Archiv der Kategorie 'Amadeo Bordiga'

»Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre.«

Selbstbestimmung und Selbstverwaltung stehen unvermindert hoch im Kurs bei radikalen Linken (genauso wie »Basisdemokratie« im Gegensatz zur angeblichen bloß formellen oder bürgerlichen Demokratie). Es grassiert eine regelrechte »Selbst-«Sucht, als ob es nicht auch böse Selbst-Wörter gäbe – die Selbstoptimierung beispielsweise (Management-Jargon!), und von Selbstregierung reden all die Selbstverwalter dann schon nicht mehr so gerne, denn mit »›Regierung« hat man ja so seine Probleme, obwohl die Selbstverwaltung immer auch auf eine Art Regierung abzielt, aber wer denkt schon gerne so weit. Erinnert sei daran, dass die Sache mit dem Selbst, also die Subjektivierung von Politik, die freilich ein die Subjektivierung voraussetzendes übermächtiges Objekt impliziert, mit der Selbstkritik begann, mit jenem erniedrigenden, demütigenden Verfahren, in dem die Opfer Stalins in diesen so unheimlichen Schauprozessen sich zu Tätern erklärten: Im Stande ihrer größten Machtlosigkeit und totalen Isolierung mussten sie sich – selbstkritisch – in die Rolle diabolischer Gegenspieler einfühlen; nie waren sie selbstbewusster als im Moment vor ihrer realen Auslöschung, ein gespenstischer Akt der Selbstbestimmung, den mit für ausländische Prozessbeobachter zutiefst verwirrendem Furor nicht wenige Altbolschewiken vollzogen.1

Die historische Geburt linker Selbst-Sucht ist in den Ritualen der Selbstkritik zu suchen. Ironie der Geschichte, dass das Konstrukt der Selbstbestimmung ausgerechnet bei dezidiert anti-stalinistischen Gruppen aufblühte, namentlich – sprich: am profiliertesten – bei der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie (SouB), deren zentrale Thesen in einem mittlerweile legendären Text von Cornelius Castoriadis unter dem Titel »Über den Inhalt des Sozialismus« niedergelegt wurden2. Amadeo Bordiga, der schon zu Beginn der 50er Jahre in einer ausführliche Essay-Reihe3 sich ebenso gründlich wie sarkastisch mit den rrrrrevolutionären SouB-Ideen auseinandergesetzt hatte4, kam 1957 in dem Referat »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus« noch einmal – abschließend – auf die Franzosen zurück5.

Sagte Marx welches der »Inhalt des Sozialismus« ist? Marx hat eine dermaßen metaphysische Frage nicht beantwortet. Der Inhalt eines Gefäßes kann sowohl Wasser als auch Wein oder eine stinkende Flüssigkeit sein. Als Marxisten können wir uns fragen, welcher historische Prozess zum Sozialismus führt, und können uns auch fragen, welche Verhältnisse zwischen den Menschen »im Sozialismus«, das heißt in der nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, herrschen werden.
Unter beiden Aspekten sind absolut idiotisch die Antworten: Kontrolle über die Produktion in der Fabrik – Verwaltung der Fabrik, oder die andere, die sie oft begleitet: Selbstbestimmung des Proletariats.
Was den historischen Prozess anbelangt, der von einer vollindustriellen kapitalistischen Gesellschaft zum Sozialismus führt, haben wir ihn schon vor einem Jahrhundert beschrieben: Entstehung des Proletariats, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei, Organisation des Proletariats zur herrschenden Klasse. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die Kontrolle und die Leitung der Produktion, aber nicht im Betrieb und nicht durch die Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und durch den von der Klassenpartei geführten Klassenstaat.
Wenn diese Suche nach dem lächerlichen »Inhalt« sich aber auf die vollständig sozialistische Gesellschaft bezieht, verlieren die Formeln Arbeiterkontrolle und Arbeiterverwaltung in noch weiterem Maß jeglichen Sinn. Im Sozialismus gibt es nicht mehr die zwischen Produzenten und Nichtproduzenten gespaltene Gesellschaft, weil es keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn man dieses metaphysische Wort verwenden will) des Sozialismus wird nicht die Selbstbestimmung des Proletariats, wird nicht die proletarische Kontrolle und Verwaltung sein, sondern das Verschwinden des Proletariats; der Lohnarbeit; des Tauschs und auch des am längsten überlebenden: des Tausches zwischen Geld und Arbeitskraft; und schließlich des Betriebs. Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre. Wer solche ideologischen Phrasen gebraucht, zeigt nur seine absolute theoretische und praktische Ohnmacht, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die nicht eine schlechte Nachahmung der bürgerlichen Gesellschaft sei. Sie wollen nur die Autonomie ihrer selbst – gegenüber einer harten Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur. Der ganz junge Marx, noch in den Windeln der hegelschen Formeln – an die solche Leute noch heute glauben – hätte geantwortet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die Autonomie des Bourgeois, ewiges Vorbild des Menschen, findet (siehe »Die jüdische Frage«).

  1. Wolfgang Pohrt ganz richtig über den Zusammenhang von Despotie und Subjektivierung:
    Hitler und Stalin haben es auch gewusst: Nicht das Wort des Führers war Befehl, sondern sein Wille. Und den kannte man halt nicht. Den lernte man erst kennen, wenn es zu spät war. Also kann man sich nie bequem im Sessel zurücklehnen und darauf vertrauen, man habe doch alle Anweisungen befolgt und alles richtig gemacht. Man muss vielmehr permanent versuchen, sich hineinzudenken und hineinzufühlen in den Führer oder in den Markt, man muss versuchen, die Trends zu erschnuppern, und man weiß nie, ob es geklappt hat. Dieses Risiko schärft alle Sinne, es hält einen hellwach. (Aus: Ders., »Kapitalismus Forever«, Berlin 2012: Edition Tiamat, S. 60)

    Eben – Selbstoptimierung. [zurück]

