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An einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung

Im März 2000 widmete die Zeitschrift KONKRET Robert Kurz’ »Schwarzbuch Kapitalismus« ausführliche Kritiken von Freerk Huisken1 und Michael Heinrich, die wenig vom Buch übrig ließen. Mich hat das damals vor allem für Huisken eingenommen, von dem ich bis dahin (und auch danach) allzu gewundene und verquaste Texte kannte, dieser war aber gründlich, präzise, angemessen polemisch (ja: angemessen polemisch, auch wenn das fast schon eine contraqdictio in adjecto ist). Man kann diese Kritiken aber auch als freiwillig unfreiwillige Anerkennung des Autors lesen – was wurde da für ein schweres Geschütz aufgefahren, um das halsbrecherische Projekt eines Einzelnen auseinander zu nehmen! Mag sein, Huisken und Heinrich haben die besseren Argumente, die besseren Bücher aber hat Kurz geschrieben.
Das Schwarzbuch ist damals »überall« besprochen worden – mit einer eigentümlich widerwilligen Bewunderung, denn vom Marxismus wollte man noch weniger als heute wissen. Ich erinnere mich an einen Bekannten, der das Buch für eine große Tageszeitung zu besprechen hatte, und dem vorab (!!) klar war, dass er es verreißen würde, weil schon beim ersten Blättern keinerlei »methodologisch abgesicherte« Satisfaktionsfähigkeit zu erkennen war – Einzelkämpfertum, keine Interdisziplinarität, keine Quellenforschung, oberflächliche Auswertung der Sekundärliteratur –, der sich aber gleichzeitig ehrlich fasziniert zeigte von der Anstrengung, dass jemand so ein Projekt durchziehe und im tiefsten Neoliberalismus noch oder: überhaupt einmal die Gegengeschichte des Kapitalismus schreibe – als populär angelegtes Sachbuch!
Ich denke, der große Moment Robert Kurz’ war nicht das Schwarzbuch, sondern »Der Kollaps der Modernisierung«, das HM Enzensberger mit dem ihm eigenen pfiffigen Opportunismus 1991 in der »Anderen Bibliothek« rausbrachte (fast genauso wichtig: »Honeckers Rache«, das zeitgleich bei der Edition Tiamat erschien): Am absoluten Nullpunkt marxistischer Theorie ihren Neustart zu formulieren – und zwar nicht im unterwürfig beflissenen Argument-Prokla-Haug-Altvater-Style – sondern im Vollbesitz ihrer analytischen Kraft: das war wichtig. Kurz machte für den Untergang des Realsoz weder externe Faktoren verantwortlich (ENTWEDER Verrat, Revisionismus, Romantik ODER zu wenig Marktfreiheit, zu spät einsetzende demokratische Reformen) noch drehte er die Vorzeichen einfach um (der Zusammenbruch ist gar keiner, es ist »nur« eine Transformation eines staatskapitalistischen Systems in ein privatkapitalistisches). Er zeigte, dass der Realsoz und die mit ihm – wie lose auch immer – assoziierte globale Arbeiterbewegung sich durchaus auf arbeitsontologische, positivistisch-rationalistische Prämissen des Marxschen Denkens selbst stützte. Das heißt nun nicht, dass Marx der Demiurg war, dem noch Stalin folgen musste, sondern umgekehrt: dass selbst in der bis dato avanciertesten theoretischen wie praktischen Kapitalismuskritik sich Elemente finden, die das Kritisierte fatalerweise affirmieren resp. rationalisieren. Eben: die Vergötzung der Arbeit, der Wahn, mit negativen Kategorien wie Wert, Geld, Profit etc.pp. positiv planen zu wollen. Kurz leistete die Selbstkritik des Marxismus aus marxistischer Perspektive, ohne den in der Tat verräterischen Rückgriff auf neobürgerliche Traditionsbestände (Gramsci, Habermas, Regulationstheorie etc.pp.).
Das haben damals doch auch andere gemacht?! Yep. Aber er tat es mit Chuzpe und schrieb dem Kapitalismus gleich noch den Nachruf – 1991, als andere das Ende der Geschichte hereingebrochen sahen! »Selbstkritik« und »Nachruf« waren bei Kurz identisch, ein Rundumschlag wie aus dem Nichts, und nur wer völlig verhockt in seiner ultraorthodoxen Kleinstgruppe ausharrte, konnte das nicht als erfrischend, befreiend und zutiefst befriedigend erleben.
»Der Kollaps der Modernisierung« ist eines dieser Bücher, die wichtig – wenn es nicht so abgeschmackt klingen würde: epochal – sind, nicht weil sie besonders »richtig« oder dramatisch »falsch« wären, sondern weil sie an einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung revolutionäre Energie verdichten und in einen großen Wurf bringen. Deshalb steht dieses Werk auf einer Stufe mit »Geschichte und Klassenbewußtsein« oder »Der eindimensionale Mensch«. Man sollte das nicht vergessen.

