konfliktualität des Massenarbeiters darstellen –, über den Tellerrand hinauszugucken und in den Prozessen der Industrialisierung menschlicher Aktivität, die sich in der beginnenden Tertiarisierung zeigen, die Verlagerung der kapitalistischen Subsumtion aus der Fabrik in das »Gesellschaftliche« zu erkennen. Auf diese Periode gehen die in Università di ceto medio e proletariato intellettuale veröffentlichten Untersuchungen zurück. Sie ebnen den Weg für die nachfolgenden Analysen der Bildung, Kommunikation und Intellektualität der Massen: Analysen der Dienstleistungen als Produkt des Kapitals und, allgemeiner, der Reproduktion der zur Ware gewordenen menschlich-lebendigen Fähigkeit. Dort wird festgestellt, dass ein Zyklus der Klassenzusammensetzung und eine Phase des Kapitalismus an ihr Ende gekommen sind – und nun über die operaistischen Lesarten hinausgegangen werden muss. Neue Instrumente müssen entwickelt werden, eine Einsicht, die sich auch im Denken Romanos Bahn bricht.

Romano Alquati führt seit den 1970er Jahren einen konstanten aber isolierten Dialog mit den großen Soziologen, etwa mit dem Zygmunt Bauman der Flüssigen Moderne und mit Alain Touraine. Am Ende dieser Überlegungen definiert er die Hyperindustrialisierung als tatsächlich stattfindende reelle Subsumtion aller menschlichen Erfahrung und als Inwertsetzung der gesamten gesellschaftlichen Reproduktion. Die Ambivalenz bildet dabei im Grunde immer noch den Kern: Wissen und Handlungen der Personen können der Autonomie der Subjekte unterworfen sein oder in der Kodifizierung der formalisierten technisch-wissenschaftlichen Sprache des Kapitals enteignet werden. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sich die Hyperproletarier, die von den flexiblen Technomaschinen der kapitalistischen Produktion und Reproduktion sozialisiert worden sind, für eine emanzipatorische Praxis öffnen können.

In den 1980er Jahren werden diese Themen in militanten Seminaren behandelt, wobei immer noch auf die Massenuniversität als möglichen Ort der kollektiven Produktion und des kritischen Bewusstseins rekurriert wird. Es sind Jahre der Bildung für diejenigen, die später zu seinen Schülern wurden. Doch kommt es ab den 1990er Jahren zur endgültigen Zerstörung dieser Orte. Die Distanz zu einer offiziellen Linken, die den Veränderungen gegenüber taub bleibt, ist abgrundtief, für Romano kommt es zum Verlust des Kontakts mit ehemaligen Genossen des operaistischen Weges. All dies kennzeichnet die Isolation Romanos, der dennoch nicht aufhört, immer wieder zu seinen letzten, zweifelnden, neue Probleme erforschenden und unveröffentlicht gebliebenen Arbeiten zurückzukehren – Werke, die sicherlich seine komplexeste und dichteste Hinterlassenschaft darstellen.

Wir haben am 7. April 2010 im Garten des Turiner Centro Sociale Askatasuna von Romano Alquati Abschied genommen. Gerne erinnern wir uns an ihn mit seinen Worten: »In Zeiten ausbleibender Revolutionen ist es weder unterhaltsam noch beneidenswert, halsstarrig eine revolutionäre Haltung einzunehmen. Ende der 50er Jahre hatte man das Gefühl, am Anfang von etwas zu stehen […], das für die Zukunft offen war.« Auch in den letzten, nicht einfachen Jahren, hat Romano nie der Nostalgie nachgegeben.

