Archiv für Februar 2013

Die Zauberformel lautet …

Ich glaube, es war nach dem Weltmeistertitel und in der letzten wirklich glanzvollen Saison Pep Guardiolas als Barca-Trainer, dass die katalanische Sportpresse sich bei Spielen der Nationalmannschaft gar nicht einkriegen konnte: auch die Nationalelf spiele ja wie Barca und das sei somit Ausdruck der ultimativen Dominanz – der Erfolg der Nationalmannschaft also kein Produkt des endlich gefundenen Kompromisses zwischen Real- und Barca-Spielern, sondern einfach eine Verlängerung katalanischer Fußball-Kunst, der sich auch Sergio Ramos oder Xabi Alonso, die madrilenischen Ultras, klaglos unterzuordnen hätten.
Das stimmte zwar schon damals nicht so ganz, weil Vicente Del Bosque wesentlich defensiver als Guardiola denkt und maximal einem Außenverteidiger die Eskapaden als verkappten Flügelstürmer erlaubt (2010 – Sergio Ramos, 2012 – Jordi Alba), während bei Barca es beide Außenverteidiger machen, was bedeutet, dass sich dann Busquets in die Defensive zurückfallen lasssen muss.
Und das stimmt für den EM-Gewinn 2012 erst recht nicht.
Ganz deutlich wird das, wenn man das Spiel der spanischen Nationalmannschaft mit dem aktuellen – nein: leider »ewigen« – Spiel des FC Barcelona vergleicht. Die Zauberformel lautet nicht »Barcelona for ever« (ach, immer das Gejammer, wir können nur unser System spielen, wir werden daran festhalten und wenn wir uns vertrauen, sind wir unschlagbar, notfalls gehen wir mit unserem System unter, määh määh määh), sondern Kurzpassspiel + Premier-League-Veredelung + Akzeptanz der Mourinho-Lektionen. Del Bosque macht als Trainer vielleicht wirklich nicht viel, aber er muss wohl als Typ enorm integrativ sein (ist zwar im konservativ-klerikal-autokratischen Real-Milieu groß geworden – als Spieler und als Trainer –, kommt aber aus einem sozialistisch-republikanischen Elternhaus, steht also für den Antifaschismus, den Barca etwas dreist für sich reklamiert) und vor allem versteht er es, die spielerisch-taktischen Zutaten nahezu perfekt zu mixen, etwas was Van Gaal, Cruyff und ihr Schüler Guardiola – also die angeblichen Totalgenies des modernen Fußballs – in ihrem Kurzpass-Ballbesitz-»Defensive funktioniert auch mit drei Mann«-Dogmatismus nicht können (José Mourinho kann es auch, hinterlässt aber als Trainer bislang stets – durch Intrigen, Wagenburgmentalität, Paranoia etc.pp. – ausgelaugte Mannschaften).
Schauen wir kurz auf die Spanier, wie sie sich während der EM präsentiert haben: Der Ausfall Carles Puyols in der Innverteidigung erweist sich als »Glücksfall«, Del Bosque beordert den Rechtsverteidiger Ramos nach innen, wo er sich auch noch mit Gerard Piqué vertragen muss: Die beiden mögen sich nicht, katalanischer Nationalist der eine, andalusischer der andere, dann noch der Barca-Real-Hass etc.pp., und Del Bosque weiß, wenn die sich nicht vertragen, geht alles schief. Sie vertragen sich. Und Ramos, ein umgeschulter Stürmer (so spielt er halt, wir kennen die Bilder von der WM 2010), bleibt auch noch brav in der Defensive, kaum Ausbrüche nach vorne. Man wächst an seiner Verantwortung. Rechts spielt dafür Alvarao Arbeloa (2007-2009 beim FC Liverpool!), über den keiner spricht, weil er so schnörkellos und unspektakulär auftritt, aber der ist ein harter Hund, kleine Nickeligkeiten, gutes Tackling, schnelle Spieleröffnung, nix Besonderes, aber genau das braucht Del Bosque. Links darf dann Jordi Alba tatsächlich nach vorne stürmen. Vor der Abwehr packt Del Bosque mit Xabi Alonso, Xavi und Sergio Busquets ein defensives Mittelfeld, das diesen Namen verdient, eine zweite Abwehrreihe, wie sie Mourinho nicht besser