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No Border! No Border?

Ja, klar, über die Parole besteht Einigkeit – aber wie steht es mit der Begründung: Warum denn eigentlich »Grenzen auf!«, und dann auch noch: »für alle«? Schon die Frage nach der Begründung rührt an ein Tabu, denn was sich legitimieren muss, gilt bereits als angezweifelt, schon als halb entwertet.
Andererseits: Dumme Fragen gibt es nicht, nur dumme Antworten. Weß jedes Kind, weiß aber keine Linke, kein Linker mehr, wir sind ja alle unter die Sprachmystiker gegangen und fürchten uns vor einzelnen Worten mehr als vor realer Gewalt (selbst wenn die Worte FÜR reale Gewalt STEHEN, sie SIND es NICHT).
Es gibt eine gescheite Antwort auf die Frage nach dem »Warum« der »No Border«-Forderung. Gescheit, weil sie ganz unsentimental daherkommt. Die Antwort enthält auch schon den halben, na, Kommunismus-Beweis. Wolfgang Pohrt hat sie formuliert, 1993, unmittelbar nach diesem fürchterlichen Asyl-Kompromiss, »Abschied ohne Tränen« heißt der Text, und er steht in dem Band »Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand« (Edition Tiamat, Berlin 1993, S19f.).
Pohrt? Der alte Misanthrop? Nie um eine Zote verlegen? Genau, der. Entweder so einer sagt es – oder eben keiner.

Die Leute sehen, wie die Chancen schwinden, daß man selber zu den happy few gehört. Sie ahnen, daß es nicht mehr darum geht, wer verelenden müsse, sondern daß die Alternative alle oder keiner heißt. Sie spüren, daß ihre eigene Sicherheit auf den Prinzipien beruht, deren Aufhebung sie fordern. Deshalb erwarten sie keine Nachgiebigkeit. Zur Entscheidung steht, ob die Verhältnisse den Menschen angepaßt werden müssen, oder ob den bestehenden Verhältnisse die Menschen anzupassen sind, was ihre Verelendung, Vertreibung, Ausweisung bedeutet. Existierte eine Line, müßte ihre Forderung heißen: Offene Grenzen.
Das würde auf keinen Fall gemütlich. Die Ankommenden werden keine übertrieben netten Menschen sein. Sie bringen nicht Kultur mir, sondern Haß und Hunger. Sie werden diese Gesellschaft vor die Alternative stellen, ob sie sich ändern oder zusammenbrechen will. Aber vor dieser Alternative steht sie sowieso. Nur daß nichts bleibt, wie es ist, ist sicher. Vor der Zukunft haben alle Angst1. Sie wird durch Abschiebungen verstärkt, durch das Elend hinter dem Zaun, nicht durch offene Grenzen. Sie wird gemildert durch die Sicherheit: Was auch kommen mag – niemand wird rausgeschmissen, keiner muß im Elend verrecken, wer er auch sei. Nicht die Anwesenheit der rumänischen Zigeuner, sondern ihre Behandlung macht den Einheimischen Angst, weil sie jeden lehrt, wie es ihm selber ergehen könnte, wenn er nur noch ein bißchen tiefer rutscht. Die Leute würden einem dankbar sein, wenn man sie mit aller Macht zu einer anständigen Behandlung der Zigeuner zwänge. Das gäbe ihnen die Sicherheit, die sie derzeit am meisten entbehren.
Was angesichts der Stimmungslage der Mehrheiten und der Machtverhältnisse wie Utopie klingen mag, ist in Wahrheit Realismus. Umgekehrt ist es die reine Träumerei, was Realpolitiker für kluge Berechnung halten. Sie ignorieren die Bedeutung der Moral. Der amoralische Asylkompromiß beispielsweise hat vermutlich nicht nur Engholm das Genick gebrochen, sondern der ganzen SPD:
Wäre sie bei ihrer alten Linie geblieben – die Leute hätten sie verflucht und respektiert. Am Ende hätte sie vielleicht sogar die Partei gewählt, die in unsicheren Zeiten ein Minimum an Sicherheit bietet. Ein Minimum an Sicherheit bietet einer, wenn Verlaß darauf ist, daß er bestimmte Dinge unter keinen Bedingungen machen wird. Seit dem Asylkompromiß ist allen, die ihn wollten, klar, was sie selber – etwa Sozialhilfeempfänger oder Arbeitslose – von der SPD zu erwarten haben, wenn dies die Lage erfordert. Seither ist diese Partei – und mit ihr die ganze Linke – dort, wo sie 1933 war, als die Nazis alle Funktionäre abräumen konnten ohne jeden Protest aus der Bevölkerung.