  1. Im Gedächtnis habe ich die Kritik von Huisken als eine speziell an Kurz abgespeichert. So kann man sich irren: Schwerpunkt seiner Kritik bildete das von Kurz mitverfasste »Manifest gegen die Arbeit«, Kollektivautor war die Gruppe Krisis. [zurück]

Andererseits…

1

Es wird allmählich klar, worin die Ursache der jüngsten, um den Golfkrieg zentrierten, selbst- und identitätszerstörenden, von Haß- und Zerstörungswünschen begleiteten ›Schlammschlacht‹ besteht, an der Pohrt sich mit gewohnter Vehemenz, zugleich mit allen Anzeichen einer galoppierenden Regression beteiligt hat.2 Um das Coming-out des bürgerlichen Kritikers geht es, um sein Bekenntnis zum bürgerlichen Staat. Man darf sich durch den Lärm, der dabei entsteht, den ungeheuren Druck, der zumal auf die Gleichgesinnten ausgeübt wird, nicht täuschen lassen. Das Geklapper gehört zum Handwerk, es verdankt sich keineswegs einer originalen Kränkung, allenfalls dem Versuch, teils mit Lärm und teils mit Druck zu übertünchen, was tatsächlich geschieht.
Wenn aber das in sich spektakuläre Verhältnis des bürgerlichen Kritikers zugleich um keinen Preis bzw. nur in getreuer Konstellation zu einer unterstellten spektakulären Entwicklung der Verhältnisse aufs Tapet kommen darf, dann, so muß vermutet werden, gewiß nicht deshalb, weil der Kritiker sich seiner Konversion schämte – solche Situationen sind im Gegenteil allemal eher problemlos überstanden worden –, sondern weil unvermittelt die Vergangenheit, die Zeit, als ›man ihm noch geglaubt hat‹, ins Zentrum des theoretischen und politischen Interesses rückt. Die Folgen wären nämlich weitreichend. Selbstreflexion wäre angesagt, die Untersuchung der Kontinuität da, wo in einem fort Sprünge, existentialistische Situationen noch und noch, behauptet werden. Gehört es vielleicht zu den tragenden Selbstmißverständnissen der bundsrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft und Nachkriegstheorie, einem Selbstmißverständnis, dem durch die Existenzialisierung von Faschismus und Antifaschismus unerhört Vorschub geleistet worden ist, bürgerliche Kritik, die sich allein durch Faschismuskritik legitimiert hat, als marxistische Kritik zu betrachten? – und zwar ohne Rücksicht auf die für die Einschätzung der Kritik allerdings zentrale Frage, ob der Faschismus etwa im Namen des gekränkten bürgerlichen Staates oder explizit gegen ihn und den von ihm ostentierten Schein einer gewaltlosen Normalexistenz kritisiert wurde.
Die Frage soll hier nicht im einzelnen erötert (…) werden. Ganz schematisch sei angedeutet – und niemand verwechsle hier das Schema mit Realgeschichte –, daß die Crux der Marxschen Geschichtsrekonstruktion, die das Bürgertum zum Telos einer in jeder ihrer Kategorien auf es bezogenen Vorgeschichte und zum Quellpunkt einer ebenfalls in jeder ihrer Kategorien auf es bezogenen sozialistischen Utopie macht, in der bundesrepublikanischen linken Theorie zur entscheidenden Voraussetzung und theoriebildenden Rationalisierung geworden ist, und zwar in einer Weise, die man sich gar nicht trivial genug vorstellen kann. Unter den die Geschichte allerdings radikal abbreviierenden Auspizien des deutschen Faschismus avanciert der Kapitalismus unversehens zu einer Geschichte der Befreiung, die das amerikanische Kriegskalkül und die Existenz der Roten Armee gleichermaßen unterschlägt: amerikanischer Kapitalismus habe Auschwitz bereits einmal befreit und sei die einzige Instanz, die eine Wiederholung von Auschwitz nicht nur verhindern könne, sondern auch wolle, ist die logische, die letzten vierzig Jahre [von 1991 aus gesehen, Anm. Ofenschlot] freilich im Spagat überwindende Konsequenz; von ihr bis zu jener neuesten Version, die unter den Auspizien des gescheiterten Sozialismus den Kapitalismus – bedrängt von faschismusförmigen Partikularismen und Nationalismen – unversehens als befreite Geschichte präsentiert, ist es nur noch ein lächerlicher Zentimeter.

