Archiv der Kategorie 'An den Rand gekritzelt'

Für jeden Stuss findet sich ein Kulturwissenschaftler, der ihn zu einem originellen Gedanken adelt

Marx-Engels-Lobhudeleien sind ein beliebtes Subgenre des bürgerlichen Feuilletons, das längst auch Wirtschaftsjournalisten anzieht. Es war irgendwann im letzten Herbst, als das Handelsblatt in einer Sonderbeilage die wichtigsten ökonomischen Werke vorstellte und auf Platz 1 »Das Kapital« wählte, während Smith und Keynes nur unter ferner liefen rangierten und Schumpeter und Ricardo gar nicht vorkamen (oder täuscht mich hier die Erinnerung?). Soviel Traditionsvergessenheit in eigener Angelegenheit, das muss man erst mal bringen, zumal das Lob aufs »Kapital« vor allem durch seine Schlampigkeit in der Recherche bemerkenswert war, stand da doch wieder was von Vorhersagen, Zusammenbruch und Arbeitswertlehre, die Marx von Smith und Ricardo übernommen hätte. Aber was soll das Kritteln, wenn umgekehrt krakeelige Notabiturmarxisten in ihren Kommentaren für Konkret oder Jungle World ebenso wenig in der Lage sind, sagen wir: Keynes angemessen darzustellen? Lieblos geht die Kritik zugrunde.
Ein allerdings besonders dreistes Stück stand im Dezember in der FAS und findet sich, zur ewigen Dokumentation der Schande, online. Engels muss als Kapitalist unbedingt wiederentdeckt werden, geht es nach Autor Rainer Hank:

Es gilt, den erfolgreichen Unternehmer und Spekulanten Friedrich Engels zu würdigen. Wahrscheinlich musste der Kommunismus erst untergehen, um den Kapitalisten Engels angemessen porträtieren zu können: Als Textilmagnat und leidenschaftlichen Fuchsjäger, als aktives Mitglied der Börse und zugleich draufgängerischen, lebensfrohen, dem Alkohol zugeneigten Liebhaber der schönen Dinge: Das sind Hummersalat, Château Margaux, Pils (damals gerade ein Modegetränk), und, last, but not least, kostspielige Frauen in nicht geringer Zahl, wie sein Biograph, der britische Historiker und TV-Moderator Tristram Hunt, in seiner in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen brillanten Monographie erzählt: Engels, so Hunt, war ein »begnadeter Womanizer« und stets voller »bacchantischer Gelüste«.

So irre heiß ist diese News nun nicht. Und es spricht für den Dilettantismus Rainer Hanks, dass man seiner Eloge in jeder Zeile anmerkt, wie da jemand bemüht einige Merkmale einer Biographie zu einem Gesamtbild hochrechnen will. Diesen Spaß kennt man aus dem Popjournalismus, ich erinnere mich noch düster an eine Eloge Diedrich Diederichsens auf das müdeste aller alten westdeutschen Komikerduos: Harald und Eddi, deren Zoten mit einigem Witz als subversive Praxis dechiffriert wurde1. Wie gesagt, ein Spaß. Hank meint es, befürchte ich, ernst. Was bei Hank noch als rhapsodisch zu erkennen ist, wird, wie das eben so ist, durch einen eilig herbeigeschafften Kulturwissenschaftler zu einem Klumpen Stuss eingeschmolzen. Im letzten Absatz zieht Hank seinen Joker:

Der Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe geht einen Schritt weiter: Engels, der Fabrikant und Bohemien, war in all seinen Engagements durch und durch Entrepreneur: Immer musste er etwas unternehmen. Mal ist er Exportkaufmann, mal Betreiber der Baumwollspinnerei, dann wieder entwickelt er zahllose Zeitschriftenprojekte (die Deutsch-Französischen Jahrbücher, die Rheinischen und Deutsch-Brüsseler Zeitungen und so fort). Und mal ist der Mann eben auch »Unternehmer in Sachen Weltrevolution«. Ein echter Spieler. Der Projektemacher Engels, er verkörpert das ironisch-spontanistische Gegenmodell zum Lebensentwurf des Berufskommunisten, der aus Engels später einen Dogmatiker gemacht hat.

