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Die Revolution ist monochrom

… oder sie wird gar nicht sein.
Zu den Lieblingsfloskeln linksradikalen Aktivist_innentums (so richtig geschrieben?!) gehört der vielfältige, kreative, lebendige aber vor allem: bunte Widerstand — wie das Viertel, das kurz vor der Gentrifizierung stehend natürlich bunt bleiben muss, wie das Leben, das im Gegensatz zum grauen Alltag bunt zu sein hat, wie die Haare oder die Klamotten halt. Revolution wäre demnach vor allem ein Ding der Selbstverwirklichung, im Jargon gesrpochen: ein »Projekt«, und dieses wird dann so lange betrieben, bis den Aktivisten ein Lichtlein aufgeht, dass man sich auch ganz prima in dieser Gesellschaft selbstverwirklichen kann. Die Wahrheit ist natürlich, dass Selbstverwirklichung und bürgerliche Gesellschaft untrennbar zusammengehören, meistens steht die Selbstverwirklichung allerdings der Einsicht in diese Wahrheit entgegen.
Vom Anarchismus könnte man lernen, dass die Revolution anti-kreativ, anti-originell, also monochrom oder konsequent gesagt: sogar »anti-farblich« ist – nämlich schwarz. Man könnte, wird es aber nicht, weil die Anarchisten heute auch in erster Linie bunt sein wollen.
Dabei ist die Wahrheit so einfach: Die schwarze Flagge ist die paradox personifizierte Kritik der Kreativität, die Autorschaft und Originalität bis zur Unsichtbarkeit, bis zum Verschwinden in sich aufsaugt.
Sagt Howard Ehrlich:

Warum ist unsere Farbe schwarz? Schwarz ist ein Schatten der Negation. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nation … Schwarz ist eine Stimmung von Zorn und Wut gegen alle Verbrechen gegen die Menschheit, die im Namen der Verbindungen zwischen den Staaten verübt werden. … Schwarz ist auch eine Farbe der Trauer; die schwarze Fahne, die die Nation ausstreicht, betrauert die Millionen, die in inneren und äußeren Kriegen ermordet wurden, sie trauert für diejenigen, denen die Arbeit geraubt und besteuert wurde, um das Gemetzel und die Unterdrückung anderer Menschen zu bezahlen … Aber Schwarz ist auch schön. Es ist die Farbe der Bestimmtheit, der Lösung, der Stärke, eine Farbe, durch die alle anderen aufgeklärt und definiert werden.

Es ist das Schwarz der Fahne, das die Kollektivität der Aufständigen zum Ausdruck (konsequenter: Anti-Ausdruck) bringt. Carl Einstein über seine Erfahrungen in der Kolonne Durruti während der spanischen Revolution:

Durutti, dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich, von seiner Person. Er hatte das vorgeschichtliche Wort »ich« aus der Grammatik verbannt. In der Kolonne Durutti kennt man nur die kollektive Syntax. Die Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven Sinn zu erneuern.
Durutti hatte die Kraft der anonymen Arbeit innigst erkannt. Namenlosigkeit und Kommunismus sind eines. … Durutti war kein General, er war unser Kamerad. Dies ist nicht dekorativ, doch in dieser proletarischen Kolonne beutet man die Revolution nicht aus, man betreibt keine Publizität. Man sinnt nur auf eines: den Sieg und die Revolution. (…)
Die Kameraden wissen, dass sie diesmal für die arbeitende Klasse kämpfen, nicht für eine kapitalistische Minderheit, den Gegner. Diese Einsicht auferlegt allen strenge Selbstdisziplin. Der Milizmann gehorcht nicht, sondern verfolgt zusammen mit seinen Genossen die Verwirklichung seines Ideals, einer sozialen Notwendigkeit.
Durrutis Größe bestand gerade darin, dass er selten befahl, sondern stets erzog. Die Kameraden kamen, wenn er von der Front zurückkehrte, zu ihm ins Zelt. Er erklärte ihnen den Sinn seiner Maßnahmen und diskutierte mit ihnen. Durruti befahl nicht, er überzeugte. Nur die Überzeugung verbürgt ein klares, entschlossenes Handeln. Bei uns kennt ein jeder den Grund seines Tuns und ist mit diesem Eins. (…)

Es geht nicht um Glorifizierung und die Begeisterung für das Unmittelbare: Einsteins Statement ist in einer Ausnahmesituation verfasst worden und auch nur so zu verstehen. Wer das nicht berücksichtigt, verfehlt die historische Wahrheit dieser Agitation. Nur: Sollte die hiesige Linke sich jemals in einer Ausnahmesituation befinden, ist es ganz ratsam, sich vorher die historischen Lektionen anzueignen. Klingt banal. Aber die banalen Sachen hakt man ja fatalerweise meistens als »bereits erledigt« ab.

