Archiv der Kategorie 'MG-Kritik'

Pfreundschuh contra MG III: » Es geht also nicht um die Entwicklung des Klassenkampfs zur Aufhebung der Klassenkämpfe, sondern um einen Willen, gegen die Klassenmisere anzutreten, weil offensichtlich diese Misere selbst keinen Grund zur Änderung der Gesellschaft enthält!«

Wolfram Pfreundschuh IV

Aus: Wolfram Pfreundschuh, »Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft« (München 1979), Fußnote 41, im PDF (zu beziehen über kulturkritik.net) auf den Seiten 95ff. zu finden, in der Buchfassung auf den Seiten 104 ff.

In der Marx-Rezeption wird – wenn auch nicht ausgesprochen – gerade dies meist übersehen oder übergangen, was das wichtigste der Ökonomie überhaupt darstellt: Der Unterschied von nützlicher Arbeit und ihrem Dasein als gesellschaftliche Arbeit resultiert erst aus dem Warenverhältnis. Dieser Unterschied ist Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen Form, in welcher die Menschen verkehren. Wer diese Form nicht erkennt, schaut sie immer vom Standpunkt seiner Wahrnehmung aus an und ordnet die Nützlichkeit der Ware seiner Individualität unbenommen als Gebrauchswert auf der einen Seite zu, in welchem ihm kein Deut fremd erscheint, und er beliebt es, die Gesellschaftlichkeit der Ware als ihm Fremdes, als Tauschwert zu denunzieren. Die Erkenntnis, daß der Gebrauchswert die Form des Tauschwerts hat, also mit ihm wesentlich identisch ist und lediglich die individuelle Seite dieser Gesellschaftsform darstellt, verbirgt ihm den Blick für die objektive Getrenntheit einer Gesellschaft als Verkehrsverhältnis und befriedigt sein bequemes Bedürfnis, sich im Gegensatz zur Gesellschaft zu bewahren. Die meisten Rezeptionen dieses Kapitels beginnen daher mit der Unterstellung eines natürlichen Gebrauchswerts, der als Träger des Tauschwerts verfälscht wird, bzw. zum objektiven Problem oder Zwang einer Vermittlung wird. So, als hätte Marx in seiner Formulierung, daß es immer nützliche Arbeit gibt und immer nützliche Gegenstände, daher auch Gebrauchswerte immer stofflicher Inhalt des Reichtums sind, gesagt, daß der Gebrauchswert in dieser übergeschichtlichen Tatsache getrennt von der Form dieser Gesellschaft existiert. Wie schon in einer Fußnote zuvor erwähnt, hat die AK (heute: Marxistische Gruppen) dadurch, daß sie die Trennung von nützlicher Arbeit und gesellschaftlicher Arbeit bereits als Form dem Buch vorausgesetzt unterstellt, auch die gigantische Einsicht gewonnen, daß erst im Wert die Arbeit gesellschaftlich existiert. Für sie ist der Gebrauchswert eine Naturtatsache, die lediglich an der Ware klebt: »Objektiv, unabhängig von ihrer Beziehung auf das menschliche Bedürfnis, reduziert sich der erste Faktor der Ware (der Gebrauchswert) auf die Bestimmung eines natürlichen Gegenstands. Damit ist auch klargestellt, daß Gebrauchswert zu sein, kein Spezifikum der kapitalistischen Ökonomie darstellt.« (Resultate der Arbeitskonferenz Nr. 1/74, S. 54). Dieser Trennung folgt sie in der ganzen Rezeption des Kapitals, so daß sie erstens drauf kommt, daß die Natur wie auch die Naturwissenschaft unbenommen für sich existiert, in der bürgerlichen Gesellschaft also selbst keinen bürgerlichen Gehalt hat und zweitens allein die Fortpflanzung des Werts als Form ohne jeglichen wirklichen Gehalt zum Kapital bringt. Objektiv ist also für die AK ein natürlicher Gegenstand, d.h. keine Verobjektivierung des Menschen, keine menschliche Objektivität. Objektiv ist das allseitige Gleichbleiben, das übergeschichtliche Wesen einer dargestellten Geschichte außerhalb von Menschen. Wem dies objektiv ist, der hat keine menschliche Objektivität und kann deshalb auch kein Subjekt darin erkennen. Er kann nur Objektivität selbst sagen als von ihm Getrenntes und muß das Subjekt letztlich in seiner Irrtümlichkeit als Mensch kritisieren.

