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The year of dreaming dangerously

Die volle Anerkennung des Eingetretenen gilt sowohl für den individuellen Befreiungsweg, als auch die revolutionäre Praxis. Nur so macht man sich keine Illusionen. Marx und Bordiga legten großen Nachdruck auf die Lektionen der Niederlage, der Konterrevolution und zogen folgenden Schluss daraus: Die Revolution ist erst möglich, sobald die Konterrevolution bis ans Ende gegangen ist. Das erfordert eine historische Nachforschung großen Umfangs. Bordiga sagte, dass man in der Konterrevolution sieht, wer wirklich revolutionär ist. In der Revolution wird jedermann von der Revolution angesteckt. Die Niederlage der Revolution bedeutet, dass der Prozess der Wiedergewinnung der Kontinuität mit der früheren Entwicklung der Gattung, die Rückkehr zur Gemeinschaft, gehemmt worden ist. Revolutionär sein in der Konterrevolution heißt, die Möglichkeit dieser Entwicklung aufrechterhalten.

Jacques Camatte1
Die Referenz:

Der Marxismus ist nicht die Lehre von den Revolutionen, sondern die Lehre von den Konterrevolutionen: alle wissen sich zu bewegen, wenn sich der Sieg abzeichnet, jedoch nur wenige wissen dies zu tun, wenn die Niederlage kommt, sich kompliziert und andauert.

Amadeo Bordiga, »Lezioni delle controtivoluzioni«, 1951.

Es ist derzeit viel von der »Idee des Kommunismus« die Rede (oder auch von einer kommunistischen Hypothese), und egal, wie umsichtig, geistreich und gewaltig in ihrer Anstrengung die Entfaltung dieser Idee sein mag – es bleibt das Unbehagen, damit auf etwas Positives hinauszuwollen, auf eine Ableitung des Kommunismus, der dem – als ontologische Gewissheit oder als quasi-mathematisches Axiom – Denken Halt und Orientierung gibt.
Die Idee des Kommunismus ist eben immer auch der Kommunismus als Idee. Ein Denkregulativ, das der Wahrheit schon die Richtung vorgeben wird, einstweilen aber praxislos bleibt (Habe ich das hier schon mal notiert? Zweimal hatte ich die Gelegenheit, Zizek, damals bereits in seiner offen ›leninistischen‹ Phase, live zu erleben, beide Male stritt er parktisch-politische Konsequenzen aus seinem Philoleninismus ab.). Die Geste von Zizek und Badiou, die Philosophie zu rehabilitieren, besonders penetrant vorgeführt bei Badiou, will immer auf einen Neuanfang heraus, der aber auch garantiert ist, es liegt ja bei diesen Neo-Kommunisten eine Art wahrheitspolitische Rückversicherung vor, und genau das schneidet die Durcharbeitung der Geschichte – und diese ist, dem krampfigen Hurra-Optimismus der Postoperaisten zum Trotz, die Geschichte der Konterrevolution – ab.
Es bleibt exakt die Philosophie übrig, aus der Marx schleunigst raus wollte.

  1. Vielleicht noch ein Wort zum Bordigismus: Für uns hatten bordigistische Texte (Loren Goldner, Gilles Dauvé, …) einen wichtigen Gebrauchswert: sie lieferten eine Kritik der Demokratie „von links“. Der Bordigismus ist aber auch ein süßes Gift und man rutscht leicht in eine Szene rein, wo sich linksextreme Minigrüppchen und Einzelpersonen – weitab von realen sozialen Prozessen – gegenseitig verbal die Birne einhauen. Das ist nicht so unsere Welt…

    … pfiff es im Walde, reichlich zittrig. Indeed, Mr. Camatte: »This world we must leave!« [zurück]

»Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet…«

Seit ich aus meinem Handwerkerleben tägliche Schreibstunden habe aussparen können, mein einziger Mehrwert, hat mich ein Vorhaben besessen und gequält: das Andenken des seltsamen Menschen zu retten, der Feuer an das – von äußersten »Linken« wie »Rechten« als »Schwatzbude« verachtete – Gebäude des Reichstages gelegt und damit ungewollt den heimlich angebahnten Freundschaftsvertrag zwischen den beiden blutigsten Alleinherrschern jener Zeit gestört und hinausgeschoben hatte – er war erst sechs Jahre später besiegelt worden.