Aus dem Italienischen von Lars Stubbe

Für Romano Alquati, #2

1 Heute braucht das deutsche Proletariat keine offizielle Organisation mehr, weder öffentliche noch geheime; der einfache, sich von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinnter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden, Beschlüsse und sonstige greifbare Formen das gesamte Deutsche Reich zu erschüttern. (…) Und mehr noch. Die internationale Bewegung des europäischen und amerikanischen Proletariats ist jetzt so erstarkt, daß nicht nur ihre erste enge Form – der geheime Bund –, sondern selbst ihre zweite, unendlich umfassendere Form – die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation – eine Fessel für sie geworden und daß das einfache, auf der Einsicht in die Dieselbigkeit der Klassenlage beruhende Gefühl der Solidarität hinreicht, unter den Arbeitern aller Länder und Zungen eine und dieselbe große Partei des Proletariats zu schaffen und zusammenzuhalten.
Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, London 1885 (MEW 21, S. 223)

2 Für uns war also »Arbeiteruntersuchung« ein provokatorischer Slogan gegen die versteinerten historischen Institutionen. Sie war also in der Tat kein Ausgangsinstrument, im Gegenteil, sie war ein weit entferntes Ziel; denn sie bedeutete Untersuchung, in der die Arbeiterklasse als solche das Subjekt war: was ein sehr hohes Niveau von Bewußtsein und von schon realisierter politischer Arbeiterorganisation voraussetzte! Die Mituntersuchung auf Arbeiterebene (oder besser die Selbstuntersuchung) gab es nur als Vorsatz in diesem ersten rudimentären Anhängen an einzelne Arbeiter mit dem Ziel., die ersten einleitenden Informationen von außerhalb zu bekommen. In Wirklichkeit setzte sie ein weit entferntes Ziel, weil sie schon die kollektive politische Arbeiterorganisation verlangte und nicht nur die Ausweitung und das Wachstum der »autonomen« Organisierung (übrigens eine andere gigantische Aufgabe 1960 bei FIAT). Wir nahmen uns dieses zweite Ziel vor, das sicher nicht das nächstliegende war, und wollten praktisch die ersten Schritte in dieser Richtung realisieren. Wir glaubten, daß dies der Weg der politischen Wissenschaft vom Arbeiterstandpunkt aus wäre, als deren Funktion wir diese Publizistik versuchten. Wir verstanden »Arbeiter-« in einem Sinn, den wir als neo-leninistisch definieren könnten, der also die politische Avantgarde und die politische Organisation von der Massenavantgarde der Arbeiterautonomie und von der Masse der Werktätigen und der Produzenten als aktive Arbeitskraft unterschied. Doch nicht zufällig vermittelten wir sie mit Luxemburgianischen Elementen. Wir glaubten, daß die ersten Schritte wären: einerseits Entwicklung von irgendwelchen Interessenzusammenhängen von einzelnen Arbeitern zu Kernen der »permanenten autonomen« Organisation — innerhalb der spezifischen politischen Zusammensetzung, die die Klasse innerhalb ihrer Kampfbewegungen realisierte —; andererseits die auch praktische Realisierung einer dialektischen Interaktionsbeziehung zwischen autonomer Organisation des kollektiven Arbeiters und den Kernen der organisierten politischen Avantgarde, die uns interessierten, sowohl, weil sie in der autonomen Organisation präsent waren (in Rollen, die noch alle aufzudecken waren), als auch als reale Basis der institutionalisierten Arbeiterbewegung, in die wir die Kapazität der Bewegung der Arbeiterklasse erweitert einbringen wollten, um hier Prozesse der Neubegründung zu eröffnen.

Aus: »Sulla FIAT e altri scritti«, Mailand: Feltrinelli 1974

3 Und außerdem … war keiner bereit, auch nur einen Finger krumm zu machen für eine Sache, die … in irgendeinem Buch oder in irgendeinem Aufsatz enden würde. Schon in den vorbereitenden Zusammenkünften gab es für alle nur dieses Problem: wenn wirklich etwas für die konkrete politische Organisation der Arbeiter in der Fabrik getan wird – ob sie Mitglieder in den traditionellen Organisationen sind oder nicht –, und damit dafür, daß die Kämpfe den Teufelskreis der Isolation endlich sprengen, dann wird diese Arbeit voll unterstützt; wenn dagegen bloß »Quatsch« geredet und geschrieben wird, dann dürfte es wohl böse enden.