So entlarvt sich eine solche Objektivität im Aufklärungsinteresse der AK über die Welt, zu der sie keinen Menschen weiß, sondern umgekehrt die Menschen zu einem Willen agitieren will, der sich gegen diese Welt stellt wie ein Philosoph gegen die Wirklichkeit.

(Inzwischen formuliert die MG selbst, daß sie es als die “einzige Aufgabe marxistischer Theorie“ hält, bei den Lohnarbeitern „Agitation für den Willen zu betreiben, die Gründe ihrer Klassenmisere zu beseitigen.“ [Flugblatt zur Galerie großer Geister]. Es geht also nicht um die Entwicklung des Klassenkampfs zur Aufhebung der Klassenkämpfe, sondern um einen Willen, gegen die Klassenmisere anzutreten, weil offensichtlich diese Misere selbst keinen Grund zur Änderung der Gesellschaft enthält!).

So wie für diese Leute die Gegenstände als natürliche Dinge da sind und erst der Wert eine Gesellschaftlichkeit erzeugt ( die Gleichheit der Waren “als Werte kennzeichnet sie als Produkte“ – ebenda S. 58) haben sie in diesem fundamentalen Mißverständnis der Marxschen Theorie den Kapitalismus auch nur als überkommenes Bewußtsein zu beseitigen. Für diese Leute ist die Form dieser Gesellschaft ein falscher Gedanke, der durch den Willen aufgehoben wird, die Welt zu ändern. Dem hatte bereits Marx 1844 entgegengehalten:
»Um den Gedanken des Privateigentums aufzuheben, dazu reicht der gedachte Kommunismus vollständig aus.« (MEW EB I, S. 553).

Aber gerade von daher, daß die MG den Kapitalismus als ein Problem des Geistes ansieht, hat sie auf die „frühen Werke“ von Marx verzichten müssen, denn dort wird die bürgerliche Gesellschaft ausdrücklich als Sinnesform und Zustand von Menschen gesehen. Da das Kapital aber die objektive Ausführung dieses Selbstverständnisses ist, hätte die MG aber Probleme mit ihrem Verhältnis zu Marx bekommen müssen. Um also nicht ihren Verstand ändern zu müssen, haben sie eine Trennung des jungen und des alten Marx dadurch erzeugt, daß sie dem „Jungen“ philosophistischen Unverstand unterschoben:

»Dieser hatte, als er noch der junge Marx war, die Verwirklichung der Philosophie als sein Anliegen formuliert und später, als er sich des philosophischen Weitblicks entledigt hatte und von einem unhaltbaren ökonomischen Standpunkt aus die Welt in Grund und Boden verdammte, (das soll ein Witz sein!) die These vom Ende der Philosophie aufgestellt.« (Aus einem Flugblatt der MSZ an der Uni München).

Wir werden gerade an dieser Stelle zeigen, wie elementar das Naturverständnis von Marx in die Kritik der politischen Ökonomie eingeht, wie er das in den „Frühschriften“ dargestellte Naturverständnis im Kapital verwirklicht, indem er den Doppelcharakter der Arbeit wirklich und tatsächlich als Doppelcharakter der Ware selbst beweist und diesen “Springpunkt … im Verständnis der politischen Ökonomie“ als Triebkraft der Entwicklung des Kapitalismus und damit als Dasein wirklich gegenwärtiger Naturgeschichte des Menschen, also wirkliches Dasein der Natur in den Verhältnissen, welche Menschen ökonomisch eingehen, beweist. Gerade deshalb kommt er in diesem Punkt auf das Dasein nützlicher Arbeit als Gehalt der gesellschaftlichen Arbeit, wenn sie auch am Individuum selbst verbleibt. Ihm ging es niemals um die Konfrontation des Individuums als Individuum zur Gesellschaft, sondern um die Darstellung der Gesellschaft, wie sie im Individuum und im Verkehr zugleich erscheint: Der geschichtliche Stand des Menschen als Individuum und Gesellschaft in einem.