Von dem Attentat aufgeschreckt, hatten beide Vertragsparteien in dem bettelarmen, landfremden Brandstifter nur ein Werkzeug des anderen sehen wollen und sich gegenseitig eines tückischen Anschlags bezichtigt. Aber keiner der dem Reichsgericht wie auch im »Gegenprozeß« in London vorgebrachten Verdachtsgründe hatte die eine oder andere Beschuldigung zu erhärten vermocht. Der Angeklagte hatte, so wie er selber hartnäckig versichert, seine Tat alleine begangen. Richter und Kläger beider Lager hatten sich zu der verschwiegenen Erkenntnis bequemen müssen, daß der Einfall eines »hergelaufenen« halbblinden Maurers die geheimen Absichten zweier gewaltiger Machtgebilde durchkreuzt hatte.

Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet, Auftakt zur Verfolgung aller Eigenwilligen bis tief in die Reihen beider Parteien hinein: das Leitbild des gehorsamen »politischen Soldaten« hatte das des »Aufständischen«, des »Rebellen« verdrängt.

Nachdem sie den von aller Welt verdammten Brandstifter enthauptet, hatte der Kanzler des Deutschen Reiches an einem selben Tage alle Unbotmäßigen seiner Partei ohne Gericht noch Spruch erschießen lassen. Kaum später hatte der andere im Osten sich angeschickt, als »Schädlinge«, »Saboteure«, »Verräter« und »schlüpfriges Otterngezücht« schlechthin alle Ungleichen, nicht ohne sie zuvor zu erniedrigen und seelisch zu zerstören, in den Tod zu schicken.

Aus: Georg K. Glaser, »Jenseits der Grenzen. Betrachtungen eines Querkopfs«, Claassen Verlag, Düsseldorf 1985, S. 203f.
Szenen aus dem nie vollständig und eigenständig publizierten Drama sind in der Glaser-Anthologie »Aus der Chronik der Rosengasse und andere kleine Arbeiten« erschienen (Dietz Verlag, Bonn 1985). Einiges an Material zu Glaser hat dieser Genosse zusammengetragen.

Glaser: »Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also den Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtig hält, um statt dessen nur noch den politischen Soldaten gelten zu lassen. In diesem Sinn hat jede Partei die Soldaten für die andere Seite vorbereitet.«
(Das Zitat kursiert im Netz ohne Quellenangabe, vermutlich stammt es aus einem im Interviewband »Lebensgeschichten«, Lamuv-Verlag, Bornheim 1981, erschienenen Gespräch mit Glaser.)

Paul Mattick: »Man wird, lässt sich die Lüge vom Naziagenten nicht mehr aufrecht erhalten, euch sagen, dass v.d.L. verantwortlich gemacht werden muss für den Hitlerterror , der nach den Brand einsetzte. Aber damit werden sie den alten Lügen nur eine neue anfügen. Die Nazis übten den Terror schon vor den Brand aus. Sie sprachen schon vorher öffentlich aus, dass sie alle Arbeiter, die sich ihnen entgegenstemmen werden, niederschlagen werden. Die Zahl der Arbeitermorde stieg schon vor dem Brand in schnellem Tempo. Der faschistische Terror war nicht eine Folge der Tat v.d.L., sondern seine Tat sollte der Beendigung des Terrors gegen die Arbeiterschaft dienen. Die Niederlage des deutschen Proletariats auf die Tat v.d.L. zurückzuführen zu wollen, ist nur ein Versuch, den eigenen Bankerott zu verbergen.«
Mattick hat noch sein letztes, bewusst als Vermächtnis konzipiertes Buch »Marxism, last refuge of the bourgeoisie?« (1981) van der Lubbe gewidmet.

Zu Marinus van der Lubbe:
Horst Karasek, »Der Brandstifter. Lehr- und Wanderjahre des Maurergesellen Marinus van der Lubbe, der 1933 auszog, den Reichstag anzuzünden«, Wagenbach Verlag, Berlin/West 1980.
Josh van Soer (Hg.), »Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand. Rotbuch«, Edition Nautilus, Hamburg 1983
Martin Schouten , »Marinus van der Lubbe. Eine Biographie«, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1999

In den letzten Jahren sind einige Neuerscheinungen zur never ending story Reichstagbrand erschienen:
Sven Felix Kellerhoff, »Der Reichtagsbrand. Die Karriere eines Krininalfalls«, Be.Bra.Verlag, Berlin/Brandenburg 2008, Rezension
Marcus Giebeler, »Die Kontroverse um den Reichstagsbrand: Quellenprobleme und historiographische Paradigmen«, Meidenbauer Verlag, München 2010
Alexander Bahar und Wilfried Kugel, »Der Reichstagsbrand. Das Ende einer Legende«, Papy Rossa Verlag, Köln 2012 (soll im November erscheinen) Offensichtlich knüpft das Buch an eine gleichnamige 2001 erschienene Publikation der beider Autoren an.
Siehe auch diese Kontroverse.