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Der Entrepreneur, der Projektemacher (übrigens ein in aufmerksameren Zeit negativ besetzter Begriff, für Typen von zwanghafter Produktivität und mit freakigen Ideen, die aber alle niemals realisiert werden – können) … Ums Inhaltliche geht es gar nicht, der Stil, die Unternehmenskultur, die (angebliche) Spielernatur, das vielbeschworene große – dann aber auch wieder lachhafte, weil als Projektemacher notwendig scheiternde – Individuum machen das Band des Lebens aus.
Das Inhaltliche, das ist in der Tat der Kommunismus, also all das, worüber zu sprechen für einen FAZ-Journalisten oder einen flotten Kulturwissenschaftler so unendlich ermüdend sein muss: Das ist Engels erster, kühner, von Marx immer als Maßstab anerkannter Vorstoß zur Kritik der politischen Ökonomie, das sind vor allem seine militärwissenschaftlichen Studien, die ein zentrales Glied in der Verbindung von Ökonomiekritik, Klassenanalyse und bürgerlicher Politik darstellen, das ist seine strenge wie polemische Kanonisierung der Marx’schen Ideen im »Anti-Dühring«, seine Redaktionsarbeit an den buchstäblich zerstreuten »Kapital«-Manuskripten, seine Weigerung zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften einen unüberwindlichen (resp. nur ideologiekritisch zu begreifenden) Bruch zu sehen, last not least sein weithin unterschätztes Spätwerk, in dem er in zahlreichen Broschüren, Vorworten, Briefen, Instruktionen es unternimmt, die junge deutsche Sozialdemokratie an die Kandare zu nehmen und ihr die Prinzipien des kommunistischen Programms in konkreter Anwendung zu vermitteln3.
Das geht nicht ohne Déformation professionnelle ab, keine Frage, hat aber selbst im Nebensächlichsten nichts von dem Spielerisch-Flaneurhaften, von dem leichtfüßigen Tänzeln zwischen Weibern, Aktien-Spekulationen und a bisserl Politik.
Aber eitel, darauf hinzuweisen. Das ist ja das Geschäft der Kulturwissenschaft: Inhalte kaputtmachen, das Formale verdinglichen, Politik in Stil auflösen, das Soziale zu einem nebeneinander von Optionen zu verniedlichen. It’s fun!

  1. Die extrem kurzen Sketche, in denen zum Beispiel Harald und Eddi einer jungen Dame gegenüber darauf bestehen, eineiige Zwillinge zu sein (was sie durch alle offensichtlichen Unterschiede, die sie einzeln ansprechen und vorführen, zu beweisen versuchen), bis sie einen in die Kneipe hinzutretenden Schwarzen in die Arme schließen und zugeben: Wir haben gelogen, in Wirklichkeit sind wir eineiige Drillinge, leben einerseits von genau dem alten aufklärerischen Sein/Schein-Klarstellungsanspruch, sich solidarisch über ihn amüsierend, lassen aber andrerseits den Lügner triumphieren, Juhnke als New-Age-Arzt etwa, der seinen Patienten mit sichtbarer Axt-im-Schädel auffordert, alles nicht so verbissen zu sehen, das Problem mental zu lösen, die andere Gehirnhälfte arbeiten zu lassen etc., während er außerdem fieberhaft seine Akupunkturnadeln sucht, um seine eigenen Kopfschmerzen zu behandeln. Als er ermattet auf einen Stuhl niedersinkt, hat er sich natürlich in die Nadeln gesetzt und greift sich erleichtert an die Stirn, die Kopfschmerzen sind weg. Einerseits wird so New Age richtig und sichtbar als das, was es ist, kritisiert: Lüge, andrerseits demjenigen Recht gegeben, der im Pop-Sinne richtig lügt.