  2. Im Rahmen der bei der Edition AV erscheinenden Castoriadis-Werkausgabe finden sich die Thesen im Band 2.1, »Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus«. Es kursieren auch ältere Übersetzungen. [zurück]
  3. Die wichtigsten Texte sind hier genannt, auf Deutsch liegen vier der genannten fünf vor (und der letzte ist bereits in Vorbereitung): »Die Lehre vom ›Teufel im Leibe‹«; »Vorwärts, Barbaren!«; »Der Froschmäusekrieg«; »Das Geschnatter über die Praxis«. [zurück]
  4. Keine Ironie der Geschichte, sondern eine ermüdende Nachlässigkeit ist es, wenn in einer der wenigen auf Deutsch vorliegenden ausführlichen Arbeiten über SouB zwar brav referiert wird (S.27), dass es eine »bordigistische« Strömung auf Seiten der französischen antistalinistischen Linken gegeben, Bordiga eine, oh la la!, »ungewöhnliche Theorie« vertreten und auch dass »SouB sich zu diesem Zeitpunkt mit ihnen [hier gemeint: sog. »Neobordigisten« ?!] in einem längeren Diskussionsprozeß über die UdSSR, die aktuelle Entwicklung des bürgerlichen und bürokratischen Kapitalismus, das Bewußtsein von Klasse und Partei, die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Gesellschaft sowie revolutionäre Perspektive und aktuelle Aufgaben der Avantgarde verständigt« habe. Aber es ging nicht um »Verständigung«, sondern um Trennung, und was die Punkte der Bordigisten, äh… Neobordigisten bzgl. des »Bewußtseins von Klasse und Partei« (was für ’ne blöde Konstruktion, die sich so nicht bei B. findet!) gewesen waren, dass sie sich um’s Ganze von den SouB-Positionen unterscheiden, erfährt man nicht, nicht mal im Modus der »ungewöhnlichen Theorie«. [zurück]
  5. Zitiert nach einer mutmaßlich verbesserungswürdigen Übersetzung. Die Fettungen stammen aus der Übersetzung, wir können nicht dafür bürgen, dass sie sich auch im Original finden. An diese Grundlagen hat mich der Genosse von Espace Contre Ciment erinnert! [zurück]

Staubtrockene Pfennigfuchserei

Ein Freund hat kürzlich an einem längeren Stück über Gramsci und seinen Intellektuellenbegriff gesessen (es gibt noch Leuten, die sich mit ernsthaften Dingen beschäftigen!). In diesem Zusammenhang hatte er mich nach einer Einschätzung eines längeren Papers gefragt. »Towards the Prison Notebooks: The Evolution of Gramsci’s Thinking on Political Organization1918-1926«, Autor ist ein amerikanischer Professor namens Walter L. Adamson, erschienen ist der Text 1979 im Magazin Polity.
[Ich ahne, wie sich selbst bei treuen Leser eine gewisse Müdigkeit einstellt, und ich kann versichern: Es wird noch trockener!]
Interessant ist dieses Papier (das sich jeder, der einen wissenschaftlichen Uni-Job hat, über das akademisches Zugangssystem JSTOR herunterladen kann) vor allem in dieser Hinsicht: Wer explizit die politische Entwicklung Gramscis in jenen entscheidenden Jahren Italiens zwischen Weltkrieg, Revolutionserwartung, KP-Gründung und Faschismus-Durchbruch verfolgt, muss eigentlich immer auch ein Bordiga-Papier schreiben, und deshalb ist es stets faszinierend, was für einen Eiertanz unsere Gramsci-seligen Halbmarxisten aufführen, um nur ja nicht die Rolle Bordigas und die der damaligen KP-Mehrheitsfraktion so darzustellen, wie es historisch angemessen wäre, sondern so, dass die Legitimationsfigur Gramsci irgendwie immer als Gewinner dasteht.
Bordiga als Person ist mir in diesem Zusammenhang egal – ich brauche keine Altarfigürchen –, und Gramsci war kein Dummkopf. Nicht egal ist mir aber, dass die Leute, die bis heute Gramsci hypen, weder etwas wissen wollen von der doppelten Zerstörung der revolutionären Arbeiterbewegung Italiens – einmal von außen durch den Faschismus, einmal von innen durch den von Moskau angeordneten »Bolschewisierungskurs«, letzteres erwies sich als die fatalere, nachhaltigere Zerstörung –, noch sich vorstellen können, dass ihr Liebling Gramsci bei der Bolschewisierung die Rolle des nützlichen Idioten Moskaus spielte; und er spielte sie sehr gewissenhaft: Die Komintern-Richtlinie der nationalen Volksfrontpolitik1 passte haargenau zu seinen kulturalistischen Sozialismusidealen.
Um das alles auszublenden, muss Bordiga als steifnackig Verblendeter dargestellt werden, von dem allenfalls ein paar Phrasen, schlimmer noch: Gerüchte zur Illustration herangezogen werden. Egal, was die Archive tatsächlich hergeben, egal auch, was Bordiga selbst gesagt hat.
Im folgenden werden einige Bordiga-spezifische Aussagen Adamsons, die nichts besonders originell sind, aber exemplarisch, konstrastiert mit – zeitgenössichen wie zurückblickenden – Statements von Bordiga. Nun, mag man einwenden, Bordiga überführt ja tatsächlich den Adamson der Schwafelei, aber entsprechen denn seine Statements auch einer Praxis? Anders gesagt: Wer garantiert uns denn, dass B. nicht nur ein scharfer marxistischer Analytiker gewesen ist, sondern auch ein ebenso überlegener Stratege? Ich will mich nicht mit dem Verweis auf die entsprechenden faktengesättigten Untersuchungen2 aus der Affäre ziehen, sondern immanent bleiben: Selbst wenn sich B. als Schwätzer erweisen würde, liefern seine Statements doch immer noch einen verlässlichen Leitfaden einer realen kommunistischen Strategie. Here we go.

