Non Consumiamo Marx!

Ganz selten, historisch bislang vielleicht nur einmal, hat es die Anstrengung gegeben, die musikalische Avantgarde mit der politischen zusammenzubringen. Und zwar in einer Radikalität, die der Musik wie der politischen, hier: der kommunistischen Haltung angemessen ist: ein Zusammenkommen, das selbst radikal ist. Wir reden also nicht von Komponisten, die sich auch einmal politisch geäußert/ positioniert/ betätigt haben, auch nicht von solchen, die mit ihrem Umfeld gebrochen haben, um dann Gebrauchsmusik zu schreiben – das krasseste Beispiel ist sicherlich Cornelius Cardew mit seiner Hingabe ans naive Volkslied –, und auch nicht von solchen Komponisten, die ihre Arbeit per se politisch verstehen, indem sie von einer radikalen Immanenz ausgehen – die Arbeit ist gerade dann politisch, wenn sie nicht politisch ist/ wenn sie die politische Etikettierung nicht nötig hat (kein Zweifel, das ist sicherlich die ergiebigste Haltung).
Die Rede ist von einer Arbeit wie »Non Consumiamo Marx«, einem Stück Agitprop, das aber auf alle Mittel des Agitprop verzichtet, gleichzeitig aber nichts anderes als genau das sein will: Agitation. Ein Widerspruch, der sich nur in einer radikalen Form, die ebenso unkonventionell und buchstäblich non-konform wie radikal zugänglich ist, bewegen kann. Zu dieser Form muss man auch schon den Titel zählen, Hört auf, Marx zu konsumieren!, der nicht nur auf die linke (linksakademische) Kunst-Schickeria abzielte, sondern sich auch an die Aktivisten selbst wendet, sich nicht länger auf die Gewissheiten der sitzenden Marx-Lektüre zu verlassen.
»Non Consumiamo Marx« ist ein Stück tape-music, das Luigi Nono 1969 produzierte und das bis heute keine Neuveröffentlichung erfahren hat (die historische LP wird bei Ebay oder Discogs ab mindestens 100 Euro gehandelt). Es handelt sich um kein offiziell verworfenes Stück, es findet sich im Werkverzeichnis gelistet, allerdings um ein Stück, das zumindest Nonos Erben für irrelevant halten müssen. Auf den »Complete (!!) Works for Solo-Tape« findet es sich jedenfalls nicht, ebenso wenig übrigens wie ein anderes 69er Werk von Nono, in dem er eine Häftlingsrevolte akustisch verarbeitet (»San Vittore 1969«). Mag sein, dass es bald schon dem Meister allzu unterkomplex vorkam, andere Lautsprechermusik-Stücke Nonos sind in der Tat tiefer, verschachtelter, vielschichtiger …, und Ende der 70er Jahre unterzog Nono seiner Arbeit einer radikalen Revision. Aber: die Verklammerung von »Politik« und »Musik« im Medium des Geräusches, die Kombination von Kompromisslosigkeit und ostentativer Einfachheit (es ist sofort klar, worum es geht) ist hier doch tatsächlich gelungen. Dieser Impuls wurde aber in späteren Jahren kaum aufgenommen. Weil diese Verklammerung schon wieder brüchig war? Weil der reale politische Moment fehlte, auf den sich »das Geräusch« bezog? Die Attacke gegen Marx-Konsumismus behält aber ihre Gültigkeit.
Auf diesem Blog habe ich ein paar interessante Informationen gefunden. Und ist das nicht bemerkenswert? Nono war in der KP Italiens engagiert und führte »Non Consumiamo Marx« sozusagen auf Geheiß der französischen KP auf – wie wir wissen, und es war damals schon jedem Militanten bekannt, zwei der reaktionärsten Kräfte des alten Europa. Selbst so ein klobiges Stück Lärm kann also klüger als sein unendlich feingeistiger Schöpfer sein…

During the 1960s, in addition to his boycott of official, bourgeois concert venues, Luigi Nono (1924-1990) abandoned orchestral music in favor of works for magnetic tape, supposedly easier to set up in the streets or in factories on light PA systems, as the composer wanted to connect with workers directly. Accordingly, in 1968, Nono decided to boycott the Venice Biennale, which was considered by leftists a »fortress of bourgeois art«. The 1968 Biennale was marked by student protest, gallery occupation and violent riot police confrontations (see pictures below). In 1969, Nono used audio recordings from these events in Non Consumiamo Marx, or Don’t Consume Marx, to protest against the compulsory Biennale. Both Un Volto, Del Mare and Non Consumiamo Marx were premiered at Fête de l’Huma in 1969, the annual French Communist Party festival, where Nono was invited as a member of the Central Committee of the Italian Communist Party. Those were the days…