Beiträge zur kritisch selbstkritischen Ideologiekritik, Neue Folge #93

Vor ein paar Jahren hat irgendwo jemand über die Bigotterie, den Denkern der Totalität Totalitarismus zu unterstellen und eben nicht der Totalität selbst, gestöhnt. Es gibt ja diese spezifisch kapitalismusaffine Ideologiekritik, die wahlweise der Dialektik oder dem Marxismus, Hegel höchstpersönlich oder generell jedem Revolutionär einen Zug ins Totalitäre nachweisen will, eine Feindschaft gegen die offene Gesellschaft. Überraschenderweise kommt diese Ideologiekritik aber nie dazu, sich zu fragen, ob denn die offene Gesellschaft wirklich so offen ist.
Wer jetzt an die Ideologiekritiker Karl Popper oder Ernst Topitsch denkt, liegt natürlich nicht ganz falsch. Und es ist übrigens tatsächlich ein genereller Zug der Ideologiekritik, also auch der kritisch-theoretisch, dass sie ihrer Hybris (dem eigenen Durchblickertum) letztlich mit Haut und Haaren verfällt, denn nur ein buchstabengläubiger Intellektueller kann auf die Idee kommen, Marx hätte das verbindliche Drehbuch für Despotie und Bürokratismus im 20. Jahrhundert geschrieben oder Judith Butler wäre für den Untergang der Transzendentalphilosophie verantwortlich.
Bekanntlich gibt es im Feuilleton einen absolut folgenlosen Diskurs des radical chic – Zizeks Lenin-Paradigma ist ein bloßer Denkoperator, der Aufmerksamkeit, Publikumsinteresse und Medienpräsenz generiert1. Als Reaktion darauf (man spürt ja diese Folgenlosigkeit als prekär beschäftigter Kopflanger besonders schmerzhaft) gibt es im Kultur- und Medienbetrieb auch Vertreter einer neuen Ernsthaftigkeit – das sind diese Leute, die davon träumen, mal im Wahlkampf-Team von Sigmar »Habermas-Schüler« Gabriel und Jürgen Trittin mitzutun –, die sich über diesen radical chic Ihresgleichen echauffieren, und dann, wie eine Julian Rebentisch, fordern, etwa »die diffuse Rede von der Herrschaft des Spektakels (…) auf unbestimmte Zeit zu suspendieren«. Selbstverständlich ist damit niemals nie nicht gemeint, die klare Rede von der Herrschaft des Spektakels, wie sie bei Guy Debord vorliegt, gegen das in der Tat diffuse Gemurmel und Geraune abzugrenzen2. Aram Lintzel, »wissenschaftlicher Mitarbeiter in der grünen Bundestagsfraktion und freier Publizist in Berlin«, beklagt sich viel lieber im Entlarvungsgestus über den »Entlarvungsgestus der Ideologiekritik« und ist ganz schnell dabei, »fragwürdige Stellen« bei Debord selbst ausfindig zu machen. Z.B. das Debord vom »Verlust der Einheit der Welt« rede und davon, dass »alles, was unmittelbar erlebt wurde, in eine Vorstellung entwichen (ist).« Man könnte, selbst im beschränkten Umfeld einer taz-Kolumne, eine Sekunde darüber grübeln, was »Einheit der Welt« mal bedeutet haben mag, was aber beim Posen mit der entlarvenden Geste allerdings stören würde. Linzel muss nämlich nur noch – Ehrensache: völlig argumentfrei – mit »Jargon der Eigentlichkeit«, »Authentizitätsfan« und »konfliktfreie Idylle« wedeln und schon wissen allen Bescheid: ein Totalitärer, diese Debord! Ein kleinbürgerlicher Aufklärer! Ein Verächter der Massen: »Schon Debords Pamphlet degradierte den Menschen zum ‘Zuschauer‘.« Gesetze – als Ausdruck des Gewaltmonopols des Staates – degradieren Menschen, aber die einzelne Stimme eines marginalen Kritikers? In dieser grotesken Überschätzung von Debord spiegelt sich vor allem die groteske Überschätzung der eigenen analytischen Fähigkeiten.