»Bordiga was obsessed with the formation of an all-powerful elite steeling itself for the task of carrying out what was essentially a revolution from above.«

So wie unsere Auffassung den Gedanken ausschließt, dem zufolge das Individuum – ein Individuum! – nach seinem Gutdünken und dank einer Art von göttlicher Gabe umwandelnd und formend auf seine Umwelt einwirken kann, so ist für uns die voluntaristische Auffassung der Partei zu verurteilen, der zufolge eine kleine Gruppe von Menschen ihr Credo verbreitet und mit einer ungeheuerlichen Willensanstrengung, mit einer riesigen Aktivität und Heroismus, der Welt aufzwingt.
Auf der anderen Seite ist jene Auslegung des Marxismus abartig und töricht, wonach – da Geschichte und Revolution nach unabänderlichen Gesetzen ablaufen – uns nichts anderes übrig bliebe, als diese Gesetze objektiv zu ermitteln und zu versuchen, Prognosen für die Zukunft zu formulieren, ohne etwas auf dem Gebiet der Aktion zu unternehmen. Eine solche Auffassung ist fatalistisch und kommt einer Ableugnung der Notwendigkeit der Existenz und Funktion der Partei gleich. (Aus den „Thesen von Lyon“, 1926)

Wenn es stimmt, dass man der Klassenrevolution nicht durch ein banales konspiratives Komplott näher kommen kann, wie es in den Revolutionen der Fall ist, die nur darauf abzielen, einen Führer durch einen anderen zu ersetzen, muss man auch erkennen, dass es besser ist, wenn die Klassenpartei die strenge Form einer „Sekte“ annimmt, statt hinzunehmen, dass sich das durch strenge Disziplin geprägte Verhältnis ihrer starken zentralisierten Organisation in einen losen Zusammenhang auflöst, in dem jedem Mitglied oder jeder Basisgruppe immer wieder erlaubt ist, im Namen der Partei aus dem Stegreif hervorgebrachte und unbeherrschbare Aktionen vorzuschlagen und auszuprobieren: Aktionen, die trügerischerweise angeraten zu sein scheinen, weil sie sich den mit politischem Geschick Begabten als durch neue Umstände bedingte Opportunität darbieten. (Aus einem Interview, 1970)

»Bordiga’s official conception of fascism in the two years before the March on Rome was that of a simple „class reaction“ of the bourgeoisie which, however, had no interest in destroying the appearance of formal democracy. The real danger was the formation of a social democratic government posing as an antifascist united front. Gramsci, in contrast, developed a much deeper historical analysis of fascism as the culmination of the characteristic allypost Risorgimento politics of transformismo. Italian liberal regimes like Giolitti’s, he concluded, had subordinated the agrarian petty bourgeoisie to urban, industrial interests, and with the social dislocations of the war, this had led to the „reactionary sovversivismo“ of the petty bourgeois classes.«

Den Faschismus halten wir nur für eine der Formen, worin der kapitalistische bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet, wobei diese Form, wenn es für die herrschenden Klassen vorteilhafter zu sein verspricht, mit der der liberalen Demokratie (also dem Parlamentarismus) abwechselt, die in bestimmten historischen Phasen auch eher geeignet ist, die Interessen der privilegierten Schichten zu wahren. Für die Politik der starken Hand und repressiven und polizeilichen Übergriffe gibt es gerade auch in Italien Vorbilder, die für sich sprechen: Die an die Namen Crispi, Pelloux und viele andere geknüpften Episoden, in denen es dem bürgerlichen Staat oblag, die gerühmten Rechte der Propaganda- und Versammlungsfreiheit mit Füßen zu treten. Die geschichtlich älteren, ebenfalls blutigen Beispiele dieser Methode zur Unterdrückung der unteren Klassen zeigen also, dass das Rezept nicht von den Faschisten oder Mussolini erfunden oder eingeführt wurde, sondern sehr viel älter ist. (…) Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrarbourgeoisie und Rentenempfängern aus Grund- oder Immobilienbesitz und auf der anderen Seite Industrie- und Handelsbourgeoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten und auch klerikalen Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen (auch laizistisch genannten) Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, indem sie für die Erhaltung aller gesellschaftlichen Formen der Privatwirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im Geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr. 1 nicht im Faschismus oder gar Mussolini ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der Antifaschismus darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit und Niedertracht. Der Antifaschismus hatte einem giftspeienden Ungeheuer historisches Leben eingehaucht: Nämlich dem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und ihrer Nutznießer umfasst, von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen und Laizisten. (Interview)

(…)

Auf dem 5. Kongress [der Komintern] gab ich einen ausführlichen Bericht über den italienischen Faschismus, wobei ich die auf dem 4. Kongress (der kurz nach dem Marsch auf Rom stattgefunden hatte) entwickelten Argumente wieder aufnahm. Ich zog damals die Formulierung der „politischen Komödie“ derjenigen des „Staatsstreiches“ vor, insofern die Schwarzhemden die bewaffnete Staatsgewalt (die den real bestehenden Belagerungszustand nicht zu nutzen verstanden hatte) nicht militärisch geschlagen hatten: Mussolinis „Marsch auf Rom“ bestand darin, die Strecke Mailand-Rom bequem im Schlafwagen zurückzulegen, um im Quirinal mit König Vittorio zusammenzutreffen. Die soziale Basis des Faschismus lässt sich nicht nur, wie Gramsci sagte, in der Klasse der Landeigentümer ausmachen, sondern umfasst ebenso die modernen industriellen Klassen; und die Mitglieder der faschistischen Partei rekrutierten sich nicht nur aus den reichen, sondern auch aus den Mittelschichten, wie Akademikern, Handwerkern und Studenten. (Interview)

