Archiv der Kategorie 'MG-Kritik'

Methodenphobie (berechtigte)

Es gibt ja bei den Genossen vom Gegenstandpunkt eine regelrechte Methoden-Phobie. Komme ihnen bloß keiner mit der Marx’schen Methode oder der Hegel’schen (und sowieso nicht der Karl Held’schen). Mag Marx auch von der dialektischen Methode gesprochen haben, der er nach Abschluss seines KAPITAL-Projekts ein eigenständiges Bändchen widmen wollte, hah!, dann springt er halt selbst unter der eigenen Hürde der richtigen Theorie durch. Na, und dass die GSP’ler, die Alten wie die Jungen, selbst eine Methode haben, was man einfach daran erkennt, dass alle GSP’ler den gleichen Tonfall pflegen und jeder Vortrag derselben Struktur entspricht (zu Beginn ein paar ideologiekritische Bemerkungen, die den Alltagsverstand aufmischen sollen, dann eine allgemeine, abstrakte Darstellung des Gegenstandes, dann die Bezugnahme auf aktuelle Erscheinungen und Ausprägungen, zum Abschluss eine Kritik an den falschen – linken – Ansichten zu dem eben besprochenen Gegenstand) – auf diese rhetorische Finte der gemeinen GSP-Verächter (»Hetzer«) lässt man sich gleich gar nicht ein!
Ihre Methoden-Phobie – Die Methode vom Gegenstand der Untersuchung zu lösen und also dem Postulat folgen: Erst die richtige Methode, dann das richtige Erkennen, ist, frei nach Hegel (ihre ganze entsprechende Kritik haben sie vom Alten, was hier übrigens nicht als Kritik gemeint ist, sondern einfach als sachliche Feststellung), ungefähr so, als würde man Schwimmen lernen wollen, ohne sich nass zu machen. – bringt sie fast schon in die Nähe des köstlichen Paul Feyerabend, der die Methoden-Fetischisten tief und innig gehasst hat (die größten Kritiker der Elche…) und dessen beschwingtes Meisterwerk brutal ehrlich »Against Method« heißt (»Wider den Methodenzwang« übersetzte man hier, doch etwas verkleinernd…). Aber diese Assoziation ist selbst wieder eklektizistisch, denn die gewisse Naivität der einen (Wissenschaft als abgeschlossener Prozess, der dann zu seinem richtigen Abschluss kommt, wenn man sich nicht mehr von den kantischen Methoden-Heinis irre machen lässt.) ist unvereinbar mit der gewissen Naivität des anderen (Die Auflösung der Wissenschaft in einen offenen Prozess der Erkenntnisspiele und –experimente ist gleichbedeutend mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Individuen.)
Dennoch – Feyerabend kann man mal wieder lesen, ist eine erfrischende, heitere Sommerlektüre (und wer Feyerabend richtig [sic!] kritisiert, der ist eigentlich ganz nah dran – an der dialektischen Methode).
Im Folgenden soll nicht gegen den GSP gestänkert (»gehetzt«), sondern, Überraschung, dem ZK, dem Zentralkomputer, soll voll und ganz recht gegeben werden! Jawohl, die Methodenphobie hat ihre Berechtigung!
In der FAZ findet sich ein recht interessanter Artikel über die Marx-Welle in China, die gerade über chinesische Universitäten hereinbricht. Die Partei gibt zur Zeit Unsummen aus, um allerlei Marx-Institute aus dem Boden zu stampfen, eine neu übersetzte Marx-(und-Engels?-)Ausgabe ist auch in Arbeit. China und Marx-Renaissance, das passt nicht zusammen, das wäre ja so, als würde demnächst ein neu übersetztes Buch von Paul Mattick bei Ca Ira erscheinen – undenkbar!
Aber so ist es – die Partei will Marx, und die Wissenschaftler spuren. Warum das ganze?
Weil Marx im großen Stil als wesentlicher Teil einer Legitimationsstrategie der Herrschenden neu definiert wird. Und wie geht das? Indem man Marx, den METHODIKER, vom Marx, dem KAPITALISMUSKRITIKER, abspaltet, die Methode für gültig (»wahr«) erklärt und den Kritiker für überholt. Der FAZ-Autor (Oh Gott, jetzt lernen wir bei denen noch Materialismus…) hat das richtig erkannt: Sie – Wissenschaftler wie Parteiideologen – spielen »die Methode des Marxschen Denkens systematisch gegen dessen Ergebnisse« aus:

Statt auf Themen wie Antikapitalismus, Planwirtschaft oder Revolution zu beharren, hielten sie allein an der materialistischen und dialektischen Perspektive auf die Welt fest, die den Gang der Geschichte in deren innerer Widersprüchlichkeit zu überblicken verheißt. Der Vorteil der Methode liegt darin, dass sie äußersten Pragmatismus mit dem Nachweis der historischen Notwendigkeit einer alle historischen Prozesse gleichzeitig in den Blick nehmenden und planenden Institution, der Kommunistischen Partei also, verbindet.

Und weiter

Von Marx‘ Thesen übernimmt (man) nur den Fokus auf die Entwicklung der Produktivkräfte in ihren Widersprüchen, um diesen dann aber zur Theorie eines permanenten Ausgleichs jeglicher Gegensätze auszuweiten; den Funktionären wird dabei ein immer dialektischeres Denken abverlangt: „Die Entwicklung ist ein zyklischer Prozess, bei dem sich die Dinge vom Ungleichgewicht zu einem relativen Gleichgewicht und dann wieder zurück zum Ungleichgewicht bewegen“, heißt es in einem Kommentar des Zentralen Übersetzungsbüros, das als direkt dem Zentralkomitee unterstellte Einrichtung eine besonders wichtige Rolle bei der Theoriebildung spielt.
Der Marxismus ist unterdessen zu einem Gehäuse mutiert, in dem sich so ziemlich jede Art Politik unterbringen lässt, solange sie nur als Einheit der Gegensätze unter dem Dach einer autoritären Partei interpretiert werden kann – und insofern auch als Gegenmodell zur westlichen Demokratie taugt.