    (Aus: Konkret 07/1988, S.47) [zurück]

  2. Hank bezieht sich offensichtlich auf eine im letzten Novemberheft des »Merkur« erschienene Rezension Eiden-Offes von Hunts Engels-Biographie mit dem Titel »Frederick Engels, Entrepreneur. Marx und Engels als Projektemacher«. Der Text steht online nicht zur freien Verfügung. [zurück]
  3. Man vergleiche seine knappen, präzisen Ausführungen zur Bauernfrage mit dem entsprechenden langatmigen Werk Kautskys. [zurück]

Korrekte Ableitung von Wesen und Funktion der Gewerkschaften

Was die Linke nicht kann, macht die bürgerliche Presse (und kein Journalist weiß, was er da so hinschreibt):

(…)
In der Bevölkerung Spaniens, wo inzwischen jeder vierte keine reguläre Beschäftigung mehr hat und 400.000 Wohnungen geräumt wurden und in Portugal, wo die Arbeitslosenquote in der demokratischen Geschichte des Landes ebenfalls beispiellose 16 Prozent beträgt, gelten die Gewerkschaften inzwischen vorrangig als Vertreter derer, die noch eine Arbeit haben und nicht des großen Restes.
Vor allem die Jugendlichen,von denen gegenwärtig in Spanien jeder zweite und in Portugal jeder dritte einen Job und Vertrag sucht und nicht findet, glauben, von ihnen nicht viel erwarten zu dürfen. In beiden iberischen Ländern sind die Generalstreiks geradezu inflationär geworden. In Portugal ist es der dritte in eineinhalb Jahren, in Spanien der zweite binnen zwölf Monaten.
(…)
Die letzten Generalstreiks waren hüben und drüben eine eher matte Angelegenheit. Die Privatindustrie beteiligte sich nur in geringem Umfang an dem Ausstand. Die Gewerkschaften demonstrierten derweil, dass ihre eigentliche Machtbasis noch der öffentliche Dienst ist. So wird es ihnen auch an diesem Mittwoch gelingen, die städtischen Verkehrsmittel zu lähmen und, von vereinbarten eingeschränkten Notdiensten abgesehen, den Transport bei der Bahn, auf den Flughäfen und in den Häfen weitgehend zum Erliegen zu bringen.
Aber dass zum Beispiel die spanische Regierung einknicken und ihrer Forderung nach einer Volksabstimmung über den neuen Sparhaushalt für das kommende Jahr nachkommen wird, ist eine Illusion. Am Tag danach werden in Madrid Mariano Rajoy und in Lissabon Pedro Passos Coelho noch immer Regierungen mit stabilen absoluten Mehrheiten im Parlament haben und tun, was sie aufgrund ihres Mandats für unvermeidlich halten.
Die iberischen Gewerkschaften, die in ihrer politischen und ideologischen Verzopftheit bislang zu allem nur Nein gesagt haben – vor der Arbeitsmarktreform bis zu der Reform des öffentlichen Dienstes – können zwar mit Kundgebungen zeitweilig den Druck der Straße erhöhen. Aber auch dort haben ihnen bisweilen schon Bürgerinitiativen, die über die sozialen Netze wie Facebook oder Twitter Spontanaktionen organisieren, oft den Rang abgelaufen.
(…)

In drei oder fünf Jahren – so oder so eine optimistische Rechnung – werden geläuterte Linke den Generalstreik als großen Fetisch unserer Zeit dechiffriert haben1: Je mehr sich die »Gegenmacht« in den Betrieben auflöst, je weniger die Linke in den Alltag der Leute intervenieren kann, desto mehr müssen es die großen Spektakel richten. Der Generalstreik 2.0 SOLL ja auch ein Spektakel sein, ein übergroßes Stopp!-Schild. Früher mag die Abwesenheit des Proletariats in den Betrieben noch impliziert haben, dass es sich dann woanders aufhält – auf der Straße, um die Machtfrage zu stellen. Heutige Generalstreikler wollen die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen. Ach so, ne, der Spruch war ja irgendwie anders gemeint.

