Archiv der Kategorie 'Aus einem aufgegebenen Projekt'

Sommer! (Aus einem aufgegebenen Projekt, #19)

In eigener Sache
Diesen Blog gibt es mit dem heutigen Tag exakt ein Jahr. Zeit für eine (Sommer-)Pause. In dieser werden sich hier einige Sachen ändern, der Blog wird ein wenig renoviert, u.a. wird es einen eigenen Download-Bereich für längere Texte (Fundstücke, keine eigenen) geben. Dort werden keine inflationären Zustände herrschen, etwa zweimal im Monat werden neue Texte eingestellt, jeweils eingeführt und kommentiert. Es wird wohl noch weitere neue Unterseiten geben, we’ll see.
Ebenfalls mit dem heutigen Tag endet die Serie »Aus einem aufgegebenen Projekt«. Ein bis auf weiteres gescheitertes Projekt zu dokumentieren (siehe Statement), war der unmittelbare Anlass, diesen kleinen Blog zu starten. Es sind längst nicht alle Texte aus diesem Projekt dokumentiert, aber doch einige wesentliche. Damit soll es gut sein.
Aktuelle Ereignisse werden in den folgenden Tagen/Wochen natürlich weiterhin kommentiert.

Unmaßgebliche Bausteine zu einer politischen Ökonomie des Sommers
»Alle reden vom Wetter. Wir nicht«, diesen Slogan entwendete 1968 der SDS der Bundesbahn und montierte dazu die Köpfe von Marx, Engels und Lenin: Während die anderen irgendein Zeug faseln, kommen wir zur Sache .Eine genial schlichte Botschaft.
Tatsächlich gilt vielen das Schwätzchen übers Wetter als Belanglosigkeit par exellence. Warum sich über etwas aufregen, was man nicht beeinflussen kann? Warum etwas anpreisen, was einfach da ist und sich morgen schon geändert haben wird? Weil es um etwas anderes geht. »Die prompten Gespräche über das Wetter – und das Wetter, das ist die Jahreszeit –, die auch zwischen völlig fremden Menschen problemlos in Gang kommen und die wohl zu jeder Zeit Konversationen angestoßen haben«, schrieb die Essayistin Barbara Sichtermann als sie noch Marxistin war, »sind heute insbesondere der Versuch, sich der natürlichen Basis der Zeiterfahrung neben und unterhalb der verordneten Zeit (der Zeit der Fabrik, der Schule, des Fernsehprogramms etc.) zu vergewissern.« Und weiter: »Die menschliche Natur verbietet eine vollkommene Anpassung des Arbeiters an den Apparat; und soweit die natürliche Zeit der Gestirne und der Erdbewegung das größere Muster bleibt, in dem die Entwicklungen und Verrichtungen der menschlichen Körpernatur ihren Platz haben, lässt sich wohl behaupten, dass die vorkapitalistische Zeit der agrarischen Produktionsrhythmen, dass Sonnen- und Sanduhr nie völlig durch den Zeitplan einer modernen Organisation und die Weckuhr haben ersetzt werden können.« Die Linke hätte durchaus vom Wetter sprechen sollen, und nicht nur, wie einst die GRÜNEN, unter dem Gesichtspunkt der Klimakatastrophe. Man muss daran erinnern, dass der heute mythisch verklärte Kölner Ford-Streik von 1973 seinen Anlass darin fand, dass zahlreiche türkische Kollegen ihren Sommerurlaub eigenmächtig verlängerten und dafür mit der Kündigung bedroht wurden.
Der Rhythmus der Jahreszeiten verweist auf keinen unschuldigen Ort der Utopie, sie sind umkämpfte Felder der Klassenbildung – der Herrschaft einer Klasse und der Versuch der anderen, dieser Herrschaft zu entkommen. Das alles verschränkt sich in dem Blick auf die unter dem Einfluss von Sonnenstrahlen gebräunte Haut. In seinem wundersamen Fotobuch »Der Tod« notiert der Schriftsteller Günter Herburger nach einem Streifzug durch einen italienischen Badeort: »Strandleben verspricht Bräune, die für Gesundheit sorgen soll. Früher war es umgekehrt: Blässe verhieß Reichtum, Schutz und Burg. Wer hungerte sah ländlich aus, gehörte kommender Verderbnis an.« Die Sonne verbrannte den Bauern die Haut; Macht drückte sich in der Unabhängigkeit von den Witterungsbedingungen aus. Wir sind nicht die, die aufs Feld müssen, sondern die, die die anderen dorthin schicken.
Das Stigma der gebräunten Haut hob sich mit der Durchsetzung des Industriekapitalismus auf. Die Bauern wurden von ihrem Land vertrieben und in Fabriken gezwungen. Der Kapitalismus macht sich nicht von Jahreszeiten abhängig, anerkennt sie nur als Mittel des Profits (Einrichtung der Tourismusbranche). Die schlechte Haut der Proleten rührte jedenfalls nicht mehr von sengender Sonne, vielmehr von Alkoholsucht und ungesunder Nahrung.
In dem Maß, in dem der proletarisierte Bauer bleich wurde, suchte der Bürger die Sonne. Er musste nicht, er wollte sich die Haut bräunen lassen: Man gönnte sich Urlaub, während die anderen schufteten; man fuhr in die kolonisierten Länder und bestaunte den erbeuteten Reichtum. In der Figur des sonnengegerbten Abenteurers (der Imperialist, der als Kapitalist in seiner Heimat Konkurs gegangen ist) steckt auch die symbolische Ausbeutung der exotisch-braunen Hautfarben derjenigen, die in Afrika, Asien und Südamerika die Wucht der ursprünglichen Akkumulation zu spüren bekamen.
In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg wurde im Westen der Prolet als Konsument entdeckt (das Subjekt-Objekt eines gesamtgesellschaftlichen Lifestyles war er freilich schon im Faschismus). Und zu einem ordentlichen Konsumparadies gehören die großen Ferien, der Sommerurlaub und damit die massenhafte Verbreitung gebräunter Haut. Was auf die Verkleinbürgerlichung der Lohnabhängigen schließen lässt: »Der Fetischcharakter der Ware ergreift in der Bräune der Haut, die ja im übrigen ganz hübsch sein kann, die Menschen selber; sie werden sich zu Fetischen«, beobachtete Adorno in seinem »Freizeit«-Essay. »Der Gedanke, dass ein Mädchen, dank seiner braunen Haut, erotisch besonders attraktiv sei, ist wahrscheinlich nur noch eine Rationalisierung. Bräune ist zum Selbstzweck geworden, wichtiger als der Flirt, zu dem sie vielleicht einmal verlocken sollte. Kommen Angestellte aus dem Urlaub zurück, ohne die obligate Farbe sich erworben zu haben, so dürfen sie dessen versichert sein, dass Kollegen spitz fragen: ›Sind Sie denn gar nicht in Urlaub gewesen?‹ Der Fetischismus, der in der Freizeit gedeiht, unterliegt zusätzlicher sozialer Kontrolle.«
Mittlerweile ist der Sommer unter Verdacht, ungefilterte Sonnenstrahlen machen die Haut eben doch kaputt. Die Blässe hat wieder ihren festen Platz im Katalog der Klassendominanz, Stars wie Scarlett Johansson, Nicole Kidman, Leonardo DiCaprio sind stolz auf ihre weiße Haut.
Wenn im Sommer die Lohnabhängigen bis in die Morgenstunden vor den Cafés hocken, möglichst weit weg fahren wollen, Hitzefrei verlangen, um sich an Stränden und in Freibädern die Haut, so sagt man, brutzeln zu lassen, dann setzen sie angetrieben von Hitze und kurzen Nächten ihren Reproduktionszyklus gegen den Produktionszyklus des Kapitals. Aber der Wandel des Blicks auf die gebräunte Haut erinnert daran: Es gibt da noch die Gegenseite, die Nutznießer des Kapitals, die Schönen und die Reichen, die sich auch gerne mal im Freibad mit den anderen tummeln, die aber immer ein wenig früher wissen, welches Maß an Sonnenbräune noch als verträglich gilt und die das entscheidende Quantum Geld mehr haben, um den Sommer nicht nur vor Cafés, im Schwimmbad und in spanischen Bettenburgen zu verbringen. So eigensinnig die Menschen im Sommer agieren mögen, am Ende legt sich um das schöne Vergnügen wieder das eiserne Band der Klassenherrschaft.