Lassen wir mal den Nachsatz beiseite, diese Konzession an die FDGO, wie sie einfach tagtäglich in der FAZ und allen anderen größeren Medien eingeräumt werden MUSS, dann fallen die methodischen (!) Ähnlichkeiten auch zu hiesigen Marxismen und diversen Neuen Marx-Lektüren auf. Es gibt nicht das Dach einer autoritären Partei, aber z.B. den wärmenden Schoß der Rosa-Luxemburg-Stiftung, den man, ist man erst mal untergekommen, nicht so schnell wieder verlassen will, und es gibt natürlich auch die etwas ungemütlichere Heimat eines antideutschen (»ideologiekritischen«) Zentralorgans. Jede Identität hat ihre Methode. Jede Methode hat ihren Auftraggeber. Das ist Klassenkampf von oben, nicht von unten.
Gut erkannt, Genossen aus München. Und wenn die jungen GSP’ler sich bald mal den baierisch-fränkischen Slang abgewöhnen und nicht immer blau anlaufen, wenn das Wort »Geschichte« fällt, wird alles gut.

»Von verlockend unmittelbarer Evidenz« Rainald Goetz referiert/reflektiert Karl Held, ›Die Psychologie des bürgerlichen Individuums‹

Vorspiel

Die Anwendung des historischen Materialismus auf die MG resp. den GSP, das ist natürlich nicht gern gesehen und wird bei den GSP-Adepten (die natürlich keine GSP-Adepten sind, sondern rein zufällig ganz zwangsläufig so sprechen/schreiben wie ein x-beliebiges GSP-Flugblatt) gerne als Hetze und leeres Geschimpfe abgetan. Trotzdem wird ganz ungeniert diskutiert. Gibt es eine schönere Bestätigung des freien Willens?
Also — bei Neoprene geht es hoch her. Ein GRZ Revisited sich nennender Beteiligter fasste die bisherige Debatte um, na, sagen wir es doch ruhig: die innere Struktur der MG (womit keine Oberflächlichkeiten à la Führungskader, ZK etc.pp. gemeint sind, sondern die Frage nach der Selbstverdinglichung im Kampf gegen das anthropomorphe Kapital) so zusammenfasste:

Eine Organisation, die den Anspruch hat, ihre Mitglieder mit den richtigen Argumenten zu versorgen, sie also »mündig« zu machen, und die viele dieser Mitglieder offensichtlich ratlos, SPRACHLOS, zurücklässt, wenn sie sich auf äußeren Druck hin auflöst (bzw. wenn sie den äußeren Druck »braucht«, um von inneren Schwächen nicht reden zu müssen), so eine Organisation ist für‘n Arsch. Es darf nicht sein, dass eine kommunistische Organisation ihre Kader geistig verkrüppelt zurücklässt.

GRZ – das erinnert Neoprene ganz richtig an die Bonner Gruppe Rheinische Zeitung, die, so hört man, sich Mitte der 70er Jahre dem Verschmelzungsprozess mit den Münchner Roten Zellen/AK-Fraktion, aus denen schließlich die MG hervorging, verweigerte – mit folgender Begründung:

Der Charakter dieser Revision des wissenschaftlichen Sozialismus wird deutlich, wenn man beachtet, daß der Weg zum revolutionären Subjekt, wie ihn die AK-Fraktion München [d.i. der spätere MG-Kern] der Arbeiterklasse vorschreibt, eigentlich nichts anderes ist als die Projektion des Weges des bürgerlichen Intellektuellen zum Sozialisten: sich zum theoretischen Verständnis der ganzen Bewegung heraufzuarbeiten. Erstaunlich ist diese charakterisierende Art von Revision nicht, zeigt sie als Intellektuellen-Revision doch gerade, wie sehr das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein derer prägt, die vermeinen, wenn sie sich auf den Kopf stellen, wäre auch der Marx/Engels’sche Satz umgestülpt.
(aus: Gruppe Rheinische Zeitung, „Akademischer Kommunismus. Die Politik des AK München“, Rheinische Zeitung Nr. 4/5, Bonn 1976, S.30)

Ein Kommentator namens ED hat es, den GSP’ler Spruch »Das Ablegen psychologischer bürgerlicher Übergänge ist einfach eine Konsequenz dessen, dass man Kommunist ist.« zum Anlass nehmend, vielleicht am besten ausgeführt:

Das hättest Du wohl gerne. Statt irgendwas abzulegen, waren die Leute Mitglieder einer Durchblickerorganisation, die ihr meist wackliges Selbstwertgefühl um ein paar Grade hob, so daß sie um so tiefer fielen, wenn sie wegen Nichtkonformität oder Auflösung ihren Organisationshalt verloren. Daß da ebenso bewusst wie erfolglos versucht wurde „bürgerliches“ Verhalten abzuschaffen, glaube ich Dir gerne. Man kann´s auch Psychoterror nennen (oder mit dem modernen Unwort, mobbing). Und damit keine Mißverständnisse aufkommen, ich unterstelle niemandem Absicht, eher halte ich es für eine unvermeidliche Konsequenz, wenn man versucht, um mal Hegel zu bemühen, die Abstraktion Kommunist an sich selbst in der bürgerlichen Wirklichkeit durchzusetzen. Da geht dann halt so manches kaputt, ohne daß man es schon vorher weiß oder danach merkt.

Wurde natürlich prompt als „leere Behauptung“ und „phantastische Spinnerei“ (interessanter Pleonasmus!) und aus dem »V(erfassungs)S(chutz)-Umfeld« stammend abgetan. Da muss aber jemand ganz schön um sich hauen.
Lucky Jumper, auf den die Diskussion im wesentlichen zurückgeht, hat es polemisch-ironisch so ausgedrückt:

Menschen bringen sich um, weil sie keine GSP-Kommunisten sind!