  1. Und in den zahlreichen Plädoyers Oskar Lafontaines, den – politischen – Generalstreik auch hierzulande zu legalisieren, klingt allzu deutlich der Wunsch des Populisten nach der grenzenlosen Mobilisierung »seiner« Masse durch; der Aufhänger seiner Interventionen ist freilich richtig: In der Frühzeit der BRD wurde auf die üblich demokratisch-juristische Weise versucht – erfolgreich – den Gewerkschaften einen unpolitischen und so gesehen auch a-gesellschaftlichen Kurs aufzudrücken. Von dieser Niederlage haben sich die Gewerkschaftslinken in sechs Jahrzehnten nicht erholt. Selbst, oder gerade?!, in ihrer stärksten Phase, in den frühen und mittleren 70er Jahren, dachten die Gewerkschaften nicht daran, dieses Rad zurückzudrehen. Auch ihren ebenso plötzlichen wir kurzzeitigen Machtzuwachs nach 1989, als ihnen das gesamte Ostproletariat regelrecht hinterhergeschmissen wurde, nutzten sie nicht. [zurück]

Hartnäckige Arbeit am Verlust der Illusionen

Gefunden in dem schönen Band »Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder die melancholische Linke. Aspekte des Kulturzerfalls in den siebziger Jahren« (1981) von Michael Schneider:

Der Intellektuelle ist nach jeder Begegnung mit dem Volk bestrebt, »in seine Kreise zurückzukehren« – von der Lösung des sozialen Problems kehrt er zur Lösung des individuellen zurück. (Maxim Gorki, »Zerstörung der Persönlichkeit«, in »Über Literatur«, Berlin u. Weimar 1968, S.61)

Aber das eben ist die ironische Natur der Geschichte, gerade in der Epoche des Rückzugs von allen (politischen) Posten hat der Standesdünkel der Intelligenzler seine höchste Steigerung erreicht … Nie zuvor haben sie solch einen Grad der Selbstberauschung, Verliebtheit in sich selbst erreicht, und nie zuvor waren sie so anspruchsvoll. Sie haben sich selbst von Kopf bis Fuß abgetastet, und es gibt nicht eine einzige Geste, nicht die geringste Seelenfalte, die sie nicht mit verliebter Gründlichkeit autobiographisch festgehalten hätten. (Leo Trotzki, »Über die Intelligenzler«, in »Literatur und Revolution«, Berlin 1968, S.289/290)

Trotzki und Gorki resümieren ihre Erfahrungen mit der (intellektuellen Aufarbeitung der) gescheiterten – so schien es ja – russischen Revolution von 1905.
Die Parallelen zu heute, zu »2011«, drängen sich geradezu penetrant auf: Auch die 1905er Revolution kam schlagartig, explodierte in einem Land, das westliche Intelligenzler mit statischer Barbarei identifizierten, entwickelte sich aus einer »unpolitischen« Bewegung, überraschte die sozialistischen-kommunistischen-anarchistischen Gruppen, euphorisierte die Gesellschaft, scheiterte jäh und wurde aufgesogen von oberflächlich-demokratischen Reformen, mündete in einer überwältigenden Repressionswelle, die die sozialistischen-kommunistischen-anarchistischen Gruppen nach Sibirien (oder – mit Glück – Westeuropa) spülte.
Neun Jahre später dann die Katastrophe des Weltkriegs, 1905 schien endgültig verblasst, zwölf Jahre später dann, im Oktober… 1905 und 1917 gehören zusammen, genauer – 1905, 1917 UND DIE KONTERREVOLUTION DAZWISCHEN. Und ein Mittel, die Zeit der Dürre und Hoffnungslosigkeit zu überstehen war die Arbeit am Illusionsverlust. Die Texte von Gorki und Trotzki sind Werkzeuge dafür.