  1. Anschließend an diesen Eintrag. [zurück]
  2. »Wolfgang Pohrts Ideologiekritik«, dieser Text von Ilse Bindseil erschien, kleiner Treppenwitz der jüngeren linken Geschichte, in einem bei Ca Ira verlegten Band, nämlich in »Frauen 2. Polemik und Politik« (1991, hier: S.153/154). »Frauen« war eine radikalfeministische Buchreihe, die u.a. von Bindseil betreut in den 90er Jahren erschien und es auf sechs durchgehend lesenswerte Bände brachte. Bindseils Pohrt-Dekonstruktion kann man auch als Vorwegnahme alle weiteren Kritiken am Antideutschtum lesen, ja, man hätte diese sich sparen können, hätte man nur rechtzeitig (oder überhaupt) ihren Text gelesen. Das ist aber freilich eine idealistische Annahme. Bindseil nimmt hier Bezug auf eine Polemik Pohrts, die unter dem Titel »Musik in meinen Ohren« in der 91er März(= Golfkriegsausgabe)-Ausgabe von KONKRET erschienen war. (Ich meine mich zu erinnern, dass Pohrt Jahre später die Veröffentlichung dieses Textes bedauert hat.). Die Veröffentlichung dieses Text muss dem Magazin irre viele Abo-Kündigungen eingebracht haben. Einige Highlights daraus:
    »Dies hätte ein Artikel unter dem Horkheimer abgeschauten Titel ›Für Amerika‹ werden sollen, eine vorbehaltlose Rechtfertigung der US-Politik seit dem zweiten August [1990, Tag des Einmarsches irakischer Truppen in Kuwait, Anm. Ofenschlot]. Es wurde eine Art Brief daraus, geschrieben in der ersten Person, die ich sonst meide. Seit amerikanische Patriot-Abwehrraketen Israel schützen, während die um diese Waffe gebetene Bundesregierung, statt wortlos unverzüglich zu liefern, erklärt, man wolle die Bitte ein paar Tage lang ernsthaft prüfen, hat ein Deutscher kein moralisches Recht, die USA zu kritisieren.«
    »Seit der Geist ihrer Ahnen in die Deutschen fuhr, sind die politischen Verhältnisse hier gleichsam umgepolt, die ›FAZ‹ kann man lesen, die besten – und übrigens hervorragend geschriebenen – Kommentare findet man in ›Bild‹. Das Wort vom Linksfaschismus stellt sich als Untertreibung dar, weil man sich die Vorsilbe ‘Links’ sparen kann, und die Regel lautet: Je weiter links einer stand, ein desto engagierterer Nazi ist er nun, alle politischen Gliederungen sind erhalten geblieben, haben aber das Vorzeichen gewechselt, man braucht keine Phantasie mehr, um sich die Antiimpis oder die Autonomen als Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend oder als Verbände der Aktion Werwolf vorzustellen.
    Natürlich ist, was momentan hier passiert, eine Neuauflage der Friedensbewegung vom Anfang der 80er Jahre. Aber jene Bewegung war, verglichen mit der heutigen, bloß eine Eselei, weil damals faktisch keine wirkliche Entscheidungssituation existierte, es objektiv absolut wurst war, ob diese Raketen nun stationiert wurden oder nicht. In einer Situation, wo Worte und Verhaltensweisen nicht besonders ernst zu nehmen sind, weil sie praktisch folgenlos bleiben, hatte die deutsche Linke sich mächtig blamiert. Diesmal hingegen steht etwas auf dem Spiel, unter anderem die Existenz des Staates Israel, und eine Neuauflage der Friedensbewegung bedeutet nun, daß die hiesige Linke im weitesten und im engen Sinn wirklich für alle Zeiten moralisch erledigt ist. Deutlicher gesagt: Verglichen mit der PDS ist der CIA eine hochmoralische Anstalt.
    Kein lustiger Brief also, eben (27.1. 17.00 Uhr) meldet Bagdad, daß es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird. (…)« [zurück]