Im folgenden dokumentieren wir – Einschub: Eigentlich sollte das kommentarlos, als »Fundstück« oder kleine Handreichung, geschehen, aber weil die Diskussionen über die MG resp. den GSP an sich kein Ende nehmen, weder aktuell bei Neo noch in Zukunft auf anderen Blogs, ist dieser ganze Sermon vorgeschaltet worden – im folgenden dokumentieren wir also als zweiten Teil unserer Rainald-Goetz-über-die-MG-Reihe einen Besuch des Protagonisten aus Goetz’ Roman »Irre« (1983) auf einem Teach-In, auf dem Karl Held die »Psychologie des bürgerlichen Individuums« referiert. Die Pointe ist, dass Goetz diese materialistische Kritik auf die Veranstaltung oder genauer: auf die Angesprochenen selbst anwendet: die MG als große Sinn-Erzeugungsmaschine. [Zitiert nach der seitengleichen Ausgabe von 1994, S. 98/99, erschienen bei Suhrkamp.]

Rainald Goetz

Auch wenn man nicht alles sofort verstand, während Herr Doktor Karl Held sprach …ebenso hält den tagtäglich praktizierten Leistungsvergleich ein denkendes Subjekt nur aus, wenn es sich den dadurch vorgeschriebenen Weg zum Erfolg zu seinem Lebenszweck macht, sich dementsprechend nach seiner hierbei bewiesenen Tüchtigkeit beurteilt und sich auf deren offenkundiges oder zu Unrecht nicht offenkundig gewordenes Ausmaß dermaßen viel einbildet, daß es mit der Demonstration dieser Einbildung ganz folgerichtig beim Größenwahn landet. So hart der Weg zurück von der radikalen Alternativen eines bürgerlichen Selbstbewußtseins zu seinen funktionalen Betätigungsweisen ist, so wenig brauchen sich umgekehrt die Irrenhäuser um Nachschub aus der Welt des erfolgreichen Anstands zu sorgen. Die krampfhaften Versuche, den eigenen Geist zu Erfindungen in Sachen Weltanschauung anzustacheln, die jedem Gedanken spotten, dafür aber neu und originell sind, werden ebenso zu Schlagern der Buchmesse, wie sich sadistischer Mordbube, wenn er nur ausgefallen genug an seinen Opfern herumschnitzelt, der herzlichsten Aufmerksamkeit erfreuen kann. Und um der schieren Aufmerksamkeit willen, die sich bei jeder Extravaganz leicht einstellt, verfallen Jugendliche darauf, ihre Kleidung und Haartracht zum Siegel ihrer von der Masse abstechenden Lebenshaltung zu machen, und rennen dann als Popper oder Punker durch die Gegend, gehen in ihrer Selbstdarstellung so sehr auf, daß sie sich wechselseitig verprügeln, und beweisen damit, welchen Sinn sie exklusiv beanspruchen, einen Sinn – –
Sinn, dachte man, genau, einen Lebenssinn finden, eine Linie, anstelle dieser fahrigen Suchbewegungen, und man spürte in sich, wie schon so oft, eine Sehnsucht nach Teilhabe an diesem Durch- und Überblick den Doktor Karl Helds Worte zu versprechen schienen, Teilhabe, die zu gewinnen war durch Eintritt in jenen Verein, unter dessen Mitgliedern man hier saß, einer von einigen Hunderten, einer werden, dachte man, von den möglicherweise Tausenden, die durch hochangestrengte theoretische Arbeit die entsagungsvolle revolutionäre Praxis leisteten, belohnt wurden jedoch durch eben diesen Lebenssinn, Weltveränderung!, Sinn, von verlockend unmittelbarer Evidenz.

Verfall und Freier Wille

Immer wieder blitzen in den Diskussionsfäden beim verehrten Neoprene grundsätzliche Fragen nach theoretischer Substanz und strategischem Auftreten des Gegenstandpunkts auf. Das führt meist weg von den ursprünglichen Anlässen der Threads – und umgekehrt: Weil viele Threads bei Neoprene überborden vor Debattenbeiträgen (gut so!) gehen auchg schon mal Beiträge unter.
Wir nehmen uns hier die Freiheit, einige unserer kritischen Beiträge zum Gegenstandpunkt zu dokumentieren. Sie sind dieser Diskussion entnommen. Die Beiträge sind für diesen Blog leicht überarbeitet. Die (Kritik an der) Marxistische(n) Gruppe ist auf diesem Blog immer wieder Gegenstand (sic) der Auseinandersetzung, siehe die Wolfram-Pfreundschuh-Rubrik sowie die grandiosen Karl-Held-Beobachtungen von Rainald Goetz und Peter Hacks. Dennoch ist das hier kein GSP-Watch. Dazu ist die Welt noch nicht klein genug. Bleibt noch nachzutragen, dass es Entgegnungen auf die Ausführungen gab (und Gegenentgegnungen – und natürlich auch eine Vorgeschichte) und dass die Debatte(n) weiter gehen. Komplett bei Neoprene dokumentiert.