  1. Bordiga wies vor allem auf die Absurdität hin, dass die Volksfrontpolitik die Wiedervereinigung mit der – sozialistischen, also: sozialdemokratischen – Partei bedeuten würde, von der man sich zwei Jahre zuvor in einem längeren, schmerzhaften, letztlich aber konsequenten Prozess getrennt hatte. Der reformistische wie der »maximalistische« Flügel der Sozialisten hatte sich als unfähig bzw. nicht willens erwiesen, die revolutionäre Situation nach Ende des ersten Weltkrieges zu forcieren, sich in die kommunistische Weltpartei einzuordnen und den Bruch mit dem bürgerlichen System durchzuziehen. Daraus resultierte auch ihre Unfähigkeit, sich eindeutig gegen die faschistische Gefahr zu positionieren – also den Faschismus nicht als Gefahr für die Demokratie zu verstehen, sondern als den schärfsten Angriff auf die – unmittelbaren – Bedürfnisse und Positionen der Arbeiterbewegung. Die Volksfrontpolitik würde die Rückkehr zu genau dieser Politik bedeuten – die die Sozialisten als größere Partei innerhalb eines solchen Bündnisses problemlos würden durchsetzen können. [zurück]
  2. Leider nur auf Italienisch liegt vor: Andreina De Clementi, »Amadeo Bordiga«, Einaudi, Torino 1971. Auf Englisch dagegen: Earlene Joyce Craver, »The crisis of Italian socialism and the origins of the Italian Communist Party, 1912-1921« (ungedruckte Doktorarbeit, ist aber über das Universitätsbibliothekssystem problemlos auszuleihen) und vor allem: John E. Chiaradia, »The spectral figure of Amadeo Bordiga. A case study in the decline of Marxism in the West, 1912-26« (ungedruckte Doktorarbeit, s.o.). [zurück]

»Das klassische Proletariat hatte die Reserve Null; das moderne Proletariat hat eine negative Reserve«

Vor drei Wochen erschien im ZEIT MAGAZIN eine Reportage der Autorin Jana Simon: »Armerika« (mittlerweile auch online). Blöder Titel, aber doch eine eindringliche Beschreibung des Lebens oder besser Vegetierens in Downtown LA. Häme ist nicht angebracht, denn die Mikrogeschichten des Zerfalls, die doch nichts geringeres als reale weggeworfene Leben beschreiben, lassen sich weltweit erzählen.
Eine Passage sticht besonders heraus, nicht weil hier das Elend besonders anschaulich beschrieben wird, sondern weil sie etwas Grundlegendes über den Mechanismus des entwickelten und sich immer weiter entwickelnden Kapitalismus erzählt:

Andrea, unsere [Haus-]Verwalterin, fragt immer wieder nach unserer credit history. Wir haben Kontoauszüge, Arbeitsverträge und Gehaltszahlungen vorgelegt, aber wir haben keine Schulden und sind deshalb aus amerikanischer Sicht nicht vertrauenswürdig. Nur diejenigen, die beweisen können, dass sie ihre Schulden regelmäßig abbezahlen, sind gute Mieter. Wir sind schlimmer als schlechte Schuldner. Wir sind nichts, ohne Kredit, unbeschriebene Blätter. Also müssen wir 100 Dollar mehr Miete im Monat zahlen und die höchstmögliche Kaution hinterlegen. Es ist nicht möglich, die Miete zu überweisen. Bar können wir sie aber auch nicht bezahlen, Andrea darf kein Bargeld annehmen. Also müssen wir jeden Monat eine Woche vor dem Stichtag beginnen, Geld aus dem Automaten zu ziehen, bis wir die Summe beisammenhaben, um das Geld dann im nächstgelegenen liquor store in einen money order umzutauschen, eine Art Scheck, den wir Andrea schließlich in einem Umschlag überreichen. Ein ähnliches Problem gibt es bei der Telefon- und der Internetrechnung und den Kindergartengebühren meiner Tochter. Die Energierechnung muss ich alle zwei Monate leibhaftig im Gas and Power Building in der Hope Street begleichen. Dort warte ich mit vielen Latinos in einer Reihe und zahle bar. Ich komme mir vor wie in einem längst vergangenen Jahrhundert. Das viel beschriebene US-Dienstleistungsparadies kann ich nicht finden, im Gegenteil, alles dauert unheimlich lange und ist erstaunlich kompliziert.

Widersinnig, aber logisch: Wer keine Schulden, ist unglaubwürdig. Wer Schulden hat, sich also schuldig gemacht hat, wird zum Komplizen, zum Gleichen unter Gleichen, dem man verständnissinnig bloß noch zuzublinzeln braucht, zum Bestandteil der Megamaschine. Wobei diese Megamaschine sich auch als ein Monster der Bürokratie erweist, das, zumindest in der amerikanischen Variante, zusehends Ähnlichkeit mit dem staatsindustrialistischen Bürokratismus der RGW-Länder bekommt. Was eine aparte historische Dialektik wäre: Einst eiferte »Sowjet«russland dem Westen, insbesondere den USA nach, Stichwort: »Einholen und überholen«. Jetzt beeilen sich die USA, dem Beispiel Russlands zu folgen, Stichwort: »Mülldeponie mit Atomraketen«.
Vor 55 Jahren beschrieb das schon Amadeo Bordiga in seinem »Dialog mit den Toten«, in dem er vor allem den kapitalistischen Charakter Russlands herausarbeitet (also den ersten Teil der historischen Bewegung – »Einholen und überholen« – nachzeichnet), und bezeichnete es als »das Meisterwerk Amerikas«: Es ist der Konsumentenkredit.
Wir hatten diese Passage bereits zitiert, zitieren sie aber gerne hier noch einmal (leicht gekürzt um einige bloß noch historische Bezüge zu Russland). Was Bordiga sich vielleicht nie auch nur vorstellen mochte1, dass der Schuldenmechanismus nicht nur Zwang ist, sondern für Vertrauen und Verschworenheit, »echte« Teilhabe an der Gemeinschaft, steht; dass die moderne Arbeiterin also nicht nur »objektiv« unter dem Sklaven rangiert, sondern »subjektiv« aus diesem Zwang positive Identität gewinnt, ich bin verschuldet also bin ich (und alle anderen machen sich verdächtig!). Material für eine qualitative Theorie der Verelendung.