»Es ist vor allem zu vermeiden, die Gesellschaft wieder als Abstraktion dem Individuum gegenüber zu fixieren. Das Individuum ist das gesellschaftliche Wesen. Seine Lebensäußerung – erscheine sie auch nicht in der unmittelbaren Form einer gemeinschaftlichen, mit andern zugleich vollbrachten Lebensäußerung – ist daher eine Äußerung und Bestätigung des gesellschaftlichen Lebens. Das individuelle und das Gattungsleben des Menschen sind nicht verschieden, so sehr auch – und dies notwendig – die Daseinsweise des individuellen Lebens eine mehr besondere oder mehr allgemeine Weise des Gattungslebens ist, oder je mehr das Gattungsleben ein mehr besonderes oder allgemeines individuelles Leben ist«“ (MEW EB I, S. 538f ).

Pfreundschuh contra MG II: »Solche Vorzimmerphilosophen, die das Verhältnis der Menschen allein als Willensverhältnis sehen, also nicht als sinnlich wirkliches Verhältnis, sondern als einzig gewolltes Verhältnis, sind immer die größten Moralisten ihrer Zeit gewesen.«

Wolfram Pfreundschuh (III)

Aus: Wolfram Pfreundschuh, »Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft« (München 1979), Fußnote 36, im PDF (zu beziehen über kulturkritik.net) auf den Seiten 76-79 zu finden, in der Buchfassung auf den Seiten 82 ff.

Die Ableitung des Werts im Kapital ist überhaupt nur in dem Zusammenhang begriffen, wo das Warenverhältnis als Form des Reichtums mitgedacht wird und daher auch die Herkunft der Ware in ihrer menschlichen Substanz als bestimmte Form menschlichen Reichtums mitgedacht wird. Wer allein den Austausch selbst anstiert, wer also keinen Grund hat, das Austauschverhältnis als Ganzes zu denken, der wird sich immer schwer tun, den Wert als geschichtlichen und wirklichen Gehalt des bestehenden Reichtums zu begreifen. Meist ist dieser Kategorie das widerfahren, was die jeweiligen Löser zu ihrem eigenen Interesse verstanden haben.

Da gibt es z.B. eine Gruppe, die ihre Arbeit bisher als Konferenz aufgefaßt hatte, die AK-Fraktion München, und inzwischen irrtümlicherweise Marxistische Gruppe heißt. Die meint inzwischen, daß der Kapitalismus sich deshalb erhält, weil er auf einem falschen Bewußtsein gründet und man deshalb als Marxist die vornehme Aufgabe hätte, das Bewußtsein der Menschen zu ändern. Denen erscheint das Kapital auch als eine pure Gedankenabstraktion, die sich über einen an und für sich wahren Organismus der Arbeit stülpt. Für diese Leute ist der Gebrauchswert zunächst vollständig unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen der Menschen und reduziert sich “auf die Bestimmung eines natürlichen Gegenstandes.“ (Resultate der Arbeitskonferenz 1/74, S. 54). So stellt für die AK der Gebrauchswert nicht menschlichen Reichtum, sondern “ein Verhältnis der Gesellschaft zur Natur vor, dessen Eigenarten sich nicht aus der qualitativen und quantitativen Bestimmtheit der Natur als Gegenstand menschlicher Bedürfnisse ableiten. Diese Gesellschaft unterstellt die Natur als Objekt des Nutzens, läßt sich aber von deren Beschaffenheit nicht ihre ökonomischen Gesetze vorschreiben.“ (ebenda, S. 55)

Für die MG (Marxistische Gruppe) ist der Schein des Kapitalismus von vorneherein da: Es ist die Nichtentsprechung einer Gesellschaft gegenüber den Naturgesetzen. Demnach gibt es für diese Naturhandwerker auch keine in der Gesellschaft selbst stattfindende und daher in der Gesellschaft aufzuhebende Verkehrung des menschlichen Lebens, sondern allein ein falsches Bewußtsein der Menschen, das sie davon fernhält, dem Naturgesetz zu folgen. In dieser Naturkunde haben sie den Gehalt des menschlichen Reichtums und auch die menschliche Natur selbst abgetrennt von dem Dasein der Dinge, und haben erst nach dieser Abtrennung eine objektive und jetzt erst gesellschaftliche und gegenständliche Eigenschaft an den Waren gefunden: den Wert. Dieser bedeutet ihnen, daß jetzt, nachdem die Waren als natürliche Gegenstände vom Himmel gefallen waren, sie im Wert gesellschaftsfähig geworden sind: “Die als Maß füreinander fungierenden Gebrauchswerte müssen (!) neben ihren natürlichen Qualitäten, die als Grundlage für die Gleichsetzung ausscheiden (!), noch eine nichtnatürliche Eigenschaft besitzen, eine Eigenschaft, die sie zu Waren macht. Als ihre objektive Eigenschaft kommt sie den Warenkörpern als natürlich bestimmten Gegenständen zugleich nicht zu. Im Wertsein ist somit die unmittelbare Objektivität des Warenkörpers negiert; was in der Form einer gegenständlichen Eigenschaft an ihm existiert, ist seinem Inhalt nach etwas Nichtgegenständliches. Durch ihre zweite, aus dem Austauschverhältnis erschlossene Bestimmung, durch ihre Wertgegenständlichkeit charakterisiert sich die Ware als dingliches Resultat eines Prozesses (!); sie ist Resultat einer Vermittlung, in welcher natürliche und gesellschaftliche Tätigkeit in Einheit sind.“ (ebenda, S. 57)