Da gibt es ein Buch, das heißt »Das Proletariat« und es führt auf dem Titel die Unterzeile »Die große Karriere der lohnarbeitenden Klasse kommt an ihr gerechtes Ende«. Man wird nicht leugnen können, dass da, wo ein «Ende« steht, es auch einen Anfang geben muss, dass mithin in diesem Buch ein Prozess, ein Verlauf dargestellt wird – und der ist zeitlich. Wenn im menschlichen Leben ein Prozess als zeitlicher dargestellt wird, ich bin jetzt mal ganz allgemein, dann reden wir von Geschichtsbetrachtung.
Das Buch zeigt anhand verschiedener Stationen (Repression der Staatsmacht, gewerkschaftlicher Kampf, erste Sozialgesetzgebung, Faschismus, Vollendung des Sozialstaats) den Weg hin zum »gerechten Ende«. Das Ende ist die vollständige Integration, die vollständige Domestizierung, die vollständige Abhängigkeit, das vollständige Anhängsel-Sein im Bezug auf die Mega-Maschine StaatKapital. Man kann das »reelle Subsumtion« nennen (es gibt auch Marxisten, die von der Anthropomorphose des Kapitals – seiner buchstäblichen Menschwerdung – reden).
Dazu drei Anmerkungen:
1. Mein grundsätzlicher Vorwurf, dass der GSP im Ideologiekritischen verharrt, würde hier im Konkreten heißen, dass alle Fragen nach der Klassenzusammensetzung, nach den spezifischen Verläufen von Klassenkämpfen, nach dem Zusammenhang von Kapitalisierung der Landwirtschaft und Herausbildung eines reell subsumierten Proletariats, nach dem Zusammenhang von Krieg und Revolution, dass die Frage, warum es in bestimmten nationalen Krisensituationen einem Proletariat gelingt, sehr erfolgreiche Abwehrkämpfe zu führen (USA 30er Jahre), während in einer anderen nationalen Krisensituation (Deutschland zu Beginn der 30er Jahre) das Proletariat kampflos aufgibt etc.pp.– kurzum: dass alle Fragen nach dem Nitty Gritty Dirt noch nicht mal gestellt werden.
Ich weiß, ein GSP’ler wird immer darauf antworten: Das ist sachfremd! Das ist ein Gegenstandswechsel! Was haben die Ereignisse in den USA mit Deiner Situation zu tun! Das sind Wunschkonstruktionen!
Ich halte das für eine Art Immunisierungsstrategie: Wenn man den Ausschnitt aus der Wirklichkeit, die man begreifen will, immer kleiner wählt, dann kann man auch immer weniger falsch machen.
2. Wenn das »gerechte Ende« beschrieben wird, warum bringt denn eigentlich der GSP regelmäßig Gewerkschaftskritiken? Warum registrieren sie regelmäßig Klassenkampfaktionen und spießen deren »Fehler« auf? Oder anders: Warum dann noch diese subkutane Begeisterung, wenn, sagen wir, Lokführer dann doch mal kräftig auf den Putz hauen? Mit dem »gerechten Ende« ist doch alles schon gesagt, nicht wahr?
Tatsächlich gibt es NEBEN der großen Domestizierungsgeschichte noch etwas anderes: den freien Wille. Weil die Menschen über den freien Willen verfügen, sind sie in der Lage, Urteile zu treffen, es bleibt ihnen, um genau zu sein, nichts anderes übrig, als permanent Urteile zu treffen. Das ist die Chance, das Schlupfloch, der Ausweg, nein: der Königsweg des GSP. Das Proletariat mag total verdorben sein, jeder einzelne Proletarier ist aber – qua seines Willens – überzeugbar (vulgo: noch zu retten).
Wie das zusammengeht – dass das Proletariat seit 200 Jahren Minimum alles falsch macht, dass aber umgekehrt der GSP-Agitator sich jeden Morgen quasi aufs Neue die Chance bietet, dem Proletariat »einzuleuchten« –, bleibt das süße Geheimnis der freiwillig-unfreiwilligen Geschichtsschreiber.
3. Was mich zu folgenden Fragen führt: Warum hat es denn eigentlich vor fünfzig, vor achtzig, vor hundert Jahren keinen Gegenstandpunkt gegeben? Warum hat noch nicht mal Karl Marx wie Karl Held geschrieben? Gibt es vielleicht doch, um »Kosmo Poli« zu zitieren, eine »objektive Prozessualität«?
Ich fänd’s völlig ok, mit dem GSP auf der Grundlage, die er m.E. implizit schon längst akzeptiert, zu diskutieren: »So wie es heute aussieht, bleibt dem kommunistischen Agitator nichts anderes übrig, als sich so wie wir vom Gegenstandpunkt zu verhalten. Wir stehen überhaupt noch für die Existenz und die Möglichkeit kommunistischer Kritik im Zeichen vollendeter Subsumtion.« Darüber wollte man sich wirklich streiten! Aber dieser Streit setzte voraus, dass der GSP überhaupt den historischen Gehalt seiner Position reflektiert. Und ich vermute einfach mal, dass dieser Anspruch an den GSP bereits als üble Unterstellung abgetan wird.

Ergänzung: Nestor hatte bei Neoprene u.a. folgendes eingeworfen, was dann zu unten stehender Explikation führte.

»Wenn der GSP gar keine Hoffnung auf eine revolutionäre Situation hat, warum agitieren diese Leute überhaupt noch. Also machst du einen Widerspruch dingfest und meinst, im Grunde glaubt ihr doch auch an eine Tendenz zum Besseren, eine neue Revolutionierung des Proletariats! Die Antwort ist: So eine Situation muß man erst einmal herstellen. Deswegen agitieren wir, und nicht nur das Proletariat.«

Antwort: Ich habe vielmehr konstatiert, dass ganz unvermittelt der Verfallsgeschichte des rebellischen Proletariats der ewig strahlende Freien Willen gegenübersteht. Mit einem Satz wie: „So eine Situation muß man erst einmal herstellen.“ bestätigst Du nur diese Un-Vermittlung. Meine Güte, das „Proletariat“-Buch ist eine einzige Schilderung der Verunmöglichung dieser Situationen! DARÜBER kann man streiten, aber doch nicht darüber, dass immer alles frisch fröhlich weitergeht, wenn man nur will will will.