hätte erfinden können, wobei Alonso und Busquets als Doppelsechs agieren und Xavi etwas weiter nach vorne aufrückt. Vorne dann Verzicht auf den Stürmer, dafür rotierend Silva-Fabregas-Iniesta. David Silva war 2011/12 der beste Spieler von ManCity, Cesc Fabregas, zu dem später mehr, ist eigentlich immer noch der beste Arsenal-Spieler der letzten zehn Jahre, eine prägung, die ihm bei Barca schwer zu schaffen macht. Also vorne regiert die Premiere League, angefeuert von den genialen Zuspielen Andres Iniestas. Die Alternativen, die sich Del Bosque vorbehält, sind fantastisch, de facto aber zweitranging: Pedro und Jesus Navas – zwei Flügelspieler – kann er bringen, wenn er Weite braucht, wenn die Abwehrketten der Gegner noch weiter aufgerissen werden sollen. In Juan Mata (2011/12 bester Spieler von Chelsea) und Santi Cazorla (aktuell bester Spieler von Arsenal) hat er zwei verkappte Stürmer, die perfekt Silva und Fabregas ersetzen/ ablösen können, mit dem bulligen Negredo, dem tragischen Torres (Liverpool, Chelsea) und dem überraschend pfiffigen Llorente kann er drei klassische Stürmer, die aber allesamt taktisch weiterdenken als, sagen wir, Mario Gomez, aufbieten – für die Durchschlagskraft. Demnächst kommt dann noch der Senkrechtstarter Michu (aktuell bester Spieler von Swansea) hinzu, und der hat gerade alles im Überfluss – Durchschlagskraft, Passsicherheit, Geschwindigkeit, Mannschaftsdienlichkeit.
»Premiere-League-Veredelung« meint hier dreierlei: 1. Vertikalität (der schnelle Pass nach vorne – im Gegensatz zum horizontalen Barca-Spiel); 2. Geschwindigkeit (ergibt sich zwingend aus der Vertikalität); 3. Definition von Räumen. Letzteres ist entscheidend: Das Spiel von Braca findet INNERHALB eines Raumes statt, es heißt ja auch: Telefonzellen- oder Billard-Fußball (der Billard-Raum ist sehr statisch!), und die Botschaft lautet: Mögen die Räume noch so eng sein, wir passen passen passen und finden immer jemanden von uns, den wir anspielen können, und irgendwann macht ihr einen Fehler, dann ist die Lücke da, mag sie auch noch so klein da, und der Floh hüpft durch und mit ihm der Ball… Klingt todsicher, ist aber bereits mehrfach entschlüsselt worden: Mag sein, ihr findet eine Lücke und stoßt durch, dann findet ihr dahinter noch eine Abwehrreihe, und wenn IHR mal den Ball verliert, bringen wir ihn sofort nach vorne und umkurven (Ronaldo hätte auch als Leichtathlet beste Chancen auf Weltruhm!) einfach eure Innenverteidigung, denn hinten auf den Flügeln steht keiner mehr. Barcelona würde derzeit selbst gegen Hannover96, die ja einen für ihre Verhältnisse mitreißenden Offensivfußball spielen, Gegentreffer kassieren.
Dagegen definiert das vertikale Spiel resp. der vertikale Pass in der Offensive Räume, weil der Ball schnell nach vorne gebracht wird, die Abwehrkette erst in die Tiefe und dann durch einen aufgerückten gegnerischen Flügelspieler (oder jemanden wie Jordi Alba) in die Breite gezogen wird – auf einmal ist ganz viel Platz da. Del Bosque lässt so spielen (denkt an die ersten beiden Tore gegen Italien im EM-Endspiel), und die Leute, die ihm (auch) in Zukunft dafür zur Verfügung stehen, sind eher nicht von Barca, sondern heißen: Michu, Mata, Silva, Cazorla, Jesus Navas (David Villa wird Barca Ende der Saison verlassen, Fabregas ist und bleibt ein Arsenal-Spieler).