Das Problem mit der Natur liegt hier auf der Hand: die natürliche Eigenschaft und die nichtnatürliche Eigenschaft der Waren wurden flugs zu “einer Vermittlung, in welcher natürliche und gesellschaftliche Tätigkeit in Einheit sind“. Zugleich aber entstand diese Gesellschaftlichkeit allein aus dem Wertsein der Waren, und so müßte sich die AK ihres Dilemmas bewußt werden, wie sie sich gesellschaftlich überhaupt verstehen kann, wo sie sich doch dann allein in einer Abstraktion überhaupt befände. So ist die Natur als „unmittelbare Objektivität des Warenkörpers“ in einen Gegensatz zur gesellschaftlichen Objektivität geraten, daß man mit der Bekämpfung des Werts zugleich die Gesellschaftlichkeit der Menschen im gegebenen Zusammenhang als solche bekämpfen muß. Im Hintergrund steht allein die natürliche Gesellschaft oder die Gesellschaft der Natur, die Gesellschaft von Naturdeterminanten. Diese natürliche Gegenständlichkeit der Dinge auf der einen Seite und ihr Dasein als Arbeitsprodukt auf der anderen Seite, durch welches die Dinge Wertdinge überhaupt nur sein können, bringt diese Leute dazu, die Arbeit überhaupt als Mangel aufzufassen, als natürliche Not, deren Überwindung im gleichen Maß angestrebt wird wie die Überwindung des Kapitalismus. Sie können überhaupt nur den Wert als Abstraktion ansehen, die man im Bewußtsein in dieser Gesellschaft macht, nicht als das Lebensverhältnis, wovon im Wert wirklich abstrahiert ist. So gründet sich ihr Verhalten auch nur in der Entgegensetzung zum Wert und damit in der Ausschließung wirklichen Lebens, das im Wert ebenso wirklich aufgehoben wird. Ihnen ist letztlich der Kapitalismus eine unwahre, weil abstrakte Tatsache, dessen einfachster widersprüchlicher Gehalt als Lebensprozeß der Menschen ihnen noch nicht gewahr geworden ist. Als Kritiker des Bewußtseins können sie auch keine gegenwärtigen Kämpfe als wirkliche geschichtsbildende Prozesse ansehen – weder Klassenkämpfe, wo sie auftreten, als Ausdruck einer wirklichen menschlichen Bewegung begreifen, noch, wo sie nicht auftreten, dies als Zustand einer unmenschlichen Bewegung ansehen; – es geht diesen Leuten darum, den Menschen “durch die Erklärung ihrer Lage jede Illusion auszutreiben, praktische Kritik ihres falschen Bewußtseins zu üben, … also Agitation für den Willen zu betreiben, die Gründe ihrer Klassenmisere zu beseitigen.“ (Aus einem Flugblatt zur Galerie großer Geister). Man sieht: Wo die Natur spricht, da weiß man auch, wo das falsche Bewußtsein steht. So gehen die Leute in Betriebe mit der Absicht die Arbeiter zu kritisieren, denn diese sind deshalb Arbeiter, weil sie sich den bürgerlichen Produktionsprozeß „zu ihrem Willen gemacht haben“. Solche Vorzimmerphilosophen, die das Verhältnis der Menschen allein als Willensverhältnis sehen, also nicht als sinnlich wirkliches Verhältnis, sondern als einzig gewolltes Verhältnis, sind immer die größten Moralisten ihrer Zeit gewesen. Unfähig, die Welt als gegenwärtigen Prozeß von Menschen zu fassen, werden die Menschen als unfähig zum philosophischen Willen gefaßt. Unfähig, die Illusionen der Menschen als Zustände zu fassen, worin sie den Menschen nötig werden, werfen sie den Menschen deren Illusionen als Willenlosigkeit zu der im Bewußtsein behaupteten Notwendigkeit der Änderung dieser Gesellschaft vor. “Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzuheben, ist die Forderung, einen Zustand aufzuheben, der Illusionen bedarf.“ (MEW l, S. 379) Indem die MG diese Forderung aber als Forderung des Bewußtseins anträgt, verlangt sie, das Bestehende als willentlich überwindbar, also als in Wirklichkeit nicht Bestehendes anzusehen:„Die Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h., es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen“ (MEW 3, S. 20). Was Marx gerade überwunden hatte, indem er die Philosophie kritisierte, ist in der AK von hinten her wieder entstanden. Man würde sich wundern müssen, wenn solche Leute nicht wieder auf Hegel zurückkommen, denn der hat ja wohl am besten diese Theorie ausgeführt. (…)