Von der Höhe der Hürde

Immer wenn Wolfgang Pohrt ein neues Buch (Büchlein) zusammengestellt hat – und das wird ja von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher, umso größer die Freude –, sind eigentlich alle unzufrieden oder gelangweilt, schwer genervt, jedenfalls nicht glücklich. Noch jedes Mal er nun definitiv seine Bankrotterklärung abgegeben, ist ermüdet und lustlos, blamiert sich selbst, interessiert einfach gar keinen mehr, ist völlig unerheblich, bestätigt die schlimmsten Erwartungen, enttäuscht maßlos – kurzum: Pohrt ist niemals straight und im Sinne Bob Dylans niemals da, wo man ihn vermutet.
Obwohl er regelmäßig für »erledigt« erklärt wurde, ich beobachte dieses Spielchen jetzt auch schon seit über zwanzig Jahren, reden aber alle über den jeweils neuesten Pohrt. Kurios! Und ausnahmsweise mal tatsächlich: deutsch. Denn offensichtlich scheint man hier von Theoretikern ein weisungsbefugtes Vor-Denken zu erwarten, müssen die Texte, die jemand abliefert, noch im kleinsten Einschub »richtig« sein, wird von Autoren absolute Konsistenz erwartet. Wären Terry Eagleton, Mike Davis oder Perry Anderson deutschsprachig, sie hätten keinerlei Chance (Zizek ist die Ausnahme, wird aber, Hand aufs Herz, insgeheim als Balkan-Clow belächelt). Das Gejaule über »Abweichler« heult nicht nur durch die Szenen, es ertönt bis hinauf in AK Konkret Jungle World, unvorstellbar aber, dass man bei der vornehmen New Left Review jemals die Contenance wegen einer abweichenden Position verlieren würde. Die hiesige Linke zählt Erbsen, legt sie auf die Goldwaage und wundert sich dann, dass es immer noch Erbsen sind. Völlig zurecht nennt Pohrt diejenigen, die ihn an seinen früheren Texten messen, einzig um der »Entlarvung« willen, »die Gehässigen mit dem Elefantengedächtnis«. So ist die Stimmung hier, Kameraden!
Gebe ich ja zu – früher war ich auch der Ansicht, man könne dieses zersplittert-essayistische Werk auf ein Prinzip zurückführen: die Gebrauchswertzerstörung durch das einst gebrauchswertsetzende Kapital selbst – politisch: die Zersetzung bürgerlicher Vermittlungsformen wie Markt, Demokratie, Persönlichkeit, durch diese selbst, entwickelt in seiner Diss »Theorie des Gebrauchswerts« (1976 erstmals in Buchform erschienen, zwanzig Jahre später noch einmal in durchgesehener und erweiterter Fassung). Grob mag das stimmen, aber Pohrt ist (war) vor allem ein Dauerfeuerer, unmöglich, dass jede seiner Interventionen begrifflich durch den Rückbezug auf ein »Urwerk« abgesichert gewesen ist. Richtige Sätze stehen neben falschen, die richtigen sind goldwert, die falschen bisweilen ekelhaft. Schicksal des brillanten Stilisten.
Trotzdem denke ich, dass in seinem letzten (?!) Buch die beiden Passagen aus den 70er-Papers entscheidend sind, die sind prominent platziert und sehr ausführlich zitiert. Ganz offensichtlich handelt es sich um Dokumente aus den (frühen) 70er Jahren, entstanden auf jenem Zenit, wo der Marxismus eine extreme Hochzüchtung erfährt und gleichzeitig ihm immer weniger ihm real entspricht1. Man muss sich nur mal die unendliche Verästelung der Staats- und Weltmarkt- (und und und)-Debatten z.B. in den 70er-Prokla-Jahrgängen anschauen. Aus heutiger Sicht schlicht unverständlich. Wahrscheinlich war es das schon damals. Hinzukommt: Diese Papers aus den 70ern sind von Pohrt vermutlich nie veröffentlicht worden (mit irgendwem wird er sie aber wohl diskutiert haben?!). Jetzt sind sie da, eine Art Flaschenpost. Ein arg strapaziertes Bild (wg. Adorno und so – nur bei denen war das kokett), aber hier trifft es. Ich denke, dass die Botschaft dieser Dokumente – und ihrer Montage in diesen launigen Essay, der sich ansonsten liest wie eine Aneinanderreihung von Blog-Einträgen (und Pohrt gibt ja auch irgendwo versteckt zu, dass auch er Internet-Junkie ist) – schlicht lautet: Wenn man sich dem Kapital entgegenstellt, dann muss man sich der Radikalität, gerade auch der existenziellen, dieser Aufgabe bewusst sein2. Pohrt formuliert hier die Bedingungen von Gegnerschaft, indem er auch noch die Affirmativität weiter Teile des Marxismus und vor allem seiner pädagogisch-didaktischen »Anwendung« hinzunimmt. Das muss man erst mal schlucken. Denn so radikal ist hier keiner von uns, und wer will es schon sein?

