Those were the days

… in allen politischen Kämpfen ging es eigentlich immer darum, für eine bessere Zukunft, wenn nicht Gegenwart zu kämpfen und das eigene Leben möglichst auch noch für diese glücklicheren Tage zu retten. Töten und getötet zu werden war immer unvermeidlicher historischer Tribut ans Bessere gewesen. Mit dem Ruf ›Es lebe der Tod‹ auf den Lippen gingen im Spanischen Bürgerkrieg die Falangisten in den Kampf, die Sprache der Nazis stammte aus der Untergangsphilosophie. Man muß zur Kenntnis nehmen, daß Todesideologie, Selbstvernichtungsbereitschaft Errungenschaften des Imperialismus, des 20. Jahrhunderts sind, einer Epoche, in der die Menschheit von der geheimen Ahnung durchdrungen ist, daß es auf sie wirklich nicht mehr ankommt. Nun muß man sich fragen, woher dieses Bewußtsein kommt, in unserem Falle, die ausweglose Perspektive, welche ein palästinensisches Kommando veranlaßt, in einer Art Kamikaze-Unternehmen [Anspielung auf die blutig beendete Geiselnahme eines israelischen Reisebusses, Anm. Ofenschlot] ihr Leben wegzuwerfen und gleichzeitig zu wissen, daß dadurch kurz- oder langfristig sich die Lage der Palästinenser nicht verbessert. Man wird sich, um die Herkunft dieses verzweifelten Bewußtseins zu verstehen, mit der palästinensischen Realität beschäftigen müssen, welche die Behauptung, die Palästinenser würfen ihr eigenes Leben weg, nicht mehr ohne weiteres zuläßt, sondern eher den Schluß, daß sie dort schon gar keines mehr haben.

(…)

Ich bin auch mit sehr vielen Leuten zusammengetroffen, die ich schon seit über zehn Jahren kenne, vor allem mit Kibbuzmitgliedern. Die bundesrepublikanische Linke hat den Kibbuz sehr lange für eine im wesentlichen fortschrittliche Einrichtung betrachtet, und auch heute, im Zuge der dubiosen Zurück-auf’s-Land-Bewegung genießt er beträchtliche Sympathien. Doch auch der Kibbuz hat sich unter dem Druck der jüngsten Entwicklung zu einem verläßlichen Bestandteil des großen Angstkartells gemausert. Mir sträubten sich die Haare, als ich alte Bekannte, deren Integrität ich nie in Zweifel gezogen hatte, auch bei den schärfsten politischen Differenzen nicht, plötzlich nach dem Standrecht verlangen hörte. Die Kibbuzim wimmeln von Hunden, die Furcht hat landsweit eine sympathische traditionelle jüdische Barriere gegen Haus- und Wachhunde niedergerissen. Mit dreifachem Stacheldrahtverhau umgeben, von Wachtürmen eingegrenzt, gleichen manche Kibuzzim eher Konzentrationslagern, jedes Gefängnis ist eine wirkliche Festung. Industrieanlagen jeder Art igeln sich ein wie auf einem Schlachtfeld, Wächter patrouillieren überall, wichtige Einrichtungen sind nachts in grelles Scheinwerferlicht getaucht, Rentner bewachen die Eingänge von Schulen und Kindergärten.
Einem oberflächlichen Touristen mag das entgehen, den Einheimischen ist es zum Vergessen: dies alles geschieht aus der umfassenden Angst heraus, daß sich zu einem unberechenbaren Zeitpunkt all das den Palästinensern zugefügte Unrecht schlagartig rächen wird.

Eike Geisel nach einen mehrwöchigen Besuch in Israel 1978, erschienen unter dem Titel »Tel Aviv – Hügel des Frühlings 1978. Außenpolitische Randglossen« in der Broschüre des Evangelischen Bildungswerks Berlin »Nationale und soziale Faktoren im Emanzipationsprozess des Nahen Ostens« (›graue Literatur‹, also in Bibliotheken nur schwer zu finden, archiviert aber z.B. vom Evangelischen Zentralarchiv Berlin).