Aus: »Organische Zusammensetzung des Kapitals und Arbeitskraft bei OLIVETTI 1962/63«

4 »Taylorismus und Arbeiterbewegung« In der Geschichte der Industrie hat es nie eine Tendenz gegeben, die Arbeiter in Affen und (um hier die Zwieschlächtigkeit der Naturvergleiche zu unterstreichen) in Automaten zu verwandeln. Wo die Mechanisierung bestimmte Arbeitsverhältnisse auf »Wiederholungen« reduziert hat, hat sie deren Kreativität gerade mit Hilfe der Maschinen entfaltet und auf andere Arbeitsverhältnisse übertragen. Die »Kreisförderer« bestätigen uns, daß die These falsch ist, nach der die Grundtendenz der »Technik« der Umwandlung der Produktionsmittel in Gebrauchswerte auf der einen Seite Arbeiter hervorbringt, die lediglich formalisierte und auf der Ebene der »Operationen« (das heißt der Arbeitsleistung) analytisch bestimmte Arbeitsgänge ausführen, und auf der anderen Seite Manager, die alles im Kopf und für alles eine Lösung haben. Als ausführender erscheint der Arbeiter heute allein in seiner Rolle als »Erfüller« des Planes; und wiewohl diese Rolle nur abstrakt, global und allgemein umrissen ist, ist sie doch politisch. Der Sinn des Wortes vom »ausführenden« Arbeiter also verweist heute einzig und allein auf die politische Verdinglichung dieses Arbeiters.
(…)
Im allgemeinen hat die Arbeiterbewegung die relative Verelendung nie als politische Verdinglichung, nie als subjektive Unterwerfung der Arbeiterklasse, die keine revolutionäre Partei in der Fabrik hat, unter die Ziele und Werte des Kapitals verstanden. So akzeptierte man die These vom wachsenden Elend auf der einen und von der Dequalifizierung der Arbeiter auf der anderen Seite. Gerade die Arbeiterbewegung betrachtete den Taylorismus als Tendenz, die Arbeiter als konstantes Kapital auf Affen zu reduzieren, wohingegen aber der tayloristische Slogan die Arbeiter als Proletariat auf Affen reduzieren wollte. Taylor wollte die Rationalisierung der politischen Zergliederung der Einheit und der alternativen Kraft der Arbeiterklasse wissenschaftlich organisieren; inzwischen aber schuf er gerade jene Bedingungen, unter denen die äffischen Aspekte der Arbeit durch die Maschine absorbiert werden konnten.
Mit der Wiederaufnahme der Kämpfe verbreitet sich heute auch das Bewusstsein von der Rolle, die die Arbeiterklasse zu spielen hat, damit »der Laden läuft« (und man darf den Rahmen der vorherrschenden Entfremdungstendenzen der Arbeiter nicht aus den Produktionsverhältnissen, sondern man muß ihn aus der Macht zur umfassenden Entscheidung heraus entwerfen). Das Thema des »Sinnes« der Arbeit wird jetzt auf der politischen Ebene fruchtbar.
Die Ideologen der sogenannten »extremen revolutionären Linken« zum Beispiel lachen über die »Machtanteile in der Fabrik«, weil sie meinen, daß − da keiner der Arbeiter das Parteibuch ihrer »revolutionären Partei« in der Tasche hat − jeder Kampf und jede Eroberung nur ein Kalkül des Kapitalisten sei. Tatsächlich verbleibt noch eine ganze Reihe von Kämpfen innerhalb eines kapitalistischen Planes. Dennoch trifft das Gegenteil zu: die Forderung nach »Macht« in der Fabrik − nicht im Rahmen einer allgemeinen Bewegung erhoben (…), wird zu einem Element der dynamischen Stabilisierung des Systems, weil der Kapitalist den Arbeitern noch nicht einmal den kleinsten Bruchteil eines »Klassenbewußtseins« zugestehen kann. Heute muß der Kapitalist noch verhindern, daß die Arbeiter sich zusammenschließen und ihre Erfahrungen untereinander austauschen. Er muß die Übertragung von Verantwortung begrenzen, ja, er ist sogar gezwungen, zu verhindern, daß die Arbeiter überhaupt miteinander sprechen!
Mit oder ohne Gewerkschaft in der Fabrik ist die politische Isolierung der Arbeiter die wahre Seele der wissenschaftlichen Organisation der Arbeit: von den langlebigen Konsumgütern über die Freizeitstrukturen bis hin zur Urbanistik, wenn man so will, vor allem aber in den Arbeitsverhältnissen. Nur durch die Entwicklung der Führung der Kämpfe durch die Arbeiter selbst kann heute verhindert werden, daß der Arbeiter in jenem Individualismus und politischen Anarchismus verharrt, in welchen ihn die Politik der Arbeiterbewegung vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum heutigen Tag gefangen hält.