Über Prekariat und Prekarisierung (Aus einem aufgegebenen Projekt, #18)

Einer der ersten Texte in dieser Reihe, vielleicht sogar der erste, ich überblicke das selber nicht mehr so genau, jedenfalls ziemlich genau vier Jahre alt. Damals, 2006, war die Rede von der Prekarität und den Prekariern bzw. den Prekarisierten besonders hot hot hot – schon wieder alles vergessen?

Über zerstückelte Erwerbsbiographien, die Zunahme von Zeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen, den traurigen Zirkus der Hinzuverdiener berichten heute die bürgerlichen Medien. Und die Linke? Will vor allem »nicht für eure Krise zahlen«, dabei ist man sich selbst gar nicht so im Klaren darüber, welcher Natur die Krise ist und wie sie sich zum »Normalbetrieb« des Kapitals verhält. Was einen großen Schatten auf die Kenntnisse der Linken von jenem Normalbetrieb wirft. Davon handelt der Text.

Im Vorfeld des 1. Mai kam kaum eine der großen Tageszeitungen, kaum eines der anspruchsvollen Wochenmagazine ohne eine Story, einen Essay, eine Reportage über (mit Vorliebe) prekäre Intellektuelle, (generell) prekär Beschäftigte und (die neue Begriffssensation) das Prekariat aus. Was das Prekariat vom Proletariat unterscheiden soll, ist seine fundamentale soziale Unsicherheit: Man wird nicht nur ausgebeutet, es fallen auch die angeblich stabilen Bedingungen weg, die die Ausbeutung reguliert haben – langfristige Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Sicherheit am Arbeitsplatz, Tarifverträge, gewerkschaftliche Organisierung, Mitbestimmungsrechte.
Anlass des Medienhypes war ein Farbtupfer im tristen Mai-Ritual, in Hamburg und Berlin fand der Euromayday statt (in Hamburg zudem die zweite Runde des Kongresses »Die Kosten rebellieren«). Eine von jungen linken Initiativen getragene und zahlenmäßig recht erfolgreiche Demonstration, die abseits der Totentänze von Gewerkschaften und der müden Kiezrandale einer neuen Arbeiterbewegung Ausdruck verleihen wollen: Akademiker ohne Aussicht auf Karriere; Illegale, für die kein Tarifvertrag gelten kann, da sie offiziell gar nicht hier sein dürfen; Leute aus dem sogenannten Dienstleistungssektor, die sich als gehetzte Postboten oder für Catering-Services krumm arbeiten.
Die Prekarisierungsdebatte markiert gegenüber anderen linken Großthemen der letzten Jahre einen Fortschritt. Während die Antiglobalisierungsbewegung sich in kreuzbrave sozialdemokratische Forderungen nach regulierten Märkten und besteuerten Spekulationen erschöpfte und die Aneignungsdebatte, die den revolutionären Gebrauchswert von kollektivem U-Bahn-Schwarzfahren und Supermarktplündereien abwog, kaum über eine Kritik der Zirkulationssphäre hinausgekommen ist, verspricht die Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Prekarisierung den Blick auf das Herz bürgerlicher Reichtumsproduktion zu lenken – die Produktionsverhältnissen. Die lange verdrängte und den Gewerkschaftern überlassene Diskussion über Zusammensetzung und Struktur der Arbeiterklasse soll wieder geführt werden.
Arbeiterklasse? Hier fangen die Probleme an, denn kaum ein Vorkämpfer des Prekariats würde dieses Wort umstandslos in den Mund nehmen. Folgt man den historischen Wurzeln der Debatte, geht es eher um das Gegenteil – um die Flucht aus der Arbeiterklasse, um die Verabschiedung eines Begriffes.
Die Wurzeln führen nach Italien, in die Zeit nach dem heißen Herbst 1969 als militante Streiks in den industriellen Zentren, vor allem bei FIAT, das Land an den Rand einer großen Revolte bringen. Was in der linksdeutschen Italienbegeisterung untergeht: Der heiße Herbst endet mit einer Niederlage der linksradikalen Betriebskader, die ihre Kollegen auch gegen die KP und die Gewerkschaften samt ihrer Appeasement-Politik aufgewiegelt haben und dadurch den Auseinandersetzungen zu Radikalität und Rigidität verhalfen. Den bürokratischen Apparaten gelingt es, die Kontrolle über die Streikbewegung zurückzugewinnen, viele Linksradikale treten schließlich in Partei und Gewerkschaft (wieder) ein. Für die anderen stellt sich die Frage, wie ein neuer Zugang zur Klasse, zu den Subalternen gefunden werden kann. Der Industriearbeiter steht zunehmend weniger in ihrem Mittelpunkt, der Fokus richtet sich auf die subproletarischen Jugendlichen, die überhaupt nicht mehr in die Fabrik wollen, auf die Frauen, die Lohn für Hausarbeit fordern, auf die zahlreichen post-studentischen Subkulturen, in denen alternative Arbeitsformen (selbstverwaltete Klitschen, nur saisonales Arbeiten) durchprobiert werden. Kurzum, der Schwerpunkt linksradikaler Organisierungsversuche liegt bei den Prekären. Prekarität wird hier noch ambivalent, tendenziell sogar positiv gesehen: Die Leute entdecken in der Unsicherheit eine neue Ungebundenheit, die Abwesenheit von patriarchalen Familienverhältnissen, die Verweigerung des täglichen Fabrikrhythmus wird als Autonomie begriffen.
