Fetischkritikkritik

(Freuden der alten Marx-Lektüre I)

1976 bespricht der Rätekommunist Paul Mattick den Sammelband »Marx und Marxismus heute« (hrsg. von Gerd Breitenburger und Günter Schnitzler, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1974) für die IWK (12. Jg., Heft 1, S.89-94) und geht dabei auch auf den Aufsatz »Der gesellschaftstheoretische Charakter der Marxschen Werttheorie« des Soziologen Johannes Berger ein (u.a. Co-Autor des zweibändigen Kompendiums »Krise und Kapitalismus bei Marx«, später Professor in Bielefeld).

Johannes Berger wendet sich dem gesellschaftstheoretischen Gehalt der Marxschen Werttheorie zu, um den Vorwurf von Seiten der Soziologie der marxistischen Beschränkung auf die Kritik der politischen Ökonomie zurückzuweisen. Er geht davon aus, daß Marx, im Gegensatz zur klassischen Ökonomie, den Wert nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ abhandelte, wobei es sich bei der qualitativen Analyse um die Auflösung der konkreten in allgemein abstrakte Arbeit handelt. Gesellschaftliche und natürliche Bestimmungen der Arbeit fallen auseinander. Um gesellschaftlich zu werden, muß die konkrete Arbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus abstrakt werden. Marx’ Lehre vom Doppelcharakter ist keine vom Denken geschaffene Unterscheidung, sondern basiert auf den wirklichen Verhältnissen. In einer Gesellschaft, in der für den Tausch produziert wird, wird die Arbeit des einzelnen nicht unmittelbar gesellschaftliche Arbeit, sondern gesellschaftlich erst ›post festum‹, durch den Austausch als Tauschwert gesetzt.
Dazu ließe sich sagen, daß dies sowohl für die abstrakte Darstellung der Warenproduktion im allgemeinen gilt, aber nicht ausreicht für das Verständnis der spezifisch-kapitalistischen Warenproduktion, in der der›Austausch‹ von Kapital und Arbeit nur ein scheinbarer ist. Das Kapital tauscht nichts gegen den Mehrwert, der auf dem Wert beruht, sondern eignet sich den Mehrwert durch den monopolisierten Besitz oder die Kontrolle der Produktionsmittel an. Die kapitalistische Gesellschaft beruht nicht, wie Berger anzunehmen scheint, auf dem Warenfetischismus, den Mystifikationen, die sich aus den Tausch- oder Wertverhältnissen ergeben, sondern aus der tatsächlichen Beherrschung der Produktionsbedingungen durch das Kapital. Deshalb stimmt es auch nicht, daß durch Einsicht in die Mystifikationen der Warenproduktion diese selbst aufgehoben werden können. Der Warenfetischismus ist nicht nur ein ›falsches Bewußtsein‹, sondern (…) eine ›objektiv‹ vom Kapital unablösbare Erscheinungsform der ihr zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse. Auch bei voller Erkenntnis, daß der Kapitalismus nur eine historische Form gesellschaftlicher Produktion und die verkehrte Welt der Warenproduktion keine notwendige ist, bleiben die dem Warenfetisch verbundenen Produktionsverhältnisse bestehen. Worauf es ankommt, ist, daß nicht nur die fetischisierten Bewußtseinsformen, sondern auch die sozialen Verhältnisse, die ihnen zugrundeliegen, objektiv durch den objektiv waschenden Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen dem Verfall entgegentreiben.