Aus: »Organische Zusammensetzung des Kapitals und Arbeitskraft bei OLIVETTI 1962/63«

5 (…) Der »Wildkatzen«-Streik [der wilde oder der spontane Streik] ist keine anarchoide Protestform von Arbeitern, die unfähig sind, in kollektiver und organisierter Form zu kämpfen; im Gegenteil: Er erfordert ein hohes Niveau an Organisation und Zusammenhalt, weil er eine typische »umfassende« Kampfform ist. Es wäre absurd, ihn sich als abgetrennten Kampf von einzelnen Abteilungen und Werkstätten innerhalb eines so »weltweiten« Betriebs wie FIAT vorzustellen! Der erste Sieg des »Wildkatzen«-Streiks vom 15.[10.1963] ist es, daß er die gegenwärtige Entwicklung (die gerade deshalb unbekannt gehalten wird, weil sie so wichtig ist) klar aufgezeigt und entmystifiziert und auch über Turin hinaus bekanntgemacht hat: nämlich daß sich bei FIAT eine Arbeiterorganisation entwickelt, die stark genug ist, einen solchen Streik durchzuführen – absolut außerhalb der historischen, offiziellen Organisationen.
Der »Wildkatzen«-Streik bei FIAT eliminierte die alte Idee, nach der der Arbeiterkampf auf dieser Ebene von einem besonderen internen »Kern« organisiert wird, der das Monopol über das antagonistische Arbeiterbewußtsein hat. Der Streik vom 15./16. Oktober ist direkt von der ganzen und kompakten »gesellschaftlichen Masse« der Arbeiter der Werke, die daran teilgenommen haben, organisiert worden. Das Besondere ist hier nur, daß sich das gegenüber den vorhergehenden Kämpfen mit einer größeren Klarheit ausdrückt, die auch nicht nur bei FIAT besteht, wo die wenigen »Militanten« der alten Parteien seit dem Juni 62 am hintersten Ende der Kämpfe stehen.
Nach dem ersten Stoß der internationalen Kämpfe von 53-54 wird die [parteikommunistisch dominierte Gewerkschaft] CGIL von FIAT als Massenorganisation ausgeschaltet. Einerseits verliert die offizielle Arbeiterbewegung nun die Kontrolle über die italienische Arbeiterklasse, auf der anderen Seite führt die Mechanisierung der Arbeit durch automatische Produktionsabläufe zu einem bemerkenswerten Sprung nach vorne in der Vergesellschaftung der Arbeit.
Die zweite Welle der internationalen Kämpfe von 1956, auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs [Anspielung auf den ungarischen Aufstand], beschleunigt in Italien die Wiederaufnahme der Streiks und den Prozeß ihres politischen Wachstums; so beginnt bei FIAT ein »untergründiger« Kampf, der direkt von den Arbeitern geleitet wird. Mit der dritten großen internationalen Streikwelle nach 1960 radikalisiert und vereinigt sich die Bewegung auf internationaler Ebene, und die FIAT-Arbeiter werden wieder offen zum Zentrum der politischen Zirkulation von Kämpfen und Erfahrungen, die die Arbeiterklasse »als solche« vereinen, neu zusammensetzen und vervielfachen. Es ist eine Klasse, die sich wieder erhoben hat, um in erster Person als gesellschaftliche Klasse die Methoden und Ziele des Kampfs zu bestimmen, wobei sie sich immer mehr von der »gewerkschaftlichen« Dimension entfernt. (…)
Es sind gerade die Kämpfe, die das Kapital zur Suche nach einem fließenden Übergang zu einem neuen Stadium der Vergesellschaftung drängen. Heute geht es dem Unternehmer darum, das abzuschaffen, was in den sozialen Spannungen ein politisches Hindernis für die »Strukturreformen« darstellt. Wenn er die volle politische Kontrolle über die Arbeiterklasse bekommt und deren Kollaboration erreicht, so werden die Kämpfe zu einer höheren »Produktivität« und zu einer größeren »politischen Despotie« des Unternehmers führen.