Aus der heutigen Prekarisierungsdebatte ist dieser offene, selbstbewusste umgang mit der Unsicherheit fast verschwunden und scheint maximal noch für die Neoboheme der Kulturarbeiter, Journalisten, Musiker, Künstler, Geisteswissenschaftler mit Patchwork-Jobs, Mediengestalter etc., relevant. Dennoch, die Annahme, dass die Prekären nicht mit »der« Arbeiterklasse, soll heißen: Industriearbeiterschaft, zusammenfallen, sondern eine neue Klasse ausmachen, zieht sich implizit von den italienischen Anfängen bis zum Euromayday. Tatsächlich aber gibt es nicht »die« Prekären. Wer von Prekarität spricht, muss verschiedene Formen unterscheiden, eine grundsätzliche, eine spezifische und eine fetischisierte.
In der grundsätzlichen drückt sich aus, dass Lohnarbeit immer prekär ist. In jeder Buchführung geht der Lohn vom Gewinn ab, Lohn ist für die Kapitalseite eine negative Größe, als solche gilt es, ihn beständig zu verringern – durch innerbetriebliche Rationalisierung (Erhöhung der Arbeitsintensität, Verringerung der Belegschaft), schließlich durch direkte Lohnkürzungen. Daraus – nicht aus der Zerschlagung des Sozialstaates – rührt die fundamentale Unsicherheit. Jede historische Bilanz gewerkschaftlicher Aktivität, auf die eine Gewerkschaft für gewöhnlich sehr stolz ist, enthüllt dies. Sie dokumentiert eine Sisyphosarbeit, in der kein mühsam ausgehandelter Tarifabschluss dauerhaften Bestand hat. Jede Maßnahme zur Arbeitszeitverkürzung hechelt den realen Prozessen der Arbeitsverdichtung und der Produktivitätssteigerung hoffnungslos hinterher.
Die sagenhaften – stabilen, regulierten, durch gewerkschaftliche Gegenmacht abgesicherten – fordistischen Bedingungen der 1950er bis 1970er und auch noch der 1980er Jahre, die sogenannten Normalarbeitsverhältnisse, erweisen sich als ideologisches Trugbild. Sie waren auf einige industrielle Kerne in westlichen Industrienationen beschränkt, galten nur für eine männliche, weiße Minderheit von Facharbeitern und selbst dies nur formal. Der Begriff des Fordismus kann den Prozess der reellen Subsumtion, die völlige Eingliederung der Arbeitskraft in den Verwertungsprozess, nicht erfassen.
Erst von dieser der grundsätzlichen Prekarität her lassen sich die spezifischen Formen bestimmen. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse, über die heute so aufgeregt geredet wird, zerstören nicht den regulierten Arbeitsmarkt, sie sind kein von oben installiertes »neoliberales Projekt«. Die Prekarisierung entspringt direkt der inneren Dynamik des Kapitalverhältnisses. Wenn diese Verhältnisse vor allem als atypische, als – wenn auch massenhafte – Abweichung eines – wenn auch verblassenden – Normalzustands kritisiert werden, findet ein Quidproquo statt, die Nobilitierung eines Zustands, der keine verdient. Diese scheinbaren Anomalien sind allesamt reguliert: Tarifverträge beinhalten Ausstiegs- und Ausnahmeklauseln, sanktionieren mittlerweile die Wiedereinführung neuer Niedriglohnsektoren – ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland arbeitet zu Niedriglöhnen. Es gibt da keinen »Wildwuchs«. Planmäßig führen Unternehmen eine betriebsinternen Markt ein: Aus den einzelnen Abteilungen werden eigenständige Firmen, die auf eigene Faust kalkulieren müssen, gleiche Arbeit wird unterschiedlich entlohnt, da die Arbeiter für verschiedene, jeweils ausgegründete Subunternehmer tätig sind.
Was wir als Prekarisierung erleben, ist nichts anderes als eine umfassende Mobilmachung der Arbeitskraft. Das betrifft nicht nur alle Bereiche der produktiven Arbeit. Nicht mal die Arbeitslosigkeit darf als »sicher« gelten, der Arbeitslose soll in einen permanenten Stand-By-Modus versetzt werden, sich in Weiterbildungsmaßnahmen dauerqualifizieren und muss bei mangelndem Wohlverhalten, das immer die Arbeitsagentur definiert, mit Kürzung der Bezüge rechnen.
Die strukturelle Prekarität und ihre aktuelle Tendenz sind nicht Gegenstand der Debatte, wie sie sich im Vorfeld Euromayday manifestiert hat. Hier ist Prekarität nicht Mittel zum Zweck, sondern Grund des Übels. In einem Pamphlet zum Euromayday kritisiert die Berliner Gruppe Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft exemplarisch:
»Weil immer nur von Prekarität die Rede ist, kann man über schlechter werdende Arbeitsbedingungen klagen und von den Produktionsverhältnissen schweigen. Man kann sich einbilden und anderen vorbeten, alle Probleme dieser Welt seien Folge mangelnder Rechte und schlechter Politik. Man kann sogar auf die Idee kommen, der Staat solle zum Garanten all dessen werden, „was Menschen für ein Leben in Würde brauchen”, und sich am grünen Tisch Forderungen aus den Fingern saugen – zum Beispiel die nach einem komfortablen Grundeinkommen für alle, damit man sich über die Abschaffung der Lohnarbeit keine Gedanken mehr zu machen braucht.«
