Nietzsche-Lektüre

… Gleichviel, wenn Nietzsche (Wille z. Macht Nr. 751) proklamiert, »man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf ‚Glück‘: es steht (sc. in dieser Hinsicht) mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem niedrigsten Wurme«, dann macht er uns darüber hinaus ja sogar das Recht streitig, mit dem Worte »Recht« einen Sinne zu verbinden, diesen Ausdruck also in den Mund zu nehmen.
Eigentlich ist dieses dictum Nietzsches völlig unbekannt, mindestens völlig folgenlos geblieben. Wohl deshalb, weil es zu extrem war, als daß es hätte rezipiert, verstanden oder überliefert werden können. Wer einstimmt in die These, daß er kein Recht darauf hat, dazusein, der kann sich gleich aufhängen. Und der Arbeiter, der es akzeptiert, daß er keinen recht auf einen Arbeitsplatz hat, der hat dadurch ein Recht auf jeden anarchistischen Akt.
Wäre aber Nietzsches ungeheuerliche Rechtsaberkennung rezipiert, verstanden und überliefert worden, dann hätte die Empörung über sie unschwer zum emotionalen Generalnenner für alle Menschen aller Länder, aller Klassen, sogar der »Guten und Bösen« werden können. Denn nicht einmal in der nun zweihundertjährigen Geschichte des Anarchismus hat es je Theoretiker oder Demagogen gegeben, denen es eingefallen wäre, das Recht, von Anrechten zu sprechen, abzuleugnen. Auch Stirner macht da keine Ausnahme. Umgekehrt hat es nie einen Anarchisten gegeben, der nicht auf irgendwelche Rechte Ansprüche angemeldet hätte.
Was freilich nicht verhindert, daß theoretische Nietzsches philosophische These unwiderlegbar ist; denn es ist ja metaphysisch völlig unklar, was ein Recht sei, welche Seinsart ihm zukomme und von wo es seine Legitimität ableiten sollte.
Aber bekämpfbar ist Nietzsches These natürlich. Nein, mehr als das: wir müssen sie sogar bekämpfen. Auch wenn wir uns dadurch zu Nichtphilosophen machen.

Aus: Günther Anders, »Nietzsche-Lektüre«, in: Ketzereien, 3. Auflage, 1996, Beck Verlag München, S.215f.