Jetzt der Blick auf Barca: Pep Guardiola, der große Fußball-Philosoph, immer mit einem Kant-Reclam-Heftchen in der Anzugtasche und einem Hermann-Hesse-Zitat auf den Lippen, er konnte 2010/11 nichts mit Ibrahimovic anfangen (den er aber unbedingt haben wollte!), er hat zuvor Eto’o fahrlässig abgeschrieben, er hat in seiner letzten Saison unbedingt Fabregas haben wollen, konnte aber ebenfalls kaum etwas mit dessen risikofreudigem, offensivem Vertikalspiel anfangen, weswegen der wie ein Schluck Wasser in der Kurve hängt, dann holte G. noch Alexis Sanchez, den man entweder an seiner Entfaltung als Stürmer hindert (alle Augen auf Messi) oder der es schlicht nicht besser kann. Einen Strategen in Sachen Personalplanung kann man Guardiola nicht nennen. Der jetzige Barca-Trainer Tito Vilanova hat das zu korrigieren begonnen – zumindest im Fall von Fabregas, der im herbst endlich an seine geniale Arsenal-Zeit anknüpfen konnte --- und durfte!, aber sonst? Hat man Alexandre Song geholt, eine weiteren defensiven Mittelfeldspieler (was sollte das?), setzt man David Villa nach seiner langen Verletzungsauszeit nicht ein, zumindest nicht so, dass der Spieler an seinen Einsätzen wachsen kann, frustriert man seinen eigenen besten Nachwuchsspieler Cristian Tello durch Bankdrückerei. Andere hoch gelobte Nachwuchskräfte (Montoya, Bartra) kommen noch seltener zum Zug. Alles Stillstand, Selbstgefälligkeit, Musealisierung. Der Verein ist unfähig, ein Jahr zur Neufindung und Überbrückung einzuplanen resp. durchzuziehen (wie das gerade, mit dann doch überaschend großem Erfolg, der AC Mailand praktiziert).
Und jetzt ist auch noch Tito, der tatsächlich ein bisschen weiter blicken kann, schwer erkrankt, was die Mannschaft noch mehr auf sich zurückwirft, noch mehr in ihren längst dechiffrierten Spielcodes erstarren lässt. Sie haben sich selbst in ihrem Kurzpassspiel eingekerkert, auf einmal sieht es jeder – das ist ja berechenbar, dies Tänzeln auf engstem Raum! Virtuos, aber kaum variabel. WIR warten jetzt auf EUREN Fehler, und dann überrennt jemand schlicht und ergreifend den schnaufenden Dieseltruck Puyol.
Puyol ist mittlerweile ein Problemspieler, Xavi kann seine mangelnde Geschwindigkeit auch immer weniger durch seinen Passspielautomatismus kompensieren, Messi ist innerhalb seiner Mannschaft schlicht unkontrollierbar, steht häufig da, wo er nicht stehen sollte, staubt immer mehr ab, liefert weit vorne kaum noch frische Ideen, offensichtlich kritisiert ihn keiner mehr. Wenn sie demnächst Neymar holen werden (die Gerüchte könnten aber auch ein Medienhype sein), könnte sich die Ibra-Nr. wiederholen, denn irgendjemand müsste Messi einfangen und ihm klar machen, dass Barca nicht SEINE Mannschaft ist. Das will keiner, das kann keiner, daran denkt vermutlich auch niemand im Verein.
Die Idee von Cruyff und später Van Gaal war: Wir entwickeln ein System, das in sich ruht, das nicht darauf abzuzielen braucht, sich immer wieder neu auf die Gegner einstellen zu müssen. One size fits all. So eine Art historische Invarianz. Klar, wer IMMER im Ballbesitz ist (und bei Verlusten sofort zur Balleroberung ansetzt, also weiter angreift), der braucht sich keine Gedanken über die Taktik der anderen zu machen, denn die haben ja keinen Ball. Was sollen die denn machen?
Heute weiß man: Sie können eine Menge machen.
Die Idee in einem ultraflexiblen Spiel wie Fußball ein System zu installieren, was dieser Flexibilität diametral entgegensteht, mag verführerisch sein, ist aber auf Dauer undurchführbar – logisch unmöglich. Die jüngsten Niederlagen Barcas waren heftig und kamen plötzlich, überraschend war diese Entwicklung nicht. Die Pointe von Del Bosques Erfolg als Nationalcoach besteht vermutlich einfach darin, sich zu sagen, dass es per se keine spanische Dominanz gibt — nicht als Ausgangspunkt!, dass man sich immer wieder einstellen muss, wobei die Schritte minimal sein können. Aber es müssen welche folgen. Nach vorne, vertikal.