Es liegt ein Gegenstandswechsel vor: Die Linke, die angetreten ist, sich endlich genauer mit der Sache selbst zu beschäftigen, weicht auf das Terrain von Staat und Politik aus. Der Staat feiert ein Comeback als Großregulator gesellschaftlicher Verhältnisse zugunsten der Prekären. Wenn die Arbeit nicht mehr die Existenz sichern kann, dann soll es eben der Staat richten (als ob Lohnarbeit jemals den Zweck der Existenzsicherung gehabt hätte). Damit steht nicht mehr das Lohnarbeitsverhältnis zur Disposition, sondern eine mal mehr, mal weniger sozialverträgliche Politik. Wer vom Staat etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert, erkennt den grundsätzlichen Zweck der Ökonomie an, Vermehrung des investierten Kapitals auf Teufel komm raus, und tritt unfreiwillig freiwillig in die Debatte ein, wie hoch das Grundeinkommen sein darf, um noch dem Kapitalzwecken verträglich zu sein. Damit verharrt die Bewegung der Abhängigen genau dort: in der Abhängigkeit.
Prekarisierung wird dann zum Fetisch, wenn aus dem dynamischen sozialen Verhältnis ein geronnener Zustand wird, den es von Außen zu therapieren gilt. Nur als Verdinglichung ergibt der Neologismus Prekariat (schlechten) Sinn: Das Proletariat wird als prinzipiell statisch verstanden, davon setzt sich als ebenso homogen vorgestellte Schicht das Prekariat, die Superausgebeuteten, ab. Natürlich gibt es die faschistoide, mafiöse Ausprägung des Klassenbewusstseins, das sich vor allem nach unten abgrenzt – der gewerkschaftlich organisierte Bauarbeiter mit deutschem Pass, der spontan die illegal Beschäftigten bei der Gewerkschaft denunziert. Aber man entkommt diesen himmelschreienden Widersprüchen und mörderischen Konkurrenzverhältnissen innerhalb der Arbeiterklasse nicht, indem man, darin die Vorgaben staatlicher und gewerkschaftlicher Politik reproduzierend, bestimmte Klassensegmente einfach abspaltet und zum neuen revolutionären Subjekt verklärt.
Der Ausgangspunkt der Gruppen, die das Thema der Prekarisierung derzeit auf die Agenda setzen, unterscheidet sich kaum von dem der italienischen Urahnen. Es geht darum, überhaupt wieder Tritt zu fassen und so etwas wie Generallinie zu formulieren. So wie die italienischen Autonomen lernen mussten, dass es nicht nur den Fabrikkampf gibt, sondern eine Vielzahl von sozialen Kämpfen (Mieterstreiks, Frauenrevolten, Aufstände in den Knästen, besetzte Universitäten), die es zu vernetzen gilt, erleben heutige Aktivisten eine Vielzahl von – kleinen, verschüchterten, defensiven, aber immerhin: präsenten – Auseinandersetzungen. Wer sich genauer den jüngsten Streik im öffentlichen Dienst [Anspielung auf einen durchaus hart geführten Streik der Müllwerker], den sechsmonatigen Arbeitskampf beim Flughafen-Cateringservice Gate Gourmet in Düsseldorf, die an einzelnen Unis überraschend impulsiven Abwehrmaßnahmen gegen die Einführung von Studiengebühren anschaut, entdeckt Momente einer Kampfbereitschaft, die ohne Einhegung und Betreuung durch Polit- und Gewerkschaftsprofis auskommt.
Die Frage ist: Was verbindet die Kämpfe? Was haben die Studentin aus gutem Elternhaus, die das Rektorat besetzt, der Müllwerker, der innerhalb einer Arbeitsstunde die doppelte Menge Müll fahren muss als noch vor ein paar Jahren, die Putzfrau ohne Aufenthaltsgenehmigung, die mit ihren ebenfalls illegalisierten Kolleginnen ein komplexes Überlebensnetzwerk ausgebaut hat, gemeinsam? Antwort: die real bzw. (im Fall der Studentin) erwartbar beschissenen Arbeitsbedingungen. Das soll der Ansatz sein, der die voneinander isolierten Widerstandsformen vereinheitlicht. Aber nur auf einem hochabstrakten Level, zu unterschiedlich sind die Bedingungen vor Ort. Ein Jungakademiker, der keinen geordneten Übergang in das Berufsleben vollzieht, sondern eine Ochsentour als Praktikant, Volontär, Assistent und wissenschaftliche Hilfskraft durchmachen muss, erlebt die schlechten Arbeitsbedingungen anders – in der Regel als Übergangsübel – als der Müllwerker, dem die Einsicht dämmert, dass kein Tarifvertrag mehr den Arbeitsdruck mildern wird.
Dabei leistet das Kapital selbst durch alle Spaltungen der Arbeiterklasse hindurch die Vereinheitlichung. Es ist das Kapital, das eine neue Auffassung von Arbeit durchsetzt. Alles, was Menschen leisten und tun, auch dann, wenn sie gerade in keinem Lohnabhängigkeitsverhältnis stehen, soll direkt auf den Verwertungsprozess bezogen sein. Die Pointe, die denjenigen entgeht, die wie kritisch oder verdruckst auch immer, auf den Staat oder halbstaatliche Organisationen wie Gewerkschaften setzen, um dem Druck Einhalt zu gebieten, die Pointe liegt darin, dass die Prekarisierung, die das Kapital der Arbeitskraft aufherrscht, auf es selber zurückfällt. Wo alles inwertgesetzt ist, wo jede Arbeit buchstäblich produktiv werden muss, vergrößert sich die Angriffsfläche.
Das bleibt eine abstrakte Behauptung, solange diese Angriffsfläche nicht auch genutzt wird. Nirgendwo steht geschrieben, dass aus der universellen Verunsicherung eine universelle Widerstandshaltung erwächst, auf Jahre hinaus dürfte noch das Gegenteil der Fall sein. Es würde vielleicht am meisten helfen, wenn die Euromayday-Aktivisten ihre Klientel auf diesen jahrelangen und gewiss sehr harten Klassenkampf einstimmen würden.