Der moderne Zwangsarbeiter
Die Wonnen der modernen warenproduzierenden Zivilisation, der sozialen Fürsorge und des Kreditwesens (…) bestehen darin, die Arbeiterheere, die nie wissen, wie ihnen geschieht, zwischen zwei Extremen hin und her zu werfen: Entweder sind sie beschäftigungslos und frei vor Hunger zu verrecken oder sie sind beschäftigte Sklaven – wobei Vollbeschäftigung identisch ist mit Zwangsbeschäftigung (…).
Nunmehr können antiker Sklave und Leibeigener den modernen Lohnarbeiter schon von oben herab ansehen. Sicher, sie durften ihren Arbeitsort nicht verlassen, mussten aber auch nicht in den Krieg ziehen. Der moderne Sklave steht andauernd unter dem Alb des Krieges und hat die besten Aussichten, verletzt, getötet, gefangen oder zu Zwangsarbeit herangezogen zu werden. Überdies, während der alte Krieg im Schritttempo auf die Zivilbevölkerung zukam, rast der moderne Krieg auf sie zu. Tausende Kilometer hinter der Front hungert der »Zivilist«, während gewisse moderne Umstände es dem Militär sogar erlauben, es sich diesbezüglich gut gehen zu lassen. In Friedenszeiten indes mästet man den Arbeiter mit statistischer Prosperität und Konsumfreiheit. (…) Geschäfte ohne Schlangestehen, vielfältiges und verlockendes Warenangebot, Zauber der allerneuesten Mode und des guten oder schlechten Geschmacks. Bald wird man zum Meisterwerk Amerikas kommen: dem Konsumentenkredit. Der Arbeiter – mag er auch die Illusion hegen, durch seine Anteile am Betriebskapital Teilhaber desselben zu sein – ist nicht mehr Besitzer, sondern Schuldner seiner paar Habseligkeiten, und wenn ihm auch seine Wohnung gehört, schuldet er ihren Wert. Es geht ihm also praktisch wie dem Sklaven, der, nachdem er zu Essen bekommen hatte, Schuldner des Nettowerts seiner eigenen Person war.
Dieses amerikanische Kreditsystem, das den Arbeiter durch die Schulden an seinen Arbeitsplatz bindet, wurde schon industrieller Feudalismus genannt. Ein weiterer Schritt in Richtung »wachsender Verelendung«, also Verlust jeglicher wirtschaftlichen »Reserve«. Das klassische Proletariat hatte die Reserve Null; das moderne Proletariat hat eine negative Reserve: Es muss erst eine beträchtliche Summe abzahlen, um nackt davonziehen zu können. Womit soll man zahlen, wenn nicht wie dem Shylock, mit einem Stück des eigenen Fleisches?

  1. Daraus könnte man den Bruch zwischen ihm und seinem Erben, dem ‚Subsumptionstheoretiker‘ Jacques Camatte folgern. [zurück]

Die kommunistische Hypothese (3)

»Im Kommunismus – eine wissenschaftliche Gewissheit, obwohl noch nicht geschehen – …«

Vorbemerkung
Alle Zitate – bis auf das Eingangszitat – stammen aus Amadeo Bordigas Grundsatzreferat »Die Lehre der Produktionsweisen ist auf alle Menschenrassen anwendbar«, das er im Januar 1958 auf einer Versammlung der IKP (Internationalen Kommunistischen Partei) in Florenz hielt.1
Dieser Text ist äußerst dicht komponiert und kreist vornehmlich um die Frage nach dem Verhältnis von antikolonialen und metropolitanen Aufständen und Revolutionen. Mit seinem Referattitel hält Bordiga fest, dass die antikolonialen Revolutionen nicht aus dem marxschen Schema der historischen Entwicklung herausfallen – das ist keine philologische Leistung, sondern der Beweis, dass der bis heute (heute allerdings indirekt und eher verschämt ausgedrückte) Suprematismus des (west-)europäischen und (nord-)amerikanischen Proletariats gegenüber den Bewegungen der sogenannten Dritten Welt gegenstandslos resp. anti-marxistisch ist. Der Ausdruck »Menschenrassen«, der uns völlig zurecht nicht mehr über die Lippen gehen kann, hebt sich selbst auf: Die scheinbaren Unterschiede zwischen den »Menschenrassen« verschwinden vor der korrekten Lehre der Produktionsweisen.
Mag dies auch das Thema des Referats sein, so hebt es sich in den letzten Absätzen auf: In einem Durchgang2 durch eine Passage der »Grundrisse« – »Zweck der Gesellschaft ist nicht die Produktion, sondern der Mensch macht« – macht Bordiga nicht nur klar, dass es sich bei dem Manuskript um das »Bindegewebe des Marxismus« handelt (das wäre wieder bloß Philologie), sondern dass die Funktion dieses Bindegewebes ist, die Analyse der historischen Entwicklung an die Zukunft zu koppeln und also die Kritik des Kapitalismus an die Bestimmung des Kommunismus rückzubinden.