Die Abenteuer des absoluten Intellekts. Aus der Urgeschichte der MG

[Anmerkung Ofenschlot] Etwas versteckt findet sich auf der Seite des immer inspirierten Wolfram Pfreundschuh ein Eintrag, der aus seiner Sicht die Spaltung der AK-Fraktion reflektiert – jener Gruppe, die sich zum einen von den Roten Zellen München abgespalten hatte (1971) und aus der zum anderen sich ab Mitte der 70er Jahre die Marxistischen Gruppen herausschälten (sic! Irgendwann nur noch: Marxistische Gruppe; das ZK – wenn es im klassischen Sinne überhaupt ein solches gegeben haben sollte – firmiert heute als Redaktion der Zeitschrift Gegenstandpunkt; Peter Hacks definierte angesichts des Schrifttums der MG ZK als »Zentralkomputer«).
Pfreundschuh hat auf diesem Blog in den letzten Wochen eine große Rolle gespielt. Deshalb sparen wir uns eine neuerliche Einführung in sein Schaffen und verweisen auf unsere Subkategorie (siehe rechts) bzw. konkret auf diesen Eintrag.
»Geschichte ist kein Argument!« Auf diesen Satz sind die heutigen GSP-Adepten ganz besonders stolz – und auf ihren damit eng zusammenhängenden Kult der Voraussetzungslosigkeit. Indem Pfreundschuh zurück zu den Quellen geht und eine »Durcharbeitung« im besten Sinne leistet, kann er aber zeigen, wie sich der absolute Intellekt im Gewande kommunistischer Praxis sich überhaupt erst konstituiert hat. Gleichzeitig geht der Text über die Darstellung der Spaltung weit hinaus und bringt eine sehr wichtige Ausführung dazu, was eigentlich der Witz am Gebrauchswert ist.
Der folgende Text ist um einige Tippfehler bereinigt und ist ein später, aber doch genauer, treffender (vorläufiger!) Abschluss unserer MG-Kritik-Reihe.

Zur Spaltung der AK-Fraktion

Die Grundlage für das »Sozialistische Studium« war ziemlich pauschal die »Kritik der bürgerlichen Ideologie«, welche den Grund für die »Widersprüche der bürgerlichen Wissenschaft« hergeben sollte, dessen Begreifen die Studenten zum »Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft« agitieren wollte.

Die Praxis dieser Kritik hatte gezeigt, dass wir dabei die Studenten vor allem in ihrem intellektuellen Kritizismus, in ihrem »Eskapismus«, der sich durch linke Attitüde besonders gut leben lässt, nur bestätigten und weniger aus unkritischen Studenten antikapitalistische Wissenschaftler oder Kämpfer machten. Da fehlte viel von dem, was ich mir unter dieser Agitation eigentlich vorgestellt hatte. Eigentlich war mir grundsätzlich nicht klar, was eine Ideologiekritik anderes ergeben könnte als das Aufzeigen einer Unwahrheit, im besten Fall die Entlarvung einer Korruption. Gut. Haben wir entlarvt, haben wir gezeigt, dass da was unlogisch, widersprüchlich, unwahr, ja absurd ist: Was ist das anderes als die bloße Negation, Relativierung oder Aufhebung des bestehenden Forschungsansatzes. Das will doch jede Kritik! Was ist daran marxistisch? Der anschließende Schnellkurs in Ökonomie etwa? Das war doch lediglich eine unbezogene Entgegensetzung. Nein, das konnte es nicht sein. Es ging doch um was sehr substantielles: Um die Begründung von wissenschaftlicher Arbeit im Wissen um die geschichtliche Tatsache des Kapitalismus und seiner immanenten Verwertungslogik. Diese Logik kann nicht durch Wissenschaft bekämpf werden. Aber die Wissenschaft kann die Logik angreifbar machen, die all dem entgegensteht, was im Gesamtinteresse der Menschheit ist. Der Marxismus ist seit über 150 Jahren die Wissenschaft des Menschen vom Menschen. Und was machen wir hier? Soll das sozialistische Studium in eine marxistische Wissenschaftsarbeit führen oder die Studenten einfach von der Wissenschaft wegbringen, damit sie etwas »Vernünftigeres« machen – aber was?

Auch innerhalb der AK stellte sich den sensibleren Naturen die Frage, was unser »Sozialistisches Studium« eigentlich bringt. Der Zusammenhang marxistischer Studenten kann doch nicht darin liegen, in einem »herausgesetzten« Bereich des Kapitalismus die verselbständigten Kategorien anzuprangern und – ebenso herausgesetzt – den Kapitalismus als Grund für diese Selbständigkeit zu festzustellen! Das war doch nur noch die sich selbst genügsame »Herausgesetztheit«, der absolute Intellekt. Konnten wir überhaupt diese reine Kritik an der Verselbständigung des Denkens machen, ohne selbst daran zu arbeiten, sie aufzuheben, ohne also selbst wissenschaftlich und unmittelbar am Gegenstand unserer Wissenschaft zu arbeiten? Was macht diesen Bereich aus und was sind Studenten? Bereiten sie sich lediglich auf ihre Existenz vor und erwerben ihr Handwerkzeug an der Uni oder sind sie an der Wissenschaft selbst interessiert und wollen die Wissenschaft zu einem umfassenden Wissen entwickeln und im Akt der Emanzipation von sich und der Menschheit anwenden? Befriedigt die Universität lediglich die Lebensplanung von Studenten, das Bedürfnis innerhalb dieser Welt mit einem guten Job gut zurecht zu kommen?

Und geht es Marxisten darum, den Studenten die Illusion zu nehmen, dass sie damit ohne Bedingungen für Unterwerfungsleistung auskommen und sie deshalb an der Aufhebung dieser Bedingungen allgemein zu interessieren? Oder beziehen sich Marxisten auf das wissenschaftliche Interesse von Menschen, die ihre Selbstverwirklichung in der Verwirklichung des Menschseins umsetzen wollen und hierfür den Kapitalismus aufheben müssen? Für mich waren das abstrakte Pole von Fragen, die zu diskutieren wären, und es wurde auch in der AK von der Notwendigkeit einer »Fehlersuche« gesprochen. Aber die AK hielt das offenbar nicht aus. Die Position der Interessensfraktion, welche die wissenschaftliche Identität als Ausgangspunkt für marxistische Arbeit an der Uni ansah, wurde von der Politkommission ausgeschlossen, die mehrheitlich der Bedürfnisfraktion angehörte. Die AK war gespalten in eine AK I und eine AK II, die sich nach dem Ausschluss konstituierte.