Über CLR James (Aus einem aufgegebenen Projekt, #17)

Aus einer in den 1940er Jahren in Detroit geführten Diskussion zwischen marxistischen Militanten …
»Together [C.L.R.] James and [Raya] Dunayevskaya hat come to one firm conclusion. This was that the American People were much too sophisticated to be led by a Vanguard Party as Lenin has wanted it to be, a party which would think on behalf of the working class, issue “lines” and slogans and rules on their behalf.
This was what distinguished [their] ›Correspondence Group‹ from the others peddling their ideological line to largely indifferent Detroit workers. With James’s deportation [from the US] Dunayevskaya, however, while having gone along with the theory in his presence, couldn’t see herself functioning without an organization even if it wasn’t called the Vanguard Party. She was of the opinion that if you were a revolutionary you had to do something; James’s increasingly rigorous point of view seemed to be in favour of doing nothing except observing what the people themselves did and describing its revolutionary potential.«
(Farukh Dhondy, »C.L.R. James. A Life«, London 2001, S. 131f.)

Vorbemerkung
Eine Bringschuld. Denn wir hatten bereits hier darauf hingewiesen, einen längeren Beitrag zu CLR James zu bringen, der in England und den USA eine Art Superstar des Marxismus ist (das ist nicht hagiographisch gemeint, der Kult um CLR ist real und dabei durchaus problematisch), der in Deutschland aber nahezu unbekannt ist.
Er ist sogar so unbekannt, dass sein einziges ins Deutsche übersetzte Buch »Die schwarzen Jakobiner. Toussaint L‘Ouverture und die San-Domingo-Revolution« zunächst in der DDR (Verlag Neues Leben, 1984) und dann im DKP-Verlag Pahl-Rugenstein erschienen ist. Als James’ »Die schwarzen Jakobiner« schrieb (1937/38) war er glühender Anhänger Trotzkis, das Buch orientiert sich in Stil und Herangehensweise offensichtlich an Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« und wurde sogar von Trotzki angeregt, der sich gewünscht hatte, dem erwachenden schwarzen Proletariat in den USA ein positives Geschichtsbuch mit auf dem Weg zu geben. Tja, wenn das die Zensoren in der DDR und ihre Weichbirnenableger in der DKP gewusst hätten! Aber offensichtlich hat niemand das Buch genauer gelesen, der »trotzkistische Impetus« (nicht zu verwechseln mit dem späteren abgeschmackten Trotzkismus) liegt jedenfalls auf der Hand …
Folgender Text mag einen etwas zu jubilierenden Ton haben. Dieser erklärt sich dadurch, dass der Text ursprünglich eine auf Anregung eines befreundeten freien Lektors verfasste Werbung für einen Verlag war, der vorläufiges Interesse zeigte, eine kommentierte CLR-James-Anthologie herauszubringen.
Das Projekt hat sich zerschlagen, vorläufig zumindest. Deshalb wird dieser Text in die Kategorie »Aus einem aufgegebenen Projekt eingeordnet.