Viel Bewegung

Bloccupy hin oder her, der ganz überwiegende Teil der radikalen Linken ist der Ansicht, dass derzeit mal wieder ganz wenig läuft, insbesondere in Deutschland, keine Bewegung, kein Unmut, bzw. allenfalls »unbrauchbare Unzufriedenheit« (Peter Decker). Das sieht die herrschende Klasse anders. Muss mal so gesagt werden. Die FAZ etwa beklagt »Respektlosigkeiten am laufenden Band« – in Deutschland, nota bene:
»Tausende haben die Ordner im Innenraum des Stadions ignoriert, sie haben die Bitten des Stadionsprechers überhört, das Eigentumsrecht missachtet und insgesamt die Grundregeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt.« Es geht »nur« um Fußball, um das angebliche Drama von Düsseldorf, aber der Kommentator zielt vorsorglich auf das Höhere, auf das Gesamtgesellschaftliche, und dann geht es (ihm/ihnen) immer zuerst um »das Eigentumsrecht« und dessen Unantastbarkeit. Nutzlos der Hinweis, dass die Fans durch den Erwerb einer Eintrittskarte dieses Eigentumsrecht erst mal respektiert und zweitens dadurch erst einen bestimmten Anspruch an den Eigentümer formuliert haben – den Anspruch auf Brot und Spiele, auf genau das Spektakel, das Fußball nun mal ist.
Dieser Brot-und-Spiele-Komplex ist nun an sich selbst gescheitert, streng dialektisch betrachtet hat er sich ›aufgehoben‹, er funktioniert so perfekt, dass die Kommentatoren zwischen realer Unkontrollierbarkeit und perfekter Vollendung des Spektakels (die Leute entwickeln einen unbändigen Willen und verwenden eine irre Energie darauf, eine zunächst hoch abgesichertes Spielfeld zu erstürmen, würden sie nur zehn Prozent dieses Enthusiasmus’ darauf verwenden, für höhere Löhne und angenehmere Arbeitszeiten zu kämpfen, der Kapitalismus sähe sehr schnell sehr alt aus) nicht mehr zu unterscheiden wissen. Vielleicht ist es ja auch dasselbe.
»Diese Menschen waren keine brutalen Hooligans, keine sportpolitisch motivierten Ultras, es waren Hinz und Kunz, Väter mit teils minderjährigen Söhnen, die mittendrin sein wollten, nicht nur dabei. Dieses Verhalten ist nicht allein ein Phänomen des Fußballs. (…) Die Bereitschaft, Regeln zu brechen ist überall im Lande und quer durch die Gesellschaft zu erkennen. Demonstranten halten sich nicht an Verfügungen von Verwaltungsgerichten, große Unternehmen unterlaufen wie selbstverständlich Steuergesetze, selbst der einst höchste Mann im Staat wusste sich nicht zu benehmen.« Der FAZ-Mann antwortet nicht mit einem offenen Aufruf zum Klassenkampf von oben – das ist passé, eine Angelegenheit der 90er, als Rot-Grün hemmungslos den Eliten-Liberalismus protegierte –, sondern mit Moralsauce, denn Verfehlungen gibt es, ohje, auch unter Managern und Spitzenpolitikern, einfach überall! Am schlimmsten bleiben freilich »Hinz und Kunz«, in denen die Bestie der GROTESKEN BELEIDIGUNG schlummert: »Denn die Verrohung der Sitten sind das Ergebnis einer Entwicklung, die Lehrer schon seit Jahren beobachten, Unterrichtsstörungen, groteske Beleidigungen, ja Bedrohungen. Wer das ändern will, muss bei den Kleinsten anfangen, mit der Anerkennung von Grundwerten in der Familie. Im Stadion ist es zu spät.« Grundwerte, Anstand, Disziplin, Maßhalten, Mamapaparespekt, die üblichen Appelle, die sich an ALLE richten, aber allein denen schaden, die als Lohnabhängige sonst sehr wenige Gelegenheiten zum Über-die Stränge-Schlagen haben. Es sind übrigens diese Moralapostel, die den Meistertrainer Jürgen Klopp nicht zuletzt für sein penetrantes Geschwafel von der »Lust« und vor allem der »Gier« über den grünen Klee loben. Aber das nur nebenbei.
Was in Düsseldorf passiert ist (und einen Tag zuvor in Karlsruhe und ein paar Tage davor in Köln und dann noch in …) hat nichts mit Klassenkampf zu tun. Aber die Reaktionen darauf drücken eine große Verunsicherung aus: Selbst – nein, gerade – das am besten organisierte Spektakel lässt sich nicht restlos beherrschen. Gut möglich, dass demnächst die Feuilletons nichts mehr davon wissen wollen, ganz im Gegensatz zu den tiefschürfenden Essais der letzten zwanzig Jahre, dass das Fußballgeschehen ein besonders sensibler Gradmesser für gesellschaftliche Zustände ist. Die Erkenntnis könnte schwindeln machen.