In der RotzPsych [Roten Zelle Psychologie] hatten wir den Streit noch gar nicht bemerkt, da war er schon zu Ende. Also mussten wir ihn nachvollziehen und nannten uns die Gammafraktion. Diese bestand daraus, die Gründe des Streits und des Ausschlusses nachzuvollziehen oder auch schon in der Feststellung, dass diese Spaltung selbst der Fehler ist, den die AK hat und der sich jetzt forttreibt, weil Pole einer Fragestellung getrennt und damit die Frage zerstört worden war. Ging es bei diesem Streit etwa nur um die Alternative von besserer Handhabung der Existenzen und dem »dornenreichen Weg der Selbstverwirklichung« (Hegel), wenn wir uns zum Leben äußern? War das überhaupt noch Marxismus?

Die Papiere, die der Spaltung vorangingen und die wir jetzt vorgelegt bekamen, zeigten eine Art theoretische Zerrüttung von beiden Seiten, die mir den Atem verschlug. Ich war seit längerem Schulungsleiter von Ökonomieschulungen der AK und hatte mich mit dem »Kapital« von Karl Marx befasst. Plötzlich schienen die wesentlichsten Grundlagen hiervon wieder diskussionsbedürftig, so als ob sie noch niemals geklärt worden wären. Es wurde in einem Papier eines zentralen Ausschusses, dem Lohnausschuss, z.B. von den Anhängern des »Interessenstrangs« hervorgehoben, dass das Verhältnis von Arbeitskraft und Kapital ein Verhältnis des »freien Willens« der Warenbesitzer sei, wie es eben im Rechtssystem der bürgerlichen Gesellschaft auch erscheint. Es ist damit nicht mehr ein Verhältnis von Eigentum und Besitz, was die ökonomischen Bestimmungen ausmacht und den privaten Charakter der Aneignung gesellschaftlich wirksamer Kraft kennzeichnet. Hierfür wurde sogar Arbeitskraft und Arbeitslohn als wechselseitiges Eigentum zu gegenseitigem Nutzen gefaßt, also der Arbeitslohn als Gebrauchswert für den Arbeiter wie die Arbeitskraft als Gebrauchswert für das Kapital – Lohn als Gebrauchswert! Wie so was möglich war, kann ich mir nur so erklären, dass es da wohl eher um die Hegelsche Rechtsphilosophie als um deren Kritik durch Marx ging. Der Verdacht lag nahe, dass sich in der AK II Hegelianer herausgebildet hatten. Es war ein völlig voraussetzungsloses Denken, ja ein Denken, das auf seiner Voraussetzungslosigkeit ausdrücklich bestand und in Marx lediglich einen Vertreter einer vertrauenswürdigen Methode, also dem dialektischen Denken sah, mit dem alle gedachten Inhalte ebenso noch mal gedacht werden können – auf der Basis der »gleichberechtigten« Wahrheit, die Wahrheit des einen in der Wahrheit des anderen und ihrer Bestimmtheit wie Äußerlichkeit und dem Fürsichsein ihres Begriffs, vom Nichts, vom Sein und dem Werden. Nun, dort wollte man eben keine »Autoritäten«, es sollte um die reine Erforschung des Gegenstands gehen. Es wäre ja so abstrakt und allgemein wirklich nichts dagegen zu sagen gewesen – bis auf das, dass es eben nur so abstrakt und allgemein, also wie alles ist. Und das es die Logik himmelwärts ist, wenn man seine Voraussetzungen nicht denkt.

Verwunderlich war aber auch, wie schwach von der anderen Seite der AK dies abgewiesen wurde; eben wie ein falsches Verständnis vom »Preis der Arbeit«. Umgekehrt wurde dort eine andere elementare Aussage aufgehoben. In der Entgegnung zu den Leninisten hatten wir immer darauf bestanden, dass die kapitalistische Gesellschaft die Momente ihres Untergangs in sich selbst trage. Das bedeutet, dass der Entwicklungsstand der Produktivkräfte, die gesellschaftlichen Potenzen der Arbeit, die Momente einer klassenlosen Gesellschaft in sich tragen und dass es daher die Aufgabe von marxistischen Intellektuellen sei, ihren verborgenen Zusammenhang aufzudecken, weil dieser seiner ökonomischen Form voraus ist. Wesentlich daran war, dass der Kapitalismus also in Wirklichkeit schon überkommene Produktionsform ist, wie auch alle Lebensinhalte der bürgerlichen Gesellschaft, ihr wirklicher Reichtum im Organismus der Arbeit wie in der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse, über sie selbst schon hinausweisen und der Kapitalismus als Schranke ihrer Entwicklung erlebt wird. So, wie es eben in allen frühen Schriften von Marx zu lesen ist, weil er sich dort ausdrücklich damit befasst hatte. In den »Philosophisch-ökonomischen Manuskripten« zeigt er, dass die ökonomische Form als anachronistisch gegenüber dem gesellschaftlichen Charakter ihrer Inhalte, den Zusammenhängen ihrer gesellschaftlichen Bezogenheit, ist und dass in einer ökonomischen Wissenschaft dieser Gehalt herausgearbeitet werden muss.