CLR (Cyril Lionel Robert) James, 4. Januar 1901 – 19. Mai 1989
Das Faszinierende an dem Afro-Trinidadianer CLR James ist weniger die ungeheure Energie, die sich in einer über 50-jährigen Theorie-, Literatur- und Journalismus-Produktion niederschlägt und die sich von den 1920er Jahren bis in die 80er hinein zieht. Aus ihr gehen zahllose Aufsätze, Essays, Polemiken und Kurzgeschichten, ein Dutzend monographischer Werke und eine ganze Reihe von Kollektivschriften hervor. Die Resultate dieser Produktivität spiegeln sich in einer ungeheueren Themenvielfalt, die von Cricket, über die Geschichte der schwarzen Jakobiner und der pan-african Revolts, Polemiken gegen die Politik der Kommunistischen Internationale, die globale Einschätzung des Nachkriegskapitalismus und die neuen Perspektiven einer sozialistischen Revolution, die Analyse des modernen Fabriksystems, die publizistische Unterstützung von Black Power als authentischen Ausdrucks globalen proletarischen Widerstandes, die Kommentierung der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, bis zur Darstellung Moby Dicks als Symbol des ebenso unwiderstehlichen wie fatalen Aufstiegs des Kapitalismus im 19. Jahrhundert reicht. Allein die schiere Liste seiner Veröffentlichungen, die große Spannweite seiner Themen und die Souveränität, mit der er sie offenbar bewältigt (egal, auf welchem Gebiet er sich bewegt, er wird – ob als Hegel-Kommentator oder Cricket-Fan): Das ist schon sehr beeindruckend! Genie, Renaissance Man, Olympionik, das sind die Schlagwörter, die fallen.
Aber wie gesagt, das macht noch nicht das Faszinierende aus. James ist kein Wissensanhäufer, kein Tausendsassa, der auf vielen Hochzeiten tanzt, kein intellektueller Hochleistungssportler. Die Stärke seines Denkens liegt darin, dass die Werkkomplexe nicht voneinander zu trennen sind. Es sind immer wieder bestimmte Themen, die sich über die Jahre durchziehen, die in unterschiedlicher Gestalt in den an sich sehr verschiedenen Texten auftauchen: Die Kritik an der Politik der Kommunistischen Internationale unter Stalin (ihre Degradierung zu einer Agentur großrussischer Außenpolitik) ist vor dem Hintergrund seiner strikt internationalistischen Haltung zu verstehen. – Diese internationalistische Haltung führt zu seiner Neubegründung des Universalismus, der sich nicht mehr von den Metropolen her definiert, sondern von den Revolten der Ausgegrenzten und Ausgebeuteten. – Zu den Ausgegrenzten und Ausgebeuteten zählt er aber nicht nur die schwarzen Jakobiner, sondern natürlich auch die Arbeiter der USA oder Englands.
James denkt populäre Kultur (Cricket!), Arbeiterwiderstand und afrikanisch-karibische Emanzipation, Kritik des Stalinismus und des Befreiungsnationalismus, Universalismus und Widerstand »von unten«, der immer aus Not und Begrenztheit heraus sich entwickelt/entwickeln muss, zusammen. Sein Buch über Cricket, »Beyond a Boundary« ist ein Buch über Cricket und gleichzeitig eine literarisch-soziologische Untersuchung über die Durchsetzung kolonialer Kulturpraktiken und ihre subversiv-entwendende Aneignung durch die Kolonisierten. Sein Hegel-Kommentar »Notes on Dialectics« ist, darin ganz dem Impetus des Cricket-Buches gleichend, eine listige Subversion des schwäbisch-preußischen Denkers, immer auf der Suche, die Dialektik radikal als Kraft der Negativität zu verstehen.
Man kann diese Kette der Assoziationen und Verbindungen beinahe endlos fortsetzen!
Diese Spiegelungen, dieses Auftauchen von altbekannten Themen an ganz unerwarteten Text(stell)en, sorgen dafür, dass der Gegenstand »CLR James« nicht nur ein äußerst reichhaltiger, sondern auch ein sehr komplexer ist. Sein Werk ist die Einheit von Bruch und Kontinuität.
Das wäre auch das zentrale Thema einer Anthologie: Nicht ein Füllhorn dem Leser präsentieren, sondern das spezifische James’sche Anliegen vermitteln: Die Begründung eines Universalismus von unten, von den Rändern her; eines Universalismus, der zu gleichen Teilen die Erfahrungen jener pan-african revolts, des dissidenten Marxismus, der Bourgeoisie in der Epoche Herman Melvilles in sich aufgenommen hat; der über Nkrumah so spricht wie über streikende Werftarbeiter im realsozialistischen Polen!
Diese multipolare Denkweise, die nicht in Eklektizismus und Beliebigkeit zerfällt, ist es denn auch, was James für die Diskussionen der Jetztzeit relevant macht. Gab es zu James’ Zeiten schon den Vorwurf des »Eurozentrismus«? James hätte ihn wohl kaum akzeptiert. Er hat sich stets als emphatischer Leser Shakespeares und Melvilles bezeichnet und als Schüler der europäischen Aufklärung (als er 1932 nach England geht, sagt er: »Ein Bürger kehrt heim.«). Seine Parteinahme für die europäische Aufklärung hat er niemals von seiner Unterstützung der schwarzen Befreiungsbewegung losgelöst betrachtet. Er ist ein schwarzer Universalist, jemand der versucht, die Unterschiedlichkeit der sozialen Kämpfe in einer gemeinsamen Perspektive zu denken. Eine Perspektive, deren Einheit nicht mehr durch die Existenz einer Avantgarde-Partei konstituiert wird.
Sicherlich hat James zu verschiedenen Zeitpunkten Führungspersonen anerkannt: Trotzki, Eric Williams, Castro, Nkrumah. Gerade letzterem hat er Huldigungsadressen entgegengebracht, die irritieren (Nkrumah als neuer Lenin etc.pp.). Er ist darin stets enttäuscht worden, und er hat natürlich versucht, diese Illusionen zu verarbeiten.
Die Relevanz von James für die heutige Debatte um globale Emanzipation ist eine doppelte: 1. Er unterläuft die Dichotomie der Debatte um »Post Colonial« auf der einen Seite und den, nun ja, »neuen« Universalisten auf der anderen Seite (jenen Leute, die den Vorwurf des Orientalismus umdrehen und einen Okzidentalismus daraus machen), indem er den kommunistischen Internationalismus aus der Mottenkiste des ML geholt und ihn gründlich entstaubt hat. 2. James selber ist ein historisches Artefakt – ein Mann der Illusionen, Fehler und Enttäuschungen. Er hat keine unumstößlichen Wahrheiten verkündet, wollte das auch nie. Er hat sein Denken immer als eingreifendes, die Kämpfe begleitendes verstanden, auch aus seinen Fehlern lässt sich einiges lernen. , Sein provokantes, rasantes, niemals »nur« theoretisches, sondern immer auch artistisches Denken und Schreiben ist selbst dann anregend, wenn er sich verrannt hat: Die Illusionen, die sich James gemacht hat, waren ja Illusionen ganzer Befreiungsbewegungen. Sich heute darüber zu verständigen, ist für die Neubegründung von Emanzipation von einiger Dringlichkeit.
Natürlich war James auch als Praktiker immer mittendrin: Ein gefragter Cricket-Journalist, ein politischer Aktivist, der etliche Jahre illegal in den USA als Graswurzel-Aktivist der linksradikalen Johnson-Forrest-Tendency unter schwarzen Automobilarbeitern zubrachte, ein Professor, der in den 60er Jahren auf Trinidad und Tobago für die Einführung der Rätedemokratie stritt (noch so eine Illusion) , ein Gesandter Trotzkis, eine Romanfigur Naipauls.

Hinweise
* Textsammlung
Etwas unstrukturiert und ein bisschen selektiv, aber insgesamt ein sehr vorzeigbares Archiv. Ein paar Empfehlungen: »Why Negroes should oppose the war« (Broschüre, 1939); »The Invading Socialist Society« (Grundlagentext der Johnson-Forest Tendency, zusammen mit Grace Lee Boggs und Raya Dunayavskaya, 1947); »The Revolutionary Answer to the Negro Problem in US« (Essay, 1948); »State Capitalism and World Revolution« (zweiter Grundlagentext der JF-Tendency, zusammen mit Raya Dunayavskaya, 1950); »Marxism and the Intellectuals« (Broschüre, 1962); »Black Power« (Rede in London, 1967). Weitere Verweise u.a. zu seiner einst wichtigsten Mitstreiterin (und späteren Kontrahentin) Raya Dunayevskaya.