  1. An anderer Stelle in »Harte Zeiten« (S.187) schreibt Pohrt:

    Wenn man nun aber alles rausschmeißen will, was die Deutschen nicht leiden können – die Asylbetrüger, die Sozialbetrüger, die Steuerbetrüger, die Absahner, die Ossis, die Wessis, die Gatten, die Gattinnen, die Politiker, die Politikerinnen – dann kommt dabei nur heraus, daß Deutschland sich in eine Abschiebehaftanstalt mit 80 Millionen Insassen verwandelt.
    Das, glaube ich, wurde mit dem sogenannten Asylkompromiß erreicht. Nicht alle stehen ganz oben auf der Prioritätenliste, aber irgendwo steht jeder.

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Gesang vom sardischen Popanz

Es geht um Gemeinplätze, das muss man vorab sagen, um Allgemeinplätze, die natürlich total kritisierenswert sind, rundum abzulehnen, nachgerade Ausdruck ultimativer Verdammnis. Domenico Losurdo fühlt ganz tief mit Gramsci:

Die entschiedene Parteinahme für die Sowjetunion wird bei Gramsci jedoch nie zu vulgärer Apologetik oder Selbsttäuschung. Wir haben es vielmehr mit einer im tiefsten Wortsinn kritischen Haltung zu tun, die nicht Ausdruck von Kälte und Distanz, sondern besorgter Anteilnahme für die Entwicklungen nach der Oktoberrevolution ist. Hier ein erhellendes Beispiel für Gramscis Herangehen.

Vulgäre Apologetik, tiefster Wortsinn, kritische Haltung, nicht Ausdruck von Kälte und Distanz, besorgte Anteilnahme… In 80 Phrasen um die Welt, und die hier stammen aus bloß einem Absatz!
Losurdo, der große Deutschland- und Stalin-Versteher unter den ECHTEN Kommunisten (und übrigens ein sehr präziser, sehr viel ergiebiges Material zusammentragender Philosophiehistoriker, darf man auch nicht übersehen), bespielt in der Jungen Welt die Themenseite mit einem Stück über »Antonio Gramsci und die Sowjetunion«. Hier also das erhellende Beispiel für Gramscis Herangehen.

Mit anderen Worten, Gramscis Kritik endet nie in dem »puren Defätismus«, den er in den »Gefängnisheften« Boris Souvarine vorwirft. Dieser, früher ein führender Repräsentant der Französischen Kommunistischen Partei und der Dritten Internationale, dann ein immer schärferer Kritiker des Bolschewismus und der Sowjetunion, beginnt seit 1930 seine Vorwürfe in La Critique sociale zu veröffentlichen. Gramsci verfolgt diese Zeitschrift aufmerksam – und verurteilt ihre Unfähigkeit, die tragischen Schwierigkeiten beim Aufbau einer neuen sozialen Ordnung zu begreifen. Wie (der französische Historiker, d. Red.) François Furet befriedigt feststellt, gehört Souvarine »zu der Kategorie von Intellektuellen, die eine sarkastische Freude daran empfinden, gegen eine möglichst große Zahl von Leuten recht zu behalten«. Genau diese Besserwisserei wird in den »Gefängnisheften« ins Visier genommen: »Durchweg Gemeinplätze, geäußert mit der Überheblichkeit dessen, der von sich sehr überzeugt ist. (…) Ja, es geht darum, an der Schaffung einer Elite zu arbeiten, doch diese Arbeit kann nicht abgekoppelt werden von der Arbeit der Erziehung der großen Massen; im Gegenteil, diese beiden Aktivitäten sind in Wirklichkeit eine einzige, und eben dies macht das Problem so schwierig (…); es geht schließlich darum, zugleich eine Reformation und eine Renaissance zu haben«. Folglich: »Offenkundig läßt sich der Molekularprozeß der Durchsetzung einer sich entwickelnden neuen Zivilisation nicht verstehen, ohne den historischen Zusammenhang von Reformation und Renaissance verstanden zu haben.«