Kollaboration und Politische Kontrolle

Die KPI verspricht »fordernde« Kämpfe (Kämpfe, die auf einen Vertragsabschluß hinauslaufen; d.Ü.) und die [parteikommunistisch dominierte Metallarbeitergewerkschaft] FIOM verspricht, daß sie sie mit einer schlaueren Politik einschließen wird.
Wenn wir noch einen Schritt zurückgehen, so sehen wir, daß die internationalen Kämpfe die (»inneren« und »äußeren«) Handlungsspielräume des »Systems FIAT« auf so »brüske« Weise zersetzt haben, daß der unvorbereitete Unternehmer Gefahr lief, die politische Kontrolle über die Arbeiter zu verlieren.
Im Rahmen der ersten Mitte-Links-Regierung [Italiens] zeigte sich mit dem Programm für den »modernen Arbeitsvertrag« noch ein Unternehmer, der sich sicher war, bald wieder die vollständige politische Kontrolle zu erlangen; er verlangte nach der »Kollaboration« der Arbeiter bei einer massiven und rationellen Erhöhung der Produktivität, die zu einer weiteren Vergesellschaftung der Arbeit führen würde, also: »Automatisierung«, »pluralistische Planung«, »Reform des Staates«. Die Arbeiterklasse sollte als gesellschaftliches Gehirn der kapitalistischen Produktion neu zusammengesetzt werden, indem sie auf der höchsten Ebene der toten Arbeit, in den Maschinen, eingeschlossen werden sollte. Die Klasse sollte die Maschinen mit einer größeren wirtschaftlichen Rationalität bedienen und diese ihr gleichzeitig als politische Herrschaft des Kapitals gegenüberstehen und sie erdrücken. Wenn die Arbeiter für diesen Tarifvertrag, der allein den Bedürfnissen des Unternehmers entspricht, gekämpft hätten, so wäre der Kampf an sich schon die Durchführung des Plans gewesen.
Doch die Gewerkschaften, die den Arbeitern den Plan vermitteln sollten, hatten keinen Halt mehr. Die Neuzusammensetzung der Klasse war schon viel weiter fortgeschritten (…). So ist es der Arbeiterklasse gelungen, das Projekt zu überrennen, indem sie alle ihre Kämpfe unvermittelt in den Tarifstreik der 100.000 bei FIAT einbrachte. Der Streik war gegen den gewerkschaftlichen und demokratischen Plan aufgeflammt und vereinigte alle Fabriken, Branchen und Regionen bei den Streikposten an den Toren und im Kampf auf den Straßen. Angesichts dieser Einheit der Arbeiter wird die Schwäche des Unternehmers offensichtlich. Mit dieser politischen »Autosuggestion« des vereinigten Kampfs ist es der Arbeiterklasse gelungen, ihren Sprung nach vorne innerhalb des kapitalistischen Sprungs zu machen. Mit diesem strategischen Sieg der Arbeiter verändert sich die Perspektive: Die »fließenden Übergänge« werden jetzt zu »brüsken Sprüngen« und zu Möglichkeiten einer politischen Organisation der Arbeiterklasse, die sich außerhalb der politischen Kontrolle der Unternehmer neu vereinigt hat.
Das heißt also, daß die kapitalistischen Projekte der Modernisierung und der allgemeinen Rationalisierung in der gegenwärtigen Perspektive die »Kollaboration« und politische »Kontrolle« dieser subjektiv neu zusammengesetzten Arbeiterklasse erzwingen müssen.
Die Arbeiterklasse muß das Unternehmer-Projekt der »industriellen Demokratie« langfristig angehen: Das »strategische Ziel« besteht darin, auf internationaler Ebene die eigene »politische« Selbstverwaltung außerhalb der kapitalistischen Produktion und gegen die »allgemeine politische Macht« des Kapitals zu organisieren.