  1. Aber es stehen doch auch viele richtige Sätze bei Zizek? Wohl wahr, aber sie fungieren in diesem Aufmerksamkeitszirkus als Schrauben, die sich zwar drehen, aber nichts antreiben. Anders gesagt: Das was bei Zizek richtig ist, steht – oftmals präziser und durchdachter – bei anderen, z.B. bei Lenin. [zurück]
  2. Fingerzeig: Eben weil sie so klar ist, lässt sie sich auch gut als Lukacs-Castoriadis-Marxismus dechiffrieren und also – an diesem Maßstab gemessen gemessen! – kritisieren, siehe hier. [zurück]

Unabgegoltenes

Und die Hauptaufgabe für die revolutionären Arbeiter in Deutschland besteht heute ganz und gar nicht mehr darin, an jenen unvermeidlich im inneren Kreis der Beteiligten noch für eine geraume Zeit mit großer Heftigkeit andauernden »häuslichen Streitigkeiten« der verschiedenen rechten, mittleren und linken Strömungen in den Kommunistischen Parteien und um die Kommunistischen Parteien teilzunehmen. Unsere Aufgabe besteht darin, jenen toten »Kommunismus«, der als ein betrübliches und bisweilen närrisches Gespenst in der heutigen proletarischen Arbeiterbewegung umgeht, zu seinen Toten heimzuschicken, und uns mit verdoppelter Energie hineinzustellen in die heute schon mit fühlbarer neuer Kraft beginnenden gegenwärtigen und wirklichen Kämpfe der Arbeiterklasse. Hier ist Rhodos, hier springe! Das ist Marxismus und Leninismus, das allein ist unter den jetzt gegebenen Bedingungen wirkliche kommunistische Politik.

Karl Korsch, »Die zweite Partei«, Kommunistische Politik, 2.Jg, Nr. 19/20, 28.12.1927, S.1-4; wieder in (und hier zitiert nach):Ders., »Politische Texte«, Herausgegeben und eingeleitet von Erich Gerlach und Jürgen Seifert. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1974 (hier: S. 219).12

  1. In ihrer kurzen Einleitung zu diesem Text erwähnen die Herausgeber noch eine Bemerkung Korschs zur Organisationsform:

    In einer »An unsere Leser!« wird rückblickend über die Aufgabe der Kommunistischen Politik gesagt, daß es darauf angekommen sei, für »eine Anzahl klassenbewußter zum kritischen Selbstdenken entschlossener Proletarier die Möglichkeit zu schaffen, sich von einer Ideologie und Organisation zu befreien, die sich heute noch kommunistisch nennt, in Wirklichkeit aber längst aus einer Entwicklungsform in eine Fessel des revolutionären proletarischen Klassenkampfes umgewandelt worden ist.« Korsch kommt in der Folgezeit nicht mehr auf diese einzige Anmerkung zur Parteistruktur zurück.

    -- Warum auch? Die Texte, Notizen, Untersuchungen und Briefe des späten Korschs beinhalten die durchgeführte Partei- und Organisationskritik, insofern Korsch die (Selbst-)Zerstörung der alten Arbeiterbewegung unbestechlich festhält, wozu müsste er also Kritik der »Parteistruktur« explizit machen?[zurück]

  2. Oder auch:

    Was als Arbeiterbewegung® existierte und heute beschrieben wird, läßt sich unter die Parteigeschichtsschreibung subsumieren, so wie das auch von der bürgerlichen und DDR-Geschichtsschreibung gemacht wird. Die – über die verschiedenen aktuellen und historisch abgeleiteten, politischen Fraktionsinteressen – legitimierten Versuche, die selbständigen revolutionären Bewegungen als Inhalt der Geschichte der Arbeiterbewegung® zu deklarieren, scheiterten überall umso eher, je mehr die zugrundeliegenden Kategorien der jeweiligen Geschichtswissenschaft von der wirklichen Geschichte entfernt sind. Je allgemeiner gültig, je verallgemeinerter der Anspruch auf ›objektiv‹, ›wissenschaftlich-sozialistisch‹, ›historisch-materialistisch‹, desto beliebiger ist die wissenschaftliche Interpretation; so ist es unmöglich, die Geschichte der revolutionären Bewegung im Rahmen der Geschichte der Arbeiterbewegung® zu schreiben, da es diese letztere in Wirklichkeit nur gab als die jedem genugsam bekannten Formen im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. als Parteien des maßvollen Fortschritts im Rahmen der Gesetze im weitesten Sinne.