Maximen

»Wenn unser Schema – wie grob auch immer – nicht stimmen würde, würden all die großartigen Seiten des Marx’schen Werkes jegliche Kraft verlieren.«

»Wir fordern die Genossen zum x-ten Male auf zu lernen, im Marx’schen Text das Programm der kommunistischen Partei und in der Anprangerung der im Laufe der Geschichte begangenen kapitalistischen Heldentaten den deutlichen Umriss der kommunistischen Gesellschaft herauszulesen.«

»Wenn auch die bürgerliche Gesellschaftsform die vorbürgerlichen Formen überwinden muss, und zwar gewaltsam, so erscheinen letztere doch als das Höhere, sobald wir jene gesellschaftliche Ordnung zum Maßstab nehmen (…)«

»Unsere Definition der Partei lautet: Projektion des Gesellschaftsmenschen von morgen in die Gegenwart.«

Der Durchgang

Zweck der Gesellschaft ist nicht die Produktion, sondern der Mensch

„Grundrisse“, MEW 42, S. 395: Eloge der klassischen griechisch-römischen Gesellschaft:

„Wir finden bei den Alten nie eine Untersuchung, welche Form des Grundeigentums etc. die produktivste, den größten Reichtum schafft? Der Reichtum erscheint nicht als Zweck der Produktion, obgleich sehr wohl Cato untersuchen kann, welche Bestellung des Feldes die einträglichste, oder gar Brutus sein Geld zu den besten Zinsen ausborgen kann. Die Untersuchung ist immer, welche Weise des Eigentums die besten Staatsbürger schafft. Als Selbstzweck erscheint der Reichtum nur bei den wenigen Handelsvölkern – Monopolisten des carrying trade –“ [Frachtgeschäft: Schifffahrt oder Karawanenhandel: Phönizier, Karthager], „die in den Poren der alten Welt leben, wie die Juden in der mittelaltrigen Gesellschaft. Nun[also in der kapitalistischen Epoche] „ist der Reichtum einerseits Sache, verwirklicht in Sachen, materiellen Produkten“ [den Waren], „denen der Mensch als Subjekt gegenübersteht; andrerseits als Wert ist er bloßes Kommando über fremde Arbeit nicht zum Zweck der Herrschaft, sondern des Privatgenusses etc. In allen Formen erscheint er in dinglicher Gestalt, sei es Sache, sei es Verhältnis vermittelst der Sache, die außer und zufällig neben dem Individuum liegt. So erscheint die alte Anschauung, wo der Mensch, in welcher bornierten nationalen, religiösen, politischen Bestimmung auch immer als Zweck der Produktion erscheint, sehr erhaben zu sein gegen die moderne Welt, wo die Produktion als Zweck des Menschen und der Reichtum als Zweck der Produktion erscheint.“

[An dieser Stelle sollten wir eine kleine Zwischenbemerkung einschieben, um diese schwierige Passage verständlicher zu machen. Nachdem Marx erklärt hat, dass der ideologische und soziale Überbau der Antike trotz seiner Grenzen (der z.B. den freien Bürger einbegreift und den Sklaven ausschließt) höher stand als der Überbau der modernen bürgerlichen Welt mit seiner wissenschaftlich-technologisch-wirtschaftlichen Überlegenheit, macht er einen Riesensatz und stellt dem Kapitalismus nicht länger die römische Antike, sondern „unsere“ kommunistische Gesellschaft entgegen.]

„In Wirklichkeit aber, wenn die[nun ihrerseits]bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur?“

[An dieser großartigen Stelle angelangt, fügt der Referent eine beißende Kritik gegen die angeblichen Marxisten ein, die sich bereitwillig den Schwächen und Gelüsten ihrer tierischen Sinnlichkeit hingeben und sich dann feige mit Hilfe deterministischer Argumentationen rechtfertigen.]

„Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung“ [d.h.: Mythos, Gott, immanenter Begriff, seines Daseins bewusstes Ich, Sein oder Wollen] „als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab“ [lies: Recht, natürliche Moral, absolute Philosophie und dergleichen], „zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgendetwas Gewordnes“ [Entwickeltes] „zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist?“

[Die leidenschaftlichen, sich ungestüm aneinanderreihenden Fragesätze in diesem aus einem Guss geschmiedeten Text sind ein so starker Ausdruck der materialistischen Dialektik, dass sich jeder Idealismus und jede Metaphysik von selbst erledigen.]

[Wir sind noch nicht fertig mit der kapitalistischen Ordnung, ob wir sie nun von der Vergangenheit oder der Zukunft aus unter Feuer nehmen:]

„In der bürgerlichen Ökonomie – und der Produktionsepoche, der sie entspricht – erscheint diese völlige Herausarbeitung des menschlichen Innern als völlige Entleerung[der Arbeit und des Arbeiters selbst]; „diese universelle Vergegenständlichung“ [der menschlichen Tätigkeit] „als totale Entfremdung und die Niederreißung“ [durch die Kritik der Waffen] „aller bestimmten einseitigen Zwecke“ [Leben, Überleben, Fortpflanzung] „als Aufopferung des Selbstzwecks“ [des universell menschlichen und folglich auch subjektiven Zwecks] „unter einen ganz äußeren Zweck“ [die wahnsinnige, unerbittliche Warenproduktion]. „Daher erscheint einerseits die kindische alte Welt als das Höhere. Andrerseits ist sie es in alledem, wo geschlossne“ [das römische Volk, die athenische Polis] „Gestalt, Form und gegebne Begrenzung gesucht wird. Sie ist“ [da die menschliche Arbeit als Zweck nicht die Produktion, sondern den Menschen selbst setzt] „Befriedigung auf einem bornierten Standpunkt; während das Moderne unbefriedigt lässt oder, wo es in sich befriedigt erscheint, gemein ist.“ (MEW 42, S. 396)

Soll also die entstehende bürgerliche Zivilisation ihren Weg gehen, da sie in der Gesamtentwicklung ihren Platz hat; die Grabinschrift aber, die ihr unsere Doktrin schon in der Wiege mit glühenden Eisen eingebrannt hat, wird sie bis zu ihrem Ende begleiten.