Nach dem 1. Mai

Sozialismus ist, wie wir immer wieder einhämmern, die Eroberung des Gesamtprodukts seitens der nicht in Betrieben, sondern in der Weltgesellschaft assoziierten Arbeiter, also nicht nur die Eroberung des Mehrwerts – jenes Werts also, den, wie es banalerweise heißt, der Fabrikherr einheimst, tatsächlich aber ein vom Kapitalismus positiv hereingebrachter gesellschaftlicher Abzug ist. Eroberung, sagen wir es noch einmal, des Gesamtwerts, wonach der Wert zerstört sein wird, so wie nach der Eroberung der ganzen Macht die Macht zerstört sein wird.
Nur wenn das Gemeinwesen das Gesamtprodukt erobert, wird es möglich sein, die gesteigerte Produktivkraft zu nutzen und die Arbeitszeit auf ein Minimum herabzudrücken, wobei diese Arbeitszeit kaum höher sein wird als die der Gesellschaft geschenkte – das, was wir heute Mehrarbeit nennen und die auch ohne den Fabrikherrn bestehen bleibt, heute jedoch den Umweg: vom Arbeiter zum Betrieb, und vom Betrieb zur Gesellschaft, nehmen muss. Ohne dieses Ergebnis wäre es pure Aufschneiderei, von proletarischem Bewusstsein zu sprechen.

Nachträge

1. Bordiga reagiert hier polemisch präzise auf die Vorstellung, »Sozialismus sei die Eroberung des Betriebsgewinns für die Arbeiter«, also wäre primär die Selbstverwaltung der Fabriken durch die Arbeiterinnen und Arbeiter (und die Angestellten, sollten wir nicht vergessen), eine Irrlehre, deren historische Kontinuität er seit Proudhon verfolgt – Lassalle, Dühring (jener Eugen Dühring, den wir heute bloß noch als Engels’ punching ball kennen, vor 140, 130 Jahren aber einer der einflussreichsten Theoretiker der Arbeiterbewegung war – wohl weit einflussreicher als Marx und Engels), Sorel und schließlich Gramsci verortet er in dieser Linie.
Das mag unfair gegenüber Gramsci sein, immerhin eine zeitlang enger Genosse Bordigas!, aber ungeachtet seiner tadellosen kommunistischen Haltung propagierte er stets verworrene Räte-Ideen: Christian Riechers zitiert Gramsci

Der revolutionäre Prozeß dagegen verwirklicht sich auf dem Produktionssektor, in der Fabrik, wo das Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrückten herrscht, zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten, wo es keine Freiheit für den Arbeiter, keine Demokratie gibt.

und kommentiert

Nach Gramscis Vorstellungen soll ein Netz von Räteinstitutionen (Bauernräte eingeschlossen) Italien überziehen. Nicht die revolutionären Sowjets der Oktoberrevolution mit ihrer durchweg politischen Funktion, sondern im Prinzip unpolitische, auf rein ökonomische Aufgaben beschränkte Produzentenräte (…) geben das Grundmodell ab. Diese Räte sind qua Institution derart an den Betrieb gebunden, daß sie erst gar nicht den Rahmen überschreiten, in den wenig später das deutsche Betriebsrätegesetz die zuvor noch mächtige politische Rätebewegung zu zwängen versucht.
Während der Periode der Fabrikbesetzungen in Norditalien im September 1920 bleiben freilich die inzwischen gebildeten Fabrikräte in den Turiner Fabriken und organisieren mit Hilfe nur weniger bei ihnen verbliebener Techniker selbständig die Produktion. Gramscis Traum von der ökonomischen Autonomie der »Produzenten« verwirklicht sich für eine Weile. Die Gewerkschaft, welche »die Arbeiter nicht als Produzenten, sondern als Lohnarbeiter« (Gramsci) organisiert, scheint für einen Augenblick von der Szene zurückzutreten. Gramscis polemischer Einwand gegenüber [Angelo] Tasca, daß der Rat »in seinen höheren Formen dahin tendiert, dem vom Kapitalismus zu Profitzwecken geschaffenen Produktions- und Tauschapparat proletarische Züge zu verleihen« bewahrheitet sich jetzt. Die Arbeiter beweisen, daß sie auch ohne Aufsicht gut produzieren können. Darin liegt der »proletarische Zug«, der dem kapitalistischen Produktionsapparat verliehen wird. Das erzeugte Mehrprodukt eignen sie sich jedoch nicht an, sondern liefern es bei Ende der Fabrikbesetzungen dem Unternehmer aus.
(Christian Riechers, »Antonio Gramsci. Marxismus in Italien«, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanst. 1970, S.63; das Zitat Gramscis stammt aus, Ders., »Philosophie der Praxis«, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 1967, S.65 [»Der Fabrikrat«, in Ordine Nuovo, 5.6.1920])