Fetischkritikkritik

(Freuden der alten Marx-Lektüre I)

1976 bespricht der Rätekommunist Paul Mattick den Sammelband »Marx und Marxismus heute« (hrsg. von Gerd Breitenburger und Günter Schnitzler, Hamburg: Hoffmann und Campe, 1974) für die IWK (12. Jg., Heft 1, S.89-94) und geht dabei auch auf den Aufsatz »Der gesellschaftstheoretische Charakter der Marxschen Werttheorie« des Soziologen Johannes Berger ein (u.a. Co-Autor des zweibändigen Kompendiums »Krise und Kapitalismus bei Marx«, später Professor in Bielefeld).

Johannes Berger wendet sich dem gesellschaftstheoretischen Gehalt der Marxschen Werttheorie zu, um den Vorwurf von Seiten der Soziologie der marxistischen Beschränkung auf die Kritik der politischen Ökonomie zurückzuweisen. Er geht davon aus, daß Marx, im Gegensatz zur klassischen Ökonomie, den Wert nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ abhandelte, wobei es sich bei der qualitativen Analyse um die Auflösung der konkreten in allgemein abstrakte Arbeit handelt. Gesellschaftliche und natürliche Bestimmungen der Arbeit fallen auseinander. Um gesellschaftlich zu werden, muß die konkrete Arbeit unter den Bedingungen des Kapitalismus abstrakt werden. Marx’ Lehre vom Doppelcharakter ist keine vom Denken geschaffene Unterscheidung, sondern basiert auf den wirklichen Verhältnissen. In einer Gesellschaft, in der für den Tausch produziert wird, wird die Arbeit des einzelnen nicht unmittelbar gesellschaftliche Arbeit, sondern gesellschaftlich erst ›post festum‹, durch den Austausch als Tauschwert gesetzt.
Dazu ließe sich sagen, daß dies sowohl für die abstrakte Darstellung der Warenproduktion im allgemeinen gilt, aber nicht ausreicht für das Verständnis der spezifisch-kapitalistischen Warenproduktion, in der der›Austausch‹ von Kapital und Arbeit nur ein scheinbarer ist. Das Kapital tauscht nichts gegen den Mehrwert, der auf dem Wert beruht, sondern eignet sich den Mehrwert durch den monopolisierten Besitz oder die Kontrolle der Produktionsmittel an. Die kapitalistische Gesellschaft beruht nicht, wie Berger anzunehmen scheint, auf dem Warenfetischismus, den Mystifikationen, die sich aus den Tausch- oder Wertverhältnissen ergeben, sondern aus der tatsächlichen Beherrschung der Produktionsbedingungen durch das Kapital. Deshalb stimmt es auch nicht, daß durch Einsicht in die Mystifikationen der Warenproduktion diese selbst aufgehoben werden können. Der Warenfetischismus ist nicht nur ein ›falsches Bewußtsein‹, sondern (…) eine ›objektiv‹ vom Kapital unablösbare Erscheinungsform der ihr zugrundeliegenden Produktionsverhältnisse. Auch bei voller Erkenntnis, daß der Kapitalismus nur eine historische Form gesellschaftlicher Produktion und die verkehrte Welt der Warenproduktion keine notwendige ist, bleiben die dem Warenfetisch verbundenen Produktionsverhältnisse bestehen. Worauf es ankommt, ist, daß nicht nur die fetischisierten Bewußtseinsformen, sondern auch die sozialen Verhältnisse, die ihnen zugrundeliegen, objektiv durch den objektiv waschenden Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen dem Verfall entgegentreiben.

Hallo Partner!

Rheinischer Karneval (Schunkeln in Gitti’s Eckkneipe) = DKP

Kampftrinken = MG / GSP

Pfadfinderlager ab 14 J. = MLPD

90er Jahre Rave (mit Westbam!) = Um’s Ganze

Maskenball in der Loge des Großen Orients = Bordigisten

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Pfadfinderlager ab 16 J. = SAV

Evangelische Beat-Messe Oer-Erkenschwick = Autonomes Zentrum Kalk

Nachts sich Zugang zum Vereinsheim des Tennisclubs der Eltern verschaffen, dort mit ein paar Kumpels die Clubbar leersaufen, dann dem Erwachsenwerden langsam entgegen dämmern = antideutsche Ideologiekritiker

Dönerbude Eberswalder/Ecke Schönhauser, 4 Uhr morgens = Werner Pirker