Wir erfahren mit keiner Silbe, was Souvarine tatsächlich gesagt hatte. Aber es muss sich um Gemeinplätze handeln – die dann aber allesamt Gramsci nachliefert: Schaffung einer Elite, die aber nicht abgekoppelt sein darf von der Erziehung der großen Massen blablabla … im Gegenteil … in Wirklichkeit. Preisfrage: Worin besteht der kommunistische Gehalt in der Schaffung einer Elite (die sich grundsätzlich von einer Avantgarde unterscheidet, entweder weiß Gramsci nicht um den Unterschied, schlimm genug, oder er meint es ernst mit der Elite)? Was daran müsste einen Konservativen wie Furet eigentlich abstoßen? Machen Sie mal einen Blindfold-Test! Auf wenn tippt Ihr gegenüber? Gramsci ist der Richard David Precht der Linken.
Vielmehr: Er wurde dazu gemacht, Losurdo oder auf der anderen Seite des Ufers WF Haug stricken bis heute an der Legende, dass mit Gramsci der Marxismus so richtig schön tiefergelegt wurde (werden musste! wieso eigentlich?), so richtig gründlich verankert im Kulturleben der Massen. Die Tragik besteht darin, einem sehr skrupulösen, ernsthaft bemühten, einst als Parteiführer dann doch irgendwie integrativ zu wirken versuchenden (nachdem er nolens volens den Ausverkauf der italienischen Kommunisten an »Moskau« betrieben hatte), im Knast buchstäblich um sein Leben schreibenden Isolierten zu einem philosophischen Superstar aufzublasen. Es ist aber nur ein Popanz. Don’t blame it on him.

Non Consumiamo Marx!

Ganz selten, historisch bislang vielleicht nur einmal, hat es die Anstrengung gegeben, die musikalische Avantgarde mit der politischen zusammenzubringen. Und zwar in einer Radikalität, die der Musik wie der politischen, hier: der kommunistischen Haltung angemessen ist: ein Zusammenkommen, das selbst radikal ist. Wir reden also nicht von Komponisten, die sich auch einmal politisch geäußert/ positioniert/ betätigt haben, auch nicht von solchen, die mit ihrem Umfeld gebrochen haben, um dann Gebrauchsmusik zu schreiben – das krasseste Beispiel ist sicherlich Cornelius Cardew mit seiner Hingabe ans naive Volkslied –, und auch nicht von solchen Komponisten, die ihre Arbeit per se politisch verstehen, indem sie von einer radikalen Immanenz ausgehen – die Arbeit ist gerade dann politisch, wenn sie nicht politisch ist/ wenn sie die politische Etikettierung nicht nötig hat (kein Zweifel, das ist sicherlich die ergiebigste Haltung).
Die Rede ist von einer Arbeit wie »Non Consumiamo Marx«, einem Stück Agitprop, das aber auf alle Mittel des Agitprop verzichtet, gleichzeitig aber nichts anderes als genau das sein will: Agitation. Ein Widerspruch, der sich nur in einer radikalen Form, die ebenso unkonventionell und buchstäblich non-konform wie radikal zugänglich ist, bewegen kann. Zu dieser Form muss man auch schon den Titel zählen, Hört auf, Marx zu konsumieren!, der nicht nur auf die linke (linksakademische) Kunst-Schickeria abzielte, sondern sich auch an die Aktivisten selbst wendet, sich nicht länger auf die Gewissheiten der sitzenden Marx-Lektüre zu verlassen.
»Non Consumiamo Marx« ist ein Stück tape-music, das Luigi Nono 1969 produzierte und das bis heute keine Neuveröffentlichung erfahren hat (die historische LP wird bei Ebay oder Discogs ab mindestens 100 Euro gehandelt). Es handelt sich um kein offiziell verworfenes Stück, es findet sich im Werkverzeichnis gelistet, allerdings um ein Stück, das zumindest Nonos Erben für irrelevant halten müssen. Auf den »Complete (!!) Works for Solo-Tape« findet es sich jedenfalls nicht, ebenso wenig übrigens wie ein anderes 69er Werk von Nono, in dem er eine Häftlingsrevolte akustisch verarbeitet (»San Vittore 1969«). Mag sein, dass es bald schon dem Meister allzu unterkomplex vorkam, andere Lautsprechermusik-Stücke Nonos sind in der Tat tiefer, verschachtelter, vielschichtiger …, und Ende der 70er Jahre unterzog Nono seiner Arbeit einer radikalen Revision. Aber: die Verklammerung von »Politik« und »Musik« im Medium des Geräusches, die Kombination von Kompromisslosigkeit und ostentativer Einfachheit (es ist sofort klar, worum es geht) ist hier doch tatsächlich gelungen. Dieser Impuls wurde aber in späteren Jahren kaum aufgenommen. Weil diese Verklammerung schon wieder brüchig war? Weil der reale politische Moment fehlte, auf den sich »das Geräusch« bezog? Die Attacke gegen Marx-Konsumismus behält aber ihre Gültigkeit.
Auf diesem Blog habe ich ein paar interessante Informationen gefunden. Und ist das nicht bemerkenswert? Nono war in der KP Italiens engagiert und führte »Non Consumiamo Marx« sozusagen auf Geheiß der französischen KP auf – wie wir wissen, und es war damals schon jedem Militanten bekannt, zwei der reaktionärsten Kräfte des alten Europa. Selbst so ein klobiges Stück Lärm kann also klüger als sein unendlich feingeistiger Schöpfer sein…