2.

Wenn Russland eine Orgie der Spezialisierung, der despotischen Arbeitsteilung sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb des Betriebs, ja der Zwangsarbeit veranstaltet, die die kombinierten Arbeiter in die jeweiligen Arbeitslager deportiert, so geschieht dies nicht, weil Stalin ein Schuft ist, sondern weil man nur so die kapitalistische Produktion etablieren kann – zu einer Zeit, in der die Jahrhunderte dauernde Entwicklung von der ersten halb-handwerklichen Manufaktur bis hin zu den automatisierten Monsterbetrieben schon durchlaufen war. Und weil nur so der Kampf gegen die Anarchie der Unternehmen zu führen ist; ein Kampf, der in den staatlichen Bilanzen der UdSSR leicht abzulesen ist.
Der Staatskapitalismus versucht gegen die Anarchie der Produktion vorzugehen, aber da Waren produziert werden und es stets um die Produktionskosten geht, bleibt nur, den Betriebsdespotismus über die Lohnarbeit zu verschärfen.
Dies ist jedenfalls keine sozialistische Verwaltung. Der Sozialismus wird den Arbeiter, folglich den Menschen befreien, und zwar gleichzeitig von der gesellschaftlichen Anarchie und der Ausbeutung im Betrieb, von der Arbeitsteilung und der beruflichen Spezialisierung. Dieser lange Kampf wird in dem Moment beginnen und von den Sektoren ausgehen, in dem wir mit der Geld-/Warenproduktion fertig geworden sind bzw. sie überwunden worden ist.
Vom bellum omnium contra omnes wird man zum Kommunismus kommen, sobald jeder Anreiz zum Wettbewerb aus der Organisation des Lebens verbannt ist.
Denn der Wettbewerb ist der Grund dafür, dass der Unglückselige, der Blut und Wasser schwitzt, um allen zu zeigen, wie groß die Kohlenmenge ist, die an einem Arbeitstag mit der Hacke aus einem Flöz gehauen werden kann, ein nationaler »Held der Arbeit« werden kann – und den jeder Marxist am liebsten mit Fußtritten traktieren würde.
Aber auch darin liegt eine Logik. Die kapitalistische Gesellschaft braucht die Helden der Arbeit. Der Kommunismus wird sie abschaffen.

»Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre.«

Selbstbestimmung und Selbstverwaltung stehen unvermindert hoch im Kurs bei radikalen Linken (genauso wie »Basisdemokratie« im Gegensatz zur angeblichen bloß formellen oder bürgerlichen Demokratie). Es grassiert eine regelrechte »Selbst-«Sucht, als ob es nicht auch böse Selbst-Wörter gäbe – die Selbstoptimierung beispielsweise (Management-Jargon!), und von Selbstregierung reden all die Selbstverwalter dann schon nicht mehr so gerne, denn mit »›Regierung« hat man ja so seine Probleme, obwohl die Selbstverwaltung immer auch auf eine Art Regierung abzielt, aber wer denkt schon gerne so weit. Erinnert sei daran, dass die Sache mit dem Selbst, also die Subjektivierung von Politik, die freilich ein die Subjektivierung voraussetzendes übermächtiges Objekt impliziert, mit der Selbstkritik begann, mit jenem erniedrigenden, demütigenden Verfahren, in dem die Opfer Stalins in diesen so unheimlichen Schauprozessen sich zu Tätern erklärten: Im Stande ihrer größten Machtlosigkeit und totalen Isolierung mussten sie sich – selbstkritisch – in die Rolle diabolischer Gegenspieler einfühlen; nie waren sie selbstbewusster als im Moment vor ihrer realen Auslöschung, ein gespenstischer Akt der Selbstbestimmung, den mit für ausländische Prozessbeobachter zutiefst verwirrendem Furor nicht wenige Altbolschewiken vollzogen.1