Um das zu erreichen, muß der Kampf das unmittelbare »taktische Ziel« vorantreiben, außerhalb der »politischen Kontrolle« des Unternehmers einen Kampf zu führen, der sich heute noch gezwungenermaßen innerhalb der kapitalistischen Akkumulation und Produktion abspielt, auch wenn er zum Teil auf gesellschaftlicher Ebene oder auf der Straße stattfindet.
Die Arbeiterklasse nutzt die ihr vom Unternehmer zugeschriebene Rolle, mit »brüsken« Sprüngen die Formen des kapitalistischen Projekts der »neuen Ordnung« zu bestimmen, um ihr hegemoniales politisches Potential auf eine höhere Ebene der kapitalistischen Vergesellschaftung zu verlagern. Der »taktische Gebrauch« der »Nicht-Kollaboration« zwingt den Unternehmer zu immer fortschrittlicheren Projekten, mit denen er den Arbeiterdruck in der »Fabrik« »reformistisch einholen« will. Diese werden sodann überrannt und verbrannt und behindern so einen »strategischen« Plan des Unternehmers.
(…)
Die ersten plötzlichen Anwendungen der »Nicht-Kollaboration« siegen problemlos, weil die unternehmerische Taktik den wiedervereinigten Arbeitern nichts anderes vorschlagen kann als etwas erneuerte Formen der »Gewerkschaft in der Fabrik«, was diese schon abgewiesen hatten; und tatsächlich werden sie im Winter 62/63 zuerst bei FIAT und Alfa und dann überall fehlschlagen.
Die »Nicht-Kollaboration« ist keine Methode, um den Produktionsprozeß ins Chaos zu stürzen und der »Wildkatzen«-Streik ist keine Methode, um ihn in die Klemme zu bringen. Aber es ist kein Zufall, daß die Presse der Unternehmer und die der Arbeiterbewegung sich nun im gemeinsamen Versuch treffen, die politische Bedeutung dieses Arbeiterkampfs und die enormen politischen Möglichkeiten, die die kapitalistische Entwicklung einer politisch organisierten Arbeiterklasse bieten würde, zu verschleiern, indem sie ihn als die alte anarchosyndikalistische Form der »Sabotage« darstellen.
Der typische andauernde Kampf in den »rationalisierten« Betrieben basiert auf der Tatsache, daß nur der kollektive Arbeiter weiß, welches die »normalen« Wege und Regeln sind, durch die der Arbeitsgegenstand »umgewandelt« wird, und das ist auf der ganzen Welt klar. Kein Funktionär des Kapitals (Gewerkschafter oder individueller Kapitalist) regt sich darüber auf, daß der kollektive Arbeiter immer dazu gezwungen ist, die Vorschriften »zu verletzen«, um mit seiner eigenen Rationalität die grundlegende Irrationalität eines Systems auszugleichen, das auf der Ausbeutung der Klasse basiert, und daß gerade diese andauernde Erneuerung die Verwertung des Kapitals, also die Produktivität, ausmacht. Aufregen tun sie sich bloß, wenn der kollektive Arbeiter die produktive »Kooperation« in eine politische Neuzusammensetzung umdreht, die vom »Maschinenarbeiter« zur »Qualitätskontrolle« reicht oder vom »Verwaltungs«-Angestellten zum »Techniker« und auch zum untergeordneten »Ingenieur«. Die Funktionäre sehen rot, wenn sich endlich alle als »Arbeiterklasse« erkannt haben und vereint ihre tatsächliche Verwaltung des Arbeitsprozesses, in den sie eingeschlossen sind, genutzt haben, um das politische Projekt des Unternehmers, nämlich die politische Kontrolle über sie zurückzuerobern, zu schlagen.