Pfreundschuh contra MG I: »Sie sieht nicht die Kraft der Änderung dieser Welt in dieser Welt, sondern nur in ihren Parolen, in ihren Wahrheiten.«

Wolfram Pfreundschuh (II)

Aus: Wolfram Pfreundschuh, »Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft« (München 1979), Fußnote 58, im PDF (zu beziehen über www.kulturkritik.net) auf den Seiten 191-193 zu finden, in der Buchfassung auf den Seiten 219-222.

Die sog. Marxistischen Gruppen (ehemals AK-Fraktion) haben die Philosophie gerade in der Weise ad acta gelegt, wie die von Marx kritisierte “Praktische Politische Partei in Deutschland“ (MEW l, S. 384), welche die Negation der Philosophie fordert. Schnell wie ein Windhund stellen sie fest, daß die Frühschriften von Marx ein idealistisches Gefasel seien (in einem Flugblatt: “In seinen Frühschriften wollte Marx noch die Philosophie verwirklichen.“) und rechnen es ihm als Fehler an, daß er aus der Philosophie heraus zur Theorie über das bestehende Leben gekommen ist. Seine Vergangenheit ist sein Fehler, seine Gegenwart wird in der Weise genutzt, wie ihn die AK (MG) im Kapital begreift; und da begreift sie nicht viel. Wir haben bewiesen, daß sie gerade in der Denunzierung der Marxschen Philosophiekritik und in der Denunzierung seines Anliegens, aus der Philosophie heraus die Waffe der Kritik zu schmieden, notwendig die im Kapital dargestellten Kategorien falsch und, wie wir später noch zeigen werden, absurd begreifen: Gesellschaft fängt für sie an, wo Objektivität beginnt, wo also die Subjekte schon tatsächlich verschwunden sind. Gesellschaft ist für die AK nichts Subjektives, kann also auch kein Subjektwerden des Menschen heißen, sondern nur die Vernichtung der objektiven Falschheit dieser Welt bedeuten. Für sie ist „die Wahrheit das Mittel des Kommunisten“, und so handwerkt sie an der bestehenden Gesellschaft nach ihren eigenen Vorstellungen herum. Sie sieht nicht die Kraft der Änderung dieser Welt in dieser Welt, sondern nur in ihren Parolen, in ihren Wahrheiten:

»Wer ausspricht, die Wirklichkeit der kapitalistischen Ausbeutung, nicht die wissenschaftliche Analyse begründet die politische Praxis, setzt die Realität in Gegensatz zu ihrer wissenschaftlichen Erkenntnis, was nur heißen kann, daß sich solche Praxis von den unbegriffenen Resultaten kapitalistischer Praxis leiten läßt. Wenn die wirkliche gesellschaftliche Bewegung die Grundlage von Politik ist, dann als erkannte, nicht in der Weise, wie sie der unmittelbaren Erfahrung erscheint.« (Resultate der Arbeitskonferenz Nr. 1/74, S. 6).