Die historische Geburt linker Selbst-Sucht ist in den Ritualen der Selbstkritik zu suchen. Ironie der Geschichte, dass das Konstrukt der Selbstbestimmung ausgerechnet bei dezidiert anti-stalinistischen Gruppen aufblühte, namentlich – sprich: am profiliertesten – bei der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie (SouB), deren zentrale Thesen in einem mittlerweile legendären Text von Cornelius Castoriadis unter dem Titel »Über den Inhalt des Sozialismus« niedergelegt wurden2. Amadeo Bordiga, der schon zu Beginn der 50er Jahre in einer ausführliche Essay-Reihe3 sich ebenso gründlich wie sarkastisch mit den rrrrrevolutionären SouB-Ideen auseinandergesetzt hatte4, kam 1957 in dem Referat »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus« noch einmal – abschließend – auf die Franzosen zurück5.

Sagte Marx welches der »Inhalt des Sozialismus« ist? Marx hat eine dermaßen metaphysische Frage nicht beantwortet. Der Inhalt eines Gefäßes kann sowohl Wasser als auch Wein oder eine stinkende Flüssigkeit sein. Als Marxisten können wir uns fragen, welcher historische Prozess zum Sozialismus führt, und können uns auch fragen, welche Verhältnisse zwischen den Menschen »im Sozialismus«, das heißt in der nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, herrschen werden.
Unter beiden Aspekten sind absolut idiotisch die Antworten: Kontrolle über die Produktion in der Fabrik – Verwaltung der Fabrik, oder die andere, die sie oft begleitet: Selbstbestimmung des Proletariats.
Was den historischen Prozess anbelangt, der von einer vollindustriellen kapitalistischen Gesellschaft zum Sozialismus führt, haben wir ihn schon vor einem Jahrhundert beschrieben: Entstehung des Proletariats, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei, Organisation des Proletariats zur herrschenden Klasse. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die Kontrolle und die Leitung der Produktion, aber nicht im Betrieb und nicht durch die Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und durch den von der Klassenpartei geführten Klassenstaat.
Wenn diese Suche nach dem lächerlichen »Inhalt« sich aber auf die vollständig sozialistische Gesellschaft bezieht, verlieren die Formeln Arbeiterkontrolle und Arbeiterverwaltung in noch weiterem Maß jeglichen Sinn. Im Sozialismus gibt es nicht mehr die zwischen Produzenten und Nichtproduzenten gespaltene Gesellschaft, weil es keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn man dieses metaphysische Wort verwenden will) des Sozialismus wird nicht die Selbstbestimmung des Proletariats, wird nicht die proletarische Kontrolle und Verwaltung sein, sondern das Verschwinden des Proletariats; der Lohnarbeit; des Tauschs und auch des am längsten überlebenden: des Tausches zwischen Geld und Arbeitskraft; und schließlich des Betriebs. Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre. Wer solche ideologischen Phrasen gebraucht, zeigt nur seine absolute theoretische und praktische Ohnmacht, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die nicht eine schlechte Nachahmung der bürgerlichen Gesellschaft sei. Sie wollen nur die Autonomie ihrer selbst – gegenüber einer harten Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur. Der ganz junge Marx, noch in den Windeln der hegelschen Formeln – an die solche Leute noch heute glauben – hätte geantwortet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die Autonomie des Bourgeois, ewiges Vorbild des Menschen, findet (siehe »Die jüdische Frage«).