Der Kapitalismus, heißt es in dem früheren, wohl unmittelbar nach »1968«erschienenen Text (»Kapitalismus Forever«, S.15ff.), habe »eine Entwicklungsstufe erreicht (…), auf welcher er generell – fast unabhängig von der Klassenzugehörigkeit – unerträglich geworden ist.« »Die Klassengesellschaft zerschlagen könnte heute heißen: die Deklassierung organsiieren. Die Angestellten zu politisieren kann doch nur heißen, ihnen bewusst zu machen, dass sie keine Angestellten mehr sein wollen. Die Opel-Arbeiter politisieren kann doch nur heißen, ihnen klar zu machen, dass sie keine Opels bauen und keine Arbeiter mehr sein wollen. (…) Revolution kann in den kapitalistischen Metropolen nicht heißen: Aufbau des Sozialismus, sondern: Zertrümmerung der Warenwelt3.« Und schließlich: »(Walter) Benjamins Forderung, die Revolution müsse ihre Energie nicht aus der spießigen Hoffnung auf das Wohlergehen der Enkelkinder beziehen, sondern aus dem Hass, die Generationen von Unterdrückten und Umgekommenen zu rächen, trifft den Kern. Die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben kann sich gegenwärtig nicht als Hoffnung auf eine bessere Zukunft konkretisieren, sondern nur als die unumstößliche Gewissheit, dass ein Leben unter diesen Verhältnissen nicht lebenswert ist.«
Wenige Jahre später – 1976 – konstatierte Pohrt bereits den Verrat der Marxisten an dieser Einsicht der 68er-Revolte (S.34f.): »Auffällig ist ein eisernen Vorhang aus Optimismus, der wie eine Festung verteidigt wird und jede Verständigung unmöglich macht. Ohne es recht zu merken, haben die berufstätigen Linken von den Institutionen, die sie zu unterminieren glauben, deren eigentümliches Verhältnis zum Rest der Welt übernommen. (…) Die Missratenheit der Welt taucht nur noch in der Form auf, wie die Institutionen sie definieren: als Objekt der Macher und Organisatoren.« »Die Verhärtung gegen sich selbst korrespondiert dem sozialfürsorgerischen Verhältnis zu anderen Menschen.«

  1. Amadeo Bordiga hatte 1945 eine Weltwirtschaftskrise für das Jahr 1975 prognostiziert. Das Milieu klammerte sich eisern an diese Vorhersage. Dann kam die Krise, und wie sie kam! Alles schien korrekt. Aber wer fehlte in dem big picture? Das Proletariat. Das hat dem traditionellen linkskommunistischen Milieu wohl das Genick gebrochen, darüber sind sie nie eigentlich hinweggekommen. [zurück]
  2. Siehe auch hier:

    die sozialwissenschaftler hatten schon längst jeglichen kontakt mit der exakten wissenschaftlichkeit abgebrochen. Sie sahen nur kleine einheiten, aber nicht ihren bezug aufeinander, sprachen von totalität, von verhältnissen, von ökonomischen gesellschaftsformationen, lebenszusammenhängen, hatten sich das erlesen, anderes bei gegnerischen tuis ausgeliehen, erfanden neologismen, spannen herum, bezogen ein buch auf ein anderes, das ihrige, gerade in der mache befindliche und hüteten sich mit psychotischer beharrlichkeit, mit der gesellschaftlichen realität in kontakt zu treten. Sie sprachen so viel von gesellschaftlichen verhältnissen, nur verhielten sie sich nie gesellschaftlich, sie verhielten sich asozial, sich individualisierend in die schäbigen isolationsformen dieser ungesellschaft. Es wäre alles halb so schlimm gewesen, hätten sie nicht sich für sozialisten gehalten. Wären sie doch die konsequenten immanenten demokraten geworden, die sie schon immer waren! Warum war ihr kopf nur ihnen vorangelaufen und ließ sich nicht von ihrem übrigen verhalten einholen? Oder war nicht gerade dieses voranlaufen des kopfes und dieses nichteinholenkönnen ihres übrigen tätigen werkeltätigen verhaltens konstitutiv für sie, diese traurigen ritter, deren verschämter idealismus der buchstabengeilheit umso mehr hervortrat, je bramabarsierender fordernder sie jede neue parzellierung im gefild der sozialwissenschaften absegneten, indem sie das attribut materialistisch drumherumwanden. Je weniger realität sich in ihren schriften spiegelte, desto inflationärer der gebrauch des wörtleins materialistisch. Je stärker und penetranter die notwendigkeit der ableitungen betont wurde, desto sicherer das gefühl, es handele sich um umleitungen gesellschaftlicher tätigkeiten in die begriffswüsten der langweiligkeit. Ihr theorieterroristisches insistieren auf der ableitungsakrobatik war das komplement ihrer politischen ignoranz.