Welch ein Widersinn! Die AK produziert einen Gegensatz von Wirklichkeit und wissenschaftlicher Analyse, und wirft diesen Gegensatz ihren Gegnern vor, welche, wenn sie von der Realität ausgehen, folgerichtig unbegriffen handeln müssen (weil wohl die Realität keinen Begriff hat!?). So kokettieren sie in diesem Vorwurf gegenüber Menschen, welche in der kapitalistischen Ausbeutung ihren Widerstand begründen, zum Gegensatz ihres (der MG) Ausgangspunktes: “Kommunistische Politik ist Resultat wissenschaftlicher Einsicht in das Kapitalverhältnis.“ (ebd.).Weil sich die AK als Politik der Welt entgegensetzt, greift sie den an, der seine politische Praxis auf der „Wirklichkeit der kapitalistischen Ausbeutung“ gründet, weil sie diese Praxis selbst von sich ausgestoßen hat. Demnach geht es der AK um „die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft“, nicht aus praktischen Gründen, nicht aus der wirklichen Negation des Menschen (das war ja Philosophie), sondern als eine Zielsetzung, welche angeblich “Marx aus der wissenschaftlichen Erkenntnis des Kapitalismus, mithin aus dem Charakter (!) dieser Gesellschaft selbst begründet.“ (ebd.). So macht die AK gerade nur Politik, weil sie die Politik zur Realität erhebt und wirft andern, welche in der Realität ihr Leben begreifen müssen, “die Konstruktion des Gegensatzes von Wissenschaft und Wirklichkeit“ vor. Diese wird zum Verräter an Marx, denn sie “verrät…die Marxsche Einsicht in die Differenz von Erscheinung und Wesen, durch die die Wirklichkeit charakterisiert ist, und propagiert darüber hinaus noch eine Handlungsweise, welche nach Marx einem Zustand angehört, in der die Menschen ihre Geschichte ohne Bewußtsein machen.“ (ebd.). Ei der daus! Wer keine Politik macht, wer also nicht von seinem wirklichen Leben absieht, in welchem die Anlagen jeglicher Veränderung stecken, der ist ein Bürger. Das Bürgerliche der MG steckt aber gerade darin, daß sie nicht die wirklichen Gehalte diskutieren, welche die bestehende Geschichte ausmachen, sondern sich mit ihrer Wissenschaft darüber erheben zu einer Forderung des Bewußtseins, zur Aufklärung der Menschen über ihre Dummheit und zum moralischen Aufschwung zu einem überparteilichen Standpunkt (“Parteilichkeit, die nicht aus wissenschaftlicher Einsicht resultiert, ist nur dumm und moralisch, nicht aber revolutionär.“ – ebd., S. 7).

Man muß der AK dasselbe wie der politischen Partei vorhalten: »Sie glaubt, jene Negation (der Philosophie) dadurch zu vollbringen, daß sie der Philosophie den Rücken kehrt und abgewandten Hauptes – einige ärgerliche und banale Phrasen über sie hermurmelt. Die Beschränktheit ihres Gesichtskreises zählt die Philosophie nicht ebenfalls in den Bering (Umkreis – Verf.) der deutschen Wirklichkeit oder wähnt sie gar unter der deutschen Praxis und den ihr dienenden Theorien.« (MEW l, S. 384). Wir werden die philosophische Entwicklung der MG weiter verfolgen, denn sie hat keine andere Zukunft als das, was sie leugnet: Absolute Philosophie.
Da sie keine wirkliche Kritik an der bestehenden Gesellschaft hat, kann sie sich nur moralisch fordernd gegen die Menschen dieser Welt und gegen die Welt verhalten; sie wird gezwungen sein, Gegentheorien zu entwickeln, wie dies seit einigen hundert Jahren die Philosophen immer getan haben. Sie wird aber keinen wirklichen Kampf in dieser Welt aufzugreifen verstehen, weil sie ihn gar nicht begreifen kann. Ihr werden dafür umso mehr theoretische Kämpfe blühen und sie wird sich in der Unendlichkeit dieser Kämpfe wohl noch ein langes Leben versprechen können. Da sie nicht an ihrem Untergang als politische Gruppe dieser Welt interessiert sein kann, wird sie dem Kapitalismus dankbar sein für die vielen Kämpfe, welche ihr immer wieder ihre Selbstbestätigung als wissenschaftliches Haupt möglich machen. Sie werden sicherlich noch ein langes Leben als Pfaffen des Marxismus zu führen verstehen.