  1. Wolfgang Pohrt ganz richtig über den Zusammenhang von Despotie und Subjektivierung:
    Hitler und Stalin haben es auch gewusst: Nicht das Wort des Führers war Befehl, sondern sein Wille. Und den kannte man halt nicht. Den lernte man erst kennen, wenn es zu spät war. Also kann man sich nie bequem im Sessel zurücklehnen und darauf vertrauen, man habe doch alle Anweisungen befolgt und alles richtig gemacht. Man muss vielmehr permanent versuchen, sich hineinzudenken und hineinzufühlen in den Führer oder in den Markt, man muss versuchen, die Trends zu erschnuppern, und man weiß nie, ob es geklappt hat. Dieses Risiko schärft alle Sinne, es hält einen hellwach. (Aus: Ders., »Kapitalismus Forever«, Berlin 2012: Edition Tiamat, S. 60)
    Eben – Selbstoptimierung. [zurück]
  2. Im Rahmen der bei der Edition AV erscheinenden Castoriadis-Werkausgabe finden sich die Thesen im Band 2.1, »Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus«. Es kursieren auch ältere Übersetzungen. [zurück]
  3. Die wichtigsten Texte sind hier genannt, auf Deutsch liegen vier der genannten fünf vor (und der letzte ist bereits in Vorbereitung): »Die Lehre vom ›Teufel im Leibe‹«; »Vorwärts, Barbaren!«; »Der Froschmäusekrieg«; »Das Geschnatter über die Praxis«. [zurück]
  4. Keine Ironie der Geschichte, sondern eine ermüdende Nachlässigkeit ist es, wenn in einer der wenigen auf Deutsch vorliegenden ausführlichen Arbeiten über SouB zwar brav referiert wird (S.27), dass es eine »bordigistische« Strömung auf Seiten der französischen antistalinistischen Linken gegeben, Bordiga eine, oh la la!, »ungewöhnliche Theorie« vertreten und auch dass »SouB sich zu diesem Zeitpunkt mit ihnen [hier gemeint: sog. »Neobordigisten« ?!] in einem längeren Diskussionsprozeß über die UdSSR, die aktuelle Entwicklung des bürgerlichen und bürokratischen Kapitalismus, das Bewußtsein von Klasse und Partei, die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Gesellschaft sowie revolutionäre Perspektive und aktuelle Aufgaben der Avantgarde verständigt« habe. Aber es ging nicht um »Verständigung«, sondern um Trennung, und was die Punkte der Bordigisten, äh… Neobordigisten bzgl. des »Bewußtseins von Klasse und Partei« (was für ’ne blöde Konstruktion, die sich so nicht bei B. findet!) gewesen waren, dass sie sich um’s Ganze von den SouB-Positionen unterscheiden, erfährt man nicht, nicht mal im Modus der »ungewöhnlichen Theorie«. [zurück]
  5. Zitiert nach einer mutmaßlich verbesserungswürdigen Übersetzung. Die Fettungen stammen aus der Übersetzung, wir können nicht dafür bürgen, dass sie sich auch im Original finden. An diese Grundlagen hat mich der Genosse von Espace Contre Ciment erinnert! [zurück]

Evolutionäres Verschwinden der Gewalt?

Letzten Herbst hat das Buch »Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit« von Steven Pinker für – na, jetzt müsste hier die Floskel stehen … für Furore gesorgt. Hat es aber nicht so richtig. Es ist ein gewichtiges Werk, weil er auf den 1200 Seiten eine Irrsinnsmenge an Fakten und Literatur verarbeitet, und es ist auch in einem renommierten Verlag erschienen, die Feuilletons kamen also nicht drum herum. Aber es ist vielleicht ein bisschen heikel, ein Buch abzufeiern und das Pinker-Paradigma auszurufen, wenn man in einer dermaßen rezessionszerfurchten Zeit schreiben muss, in der der big bang, der nächste richtig große Krieg nur eine gescheiterte Währungsrettungskonferenz entfernt liegt. Pinker jedenfalls gibt den knallharten Evolutionstheoretiker der Gewaltlosigkeit, sozusagen eine fröhlich-pragmatische US-Version Norbert Elias’. Herfried Münkler resümmierte in der FAZ:

So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

Dabei könnten auch wir es belassen, hätten wir nicht kürzlich einer Diskussion beigewohnt, in der Pinker von linker Seite aus verteidigt, ja: angepriesen wurde, vor allem als Gegengift für den in der Tat lähmenden Kulturpessimismus (äußert sich bei Linken eher als Geschichtsfatalismus – denn die nächste Dubstep-Party will sich keiner vermiesen lassen). Das Anliegen geht in Ordnung, die spontan geäußerte Kritik – Pinker würde sich nicht um »strukturelle« oder »verinnerlichte« (soll wohl heißen: statistisch nicht erfassbare, aber evidente) Gewalt kümmern – war wenig triftig. Wir haben uns auch ein paar Notizen gemacht – die nicht als Buchbesprechung etc.pp. zu verstehen sind –, weil die Diskussion aber bislang nicht wieder aufgenommen wurde, lagen sie ein paar Wochen auf dem Desktop und werden jetzt hier veröffentlicht.