    Aus: H.D. Heilmann, »Ist diese Linke wirklich noch das Rechte?«, Schwarze Protokolle Nr.6, Oktober 1973, hier zitiert nach dem PDF.[zurück]

Immer schön sauber bleiben

Wir sehen also, daß Ethnologen wie [Wilhelm Emil] Mühlmann, die glauben, man könne ein »inneres Verständnis« für einen Papua nur haben, wenn man ein Papua wäre, und die den »existentiellen Mitvollzug« als einen »Krampf« abtun, mit ihrer Behauptung unrecht haben. Denn wenn wir nicht wissen könnten, wie ein anderer fühlt (was natürlich nicht bedeutet, der andere zu sein), dann wäre es auch nicht möglich zu wissen, wie wir selber fühlten (wir hätten überhaupt keinen Maßstab für die Art und Weise unseres Gefühls). Wenn wir jedoch wissen können, wie es ist, wie wir selber fühlen, dann müssen wir auch notwendigerweise wissen können, wie ein anderer fühlt. Wenn der »existenzielle Mitvollzug« des Seelenlebens eines anderen nicht möglich ist, dann wird es auch kaum möglich sein, »existenziell mitzuvollziehen«, was Mühlmann mit seiner These meint, warum er eine derartige These aufstellt, was er dabei fühlt usw., und er wird dies dann auch selber nicht wissen können. Seine These würde darauf hinauslaufen, den Begriff des »Mitvollzuges« aus dem Verkehr der Sprache zu ziehen.
Aber ich glaube wiederum, daß man sehr wohl mitvollziehen kann, was jemand meint, der eine solche These vertritt. Denn sie scheint ein Augenblick der Angst davor zu sein, sich auf das Fremde einzulassen und dadurch die eigenen Selbstverständlichkeiten in einem anderen Licht zu sehen. So tendiert der Forscher zu einem ›Solipsisimus‹, sei es nun der seiner eigenen ›verwissenschaftlichten‹ Lebensform oder gar der seiner Person.
Daß wir keine Papuas sind, hindert uns so wenig an einem Zugang zur Seele der Papuas, wie es uns hindert, Mühlmann zu verstehen, daß wir nicht Mühlmann sind. Daß wir Mühlmann viel leichter verstehen können als den Papua, liegt daran, daß wir uns mit geringerer Mühe in die Lebensform eines Professors einfühlen – oder, à la mode ausgedrückt: ›sozialisieren‹ – können als in die des Menschen am Sepik.
Aber vermutlich würde der Professor sich selber viel besser verstehen, wenn er das Wagnis auf sich nähme, dasjenige nachzuvollziehen, was sich nicht mehr in die Begrifflichkeiten seiner Wissenschaft übersetzen läßt.
Indem er bereits die Möglichkeit des Verständnisses des anderen abtut, begibt er sich gleichzeitig die Möglichkeiten eines Selbstverständnisses, das zu gewinnen gerade der Ethnologe große Chancen hätte. Er sieht nicht, ›daß ein anderer nicht sein zu können‹ kein Hindernis, sondern die Bedingung des Verständnisses des Fremden ist, und er ähnelt darin jenen Philosophen, die glauben, daß der ›Sprung im kosmischen Ei‹, die ›Entfremdung‹, die Erkenntnis des Wesens der Wirklichkeit verhindere. Doch das ›absolute Wissen‹ ist kein Wissen, und das Wissen verdanken wir Eva, die nach der Frucht griff.