During the 1960s, in addition to his boycott of official, bourgeois concert venues, Luigi Nono (1924-1990) abandoned orchestral music in favor of works for magnetic tape, supposedly easier to set up in the streets or in factories on light PA systems, as the composer wanted to connect with workers directly. Accordingly, in 1968, Nono decided to boycott the Venice Biennale, which was considered by leftists a »fortress of bourgeois art«. The 1968 Biennale was marked by student protest, gallery occupation and violent riot police confrontations (see pictures below). In 1969, Nono used audio recordings from these events in Non Consumiamo Marx, or Don’t Consume Marx, to protest against the compulsory Biennale. Both Un Volto, Del Mare and Non Consumiamo Marx were premiered at Fête de l’Huma in 1969, the annual French Communist Party festival, where Nono was invited as a member of the Central Committee of the Italian Communist Party. Those were the days…

Funktion der Invarianz

Unter den »Pindar-Fragmenten«, die Hölderlin zwischen 1800 und 1805 notierte, findet sich auch folgendes Fragment.

Fähigkeit der einsamen Schule für die Welt. Das Unschuldige des reinen Wissens als die Seele der Klugheit. Denn Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben, das Wissen die Kunst, bei positiven Irrtümern im Verstande sicher zu seyn. Ist intensiv der Verstand geübt, so erhält er seine Kraft auch im Zerstreuten; sofern er an der eigenen geschliffenen Schärfe das Fremde leicht erkennt, deßwegen nicht leicht irre wird in ungewissen Situationen.

… so erhält er seine Kraft auch im Zerstreuten. Es geht darum, die Invarianten1 zu erkennen. Durch Hölderlins Überlegung wird klar, dass das Erkennen der Invarianz weder Scholastik noch Denkfaulheit noch Flucht vor der chaotischen, sich ständig änderndend, ach so verwirrenden Wirklichkeit ist. Sondern vielmehr das Gegenteil: Das Erarbeiten eines Maßstabs um die Kontinuität – eben: »die sich bei einer jeweils passenden Klasse von Modifikationen des Objektes nicht ändert« – des Wirklichen zu erfassen. Der Kapitalismus ist auch dann kapitalistisch, wenn er gerade Fordismus genannt wird oder Sozialpartnerschaft oder Netzwerk-Ökonomie.
Die Invarianz des Marxismus zu behaupten, wurde Amadeo Bordiga und der Gruppe Programma Comunista stets vorgeworfen (nicht zuletzt von anderen, überraschenderweise undogmatischen und irgendwie so ganz lockeren Linkskommunisten, die dann übrigens in ihren Publikationen für die redundantesten, schwammigsten und geschwätzigsten Texte geradestehen müssen. Namen werden nicht genannt, aber man kann sich mal auf die virtuelle Suche machen, im Online-Publizieren sind sie stark!). Dabei geht es nicht um das Ende der Analyse, sondern um deren Ermöglichung, um den Zugang zur Wirklichkeit2!
Hier die Punkte 12 und 13 aus Bordigas klassischen Feststellungen zur »historischen ›Invarianz‹ des Marxismus« (Feststellungen – so soll es sein, klar und apodiktisch formuliert!)