Das Gegen-Argument zu Pinker ist nicht, dass die Gewalt »verinnerlicht« oder »struktruell« geworden ist, man halst sich damit nur die Probleme auf, was Begriffe wie Verinnerlichung resp. strukturell meinen (sie erklären die Gewalt gerade nicht).
Die Behauptung, dass »wir« immer friedfertiger werden, fängt an zu riechen, wenn man sich die entsprechende Analogie dazu ausmalt: Demnach lebten wir bereits im Sozialismus. Ist doch klar, früher haben die Leute sechs Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet und sind mit 40 oder spätestens 50 an irgendeiner Arbeiterseuche krepiert, von den zwölf Kindern haben auch nur vier überlebt. Heute fängst du erst mit 30 an zu arbeiten, wirst mit 60 in die Frührente geschickt, hast eine 38-Stunden-Woche, vier Wochen Urlaub … und wenn du mal arbeitslos bist, kriegst du Stütze und auch noch staatlich finanzierte Weiterbildungsmaßnahmen angedient.
Also leben wir im Sozialismus! Das würde selbst ein Negrist nicht mal nach der Einnahme krassen Optimismus induzierender Happy-Pills behaupten wollen.
Verhältnisse in ihrem historischen Verlauf zu vergleichen führt meistens zu einem schwerwiegenden Methodenfehler – weil das, was verglichen wird, isoliert wird von seinem realen Zusammenhang. Wenn man vergleicht, dann den Sachverhalt XY nicht mit etwas früherem, sondern man muss die Gesellschaft an ihren eigenen Ansprüchen, ihren eigenen Maßstäben messen. Es hat 1995 in Srebrenica einen planmäßigen Massenmord an 8000 bosnischen Männern durch serbische Milizen gegeben. Für Pinker aus historischer Perspektive wohl eine Petitesse. Ja, früher, da hätten sie nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die Kinder, einfach alle niedergemetzelt, so ungefähr würde die Pinker-Linie aussehen.
Aber: Srebrenica hätte es niemals geben dürfen! Jugoslawien war eine antifaschistische Republik, jahrzehntelang Völkerfreundschaft gepredigt, unglaublich viele »Mischehen« (nicht meine Sprache!), einheitliche Sprachenpolitik, mit einem Wort: hochzivilisiert. Die Frage ist doch nicht, ob früher viel mehr umgebracht worden wären, sondern warum eine Gesellschaft so schnell zerfällt (und sich neu konstituiert – das Srebrenica-Massaker sollte so etwas wie das Gründungsverbrechen der Serbischen Republik von Bosnien sein) und dabei diese Gewalt freisetzt. Um solche Fragen zu klären, muss man eine Gesellschaft an sich selbst messen.1
Um zum vermeintlichen Sozialismus zurück zu kommen: Die Verelendung besteht nicht darin, dass »alles immer schlimmer wird«, sondern dass es keine Garantie gibt, dass nicht alles doch ganz schlimm kommt. Oder andres gesagt: Der Skandal besteht darin, dass vermutlich allein mit den tagtäglich in Deutschland weggeschmissenen Nahrungsmitteln man den Hunger in der Welt ausräumen könnte. Das ist der Maßstab. Oder noch mal anders gesagt: Die Menschen schuften nicht mehr zehn, sondern acht Stunden pro Tag (dafür hat der Kapitalismus 80 Jahre gebraucht…), gemessen am technisch-wissenschaftlich-kommunikativen-kooperativen Stand der Gesellschaft – so wie sie jetzt ist, man muss sich nicht irgendwelche Utopien flüchten! – bräuchte jeder aber nur zwei Stunden zu arbeiten. Nicht bloß in Europa, sondern weltweit. Verelendung ist immer ein qualitativer Begriff, dass man ihn empirisch darstellen kann, heißt nicht, aus der bloßen Empirie eine Tendenz abzuleiten.

  1. Pinker unterlaufen wohl noch mehrere dieser methodischen Fehler, z.B. scheint er Massaker in früheren Zeit so zu bewerten, als wären sie statistisch wie die neuzeitlichen Kriege erfasst, man kann aber nicht mit der Gewissheit über frühere Gewaltherrscher urteilen – etwa über Dschingis Khan – wie man das über Mao oder Hitler kann. [zurück]

Avantgarde/Elite

(Nachtrag zum vorherigen Eintrag über das »Anknüpfen an Alltagskämpfen« und der dort implizit enthaltenen Avantgarde-Apologie.)