    Aus: Christian Riechers, »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus«, Unrast Verlag, Münster 2009, S. 219, der Text ist von 1975. [zurück]

  3. Eine Stimme aus der alten Arbeiterbewegung:

    Pläne hin, Pläne her: Die kapitalistischen Staaten machen Pläne, die proletarische Diktatur wird Pläne machen. Aber der erste wahre sozialistische Plan (der als unmittelbarer despotischer Eingriff verstanden werden muss, siehe „Manifest“) wird endlich ein Plan sein zur Erhöhung der Produktionskosten, Kürzung des Arbeitstages, Desinvestition von Kapital, quantitative und vor allem qualitative Nivellierung der Konsumtion (die unter der kapitalistischen Anarchie zu neun Zehntel absurde Vergeudung von Produkt ist), weil nur so der „betrieblichen Rentabilität“ und den „rentablen Preisen“ beizukommen sein wird. Also ein Unterproduktionsplan zur drastischen Verringerung des Anteils der Kapitalgüter an der Produktion. Dem Reproduktionsgesetz wird sofort die Luft ausgehen, wenn es die Marxsche „Abteilung II“ (Produktion von Lebensmitteln) endlich schafft, die „Abteilung I“ (Produktion von Produktionsmitteln) knock-out zu schlagen. Jedenfalls hat uns das kapitalistische „Konzert“ schon zu lange das Trommelfell malträtiert.

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Die Revolution ist monochrom

… oder sie wird gar nicht sein.
Zu den Lieblingsfloskeln linksradikalen Aktivist_innentums (so richtig geschrieben?!) gehört der vielfältige, kreative, lebendige aber vor allem: bunte Widerstand — wie das Viertel, das kurz vor der Gentrifizierung stehend natürlich bunt bleiben muss, wie das Leben, das im Gegensatz zum grauen Alltag bunt zu sein hat, wie die Haare oder die Klamotten halt. Revolution wäre demnach vor allem ein Ding der Selbstverwirklichung, im Jargon gesrpochen: ein »Projekt«, und dieses wird dann so lange betrieben, bis den Aktivisten ein Lichtlein aufgeht, dass man sich auch ganz prima in dieser Gesellschaft selbstverwirklichen kann. Die Wahrheit ist natürlich, dass Selbstverwirklichung und bürgerliche Gesellschaft untrennbar zusammengehören, meistens steht die Selbstverwirklichung allerdings der Einsicht in diese Wahrheit entgegen.
Vom Anarchismus könnte man lernen, dass die Revolution anti-kreativ, anti-originell, also monochrom oder konsequent gesagt: sogar »anti-farblich« ist – nämlich schwarz. Man könnte, wird es aber nicht, weil die Anarchisten heute auch in erster Linie bunt sein wollen.
Dabei ist die Wahrheit so einfach: Die schwarze Flagge ist die paradox personifizierte Kritik der Kreativität, die Autorschaft und Originalität bis zur Unsichtbarkeit, bis zum Verschwinden in sich aufsaugt.
Sagt Howard Ehrlich:

Warum ist unsere Farbe schwarz? Schwarz ist ein Schatten der Negation. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nation … Schwarz ist eine Stimmung von Zorn und Wut gegen alle Verbrechen gegen die Menschheit, die im Namen der Verbindungen zwischen den Staaten verübt werden. … Schwarz ist auch eine Farbe der Trauer; die schwarze Fahne, die die Nation ausstreicht, betrauert die Millionen, die in inneren und äußeren Kriegen ermordet wurden, sie trauert für diejenigen, denen die Arbeit geraubt und besteuert wurde, um das Gemetzel und die Unterdrückung anderer Menschen zu bezahlen … Aber Schwarz ist auch schön. Es ist die Farbe der Bestimmtheit, der Lösung, der Stärke, eine Farbe, durch die alle anderen aufgeklärt und definiert werden.