[Anmerkung Ofenschlot: Zur Einführung in den Komplex siehe hier.
Es folgen noch zwei Exkurse, die systematisch der Fußnote 58 vorangehen. Weil diese aber einen allgemeinen, resümierenden Charakter hat, passt sie auch sehr gut als Auftakt von Pfreundschuhs MG-Kritik.
Die zitierten Resultate der Arbeitskonferenz finden sich im Download-Bereich von Neoprene.]

Wolfram Pfreundschuh (I)

Zur Einführung.
In den nächsten Tagen wird auf diesem Blog eine bemerkenswerte, heute noch (bzw. wieder) ebenso aktuelle wie grundsätzliche Kritik an den Roten Zellen/AK-Fraktion resp. der Marxistischen Gruppe dokumentiert.
Verfasser dieser Kritik ist Wolfram Pfreundschuh.
Die größten Kritiker der Elche waren bekanntlich früher selber welche, und so verrät die (selbstverfasste) Kurzbiographie Pfreundschuhs, dass er, über den Umweg des SPK, des Sozialistischen Patientenkollektivs, zu den Münchnern Roten Zellen gestoßen ist und auch den Sprung zur »Arbeitskonferenz-Fraktion« der RZ, das ist die MG-Vorläuferorganisation im eigentlichen Sinn, mitgemacht hat. Pfreundschuh studierte zu Beginn der 70er Jahre in München Psychologie, arbeitete im AK-dominierten AStA und an der von der AK-Fraktion geleisteten Bildungsarbeit »Sozialistisches Studium« mit. Zeitgleich war er in der anti-psychatrischen Bewegung tätig.
Mitte der 70er Jahre schied Pfreundschuh im Streit aus der AK-Fraktion aus. Diesen Streit resümiert er in drei umfangreichen Exkursen (verpackt in Fußnoten) seiner erschöpfenden Marx-Exegese »Der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft«, die 1979 als »Grundlagentext der Arbeitsgruppe Psychologie« erschien. Eben diese Exkurse werden demnächst hier dokumentiert.
Laut Pfreundschuh gab es in der AK-Fraktion resp. im Umfeld einen Streit zur, wie er es nennt, »Identitätsfrage der Intellektuellen«: »Folgen sie einem eigenem geistigen (oder kulturellen) Interesse, einem „Schmerz der Erkenntnis“, also einem Leiden, auch wenn es geistiger Natur ist, wenn sie sich gegen die bürgerliche Gesellschaft wenden oder folgen sie einem bloßen Aufklärungsinteresse an ihrer Falschheit, die sie politisch zu vermitteln haben (Kritik des falschen Bewusstseins als Kritik falscher Bedürfnisse an den herrschenden Verhältnissen, bloße Kritik des Warenfetischismus).« Pfreundschuh »hielt die Trennung von beidem selbst für falsch und hatte daher (…) mich von der damals bestehenden Marxrezeption, insbesondere ihrem Kultur- und Staatsverständnis abgewandt.«
Pfreundschuh ist der kommunistischen Kritik nicht verloren gegangen, er betreibt seit geraumer Zeit die liebenswert unübersichtliche und mit Texten nachgerade voll gestopfte Webpage www.kulturkritik.net, verfolgt dort das Großprojekt eines kulturkritischen Lexikons, mischt sich in Debatten ein, dokumentiert auch seine Radiosendungen auf Radio Lora. An dieser Stelle also eine ausdrückliche Empfehlung, diese Seite einmal aufzusuchen.
Mehr zu Pfreundschuh findet sich hier (runterscrollen und dann auf den Namen Pfreundschuh klicken).
Die Arbeit »Der Reichtum der Gesellschaft« ist hier nachzulesen. Allerdings kommt diese Version ohne Fußnoten daher! Eine Druckversion ist noch (?) nicht abrufbar. Man kann, wie der Autor dieses Blogs es vor Jahren getan hat, bei Pfreundschuh direkt ein PDF anfordern, da sind die Exkurse dabei. Ab und zu taucht ein Exemplar der Schrift in gut geführten Antiquariaten auf. Ihre Stoßrichtung dieser Schrift charakterisiert Pfreundschuh wie folgt:

»Ein wesentliches Missverständnis in der Marxrezeption liegt nach Auffassung des Autors in der Reduktion des Marxismus auf einen platten, d.h. nur formellen Ökonomismus, der sich weitgehend mit dem Erkenntnisinteresse der Strukturalismus deckt. Hier wird eine Diskussion über die ökonomischen Schriften von Karl Marx, am ersten Kapitel des Kapitals geführt, bei der die darin verarbeiteten Inhalte der Philosophiekritik der sogenannten Frühschriften hervorgehoben ist. Ohne diese wird ein marxistisches Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft nicht vollständig sein. Es sind somit Aussagen entstanden, die nicht nur auf die Theorie des Marxismus überhaupt grundsätzlich eingehen, sondern vor allem eine vollständige Auffassung und Selbstverständigung über die Wesensnot des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft darlegen. Die kulturkritischen Inhalte des Marxismus werden damit wieder zugänglich.«

So viel vorweg.