Aus: Hans Peter Duerr, »Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation« S.212f. (1978, hier zitiert nach: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1985), die Fußnoten wurden weggelassen.1

Sich von solchen grundlegenden erkenntnistheoretischen Einsichten einleuchten zu lassen, ist sinnvoll angesichts einer gerade in linken/linksradikalen Szenen/Subszenen grassierenden restriktiven – also im Wortsinne: eingrenzenden, segmentierenden, abschneidenden – Sprachpolitik, die im Bemühen, ultragenau, also: KORREKT, zu sein, gerade nicht die gegenseitige Verständigung über die Rest bürgerlichen Sprachmülls hinweg vorantreibt, sondern Verständigung verunmöglicht: Da sie überall die falsche Sprache wittert, legt sie die Hürden der Verständigung in schwindelerregende Höhen – und schafft vor allem das Amt der Sprachrichters, der nach einem für die anderen (für sich auch?!) immer weniger nachvollziehbaren Regelwerk darauf achtet, dass auch ja niemand beim Versuch, die Hürde zu nehmen, ›schummelt‹, wobei dieser Begriff letztlich völlig willkürlich ist.
Anstatt Verständigung zu befördern, benennen die Sprachrichter krampfhaft und von sich selbst dauergestresst die negativen Bedingungen, also die, die einer Verständigung entgegenstehen. Vor lauter Selbstkritik kommt man gar nicht mehr zur Sache selbst (wenn diese nicht gleich als ein Trugbild der falschen Sprache denunziert wird). Soll es auch gar nicht. Das Dilemma wird regressiv-autoritär ›aufgelöst‹, durch das Eingrenzen von Bereichen, über die gar nicht mehr gesprochen werden darf – Stichwort: Definitionsmacht. Damit kommen diese Linke, um ihnen einmal zu schmeicheln, auf den Stand des frühen Wittgenstein – »Wovon man nicht sprechen kann, …« –, der aber immerhin schon damals wusste, dass sein Projekt der Sprachkritik sich selbst aufhebt: »Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.« (Tractatus, 6.54)

  1. Aus einem 2009 mit Duerr geführten Interview:

    Wie muss man sich Mühlmann vorstellen?
    Er war, auch vom Alter her, ein wenig wie die Lehrer, die ich zu Schulzeiten erlebt hatte. Er hatte eine autoritäre Art und wusste sehr viel. Hinzu kam, dass er sehr empfindlich war. Es war bekannt, dass er ein Nazi gewesen ist, doch das galt als mehr oder weniger normal. Damals gab es ja solche und solche: Einer meiner Großväter war Nazi, Kreisamtsleiter der NSDAP, gewesen, der andere Großvater Kommunist. Mein Vater hatte den Nationalsozialismus vollkommen abgelehnt. Nazi gewesen zu sein war also gang und gäbe, ich machte mir keine großen Gedanken darüber und beteiligte mich auch nie an den Aktionen gegen Mühlmann aufgrund seiner Vergangenheit. Natürlich machte ich mich ein bisschen lustig über ihn, aber eher provozierend als denunzierend. Als ich ihn den »Naturvölkischen Beobachter« nannte, fand er das allerdings weniger witzig als ich.
    War Mühlmann den Studenten gegenüber offen?
    Ich weiß noch, wie er mich im ersten Semester zu sich kommen ließ und fragte, was ich schwerpunktmäßig denn so machen wolle. Damals hatte ich gerade den Film »Meuterei auf der Bounty« mit Marlon Brando gesehen, doch mehr als Brando interessierten mich die barbusigen Frauen auf Tahiti. In meiner Einfalt hatte ich mir vorgestellt, dass sie dort noch immer so rumlaufen würden und war stark motiviert, eine Feldforschung in Polynesien zu machen. Dazu ist es nie gekommen. Mühlmann meinte zu mir, ich solle entweder nach Hamburg gehen – dort gab es den Schwerpunkt Südsee – oder eine Dissertation über die Küstenfischerei in Sizilien schreiben. Das war für mich natürlich eine Zumutung und ich sagte ihm, dass ich mich gerade mit Wittgenstein und Nietzsche beschäftigte und daher keinerlei Interesse an den sizilianischen Fischern hätte. So bekam ich schon sehr früh Konflikte mit Mühlmann, auch weil ich ihn in den Seminaren bedenkenlos kritisierte und seine Autorität in Frage stellte. Gemeinsam mit Fritz Kramer veröffentlichte ich einen kleinen kritischen Artikel in der Heidelberger Studentenzeitschrift, woraufhin die Professoren uns als Revoluzzer einstuften. Fritz Kramer trat dann in den SDS ein, ich jedoch nicht, da mir der Marxismus nicht so zusagte. Ich sympathisierte eher mit der anarchistischen Richtung.

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