Es ist das Schwarz der Fahne, das die Kollektivität der Aufständigen zum Ausdruck (konsequenter: Anti-Ausdruck) bringt. Carl Einstein über seine Erfahrungen in der Kolonne Durruti während der spanischen Revolution:

Durutti, dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich, von seiner Person. Er hatte das vorgeschichtliche Wort »ich« aus der Grammatik verbannt. In der Kolonne Durutti kennt man nur die kollektive Syntax. Die Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven Sinn zu erneuern.
Durutti hatte die Kraft der anonymen Arbeit innigst erkannt. Namenlosigkeit und Kommunismus sind eines. … Durutti war kein General, er war unser Kamerad. Dies ist nicht dekorativ, doch in dieser proletarischen Kolonne beutet man die Revolution nicht aus, man betreibt keine Publizität. Man sinnt nur auf eines: den Sieg und die Revolution. (…)
Die Kameraden wissen, dass sie diesmal für die arbeitende Klasse kämpfen, nicht für eine kapitalistische Minderheit, den Gegner. Diese Einsicht auferlegt allen strenge Selbstdisziplin. Der Milizmann gehorcht nicht, sondern verfolgt zusammen mit seinen Genossen die Verwirklichung seines Ideals, einer sozialen Notwendigkeit.
Durrutis Größe bestand gerade darin, dass er selten befahl, sondern stets erzog. Die Kameraden kamen, wenn er von der Front zurückkehrte, zu ihm ins Zelt. Er erklärte ihnen den Sinn seiner Maßnahmen und diskutierte mit ihnen. Durruti befahl nicht, er überzeugte. Nur die Überzeugung verbürgt ein klares, entschlossenes Handeln. Bei uns kennt ein jeder den Grund seines Tuns und ist mit diesem Eins. (…)

Es geht nicht um Glorifizierung und die Begeisterung für das Unmittelbare: Einsteins Statement ist in einer Ausnahmesituation verfasst worden und auch nur so zu verstehen. Wer das nicht berücksichtigt, verfehlt die historische Wahrheit dieser Agitation. Nur: Sollte die hiesige Linke sich jemals in einer Ausnahmesituation befinden, ist es ganz ratsam, sich vorher die historischen Lektionen anzueignen. Klingt banal. Aber die banalen Sachen hakt man ja fatalerweise meistens als »bereits erledigt« ab.

Nach dem 1. Mai

Sozialismus ist, wie wir immer wieder einhämmern, die Eroberung des Gesamtprodukts seitens der nicht in Betrieben, sondern in der Weltgesellschaft assoziierten Arbeiter, also nicht nur die Eroberung des Mehrwerts – jenes Werts also, den, wie es banalerweise heißt, der Fabrikherr einheimst, tatsächlich aber ein vom Kapitalismus positiv hereingebrachter gesellschaftlicher Abzug ist. Eroberung, sagen wir es noch einmal, des Gesamtwerts, wonach der Wert zerstört sein wird, so wie nach der Eroberung der ganzen Macht die Macht zerstört sein wird.
Nur wenn das Gemeinwesen das Gesamtprodukt erobert, wird es möglich sein, die gesteigerte Produktivkraft zu nutzen und die Arbeitszeit auf ein Minimum herabzudrücken, wobei diese Arbeitszeit kaum höher sein wird als die der Gesellschaft geschenkte – das, was wir heute Mehrarbeit nennen und die auch ohne den Fabrikherrn bestehen bleibt, heute jedoch den Umweg: vom Arbeiter zum Betrieb, und vom Betrieb zur Gesellschaft, nehmen muss. Ohne dieses Ergebnis wäre es pure Aufschneiderei, von proletarischem Bewusstsein zu sprechen.

Nachträge

1. Bordiga reagiert hier polemisch präzise auf die Vorstellung, »Sozialismus sei die Eroberung des Betriebsgewinns für die Arbeiter«, also wäre primär die Selbstverwaltung der Fabriken durch die Arbeiterinnen und Arbeiter (und die Angestellten, sollten wir nicht vergessen), eine Irrlehre, deren historische Kontinuität er seit Proudhon verfolgt – Lassalle, Dühring (jener Eugen Dühring, den wir heute bloß noch als Engels’ punching ball kennen, vor 140, 130 Jahren aber einer der einflussreichsten Theoretiker der Arbeiterbewegung war – wohl weit einflussreicher als Marx und Engels), Sorel und schließlich Gramsci verortet er in dieser Linie.
Das mag unfair gegenüber Gramsci sein, immerhin eine zeitlang enger Genosse Bordigas!, aber ungeachtet seiner tadellosen kommunistischen Haltung propagierte er stets verworrene Räte-Ideen: Christian Riechers zitiert Gramsci

Der revolutionäre Prozeß dagegen verwirklicht sich auf dem Produktionssektor, in der Fabrik, wo das Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrückten herrscht, zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten, wo es keine Freiheit für den Arbeiter, keine Demokratie gibt.

