Archiv für Dezember 2012

Verdinglichung als Herrschaft

Dass abhängige Arbeit keine harmlose Sache ist, hat Hegel natürlich gewusst und diese Beziehung (Abhängigkeit ist ja kein stationärer Zustand) in ihren individuellen wie gesellschaftlichen Konsequenzen schon früh, am prägnantesten im berühmten »Herr-Knecht«-Kapitel seiner Phänomenologie, darzustellen gewusst. Freilich geht alles gut aus, und selbst die größte Negativität erweist sich als Teil, Antrieb einer weit größeren Bewegeung, die alles Störende in sich aufnimmt und zu ihrem Antrieb macht.
Man muss ein wenig suchen, aber da, an abgelegener Stelle, bringt Hegel doch sehr knapp, sehr hart den Effekt der Verdinglichung, in der Tat: eine Versteinerung, eine kaum wiedergutzumachender Verlust der Lebendigkeit auf den Punkt.

Die Arbeit nach einem fremden Willen ist α) das Abtun der eigenen Besonderheit desselben, β) eine Bearbeitung der Dinge oder eine solche negative Beziehung der Selbsts auf sie, welche zur Form der Dinge wird, die Gegenständlichkeit derselben erhält und sich selbst ein solches Dasein gibt.

Das ist §30 aus der »Bewußtseinlehre für die Mittelklasse [1808/09], aus dem Teilabschnitt »Herrschaft und Knechtschaft«, zitiert nach der ›Theorie‹-Werkausgabe Band 4, »Nürnberger und Heidelberger Schriften 1808-1817«, hg. von KM Michel und Eva Moldenhauer, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1970, S.81. Hegel unterrichte seit dem November 1808 – notgedrungen – Philosophie, auch Germanistik, Griechisch und höhere Mathematik, am Nürnberger humanistischen Egidiengymnasiums.
Seine diktierten Logikexerzitien sind hier überraschend undialektisch, was damit zu tun hat, dass seine Maximen geradezu als Merksätze fungieren. Nichts wird entwickelt, den Schülern nur etwas vorgesetzt, daher der mitleidslose Ton, ein (unfrewillig?) unversöhnlicher Ton. Dass abhängige Arbeit (heute: lohnabhängige Arbeit, natürlich, die auch dort wirksam ist, »primär wirkt«, wo sie nicht direkt in Erscheinung tritt) nicht nur verdinglichend ist, sondern Verdinglichung immer auch ein Herrschaftsverhältnis ist – und gleichzeitig ein Vergessen von Herrschaft, ein Unsichtbar-Werden –, steht in einer Parallelstelle. Die findet sich in einem nur wenig später gehaltenen Kurs der Bewusstseinslehre (von Hegels ersten Herausgebern offenbar als definitive Gestaltung des Stoffes angesehen, jedenfalls wurde dieser Kurs in die erste Gesamtausgabe aufgenommen), hier ist es §36 (gleicher Band der ›Theorie‹-Ausgabe, S.121):

Der eigene und einzelne Wille des Dienenden, näher betrachtet, löst sich aber überhaupt in der Furcht des Herrn, dem inneren Gefühle seiner Negativität auf. Seine Arbeit für den Dienst eines anderen ist eine Entäußerung seines Willens teils an sich, teils ist sie zugleich mit der Negation der eigenen Begierde die positive Formierung der Außendinge durch die Arbeit, indem durch sie das Selbst seine Bestimmungen zur Form der Dinge macht und in seinem Werk sich als ein gegenständliches anschaut. Die Entäußerung der unwesentlichen Willkür macht das Moment des wahren Gehorsams aus. (Peisistratos lehrte die Athenienser gehorchen. Dadurch führte er die Solonischen Gesetze in die Wirklichkeit ein, und nachdem die Athenienser dies gelernt hatten, war ihnen Herrschaft überflüssig.)

Wer gehorcht, dem erscheint Herrschaft (vulgo: äußeree Zwang) als überflüssig. Der Zusatz in Klammern ist unheimlich.

Nietzsche-Lektüre

… Gleichviel, wenn Nietzsche (Wille z. Macht Nr. 751) proklamiert, »man hat kein Recht, weder auf Dasein, noch auf Arbeit, noch gar auf ‚Glück‘: es steht (sc. in dieser Hinsicht) mit dem einzelnen Menschen nicht anders als mit dem niedrigsten Wurme«, dann macht er uns darüber hinaus ja sogar das Recht streitig, mit dem Worte »Recht« einen Sinne zu verbinden, diesen Ausdruck also in den Mund zu nehmen.
Eigentlich ist dieses dictum Nietzsches völlig unbekannt, mindestens völlig folgenlos geblieben. Wohl deshalb, weil es zu extrem war, als daß es hätte rezipiert, verstanden oder überliefert werden können. Wer einstimmt in die These, daß er kein Recht darauf hat, dazusein, der kann sich gleich aufhängen. Und der Arbeiter, der es akzeptiert, daß er keinen recht auf einen Arbeitsplatz hat, der hat dadurch ein Recht auf jeden anarchistischen Akt.
Wäre aber Nietzsches ungeheuerliche Rechtsaberkennung rezipiert, verstanden und überliefert worden, dann hätte die Empörung über sie unschwer zum emotionalen Generalnenner für alle Menschen aller Länder, aller Klassen, sogar der »Guten und Bösen« werden können. Denn nicht einmal in der nun zweihundertjährigen Geschichte des Anarchismus hat es je Theoretiker oder Demagogen gegeben, denen es eingefallen wäre, das Recht, von Anrechten zu sprechen, abzuleugnen. Auch Stirner macht da keine Ausnahme. Umgekehrt hat es nie einen Anarchisten gegeben, der nicht auf irgendwelche Rechte Ansprüche angemeldet hätte.
Was freilich nicht verhindert, daß theoretische Nietzsches philosophische These unwiderlegbar ist; denn es ist ja metaphysisch völlig unklar, was ein Recht sei, welche Seinsart ihm zukomme und von wo es seine Legitimität ableiten sollte.
Aber bekämpfbar ist Nietzsches These natürlich. Nein, mehr als das: wir müssen sie sogar bekämpfen. Auch wenn wir uns dadurch zu Nichtphilosophen machen.

Aus: Günther Anders, »Nietzsche-Lektüre«, in: Ketzereien, 3. Auflage, 1996, Beck Verlag München, S.215f.