12.) Auch wenn das ideologische Vermögen der revolutionären Arbeiterklasse nicht mehr Offenbarung, Mythos, Idealismus (wie bei den vorhergehenden Klassen), sondern positive »Wissenschaft« ist, so braucht sie doch eine klare und dauerhafte Formulierung ihrer Grundsätze und auch ihrer Aktionsregeln – einen Kanon also, der die Aufgabe erfüllt und die Schlagkraft hat, die einst Dogmen, Katechismen, Tafeln, Verfassungen, oder Heilige Bücher hatten wie z.B. die Veden, der Talmud, die Bibel, der Koran oder die Erklärung der Menschenrechte. Die darin enthaltenen substantiellen und formalen Mängel haben deren riesige organisatorische und gesellschaftliche Kraft (zuerst revolutionär, dann konterrevolutionär – in dialektischer Folge) nicht gebrochen – im Gegenteil: Oftmals haben gerade die »Ketzereien« diese Kraft noch verstärkt.
13.) Gerade weil er der Suche nach »absoluter Wahrheit« jeglichen Sinn abspricht und seine Doktrin nicht als Beleg des »Ewigen Geistes« oder der abstrakten Vernunft, sondern als »Arbeitswerkzeug« und »Waffe« ansieht, verlangt der Marxismus – ob bei der stärksten Anspannung oder auf dem Höhepunkt des Kampfes – weder Werkzeug noch Waffe zwecks »Reparatur« abzulegen, sondern als Partei die richtigen Werkzeuge und Waffen zu ergreifen, um sowohl im Krieg als auch im Frieden zu siegen.

Und 18 Jahre später die Bestätigung:

Eine andere Beschuldigung, die Sie Ihr ganzes Leben lang begleitet hat, ist die, den politischen Kampf als abstrakten gesehen zu haben, denn Sie hatten eine Denkweise, die als »theoretischer Schematismus« bezeichnet wird. Dies habe dazu geführt, schwere Fehler zu begehen. Inwieweit erkennen Sie diese Analyse heute als berechtigt an? Oder weisen Sie sie völlig zurück?
Ich weise diese angebliche Analyse zurück, auf die sich die Frage bezieht und deren Formulierungen meiner Denkweise und meiner Parteinahme im politischen und sozialen Kampf nicht entsprechen, auch objektiv sind sie nicht richtig. Wenn man sich einer Klassenbewegung oder der Theorie, mit der Karl Marx sie ausrüstete, anschließt, lassen sich – um die Dynamik des Kampfes und des Klassenantagonismus wiederzugeben – die gegeneinander kämpfenden Klassen nicht auf konkrete Kategorien zurückführen, sondern müssen als abstrakte Begriffe, die sich auf erfahrbare soziale Tatsachen beziehen, dargestellt werden. Den Imperativ des Abstrakten aufgegeben und durch jenen einfachen und leicht handhabbaren des Konkreten ersetzt zu haben, stellt den verhängnisvollen Fehler derer dar, die sich (indem sie marxistisch gesprochen zu »Verrätern« ihrer eigenen Klasse oder wie Lenin sagt, zu »Berufsrevolutionären« wurden) als Führungskader der proletarischen Bewegung zur Verfügung stellten. (…)

»… deßwegen nicht leicht irre wird in ungewissen Situationen«, die Linie Hölderlin-Marx muss unbedingt verteidigt werden!

  1. Hier sei einmal Wikipedia zitiert: In der Mathematik versteht man unter einer Invariante eine zu einem Objekt assoziierte Größe, die sich bei einer jeweils passenden Klasse von Modifikationen des Objektes nicht ändert. Invarianten sind ein wichtiges Hilfsmittel bei Klassifikationsproblemen: Objekte mit unterschiedlichen Invarianten sind wesentlich verschieden; gilt auch die Umkehrung, d.h. sind Objekte mit gleichen Invarianten im Wesentlichen identisch, so spricht man von einem vollständigen Satz von Invarianten oder von trennenden Invarianten. [zurück]
  2. Wir haben hier den jüdischen Gelehrten Franz Baermann Steiner zitiert, und machen es gerne noch einmal:
    Die borniertesten Lebensvorschriften und Gesetze geben Freiheit insofern, als sie dem Menschen es ermöglichen, sich einzuordnen, ohne andre Leute nachzuahmen. Erst die Zerstörung jeder Orthodoxie ermöglicht das Massenbewusstsein, wie wir es heute kennen, mit seiner aus Nachäfferei entstandenen ängstlichen, klebrigen Kohäsion.