Der Weg zum »Wildkatzen«-Streik

(…) Von nun an wird die »neue Ordnung« des Kapitals die politische Kontrolle der Klasse als Kontrolle der Kämpfe vorschlagen. Die Form dieser Kontrolle wird die Arbeiter-»Selbstkontrolle« sein – also die Selbstverantwortung der Arbeiter, ihren Kampf autonom innerhalb des langfristigen Plans des Unternehmers zu führen – und deren Institutionalisierung auf einer immer allgemeineren Ebene. Die Alternative besteht zwischen der Kontinuität des Kapitals durch die demokratische Kontrolle des ganzen Kampfs und der Kontinuität von immer unkontrollierteren Kämpfen.
Im Jahr 63 gab es allein in der Werkstatt 17 drei Arbeitsniederlegungen, die dem Anschein nach in das Konzept der »neuen Ordnung« des Kapitals paßten: Sie hatten spontan und mit lokalen Forderungen begonnen und wurden beendet, sobald sich die Gewerkschaft mit viel Lärm darauf gestürzt hatte, um die Verallgemeinerung dieser Form in allen Werken zu verlangen, »weil das die richtige ist«. In allen Werken haben die Arbeiter diese Verallgemeinerung abgelehnt, weil es eine Form der demokratischen Institutionalisierung des »Arbeiterprotests« innerhalb des Kapitals gewesen wäre. Sie waren sich dabei der politischen Bedeutung ihrer Weigerung bewußt, den Kampf in dieser Form auszudrücken. Im Jahr 1963 gab es keinen heißen Gewerkschaftssommer, der Arbeiterkampf ist aber trotzdem gewachsen und hat sich durch die »Nicht-Kollaboration« gestärkt. Sie war die Grundlage der andauernden politischen Diskussion, durch die sich die »unsichtbare Organisation« der Arbeiter entwickelt hat. Gerade an den Knotenpunkten der Produktion werden ununterbrochen politische Versammlungen abgehalten, die dann im sozialen Gewebe der »Arbeiterstadt« weitergeführt und verallgemeinert werden; wobei die jungen Arbeiter an erster Stelle stehen. Die FIAT-Arbeiter sind damit beschäftigt, aus der ganzen internationalen Erfahrung der Arbeiterkämpfe die Formen herauszusuchen, zu kritisieren und auszuwählen, die sich am ehesten dazu eignen, dem immer allgemeineren Angriff, den der Unternehmer vorbereitet, entgegengesetzt zu werden; seit dem Streik der Pariser U-Bahn-Arbeiter schätzen sie vor allem die »Wildkatzenart«, die auch in Italien in ihren Vorstufen seit dem Niedergang des Tarifstreiks aufgetaucht ist.
Was den Arbeitern am »Wildkatzen«-Streik so gefällt, ist vor allem seine räumliche und zeitliche Unvorhersehbarkeit. Die politische Bedeutung dieser Form des Arbeiterkampfs wird in folgendem gesehen: a) Sie verlangt eine »unsichtbare Organisation«, die sich nicht als selbständige Organisation im kapitalistischen Produktionsprozeß institutionalisiert; b) sie wird durch eine andauernde unvorhersehbare Rotation der Taktiken, Methoden, Zeitpunkte und Orte des Streiks durchgeführt; c) es werden keine Forderungen aufgestellt.
Es ist klar, daß die Arbeiter ihn nicht für die einzige Kampfform halten, sondern einfach für die am meisten fortgeschrittene Ebene der »Nicht-Kollaboration«.
Der »Wildkatzen«-Streik schließt den Massenstreik oder den Kampf auf der Straße nicht aus, sondern diese finden im Gegenteil abwechselnd statt und treiben sich so gegenseitig voran und stärken sich. Aber die Dimension des »Wildkatzen«-Streiks ist eine andere: Es ist nicht die Aufgabe einer politischen Organisation, die »Wildkatze« auf vorausbestimmte Weise zu planen, denn gerade dann würde das Risiko bestehen, daß sie vom Unternehmer gezähmt würde. Die Organisation muß hingegen dazu beitragen, den Streik zu intensivieren, während für seine Organisierung und Ausbreitung auch die »unsichtbare Organisation« der Arbeiter ausreicht, für die der »Wildkatzen«-Streik zur andauernden Tatsache wird.

Aus: »Kampf bei FIAT«, Classe Operaia, Nr. 1, Januar 1964