und kommentiert

Nach Gramscis Vorstellungen soll ein Netz von Räteinstitutionen (Bauernräte eingeschlossen) Italien überziehen. Nicht die revolutionären Sowjets der Oktoberrevolution mit ihrer durchweg politischen Funktion, sondern im Prinzip unpolitische, auf rein ökonomische Aufgaben beschränkte Produzentenräte (…) geben das Grundmodell ab. Diese Räte sind qua Institution derart an den Betrieb gebunden, daß sie erst gar nicht den Rahmen überschreiten, in den wenig später das deutsche Betriebsrätegesetz die zuvor noch mächtige politische Rätebewegung zu zwängen versucht.
Während der Periode der Fabrikbesetzungen in Norditalien im September 1920 bleiben freilich die inzwischen gebildeten Fabrikräte in den Turiner Fabriken und organisieren mit Hilfe nur weniger bei ihnen verbliebener Techniker selbständig die Produktion. Gramscis Traum von der ökonomischen Autonomie der »Produzenten« verwirklicht sich für eine Weile. Die Gewerkschaft, welche »die Arbeiter nicht als Produzenten, sondern als Lohnarbeiter« (Gramsci) organisiert, scheint für einen Augenblick von der Szene zurückzutreten. Gramscis polemischer Einwand gegenüber [Angelo] Tasca, daß der Rat »in seinen höheren Formen dahin tendiert, dem vom Kapitalismus zu Profitzwecken geschaffenen Produktions- und Tauschapparat proletarische Züge zu verleihen« bewahrheitet sich jetzt. Die Arbeiter beweisen, daß sie auch ohne Aufsicht gut produzieren können. Darin liegt der »proletarische Zug«, der dem kapitalistischen Produktionsapparat verliehen wird. Das erzeugte Mehrprodukt eignen sie sich jedoch nicht an, sondern liefern es bei Ende der Fabrikbesetzungen dem Unternehmer aus.
(Christian Riechers, »Antonio Gramsci. Marxismus in Italien«, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanst. 1970, S.63; das Zitat Gramscis stammt aus, Ders., »Philosophie der Praxis«, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 1967, S.65 [»Der Fabrikrat«, in Ordine Nuovo, 5.6.1920])

2.

Wenn Russland eine Orgie der Spezialisierung, der despotischen Arbeitsteilung sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb des Betriebs, ja der Zwangsarbeit veranstaltet, die die kombinierten Arbeiter in die jeweiligen Arbeitslager deportiert, so geschieht dies nicht, weil Stalin ein Schuft ist, sondern weil man nur so die kapitalistische Produktion etablieren kann – zu einer Zeit, in der die Jahrhunderte dauernde Entwicklung von der ersten halb-handwerklichen Manufaktur bis hin zu den automatisierten Monsterbetrieben schon durchlaufen war. Und weil nur so der Kampf gegen die Anarchie der Unternehmen zu führen ist; ein Kampf, der in den staatlichen Bilanzen der UdSSR leicht abzulesen ist.
Der Staatskapitalismus versucht gegen die Anarchie der Produktion vorzugehen, aber da Waren produziert werden und es stets um die Produktionskosten geht, bleibt nur, den Betriebsdespotismus über die Lohnarbeit zu verschärfen.
Dies ist jedenfalls keine sozialistische Verwaltung. Der Sozialismus wird den Arbeiter, folglich den Menschen befreien, und zwar gleichzeitig von der gesellschaftlichen Anarchie und der Ausbeutung im Betrieb, von der Arbeitsteilung und der beruflichen Spezialisierung. Dieser lange Kampf wird in dem Moment beginnen und von den Sektoren ausgehen, in dem wir mit der Geld-/Warenproduktion fertig geworden sind bzw. sie überwunden worden ist.
Vom bellum omnium contra omnes wird man zum Kommunismus kommen, sobald jeder Anreiz zum Wettbewerb aus der Organisation des Lebens verbannt ist.
Denn der Wettbewerb ist der Grund dafür, dass der Unglückselige, der Blut und Wasser schwitzt, um allen zu zeigen, wie groß die Kohlenmenge ist, die an einem Arbeitstag mit der Hacke aus einem Flöz gehauen werden kann, ein nationaler »Held der Arbeit« werden kann – und den jeder Marxist am liebsten mit Fußtritten traktieren würde.
Aber auch darin liegt eine Logik. Die kapitalistische Gesellschaft braucht die Helden der Arbeit. Der Kommunismus wird sie abschaffen.