* CLR James Institut
Klingt hochtrabender als es ist, bietet aber eine interessante Textsammlung. Zur Einführung geeignet: »C.L.R. James and The Struggle for Happiness« by Anna Grimshaw and Keith Hart.

* Wikipedia
Es ist zwar ziemlich wurstig, einen Wikipedia-Eintrag extra zu erwähnen, weil eh jeder sofort bei WIkipedia nachschaut (und dann häufig enttäuscht wird), aber in diesem Fall ist der Eintrag mit seinen vielen Verweisen ein wirklich guter Einstieg.

* Biographien. Der oben bereits zitierte Farrukh Dhondy hat eine flott zu lesende mit dem nötigen human touch geschrieben; Paul Buhles »C.L.R. James. The Artist as Revolutionary« ist gewohnt kompetent (Buhle ist der Chronist der amerikanischen Neuen Linken, als Redakteur von Radical America war er Ende der 1960er/ Anfang der 70er Jahre maßgeblich an der Neuentdeckung James’ beteiligt); Frank Rosengartens »Urbane revolutionary: C. L. R. James and the struggle for a new society« ist die aktuellste (2008), er wertet sehr viel Archiv- und Nachlassmaterial aus.CLR James

Gestern geschrieben, heute veröffentlicht! (Aus einem aufgegebenen Projekt, #16)

Folgender Text ist etwa anderthalb Jahre alt (inhaltlich ganz sanft aktualisiert) und sollte mich eigentlich kurz- bzw. mittelfristig von allen finanziellen Sorgen befreien, denn es handelte sich um ein Bewerbungsschreiben, mit dem ich mich großen Zeitungen und Auftragsforschungsinstituten als Berater anbieten wollte. Es hat aber niemand reagiert. Noch nicht einmal für ein »T.O.P.«-Tagesseminar hat es gereicht.

Robert Kurz, der Vielgescholtene, hat angesichts der Weltwirtschaftskrise die einfache wie ergreifende Wahrheit ausgesprochen, es gebe »ein linkes Urvertrauen in die Regnerationsfähigkeit des Kapitalismus«. Et voilà: Jetzt, wo die Krise sich langsam durchfrisst, In diesen Tagen beeilen sich Marxisten festzustellen, dass der Kapitalismus doch gerade erst angefangen habe und Krisen im Kapitalismus ganz normal seien, und überhaupt: dass die Krise das Normale des Kapitalismus sei. Heute setzt die Linke auf Umverteilung (»von oben nach unten«), Kredite für den Mittelstand, Konsumgutscheine für private Haushalte, auf ein bisschen Klassenkampf zur Re-regulierung der Märkte und zur Wiederauferstehung der Sozialpartnerschaft. Es steht in den Jungen Welt wie in der Jungle World, in DKP-Verlautbarungen und Statements von Sarah Wagenknecht, in Kommentaren von Jürgen Elsässer und in der neuesten Kapital-Scholastik diverser Marxologen.
Das alles ist keine Polemik wert, interessant besorgniserregend ist etwas ganz anderes: Die Bourgeoisie hört nicht hin. Michael Heinrich wird nicht Wirtschaftsredakteur bei der FAZ, Elmar Altvater wird abseits der TAZ nie zur Wort kommen und Sarah Wagenknecht nie zum Spitzensymposium des Arbeitgeberverbandes eingeladen werden.
Jetzt, wo die Chancen gut stehen, dass zur realen Krise des Kapitals sich eine Legitimationskrise gesellen könnte, wie sie die bürgerliche Gesellschaft seit 1929 nicht mehr erlebt hat, wären ein paar Marxisten in den Zentralen der Vierten Gewalt genau das richtige. Souverän würden sie den Schutt der neoliberalen Propaganda beiseite räumen und gelassen von der Naturwüchsigkeit des Kapitals reden, seinem immanenten Krisencharakter, seinen goldenen Perspektiven in China und Indien, schließlich den objektiven und subjektiven Faktoren einer Revolution, die nie zusammenfielen. Jetzt, wo die Bourgeoise nichts anzubieten hat, weil alles schon durchgehechelt ist – kein »Modell Deutschland« und keine »geistig-moralische Wende«, keine »konzertierte Aktion« und keine »blühenden Landschaften« am Ende des Jammertals und die Krise eben nicht auf die legendären »sieben fetten Jahren« folgt, sondern auf das größte staatliche Armutsprogramm in der Geschichte der BRD (Wofür hat sich denn der ganze Scheiß gelohnt?), hilft nur noch die Stimme der Vernunft, verkündet vom Feldherrenhügel des historischen Materialismus. Lasst die Marxisten ran!
Aber niemand lässt sie. Der Flirt mit Marx in den Feuilletons – schon vorbei, bevor er überhaupt angefangen hat. Die Wirtschaftsseiten – ein einziges Schlachtfest der Krisenverlierer. Die Leitartikel – nie klangen Durchhalteparolen so uninspiriert. Sollte es wirklich so sein, dass im antikommunistischen Furor der letzten zwanzig Jahre sich die Bourgeoise samt ihrer Lohnschreiber ultimativ verdummt hat? Liest denn niemand mehr Lampedusa? »Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert.«
Der Kapitalismus wird zugrunde gehen einzig an der Selbstermächtigung der Abhängigen und Ausgebeuteten. Auf sie werden hier keine Wette angenommen. Aber warum sollte der Untergang eigentlich nicht mit der Untätigkeit der Bourgeoisie beginnen? Oder besser: ihrem Fatalismus? Es ist Weltuntergang und nur die Bourgeoisie geht hin.

Nachtrag
Aus beruflichen Gründen besuchte ich vor einem Jahr eine von einer der Linkspartei nahe stehenden Studenten-Gruppe organisierten Veranstaltung zur Krise (Was kennzeichnet die Krise, was sind die Persepektiven der Linken, also: der Linkspartei?), auf der u.a. ein Stefan Bornost auftrat, um den es gleich gehen soll. Verwerten konnte ich den Besuch der Veranstaltung zwar nicht (ich habe es mittlerweile aufgegeben, mich als Krisengewinnler zu versuchen, und versuche mir als Blogger gewisse neumodische Softskills anzueignen), für einige Freunde schrieb ich aber eine kleine Veranstaltungskritik. Sie wird auszugsweise dokumentiert.
Bornost, der bereits vor einigen Jahren als Investigativjournalist brillierte – »Lafontaine: Von den Bossen gestürzt« – hält hier exemplarisch für alle Marxisten seinen Kopf hin, die von dem Wahn besessen sind, mit Staat und Kapital auf gleicher Augenhöhe zu reden.