In der »Schulungsdikussion« wurde jetzt behauptet, dass der Gebrauchswert dem reinen stofflichen Dasein der Dinge schon per se gelte; dass also allen Güter über alle Gesellschaftsformen hinweg dieser Gebrauchswert zukäme, denen in der kapitalistischen Gesellschaft lediglich der Tauschwert unsinnigerweise aufgepfropft werde, so, als könne man ihn einfach abstreifen, wenn man nur wolle, so, als wäre er ein für den Menschen inneres Ding, das für jedes individuelle Leben genauso genügen würde, wie dem beliebten Robinson, wäre da nicht die ökonomische Form, die solche Idylle stört. Gegen solche »Robinsonaden« hatte sich aber Marx mit dem Argument gewandt, dass der Gebrauswert nicht dem stofflichen Dasein der Dinge alleine zukomme, nicht seine unmittelbar praktische Natur durch sich selbst sei. Er ist von Marx am Anfang des »Kapital« und in den »Grundrissen« und sonst wo immer als Gebrauchswert für andere, als Gebrauchswert in seiner gesellschaftlichen Beziehung auf andere, als Nützlichkeit zum Austausch, gefaßt, was alleine einer Gesellschaft zukommt, in der die Produzenten nicht mehr nur für ihren unmittelbaren Bedarf produzieren, sondern in ihrer Produktion schon eine gesellschaftliche Arbeitsteilung unterstellen. Ein Gebrauch für sich bedarf keiner Ökonomie, wäre ein romantisches Ding, was in einer ebenso romantischen Arbeitsweise – vielleicht mal während der Ferien auf dem Bauernhof – entstanden wäre. Jedenfalls wäre es kein Gebrauchswert. Romantische Vorstellungen hatte es vielleicht bei manchen Linken, besonders bei den »Alternativen«, gegeben, nicht aber in der industriellen Gesellschaft. Hier bestehen die Gebrauchswerte als Produkte eines arbeitsteiligen Prozesses, als Gebrauchswerte für andere, für die das Ding eben auch erzeugt wird, weil es getauscht werden soll und zugleich einen gesellschaftlichen Zusammenhang der Arbeitsteilung voraussetzt, wenn es eingetauscht wird, wenn und weil es also für das Bedürfnis anderer Menschen »passt«.

Es ist wichtig, den Gebrauchswert als gesellschaftlich bezogen aufzufassen, um Gesellschaft als den Inhalt der marxschen Ökonomie zu begreifen, die anders ist, als die Ansammlung von Individuen, die kultur- und weltlos am Gebrauch der Güter kleben und deshalb tauschen, weil sie es müssen, um sie zu bekommen. Warum machen sie es nicht selbst? Weil sie es beim Entwicklungsstand unserer Arbeit und Bedürfnisse gar nicht können, weil eben keine Geschichte dauerhaft rückwärts laufen wird, nur weil jemand da gerufen hat: Leute, hört auf mit dem Tausch, das macht Euch unglücklich, weil euch das entfremdet! Nein, die Nützlichkeit für den Tausch ist so real wie der Stuhl, das Auto, die Pizza oder der Fernseher. Dieser Begriff [ist] aus der Gesellschaft und erfasst die selbständige Nützlichkeit der Dinge, wenn sie den Markt verlassen haben. Er beschreibt, dass jedes Ding in seiner isolierten Nützlichkeit einen gesellschaftlichen Charakter hat, dem seine gesellschaftliche Form nur abstrakt, nämlich im Tauschwert, entspricht. Das besagt, dass auch der Zusammenhang der Dinge nicht wirklich besteht und dass er deshalb auch erst im Tausch in seiner Abstraktion als Werthaftigkeit der Dinge verwirklicht wird. Das wiederum besagt, dass es eine Aufarbeitung des konkreten Zusammenhangs geben muss, um die abstrakte ökonomische Form aufzuheben und dass beides ein und dieselbe Aufhebung als bewußter Akt geschichtlicher Menschen ist, die ihn vollziehen.
Der Arbeitsprozeß ist ökonomisch formbestimmt, wie er auch wirklich nur zergliederte Arbeit enthält, die lediglich »hinter dem Rücken der Produzenten« ihren gesellschaftlichen Zusammenhang findet. Eine Aufhebung des Kapitalismus kann nur dadurch wirklich geschehen, dass die Menschen die bisherige Entwicklung ihrer Sinne zu einem wirklichen Sinnzusammenhang bringen. Ein »Marxismus«, der sich nur als Kritik der ökonomischen Form versteht, hat mit Karl Marx so viel zu tun, wie ein Psychologe mit der Seele! Marx hatte nicht die Form als solche kritisiert. Sie war dem Stand der Entwicklung der Produktivkräfte geschuldet und zugleich im Widerspruch zu ihrer Entwicklung. Er hat die Politik zur Verewigung dieser Form bekämpft. Er hat die »Kritik der politischen Ökonomie« geschrieben!

Es war eine elementare Revision des Marxismus, die dem Revisionismus aller anderen politischen Gruppen seit Lenin entspricht. Nur die Auffassung, dass unser Leben in seinem Zusammenhang noch wirklich geschaffen werden muss, dass es das Verlangen hiernach enthält und deshalb seine Zergliederung erkennt, entspricht dem von Marx veröffentlichten Verständnis von Ökonomie und auch dem öfter erwähnten Verweis auf das gesellschaftliche System der Bedürfnisse, die sich zum »Sinn des Habens« (MEW EB I, S. 539) vereinseitigen. Das ist auch deshalb wichtig, weil es die Verselbständigung menschlicher Bedürfnisse wie der Kultur überhaupt involviert, also auch die Forschung hieran nötig macht (was ja von Marx in den Frühschriften und im »Kapital« mehrfach erwähnt ist).

Rainald Goetz über Dr. Karl Held: »… mit jener Präzisierungswut, die in seinem schönen Kopf so schön umher tollt.«

Aus unserer beliebten Serie: »Dichten – wie geht das? Der Schriftsteller und die MG.«

Doch, doch, die MG übte einst einen großen Sog auf junge bürgerliche Intellektuelle aus, und wie das ist, wenn einer von ihnen eine heftige Affäre mit den Hohepriestern (mit DEM Hohepriester) des Marxismus hat, das bringt Rainald Goetz, letzter Großmeister des Kapitalistischen Realismus, unnachahmlich zum Ausdruck.
Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug aus seinem grandiosen Essay-Band »Hirn« (eine Zugabe zu seinem ebenso grandiosen Stücke-Band »Krieg«, Erstauflage 1986, Neuauflage 2003, erschienen bei Suhrkamp). Der Abschnitt beginnt auf S.95 und ist von uns leicht gekürzt worden. Wir schrieben das Jahr 1984:

Der General, Genannt Der Schwarze Papst

Zu lebenslänglichem Schweigen verurteilt wird auch der Marxist Harald Kuhn. Das ist ein kleiner dicker dummer bärtiger Student, der als sogenannter Fachschaftssprecher Philosophie und im Namen der dreifach gebenedeiten Marxistischen Gruppe (M »SJ« G) neulich zu einem Teach-In eingeladen hat, das den großartigen Titel hatte: Dummheit – Wie geht das?
Ich ging nämlich durch Münchens nächtliche Straßen (…) Da pfeilte mir durch den Augenwinkel ein hyperrotes Plakat ins Hirn, ich fuhr herum, sah, las, lachte auf, riß ab, und jetzt hängt es bei mir daheim, unterm Stuck, neben den Terroristen (…) und murmelt aus dem Hyperrot schwarz auf mich herunter: Teach-In. DUMMHEIT. Wie geht das?
Anderntags saß ich im Auditorium Maximum, denn eine Frage, die mich mehr plagt als diese, wird sich schwerlich finden lassen. Und was ich erhofft hatte geschah: Der schöne Hohepriester selbst, Doktor Karl Held, M »SJ« G, trat ans Mikrofon und begann mit wohl gesetzten Worten seine Rede und machte in wenigen Minuten diese beiden Argumente: 1. Dummheit ist Einsatz vorhandener Intelligenz, aber in einer Weise, die ihr selbst zuwider läuft. 2. Dummheit ist parteiliches Denken, denn wer parteilich denkt, konstruiert sich selbst dumme Gedanken.
Was ist daran so grandios? Am ersten, daß es mich wiedermal an Descartes erinnert hat, an den herrlichen Anfang von »Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, et chercher la vérité dans les sciences«, wo Descartes auf meine im Februar-SPEX unter dem Titel »Gewinner und Verlierer« öffentlich gemachte fatalistische IQ-Philosophie mit dem Argument antwortet: Der gesunde Verstand ist die bestverteilte Sache der Welt. Ich weiß ja nicht, ob es wirklich stimmt, aber gewißlich ist es viel schöner und menschenfreundlicher, sich die zahllosen Idioten, die mit ihrer Dummheit die Welt verseuchen, nicht als unheilbar vorzustellen, sondern im Gegenteil: als erziehbar, als Haber von ausreichend Vernunft, als Auch-Hirne, die man nur zu richtigem Gebrauch ihrer Vernunft überreden muß. Es ist dies eine Arbeitshypothese, die jeder, der eine bessere Welt will und dafür kämpft, lieben muß, weil sie ihn aus der Resignation reißt und tätig macht.
Am zweiten Heldschen Argument war das Wunderbare, daß es mir das wunderbare prächtige Hirn dieses Menschen bei der Arbeit vorgeführt hat. Man muß sich das ganz plastisch vorstellen: Als Held, als Hirn, als echter Philosoph, als marxistischer Denk-Krieger sitzt man vor den besten Mannen des von einem selbst gegründeten Vereins, und die heißen dann Doktor Fertl und Doktor Ebel oder Nochnichtdoktor Kuhn, und die sind von einer so pechschwarzen Dummheit, daß man sich als Held wohl dann und wann bestürzt fragt: Warum hilft mir von diesen Idioten keiner beim Denken? Warum nur plappern die mir alles so seltsam automatisch nach? Und in welcher noch viel schwärzeren Denkdüsternis mag der vielhundertköpfige Gefolgsrest von Gemeinen Soldaten seine tieftraurige dumpfe Marxistenexistenz fristen, wenn schon mein Generalstab, meine Ebels und Fertls, auf jede Frage nur immer wieder irgendeine Stanze des schmerzensreichen oder auch mal des segensreichen Rosenkranzes an mich hin beten? Wie kann denn das nur sein?
So mag es ein trauriges Heldsches Hirn sekundenweise durchzucken, dann weiß es wieder, daß sein Verein eine ganz normale revolutionäre Partei ist, nach den vernünftigen autoritären Kaderprinzipien Lenins vernünftig organisiert, nicht dazu da, Wahrheit zu erdenken, sondern durchzusetzen. Aber kein Gedankenblitz durch so ein Heldsches Hirn, der nicht irgendwo irgendwann ein kleines nicht unhelles Lichtlein hinterließe, so dieses Argument von der Dummheit als parteilichem Denken.
Nach zehn glücklichen hellen Held Rede Minuten trat besagter dicker dumpfer Harald Kuhn ans Mikrofon, um einmal mehr vorzuführen, deshalb erzähle ich das Ganze, wie sektiererisches Argumentieren vor zustimmend nickenden Sektenmitgliedern auftritt: als Nicht-Argumentieren. Dummheit – wie geht das? Genau so, wie hier vorgeführt. Und so mußte Held selbst immer wieder aufspringen, seinen Knecht fort drängen und selbst ergänzen, korrigieren, verbessern mit jener Präzisierungswut, die in seinem schönen Kopf so schön umher tollt.

Nachträge [Ofenschlot]
1. Harald Kuhn ist alive and kicking und ist bis zum heutigen Tage Teil des Redaktionskollektivs der Gegenstandpunkt-Weltmacht.
2. »SJ« ist die Abkürzung von Societas Jesu – die Gesellschaft Jesu: so der offizielle Namen der Jesuiten.
3. Theo Ebel hat keinen Doktortitel.
4. Tollerweise ist das Teach-In, bei dem Goetz im Publikum saß, auf argudiss online gestellt.
5. Es verhält sich so, wie von Goetz beschrieben: Held hellwach, engagiert, streitlustig; Kuhn bräsig, bemüht, die Witze auswendig gelernt.
6. Die zentralen Heldschen Sätze lauten korrekt wiefolgt:
a)»Dummheit ist Einsatz von vorhandener Intelligenz, der ihr zuwiderläuft.«
b)»Dummheit beruht darauf, dass das begründete Interesse am Gegenstand, über den man urteilt, über den man sich unterhält, mit dem man praktisch umgeht, ersetzt wird durch ein Vor-Urteil. Indem die prinzipielle Stellung eines mit Intelligenz begabten Menschen eingenommen wird, ohne dass sie vollstreckt ist.«
7. Verdammt, gibt’s nicht noch mehr von Goetz über Held? Gibt es. Demnächst mehr an dieser Stelle.