Eines ist es, von Avantgarde, die im Dienst des Volkes steht oder sich stellen will oder vorgibt sich zu stellen, zu sprechen und ein anderes, von Elite zu sprechen. In der Avantgarde-Metapher steckt ja ein Versprechen, daß es gelingen kann, die Massen mitzureißen. In der Elitekonzeption steckt die Vorstellung – latent natürlich, es muß nicht immer artikuliert werden – einer permanenten Stratifikation, die prinzipiell nicht aufgehoben werden kann. In der Avantgarde-Konzeption scheint mir das Gleichheitsprinzip der Menschen und ein Begriff von Wissen durchzuleuchten oder anvisiert zu sein, der an alle gerichtet ist, eine Katholizität; während die Elite prinzipiell die Unterscheidung, die unübersteigbare Schranke zwischen der großen Masse und den wenigen setzt und gezwungen ist, einen heroisierenden Begriff von Wissenschaft zu postulieren oder unbewußt einzuspielen. (…) Das für mich bis heute noch bedeutendste Dokument, in dem ein Anfang einer neuen Form von Wissen gesetzt werden soll, ist das »System-Fragment« des deutschen Idealismus, von Hegel, Hölderlin und Schelling, wobei ich jetzt die Frage ausschalte, ob es ein Text von Schelling oder ein Text von Hegel oder ein von beiden konzipierter Text ist. Erinnern Sie sich doch, da wird von der »Gleichheit der Geister« gesprochen, von dem Utopikum, daß alle zu erreichen sind von diesem Wissen. Es fällt das Wort von der »Mythologie der Vernunft« – eine Vernunft, die in die Sinnlichkeit herabreicht. Das war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein politisches Programm, auch die Stände zu erreichen, die nur im Sinnlichen sich bewegen. (…) das ist kein Elitepapier, sondern da ist der Begriff von Wissenschaft, der an alle geht, der sich dann vollendet in Hegels »Phänomenologie des Geistes«, die auch den Philosophiebegriff der Neuzeit grundlegend verändert. Wenn ich das Problem auf eine Formel bringen kann: Der klassische Philosophiebegriff – wobei die Unterschiede hier zwischen Plato und Aristoteles und Thomas wegfallen und vielleicht sogar der Anfang der Neuzeit vernachlässigt werden darf – der klassische Philosophiebegriff impliziert die These: Der Weg zur Wahrheit ist schwer, diffizil, und nur wenige können ihn gehen, aber immer gehen. Mit Hegel beginnt ein neuer Begriff der Philosophie: Der Weg zur Wahrheit ist schwer – »Arbeit des Begriffs« ist Arbeit! –, aber am Ende können alle daran teilhaben. Und es ist nicht zufällig, bei aller Differenz zwischen Hegel und Marx, daß es dieser Begriff von Wahrheit ist, die nicht nur in einer Theorie, die nur wenigen bei Muße zugänglich ist, inkarniert bleibt, sondern daß Wahrheit durch die Praxis der Geschichte eine Möglichkeit für alle wird, also Philosophie – das war das Anliegen von Hegel – das Esoterikum verliert.

Aus: »Elite oder Avantgarde? Jacob Taubes im Gespräch mit Wolfert v. Rahden und Norbert Kapferer«, Tumult. Zeitschrift für Verkehrwissenschaft, Nr 4., 1982, S. 64f.1

  1. Taubes antwortet – ablehnend (»Ich kann Ihrer phänomenologisch orientierten Analyse nicht folgen«) auf folgende Ausgangsthese der Interviewer:
    »Gerade in diesem Gewande, im Gewande des Egalitären konnte das Elitäre sich umso wirksamer Bahn brechen, was die Entwicklung der Studentenbewegung selbst dann ja auch verdeutlicht, als die Avantgardekonzeptionen immer freimütiger vertreten wurden bis hin zum postulierten und praktizierten Kaderprinzip, wo die Trennung – gerade auch die organisierte Trennung – zwischen einer elitären Vorhut und den Massen bzw. der Basis schließlich wieder rigoros und mit Nachdruck betont wurde.« [zurück]