Eine orthodoxe Verteidigung der Revolution

… nehmen wir also an, jemand wünsche sich eine Welt ganz spezieller Art, etwa eine blaue. Über Leichtigkeit oder Schnelligkeit seiner Arbeit hätte er nicht zu klagen; vermutlich brauchte er lange Zeit für die Umgestaltung. Er könnte wie wild arbeiten, bis alles blau ist. Er könnte heroische Abenteuer bestehen: wenn er einem Tiger die letzten Pinselstriche verpaßt. Er könnte Märchenträume durchleben: wenn er einen blond Mond aufgehen sieht. Doch dank seiner Arbeit hinterläßt dieser hochgesinnte Reformer die Welt tatsächlich (aus seiner Sicht) besser und blauer, als er sie vorgefunden hat. Selbst wenn er täglich nur einen einzigen Grashalm in seiner Lieblingsfarbe anmalte, er käme doch allmählich voran. Malte er indessen täglich mit einer neuen Lieblingsfarbe, dann käme er überhaupt nicht voran. Malte er nach Lektüre eines neuen Philosophen nun alles rot oder gelb, dann wäre seine bisherige Arbeit vergeblich; es bliebe nichts davon als ein paar umherstreunende blaue Tiger, Musterstücke seines schlechten Frühstils. Genau dies ist der Standpunkt des normalen modernen Denkers. Man wird einwenden, das Beispiel sei, wie ich selbst eingeräumt habe, völlig absurd. Dennoch erzählt es buchstäblich ein Stück neuerer Geschichte. Alle großen und tiefgreifenden Veränderungen unseres politischen Lebens stammen aus dem frühen – und nicht aus dem späten – 19. Jahrhundert. Sie stammen aus der Schwarz-Weiß-Epoche, als fast alle Menschen steif und fest an Toryismus, Protestantismus, Calvinismus, Reform und nicht selten Revolution glaubten. Wer etwas glaubte, arbeitete unermüdlich daran, ohne jeden Anflug von Skeptizismus; und so gab es eine Zeit, in der die Staatskirche hätte gestürzt werden können und das Oberhaus um ein Harr gestürzt worden wäre. Einfach deshalb, weil die Radikalen so klug waren, beharrlich und konsequent zu sein; weil sie so klug waren, konservativ zu sein. Aber unter den heutigen Verhältnissen fehlt es den Radikalen an Zeit und Tradition, um irgend etwas zum Einsturz zu bringen. Es steckt viel Wahrheit in dem Gedanken, den Lord Hugh Cecil in einer schönen Rede vortrug: daß nämlich die Zeit des Wandels vorüber ist und wir in einer Zeit des Bewahrens und des Stillstands leben. Aber vermutliche wäre Lord Hugh Cecil zutiefst betrübt, wenn er sähe (was er sicherlich tut), daß unsere Zeit nur deshalb eine Epoche des Bewahrens ist, weil sie eine Epoche des totalen Unglaubens ist. Wer will, daß Institutionen unverändert bleiben, braucht nur dafür zu sorgen, daß feste Überzeugungen rasch und in großer Zahl verschwinden. Je mehr das Leben des Geistes aus den Fugen gerät, um so mehr bleibt der Mechanismus der Materie sich selbst überlassen. Das Endergebnis all unserer politischen Projekte – Kollektivismus, Tolstoianismus, Neofeudalismus, Kommunismus, Anarchie oder gar »Wissenschaftliche Bürokratie« –, ihr einziges unmittelbares Resultat, besteht darin, daß Monarchie und Oberhaus erhalten bleiben. Das Endergebnis aller neuen Religionen wird sein, daß die anglikanische Kirche (weiß der Himmel, für wie lange) ihre zentrale Stellung nicht verliert. Karl Marx, Nietzsche, Tolstoi, Cunninghame Graham, Bernard Shaw und Auberon Herbert – sie alle trugen auf ihren riesigen gebeugten Rücken den Thron des Erzbischofs von Canterbury.