»Bordiga et la Passion du Communisme«
Mit diesem Durchgang leitet Bordiga – so stellt es sich jedenfalls uns dar – zu einer Reihe von Grundsatzreferaten über, in denen die, man muss es so sagen: Verwurzelung der gegenwärtigen Kritik mit der Zukunft (Kommunismus) vollständig herausgearbeitet wird.
Diese Referate – interessanterweise jedoch nicht »Die Lehre der Produktionsweisen ist auf alle Menschenrassen anwendbar« – veröffentlichte Jacques Camatte 1974 unter dem Titel »Bordiga et la Passion du Communisme« (»Bordiga oder die Leidenschaft des Kommunismus«), ergänzt um eine Bibliographie der Schriften Bordigas und einer ausführlichen Einleitung Camattes. Die Einleitung ist nicht übersetzt, aber nach unserem Kenntnisstand enthält es ein Plädoyer für den »kommunistischen Bordiga«, den er gegen den »Partei-Bordiga« und den »Arbeiterbewegungs-Bordiga« abgrenzt. Camatte war in den 50er und 60er Jahren ein aktiver Militanter des französischen Flügels der IKP, brach radikal mit allen Partei-, Organisations- und Aktivismuskonzepten3 und gilt als der wohl wichtigste Renegat der »bordigistischen« oder besser: linkskommunistischen Szene.
Fast alle Texte aus »Bordiga et la Passion du Communisme« liegen mittlerweile in sehr brauchbarer deutscher Übersetzung vor, sodass man sich selbst ein Bild vom »kommunistischen Bordiga« machen kann.4
Hier die Übersicht:

1 Das revolutionäre Programm der kommunistischen Gesellschaft beseitigt jede Form des Eigentums am Boden, an den Produktionsanlagen und an den Produkten der Arbeit (Turin, Juni 1958).

2 Der ursprüngliche Inhalt des kommunistischen Programms besteht in der Annullierung des Individuums als ökonomischem Subjekt, Inhaber von Rechtstiteln und Akteur der Menschheitsgeschichte (Parma, September 1958).

3 Anmerkungen zu den Manuskripten von 1844 (La Spezia, April 1959).

4 Tables Immuables De la Theorie Communiste De Parti.
(Nicht übersetzt. Anmerkung eines Freundes: »… der Text wurde auf der Versammlung in Mailand im Oktober 1959 vorgetragen, bezieht sich auf die Versammlung in La Spezia bzw. die „Anmerkungen zu den Manuskripten“: In diesem „unveränderlichem Tableau“ kommt er noch einmal auf die „Frühschriften“ von 1844 zurück.«)

5 In Jalisco kennt man keine Angst vor dem Tod (Il Programma Comunista, Nr. 23, 15.12.1961).

  1. Das Einganszitat, vielmehr das Fragment, stammt aus der kurzen Abschweifung »In Jalisco kennt man keine Angst vor dem Tod« von 1961. Dass er den Kommunismus als »wisschenschaftliche Gewissheit« bezeichnet erscheint uns regelrecht frivol. Gewissheit meint aber nicht: Notwendigkeit. Die Gewissheit entspringt dem Kampf und der Selbstbefreiungsbewegung des Proletariats und seiner Organe, die sich auf den Kommunismus ausrichten. Oder anders gesagt:
    »… die genaue marxistische Formulierung ist nicht: Eines Tages wird das Proletariat die Macht ergreifen, das kapitalistische Gesellschaftssystem zerstören und die kommunistische Wirtschaft aufbauen, sondern: Nur durch seine Organisation zur Klasse, also zur politischen Partei, und die bewaffnete Errichtung seiner Diktatur wird das Proletariat die kapitalistische Wirtschaft und das kapitalistische Machtgefüge zerstören können und eine nicht-kapitalistische und nicht-marktwirtschaftliche Ökonomie ermöglichen.
    Wissenschaftlich können wir ein anderes Ende der kapitalistischen Gesellschaft nicht ausschließen – wie zum Beispiel eine Rückkehr zur Barbarei, eine durch Kriege ausgelöste globale Katastrophe, die etwa die pathologische Degenerierung der Menschengattung mit sich brächte (die Blinden und die zur radioaktiven Zersetzung ihres Gewebes Verdammten in Hiroshima und Nagasaki gemahnen daran), oder andere heute nicht vorhersehbare Zustände.« (Bordiga, Richtlinien zur Wiederherstellung der marxistischen Lehre, 1946) [zurück]
  2. Die Erläuterungen und Einschübe Bordigas sind auch im Original in Klammern gesetzt, von uns aber zusätzlich gefettet, um vielleicht eine bessere Lesbarkeit zu ermöglichen. Die Überschrift stammt von Bordiga, resp. von den Redakteuren von Il Programma Comunista, wo das Referat in schriftlicher Form erstmals erschien. [zurück]
  3. Zu Camattes Bruch mit der Parteiform – deren feuriger Apologet er einst war – siehe diesen Eintrag. [zurück]
  4. Camattes Einleitung wird wohl auch in Zukunft nicht übersetzt werden können. Dafür wird aber eine ausführlichere Kritik dieser Einleitung demnächst in deutscher Sprache publiziert. [zurück]

Ohne andre Leute nachzuahmen

Es gibt eine Menge, was der landläufigen Meinung nach gegen eine Beschäftigung mit Amadeo Bordiga1 spricht. Die üblichen Diffamierungen beiseite gelassen, die deswegen interessant sind, weil sie sich so krass widersprechen, lassen sich folgende Vorbehalte aufzählen: »die Sache mit dem Antifaschismus«, die unbedingte (sic!) Parteinahme für Lenin, die Reduktion politischer Aktivität auf die Erhaltung des kommunistisches Programms, die Theorie von der kommunistischen Partei als zentralem Element der Rekonstruktion marxistischer Orthodoxie, schließlich die Invarianz – d.i. Unverrückbarkeit all dieser erwähnten Prinzipien.
Das Invarianz-Postulat dürfe wohl das größte Befremden auslösen. Das schmeckt nach der Halsstarrigkeit eines Unverbesserlichen (so ist es ja auch), und das will sich niemand nachsagen lassen, heutzutage ist selbst die kühnste Linksradikale ein gefallsüchtiger (provokanter, origineller, subversiver) Mensch.
Die entscheidende Passage bei Bordiga lautet:

Eine neue Doktrin kann nicht zu einem x-beliebigen historischen Zeitpunkt auftauchen. Im Gegenteil: Es gibt bestimmte und genau charakterisierte – und auch höchst seltene – Epochen der Geschichte, in denen sie als blendender Lichtkegel auftauchen kann. Hat man den entscheidenden Augenblick nicht erkannt und das alles erhellende Licht nicht erblickt, wird man vergeblich zu den Kerzenstummeln greifen, mit denen pedantische Akademiker oder von ihrer Sache nicht überzeugte Kämpfer sich den Weg zu bahnen suchen.
Für das moderne, zuerst in den Ländern mit großer kapitalistischer, industrieller Entwicklung entstandene Proletariat wurde die Finsternis kurz vor Mitte des vorigen Jahrhunderts zerrissen. Die in sich geschlossene Doktrin, an der wir festhalten, festhalten müssen und festhalten wollen, hatte damals alle Daten zur Verfügung, um entstehen zu können und den Verlauf von Jahrhunderten zu zeichnen, in denen sie bekräftigt und nach gewaltigen Kämpfen bestätigt werden muss. Entweder bleibt diese Position gültig oder die Doktrin wird sich als falsch und die Behauptung des Auftretens einer neuen Klasse mit eigenem Charakter, eigenem Programm und eigener revolutionärer Funktion in der Geschichte wird sich als hohl erwiesen haben. Wer also daran geht, Teile, Thesen, wesentliche Abschnitte des marxistischen »Korpus« – seit ca. einem Jahrhundert unser »Vermögen« – auszuwechseln, zerstört dessen Kraft noch mehr als der Verneiner, der den Marxismus als Ganzes zu einer Missgeburt erklärt. (6.9.1952)

Eigentlich reicht das an Aufklärung, und wer es noch genauer lesen will, möge sich im vollständiger werdenden deutschsprachigen Textarchiv bedienen. Wer Bordiga aber weiterhin das Festhalten an vermeintlich starren Prinzipien vorwirft, dem sei folgende Denksportaufgabe gestellt: Hat sich irgendjemand darüber aufgeregt, dass die jungen Leute seit einigen Jahren wieder in KAPITAL-Kurse strömen, die dezidiert dem Leitbild folgen, das Buch und NUR das Buch zu lesen und alle Fragen der »Aktualisierung« außen vor zu lassen? Ein aparter Widerspruch, einerseits dem alten Kommunisten die Invarianz seiner Theorie vorzuwerfen, andererseits von der puren, unverfälschten KAPITAL-Lektüre zu schwärmen. Und hat man sich eigentlich mal gefragt, warum die Stücke von Shakespeare nicht altern und uns Herman Melville bis auf den Grund unserer, naja, Seele durchschaut hat?

Franz Baermann Steiner, ein beunruhigender, anregender Denker, gerade weil er nicht gefallsüchtig ist, nicht provokant, nicht originell und schon gar nicht subversiv – und der allein aus dieser Haltung ein entfernter Verwandter Bordigas ist –, hat die Notwendigkeit der Orthodoxie einmal so verteidigt (und das Schlimmste an Stalin war die schöpferische Anwendung des Marxismus):

Die borniertesten Lebensvorschriften und Gesetze geben Freiheit insofern, als sie dem Menschen es ermöglichen, sich einzuordnen, ohne andre Leute nachzuahmen. Erst die Zerstörung jeder Orthodoxie ermöglicht das Massenbewusstsein, wie wir es heute kennen, mit seiner aus Nachäfferei entstandenen ängstlichen, klebrigen Kohäsion.2

  1. B. wird hier pars pro toto nehmen, weil die Formulierung »… jener Minderheit italienischer und dann später auch französischer Kommunistinnen und Kommunisten, die unter widrigsten Umständen die Unbeugsamkeit der Marx’schen Theorie durchgehalten haben« auf die Dauer dann doch zu sperrig und Bordiga nun mal die Reizfigur schlechthin ist: Wer sich in »Szene«-Kreisen als Sympathisantin des sog. Linkskommunismus outet, wird nett getätschelt; wer daran im Anschluss seine Sympathie auf die gründliche Lektüre der Schriften Bordigas, Ottorino Perrones oder Onorato Damens zurückführt, nicht für voll genommen. Jammern nützt aber nix, verstecken auch nicht. Also sprechen wir es aus. [zurück]
  2. Ja, ein Verwandter, indeed. Siehe diese Stelle bei Bordiga (Schlusspassagen!):
    Und das macht es unserer [kommunistischen, Anm. Ofenschlot] Bewegung erst recht zur Pflicht, sich auf den Boden eines unverletzlichen Korpus theoretischer und programmatischer Schriften zu stellen; innerhalb der politischen Klassenorganisation muss dieser Korpus angesichts der schrecklichen Anforderungen des langwierigen Kampfes eine Form von Gehorsam und Disziplin verlangen, die keine Ausnahme zulässt.
    Doch wäre jede organisatorische Disziplin steril und leblos, wenn ihre Grundlage nicht das strenge theoretische Regelwerk wäre. Erstere läuft Gefahr, als Unterwerfung gegenüber einer Person verhöhnt zu werden, deren Fall nach kurzem Aufstieg um so tiefer sein wird; Letzteres hingegen lässt sich nicht als läppische Verehrung eines Namens oder einer Person abtun, sondern muss sich auf einen geschriebenen Text beziehen. Auch wenn dieser ein bescheideneres Aussehen als die alten Schriftrollen oder monumentalen Gesetzestafeln hat, besteht sein Größe doch darin, ein nicht dem Individuum, sondern der kämpfenden Gemeinschaft angehörendes Potenzial auszudrücken, das Potenzial einer Klassenarmee, die durch unsere Bewegung und erstmals im Verlauf der Jahrhunderte – aufgrund eben der Tatsache, dass das Vermächtnis jenes Glaubens eifersüchtig gehütet wird – das wirklich aufgeklärte Gattungswissen in sich selbst erkennt, das erst in einer nicht in Klassen gespaltenen Gesellschaft möglich sein wird.

    [zurück]