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Verdinglichung als Herrschaft

Dass abhängige Arbeit keine harmlose Sache ist, hat Hegel natürlich gewusst und diese Beziehung (Abhängigkeit ist ja kein stationärer Zustand) in ihren individuellen wie gesellschaftlichen Konsequenzen schon früh, am prägnantesten im berühmten »Herr-Knecht«-Kapitel seiner Phänomenologie, darzustellen gewusst. Freilich geht alles gut aus, und selbst die größte Negativität erweist sich als Teil, Antrieb einer weit größeren Bewegeung, die alles Störende in sich aufnimmt und zu ihrem Antrieb macht.
Man muss ein wenig suchen, aber da, an abgelegener Stelle, bringt Hegel doch sehr knapp, sehr hart den Effekt der Verdinglichung, in der Tat: eine Versteinerung, eine kaum wiedergutzumachender Verlust der Lebendigkeit auf den Punkt.

Die Arbeit nach einem fremden Willen ist α) das Abtun der eigenen Besonderheit desselben, β) eine Bearbeitung der Dinge oder eine solche negative Beziehung der Selbsts auf sie, welche zur Form der Dinge wird, die Gegenständlichkeit derselben erhält und sich selbst ein solches Dasein gibt.

Das ist §30 aus der »Bewußtseinlehre für die Mittelklasse [1808/09], aus dem Teilabschnitt »Herrschaft und Knechtschaft«, zitiert nach der ›Theorie‹-Werkausgabe Band 4, »Nürnberger und Heidelberger Schriften 1808-1817«, hg. von KM Michel und Eva Moldenhauer, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1970, S.81. Hegel unterrichte seit dem November 1808 – notgedrungen – Philosophie, auch Germanistik, Griechisch und höhere Mathematik, am Nürnberger humanistischen Egidiengymnasiums.
Seine diktierten Logikexerzitien sind hier überraschend undialektisch, was damit zu tun hat, dass seine Maximen geradezu als Merksätze fungieren. Nichts wird entwickelt, den Schülern nur etwas vorgesetzt, daher der mitleidslose Ton, ein (unfrewillig?) unversöhnlicher Ton. Dass abhängige Arbeit (heute: lohnabhängige Arbeit, natürlich, die auch dort wirksam ist, »primär wirkt«, wo sie nicht direkt in Erscheinung tritt) nicht nur verdinglichend ist, sondern Verdinglichung immer auch ein Herrschaftsverhältnis ist – und gleichzeitig ein Vergessen von Herrschaft, ein Unsichtbar-Werden –, steht in einer Parallelstelle. Die findet sich in einem nur wenig später gehaltenen Kurs der Bewusstseinslehre (von Hegels ersten Herausgebern offenbar als definitive Gestaltung des Stoffes angesehen, jedenfalls wurde dieser Kurs in die erste Gesamtausgabe aufgenommen), hier ist es §36 (gleicher Band der ›Theorie‹-Ausgabe, S.121):

Der eigene und einzelne Wille des Dienenden, näher betrachtet, löst sich aber überhaupt in der Furcht des Herrn, dem inneren Gefühle seiner Negativität auf. Seine Arbeit für den Dienst eines anderen ist eine Entäußerung seines Willens teils an sich, teils ist sie zugleich mit der Negation der eigenen Begierde die positive Formierung der Außendinge durch die Arbeit, indem durch sie das Selbst seine Bestimmungen zur Form der Dinge macht und in seinem Werk sich als ein gegenständliches anschaut. Die Entäußerung der unwesentlichen Willkür macht das Moment des wahren Gehorsams aus. (Peisistratos lehrte die Athenienser gehorchen. Dadurch führte er die Solonischen Gesetze in die Wirklichkeit ein, und nachdem die Athenienser dies gelernt hatten, war ihnen Herrschaft überflüssig.)

Wer gehorcht, dem erscheint Herrschaft (vulgo: äußeree Zwang) als überflüssig. Der Zusatz in Klammern ist unheimlich.