»So wie früher die Toten geblutet haben, wenn der Mörder an die Leiche trat«

Heiner Müller: … ich hab‘ irgendwann mal so einen ganz kurzen Text geschrieben über Fadejew nach dem Selbstmord von Fadejew. Du weißt noch, wer Fadejew war? Er war, also …

Alexander Kluge: Ein russischer Schriftsteller? Vorsitzender des Schriftstellerverbandes …

Müller: Russischer Schriftsteller. Ein sehr guter Schriftsteller zunächst.

Kluge: Was hat er geschrieben?

Müller: Und dann war…“Die Neunzehn“, zum Beispiel. Das ist ein Roman aus dem Bürgerkrieg, wo er – es ist eigentlich die beste Beschreibung der Situation des jüdischen Intellektuellen – als Kommissar in dieser Bauernhorde, dieser frühen Roten Armee. Wo er beschreibt, unter anderem, den Ekel dieses Mannes, dieses Intellektuellen vor diesen Bauern, die stinken und primitiv sind. Und er haßt sie eigentlich, und sein Grundgefühl ist Ekel. Aber er muß sie lieben. Weil sie sind die Revolution. Sie sind die Zukunft.

Kluge: Und er ist Offizier?

Müller: Und er ist Kommissar. Ja. Und sie hassen ihn, weil er Jude ist und ein Intellektueller. Es ist wirklich ein toller Roman. Und dann wurde Fadejew der Repräsentant eigentlich des Stalinismus in dem Schriftstellerverband. Von ihm stammt dieser Satz über Sartre: „Eine Hyäne an der Schreibmaschine“— das war von Fadejew. Und …

Kluge: Das war bei ihm negativ gemeint.

Müller: Das war ganz negativ gemeint, ja.

(…)

Müller: Fadejew hat sich erschossen nach dem zwanzigsten Parteitag, also als Chruschtschow zum ersten Mal über Stalin und die Verbrechen gesprochen hat. Und am Abend vorher kriegt er Besuch von einem Schriftsteller, der fünfzehn Jahre im Lager gewesen war. Und Fadejew hatte nichts für ihn getan, hätte etwas tun können. Er war Sekretär des Schriftstellerverbands. Und der hatte einen Traum während dieser Lagerzeit: wenn er rauskommt, Fadejew ohrfeigen. Und er besuchte einen Freund, sagte: „Komm, wir gehen zu Fadejew.“ Und sie gingen zu Fadejew. Fadejew war betrunken, wie immer, also zuletzt war nur noch der Wodka. Und Fadejew stand in der Tür, und er hat ihn geohrfeigt und ist gegangen. Und in der Nacht hat sich Fadejew erschossen. Und angeblich auf der Couch, auf der Majakowski sich erschossen hat – die hatte er gekauft als Antiquität.

BEIM WIEDERLESEN VON ALEXANDER FADEJEWS DIE NEUNZEHN
In einer Nacht mit Wodka DER HIMMEL VOLL MADEN
Schreibt er sein Bild fest mit dem Revolver im Blitzlicht
Des letzten Parteitags als die Denkmäler bluten

Und die blutenden Denkmäler, das finde ich wichtig, daß Denkmäler bluten können. So wie früher die Toten geblutet haben, wenn der Mörder an die Leiche trat.