Interessant zunächst zu beobachten, wie sich die deformation professionelle Bahn bricht. Es begann Stefan Bornost, der Vertreter vom Netzwerk Marx21, auch leitender Redakteur des Netzwerk-Organs. Irgendwie muss das doch frustrierend sein: Marx21 ist die Nachfolge-Organisation von Linksruck. Linksruck sind Trotzkisten. Selbstverständlich muss der Agitator aber so auftreten, dass nichts davon zu spüren ist, er muss so reden wie ein x-beliebiger DGB- oder Antifa-Heini. Wozu bin ich Kommunist, wenn ich es nicht sagen darf? Bestand nicht der welthistorische Fortschritt des wissenschaftlichen Sozialismus darin, glasklar zu sagen, was ist? Und eben keiner Zwei-Welten-Theorie gnostisch-verschwörerisch anzuhängen? Ich würde von soviel Selbstverleugnung Magengeschwüre bekommen.

Einmal als Referent aufgerufen, sprang Bornost wie von einer Tarantel gestochen auf – vor einem Forum von nicht mal dreißig Zuhörern – und redete schnell und angestrengt aber auch sichtbar geschult (oberflächlich klar strukturiert). Seine Mimik blieb seltsam starr, dazu aber hektisch-ruckartige Arm- und Handbewegungen, ein bisweilen geradezu panisches Wedeln. Entschuldigt, dass ich so betont auf Physiognomie und Körpersprache eingehe, aber das schablonenhafte Denken und Reden scheint ihm buchstäblich in die Glieder gefahren zu sein (es sprach aus ihm).

Im Folgenden seine zentralen inhaltlichen Punkte: 1. Der Kapitalismus löst seit 35 Jahren seine Krisen nur oberflächlich (Vorwurf!); 2. Es gibt darum keinen Zuwachs der Linkspartei, weil wir vor einem Rechtsruck stehen (Analyse!); 3. In Frankreich und andere Ländern gibt es bereits Aufstände und Generalstreiks, aber nicht in Deutschland, denn wir haben hier eine andere Tradition (Mahnung!); 4. Wer die Banken Pleite gehen lassen will, ist bloß zynisch-schadenfroh und verkennt, was das für eine Katastrophe für die kleinen Leute bedeutet (Übergang zur Lösung!); 5. Also muss der Finanzsektor verstaatlicht werden – und zwar, wie lautet das Zauberwort?, demokratisch (Lösung!); 6. Dazu muss die Linkspartei gestärkt werden, außerdem die Gewerkschaften, die Antifa, der AStA und die Hochschulgruppen von Ver.Di und GEW (Mittel zum Zweck!).

Bleibt abschließend zu noch bemerken, dass Bornost Kanzlerin Merkel für ihre Aussage gelobt hat, sie wolle nicht den Brüning geben. Nur dass er Merkel diesen Spruch nicht so recht glauben wollte (alles nur Taktik) und er ernsthafte Bemühungen vermisste, der Aussage Taten folgen zu lassen. Wie gesagt: Der Kapitalismus, dieser Faulpelz!, löst seine Krisen einfach nur oberflächlich. Gemein!

Nachtrag zum Nachtrag
In einem Feature des SWR zum letztjährigen »Make Capitalism History«-Kongress taucht auch Bornost auf und wird vom Autor in den goldenen Worten beschrieben »Bornost sucht nach Perspektiven und lässt nichts aus.« Besser hätte ich es nicht sagen können.

Aus einem aufgegebenen Projekt, 15

Katastrophenideologie – Ideologiekatastrophe

Zu dem ideologischen Wesen der Katastrophe gehört, dass das, was da Schlimmes hereinbricht, mitten unter uns passiert, aber nicht konstitutiv zu uns gehört: Wenn man die Tatsache, dass Menschen seelisches und körperliches Leid vor allem innerhalb der eigenen – christlichen oder muslimisch geprägten – Familie zugefügt wird, nicht als Katastrophe bezeichnen würde, sondern als ein Normalzustand, wäre der Focus der Kritik direkt auf die Familie als Sozialisationsinstanz gelenkt. Wenn die neoliberale* Propaganda – vom »Institut für Neue Soziale Marktwirtschaft« bis, ganz aktuell, Guido Westerwelle – getrommelt hat, dass jede organisierte Gegenwehr von Lohnabhängigen nur Besitzstandswahrung ist, Ausdruck von mangelnder Flexibilität und die Zukunft der großen Gemeinschaft schädigend, dann ist der kapitalistische Normalfall, dass Lohnabhängige sich organisieren und kollektiv die andere Seite schädigen müssen, um auf ihr Geld zu kommen, die Katastrophe.
Aus dieser Verkehrung des Verhältnisses von Normal- und Ausnahmezustand wird dann eine ideologische Formation, wenn unterschiedliche Phänomene zu einem Cluster gemeinschaftsschädigender Verhaltensweisen verknäult werden; Verhaltensweisen, die ursächlich nicht mehr auf die Gesellschaft – und ihre kapitalistische Produktionsweise – zurückgeführt werden, sondern umgekehrt diese Gesellschaft gefährden.
Diese Art von Verdinglichung kommt ganz ohne explizit biologistische Zuschreibungen/Zumutungen aus, weswegen es etwa den antimuslimischen Hetzern leicht fällt, sich, eine weiterer absurder Twist, als anti-rassistisch auszugeben: Geht es ihnen doch vorgeblich darum, dass arabisch-türkisch-kurdische Individuum aus den Klauen von Religion und Tradition zu befreien. Religion und Tradition gelten aber nicht als gesellschaftliche Mächte, und erst recht nicht als solche, die sich vor dem Hintergrund des weltumspannenden Kapitalismus materialistisch verstehen lassen, sondern als überzeitliche, übermächtige Erscheinungen – quasi als Naturerscheinungen.

* Neoliberalismus ist in erster Linie Propaganda.