Funktion der Invarianz

Unter den »Pindar-Fragmenten«, die Hölderlin zwischen 1800 und 1805 notierte, findet sich auch folgendes Fragment.

Fähigkeit der einsamen Schule für die Welt. Das Unschuldige des reinen Wissens als die Seele der Klugheit. Denn Klugheit ist die Kunst, unter verschiedenen Umständen getreu zu bleiben, das Wissen die Kunst, bei positiven Irrtümern im Verstande sicher zu seyn. Ist intensiv der Verstand geübt, so erhält er seine Kraft auch im Zerstreuten; sofern er an der eigenen geschliffenen Schärfe das Fremde leicht erkennt, deßwegen nicht leicht irre wird in ungewissen Situationen.

… so erhält er seine Kraft auch im Zerstreuten. Es geht darum, die Invarianten1 zu erkennen. Durch Hölderlins Überlegung wird klar, dass das Erkennen der Invarianz weder Scholastik noch Denkfaulheit noch Flucht vor der chaotischen, sich ständig änderndend, ach so verwirrenden Wirklichkeit ist. Sondern vielmehr das Gegenteil: Das Erarbeiten eines Maßstabs um die Kontinuität – eben: »die sich bei einer jeweils passenden Klasse von Modifikationen des Objektes nicht ändert« – des Wirklichen zu erfassen. Der Kapitalismus ist auch dann kapitalistisch, wenn er gerade Fordismus genannt wird oder Sozialpartnerschaft oder Netzwerk-Ökonomie.
Die Invarianz des Marxismus zu behaupten, wurde Amadeo Bordiga und der Gruppe Programma Comunista stets vorgeworfen (nicht zuletzt von anderen, überraschenderweise undogmatischen und irgendwie so ganz lockeren Linkskommunisten, die dann übrigens in ihren Publikationen für die redundantesten, schwammigsten und geschwätzigsten Texte geradestehen müssen. Namen werden nicht genannt, aber man kann sich mal auf die virtuelle Suche machen, im Online-Publizieren sind sie stark!). Dabei geht es nicht um das Ende der Analyse, sondern um deren Ermöglichung, um den Zugang zur Wirklichkeit2!
Hier die Punkte 12 und 13 aus Bordigas klassischen Feststellungen zur »historischen ›Invarianz‹ des Marxismus« (Feststellungen – so soll es sein, klar und apodiktisch formuliert!)

12.) Auch wenn das ideologische Vermögen der revolutionären Arbeiterklasse nicht mehr Offenbarung, Mythos, Idealismus (wie bei den vorhergehenden Klassen), sondern positive »Wissenschaft« ist, so braucht sie doch eine klare und dauerhafte Formulierung ihrer Grundsätze und auch ihrer Aktionsregeln – einen Kanon also, der die Aufgabe erfüllt und die Schlagkraft hat, die einst Dogmen, Katechismen, Tafeln, Verfassungen, oder Heilige Bücher hatten wie z.B. die Veden, der Talmud, die Bibel, der Koran oder die Erklärung der Menschenrechte. Die darin enthaltenen substantiellen und formalen Mängel haben deren riesige organisatorische und gesellschaftliche Kraft (zuerst revolutionär, dann konterrevolutionär – in dialektischer Folge) nicht gebrochen – im Gegenteil: Oftmals haben gerade die »Ketzereien« diese Kraft noch verstärkt.
13.) Gerade weil er der Suche nach »absoluter Wahrheit« jeglichen Sinn abspricht und seine Doktrin nicht als Beleg des »Ewigen Geistes« oder der abstrakten Vernunft, sondern als »Arbeitswerkzeug« und »Waffe« ansieht, verlangt der Marxismus – ob bei der stärksten Anspannung oder auf dem Höhepunkt des Kampfes – weder Werkzeug noch Waffe zwecks »Reparatur« abzulegen, sondern als Partei die richtigen Werkzeuge und Waffen zu ergreifen, um sowohl im Krieg als auch im Frieden zu siegen.

Und 18 Jahre später die Bestätigung:

Eine andere Beschuldigung, die Sie Ihr ganzes Leben lang begleitet hat, ist die, den politischen Kampf als abstrakten gesehen zu haben, denn Sie hatten eine Denkweise, die als »theoretischer Schematismus« bezeichnet wird. Dies habe dazu geführt, schwere Fehler zu begehen. Inwieweit erkennen Sie diese Analyse heute als berechtigt an? Oder weisen Sie sie völlig zurück?
Ich weise diese angebliche Analyse zurück, auf die sich die Frage bezieht und deren Formulierungen meiner Denkweise und meiner Parteinahme im politischen und sozialen Kampf nicht entsprechen, auch objektiv sind sie nicht richtig. Wenn man sich einer Klassenbewegung oder der Theorie, mit der Karl Marx sie ausrüstete, anschließt, lassen sich – um die Dynamik des Kampfes und des Klassenantagonismus wiederzugeben – die gegeneinander kämpfenden Klassen nicht auf konkrete Kategorien zurückführen, sondern müssen als abstrakte Begriffe, die sich auf erfahrbare soziale Tatsachen beziehen, dargestellt werden. Den Imperativ des Abstrakten aufgegeben und durch jenen einfachen und leicht handhabbaren des Konkreten ersetzt zu haben, stellt den verhängnisvollen Fehler derer dar, die sich (indem sie marxistisch gesprochen zu »Verrätern« ihrer eigenen Klasse oder wie Lenin sagt, zu »Berufsrevolutionären« wurden) als Führungskader der proletarischen Bewegung zur Verfügung stellten. (…)

»… deßwegen nicht leicht irre wird in ungewissen Situationen«, die Linie Hölderlin-Marx muss unbedingt verteidigt werden!

  1. Hier sei einmal Wikipedia zitiert: In der Mathematik versteht man unter einer Invariante eine zu einem Objekt assoziierte Größe, die sich bei einer jeweils passenden Klasse von Modifikationen des Objektes nicht ändert. Invarianten sind ein wichtiges Hilfsmittel bei Klassifikationsproblemen: Objekte mit unterschiedlichen Invarianten sind wesentlich verschieden; gilt auch die Umkehrung, d.h. sind Objekte mit gleichen Invarianten im Wesentlichen identisch, so spricht man von einem vollständigen Satz von Invarianten oder von trennenden Invarianten. [zurück]
  2. Wir haben hier den jüdischen Gelehrten Franz Baermann Steiner zitiert, und machen es gerne noch einmal:
    Die borniertesten Lebensvorschriften und Gesetze geben Freiheit insofern, als sie dem Menschen es ermöglichen, sich einzuordnen, ohne andre Leute nachzuahmen. Erst die Zerstörung jeder Orthodoxie ermöglicht das Massenbewusstsein, wie wir es heute kennen, mit seiner aus Nachäfferei entstandenen ängstlichen, klebrigen Kohäsion.

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