Peter Hacks und die MG: »Um die Wirklichkeit zu begreifen, sind sie manchmal zu klug.«

Peter Hacks, erster, aber nicht letzter Vertreter der Sozialistischen Klassik, schreibt einen Brief an seinen Schriftstellerkollegen Dieter Noll. Es ist der 14.11. 1990, Hacks setzt sich jetzt also auch mit Noll, der ihm zu DDR-Zeiten kaum das Wasser zu reichen vermochte, nun aber, nach der Schreckenswende, sich in den Augen Hacksens als standhafter Kommunist erwiesen hat, auseinander. Man sucht nach Orientierung. Noll hat aus diesem Grund offensichtlich eine Ausgabe des Organs der Marxistischen Gruppe: MSZ – Marxistische Streit- und Zeitschrift, gelesen und das Exemplar an Hacks weitergereicht. Hacks liest nach und bringt so einiges auf den Punkt. Kurios ist das Dokument allemal. Es ist die einzige ernstzunehmende MG-Rezeption aus der Sicht des Marxismus-Leninismus (vergesst den sozialdemokratistischen DKP-Quatsch à la Bernd Gäblers »Das Prinzip Ohnmacht. Eine Streitschrift zur Politik der MG«, Dortmund 1983).

Lieber Herr Noll, MSZ hat zu meiner Bildung beigetragen, ich danke für die freundliche Übersendung. Die Hauptaussage zu dem Blättchen, da sind wir einig, lautet: die Kritik und die Analysen sind fast immer richtig, vielleicht immer. Und der Fleiß, der da aufgewandt ist, ist enorm.
Die Sprache – und es liest sich, als ob ein einziges Riesenhirn oder ein Zentralkomputer (ZK) alle Artikel verfaßt habe – ist ein terroristisches Hegelianisch; in ihrer »wissenschaftlichen« Abstraktheit übersieht sie, flüssig wie sie sonst ist, manchmal das Konkrete an der Wahrheit. Zum Beispiel die PDS widerlegt unser ZK sehr gründlich und sehr überflüssiger Weise dem Begriff nach, statt daß er sie der politischen Funktion nach widerlegte.
Dahinter steckt ein zweifellos weltfernes Sozialismus-Ideal, (wobei gelobt sein muß, daß ZK den bisherigen Sozialismus immerhin als ein funktionierendes System begreift und daß er vor der Machtfrage keine Angst hat). Ich sage weder, ZK sei trotzkistisch, noch, er sei arbeiterdemokratisch. Ich sage nur, um die Wirklichkeit zu begreifen, ist er manchmal zu klug.
Ich habe, lieber Noll, äußerstes Lob und keinen Einwand gegen die MSZ, finde sie aber schwer zu lesen. Die Golf-Analyse ist, ohne Einschränkung gesprochen, brillant.
(…)

Nachtrag 1: Der Brief findet sich in der wundervollen Schatzkiste: Peter Hacks, »Verehrter Kollege. Briefe an Schriftsteller, Ausgewählt, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Rainer Kirsch. Berlin 2006: Eulenspiegel Verlag«.

Nachtrag 2: Hacks an Noll, nochmals zur MG. Der Brief datiert vom 2.12.1990:
Dank für den Herrn Held, den man nun anfängt kennen zu lernen. Der Mensch ist revolutionärer als Marx und Lenin, das ist vielleicht bissel sehr revolutionär. Gegen den Kapitalism ist er zu brauchen, für den Sozialismus gar nicht.

Nachtrag 3 + 4: Auf der Gegenstandpunkt-Verlagsseite (www.gegenstandpunkt.de) findet sich ein MSZ-Archiv. Die PDS-Abrechnung findet sich gebündelt als »Kritik der Linie der PDS« und ist hier zu finden: www.dearchiv.de

Nachtrag 5: www.peter-hacks.de