Generell läßt sich sagen: Freies Denken ist der beste Schutz vor Freiheit. Die Emanzipation des Sklaven verhindert man am ehesten, wenn man sich in moderner Manier der Emanzipation seines Denkens widmet1. Man lehre ihn, sich zu fragen, ob er frei sein will oder nicht, und er wird sich nicht befreien. Auch hier könnte man einwenden, das Beispiel sei weit hergeholt oder zu drastisch. Es gilt jedoch genauso für den normalen Mann auf der Straße. Gewiß, der Negersklave wird – als ein seiner Würde beraubter Barbar – entweder eine ganz menschliche Liebe zur Treuepflicht oder eine ganz menschliche Liebe zur Freiheit empfinden. Aber der Mann, den wir täglich sehen – der Arbeiter in Mr. Gradgrinds [Figur aus Charles Dickens’ Roman Hard Times. For These Times.] Fabrikhalle, der kleine Angestellte in Mr. Gradgrinds Büro –, macht sich so viele Gedanken, daß er gar nicht an die Freiheit glauben kann. Mit revolutionären Büchern wird er stillgestellt. Mit einem endlosen Reigen wirrer Philosophien wird er beschwichtigt und auf seinem Platz gehalten. Den einen Tag ist er Marxist, den nächsten Nietzscheaner, wieder den nächsten vermutlich ein Übermensch; und jeden Tag ein Knecht. Das einzige, was nach all den Philosophien bleibt, ist die Fabrik. Der einzige, der von all den Philosophien profitiert, ist Gradgrind. Es wäre lohnend für ihn, seine Industriesklaven ständig mit skeptizistischer Literatur zu versorgen. Und dabei fällt mir prompt ein, daß Gradgrind sich als Stifter von Bibliotheken einen Namen gemacht hat.2 Damit beweist er Verstand. Alle modernen Bücher sind auf seiner Seite. Solange die Vision vom Himmel ständig wechselt, bleibt die Vision von der Erde unverändert. Kein Ideal hat heute lange genug Bestand, um verwirklich zu werden, nicht einmal in Ansätzen. Niemals wird der junge Mann von heute etwas an seiner Umwelt ändern; immer wird er bloß sein Denken ändern.

Aus: Gilbert Keith Chesterton, »Orthodoxie. Eine Handreichung für die Ungläubigen«, aus dem Englischen neu übersetzt von Monika Noll und Ulrich Enderwitz, Frankfurt am Main : Eichborn, 2000. S.204ff. (Erstveröffentlichung 1908)

  1. Fast zu jedem Satz fiele einem ein aktueller Verweis resp. eine Korrespondenzstelle aus dem Kanon des revolutionären Marxismus ein. Allerdings: Man kommt ja selber drauf! Zwei Verweise konnten wir uns nicht verkneifen (der andere steht in der zweiten Fußnote):

    Wir haben schon weiter oben den Unterschied aufgezeigt zwischen der falschen These, wonach sich in jeder Epoche die gegensätzlichen Interessen der Klassen in gegensätzlichen Theorien der Klassenmitglieder spiegeln, und der richtigen These, wonach in jeder Epoche die beherrschte Klasse dazu neigt, sich zum den Interessen der herrschenden Klasse entsprechenden theoretischen System zu bekennen. Sklave im Fleische, Sklave im Geiste. Der alte bürgerliche Schwindel besteht eben darin, mit der Befreiung des Geistes beginnen zu wollen, was zu nichts führt und die Nutznießer der sozialen Privilegien nichts kostet; was zuerst befreit werden muss, sind die Leiber.
    So ist es auch bezüglich des Bewusstseins falsch, die deterministische Reihenfolge wie folgt zu setzen: machtvolle ökonomische Ursachen – Klassenbewusstsein – Klassenkampf. Die Reihenfolge ist hingegen: bestimmende ökonomische Ursachen – Klassenkampf – Klassenbewusstsein. Das Bewusstsein kommt zum Schluss und im Allgemein erst nach dem schließlichen Sieg. Das ökonomische Bedürfnis bündelt den Druck und die Kraftanspannung all derjenigen, die durch die von einer bestimmten Produktionsweise kristallisierten Formen unterdrückt und erstickt werden; sie reagieren, schlagen um sich und wagen den Sturm auf die Festungen des Systems; im Laufe dieser Zusammenstöße und Kämpfe verstehen sie immer besser deren allgemeine Bedingungen, die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien des Kampfes, und das Programm der kämpfenden Klasse schält sich deutlich heraus.

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  2. »mit eisler bei horkheimer zum lunch. danach schlägt eisler für den ›Tuiroman‹ [ = Intellektuellenroman, Ofenschlot] als handlung vor: die geschichte des frankfurter soziologischen instituts. ein reicher alter mann (der weizenspekulant weil) stirbt, beunruhigt über das elend auf der welt. er stiftet in seinem testament eine große summe für die errichtung eines instituts, das die quelle des elends erforschen soll. das ist natürlich er selber.« (Brecht, »Arbeitsjournal«, 12.5 1942) [zurück]