Das Wissen der 90er

Das war ja so ein typisches Pubertätsding: Jeder hatte die Platte, jeder hörte sie hoch und runter, jeder fand sie albern, komplett zum Fremdschämen, aber doch insgeheim unfassbar geil – bloß nicht zugeben: »Licensed To Ill«. Bis heute ist das Debüt-Album (1986) der Beastie Boys nicht kanonisiert, wird aber wohl ihre meistverkaufte Platte sein. Das jungmännliche Asi-Schocker-Image (das aus Rotznasenperspektive, wie wir heute wissen, schon den ganzen Verfall des klassischen us-amerikanischen HipHop ab Mitte der 90er Jahre treffsicher ironisiert) legte sich wie ein Schatten auf ihr erstes Meisterwerk, »Paul’s Boutique« (1989) fiel durch, noch nicht mal – es wurde gar nicht erst verstanden, das kam erst viel später, rückblickend mit den kommenden Alben: Zum ersten Mal bewiesen Ad-Rock (Adam Horovitz), Mike D (Michael Diamond) und MCA (Adam Yauch) ihr schier unfassbares Talent aus einem eklektizistischen Gewusel, einem unübersichtlich wuchernden Stil-Mix heraus präzise musikalische Statements zu komponieren – wenn man irgendwo die New Yorker Utopie verkörpert sehen wollte, dann hier: Vielfalt, Gewimmel, grelle Buntheit, aber alles das stiftet die Vision einer friedlich durchgeknallten Gemeinschaft. »Paul’s Boutique« – das war Coolness ohne Arroganz und Hierarchie, Stylness ohne Abgrenzungsgegockel, Abhängertum ohne Konzentrationsverlust. Das Kiffen muss sie zu Höchstleistungen angespornt haben (manchmal klappt das ja). Dass die Jungs – wie immer wieder betont wird – aus der jüdischen Mittelschicht Brooklyns stammten, macht nix – es ging ihnen um Zukunft, nicht Herkunft. Bzw. reduzierte sich die Herkunft auf das eine große Ding, auf die Hauptstadt des 20. Jahrhundert: New York. »Check Your Head« (1992) ist dann ihr Hauptwerk, weil es jenseits der damals so produktiven wie allerdings auch immer unwichtiger werdenden Subszenen von Postrock, Stoner, Minimal Techno oder Drum’n’Bass noch einmal großen Pop stiftete, Konsens geboren aus radikalem Experimentiergeist, keine Kompromisse, aber eine Einladung an alle. »Ill Communication« (1994) lieferte die Zauberformel dafür. Dass die drei danach in den Modus der Selbstbezüglichkeit einrasteten und nie wieder die Stärke der alten Zauberformal auszunutzen wussten – geschenkt. Außerdem stimmt das so nicht, ihre letzte große New-York-Hommage, »To the 5 Boroughs« (2004) war schon sehr rührend, gerade weil sie sich nie dem Sentimentalen hingaben. Lokalpatriotismus statt Heimatschutz, allemal sympathischer. Dass sie zwischendurch die Erleuchtung fanden und allerlei Tibet-Hindu-Zen-Gebimmel + Tierschutz und was mit Menschenrechten machten – ja, das ist tatsächlich Mittelstandsethik, das erwähnte dann aber keiner mehr. Gestern ist, nach drei Jahren Kampf gegen den Krebs, Adam Yauch gestorben. Die Zauberformel bleibt, und das ist die einzig gute Nachricht.

Beastie Boys – So What Cha Want von BeastieBoys-Official