Kleine Anmerkung die Falle des Antizionismus betreffend:
Wer sich die Hände reibt, um sogleich beruhigend auf den berühmt-berüchtigten Saulus-Paulus-Wandel1 hinzuweisen – denn von dem Geisel, den »wir« alle als Konkret- und Edition-Tiamat-Autor kennen, sind derartige Äußerungen nicht mehr bekannt (die heute absolut gängige Häme gegenüber den Palästinenser findet man nach meinem Kenntnisstand allerdings auch beim ›späten‹ Geisel nicht) –, dem sei gesteckt: Nein, es ist kein antizionistisches Pamphlet. Geisel kritisiert am Antizionismus die Fixierung auf den Zionismus, den jener zum Popanz aufbläst und mit dem er sich in Betonung der besonderen historischen Rolle des jüdischen Volkes einig weiß (wenn auch negativ) – um über Imperialismus und soziale Befreiung zu reden, ist Antizionismus folglich kein taugliches Konzept. Geisel macht die Falle des Antizionismus u.a. an folgendem Beispiel deutlich:

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Westberlin hat vor einiger Zeit in Briefen an den Senat, in der Presse und in an die beiden Universitäten gerichteten Schreiben in gewohnter Form gegen Solidaritätsveranstaltungen für den Kampf des palästinensischen Volkes in den westberliner Universitäten protestiert, weil es sich um antisemitische Propaganda handle. Das mag sich noch einfügen in die ohnehin vorhandene Dominanz zionistischer Ideologeme in der Gemeinde wie in der westberliner Öffentlichkeit. Was die Sache aber prekär macht, das ist die Reaktion der Angegriffenen. Sie reagieren (…) als wäre die Jüdische Gemeinde in Wahrheit eine Filiale des Staates Israel, eine ›Agentur des Zionismus‹, als wären ihre Mitglieder Zionisten sans phrase, und sie behaupten damit die von der zionistischen Ideologie phantasierte Identität von Judentum und Zionismus. Mit ihren Angriffen gegen die Jüdische Gemeinde treiben sie deren Mitglieder geradewegs dorthin, wo man alle Anstrengungen unternimmt, die Unterschiede ebenfalls zu verwischen: in die Arme des Zionismus.

Und an die Adresse PLO gerichtet stellt er ebenso eindeutig klar:

Wir alle wissen, was Unterdrückungspolitik ist, wie man die Auslöschung organisiert [Geisel spielt in diesem Zusammenhang auf die ungesühnten us-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam an, Anm. Ofenschlot] – und sollten nicht vergessen, daß ein revolutionärer Befreiungskampf schon in seiner Praxis ein Stück Befreiung von den terroristischen Zusammenhängen sein muß, in denen dieser Kampf geführt wird. In den Mitteln muß das Ziel aufscheinen, selbst wenn man unterstellt, daß der bewaffnete Kampf Priorität besitzt.

Geisels Text ist von der dialektischen Spannung durchzogen, die Verrohung der israelischen Gesellschaft durch ihre eigene Besatzungspraxis zu zeigen (»Diese Entwürdigung [der Palästinenser, Anm. Ofenschlot] hat sich, der Dialektik kolonialer Unterdrückung folgend, zur zweiten Natur der vorläufigen Sieger entwickelt.«), ohne dies auf gleichsam vor-gesellschaftliche, vor-zivilisatorische Residua wie Religion, kulturelle Identität etc. zu beziehen (wie es der Antizionismus nahe legt): der staatsgewordene Zionismus ist kein jüdisches, sondern eine kolonialistisches Phänomen.
Die dialektische Spannung gilt auch für die von ihm eingeforderte Solidarität mit den Unterdrückten, die er konsequent vom Identitätskarneval (jener »… orientalische Schnickschnack, mit dem sich Demonstranten maskieren…«) abgrenzt.
Mag sein, dass Geisel in den Folgejahren einfach zu müde war, um diese Spannung noch weiter durchzuhalten; naheliegend auch, dass die Situation in Deutschland und speziell in der deutschen Linken einfach zu drückend, zu klebrig-muffig-heuchlerisch wurde, um darin noch mit exakter Kritik UND Parteinahme zu intervenieren. Mir liegt es jedenfalls fern, Geisel als Renegaten anzuprangern. Die in diesem hier auszugsweise dokumentieren Text gespeicherte Erfahrung bleibt als Herausforderung an die heutige Linke, nicht mehr, nicht weniger.

  1. Als Übersetzer, Herausgeber, Kommentator war Geisel u.a. an folgenden Publikationen beteiligt — man beachte die (interessierte?)Ahnungslosigkeit des Wikipedia-Eintrags: Nathan Weinstock, »Das Ende Israels? Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus« (Wagenbach Verlag 1975); Isaac Deutscher, »Die ungelöste Judenfrage. Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus« (Rotbuch Verlag 1977, beide Bücher zusammen mit Mario Offenberg herausgegeben); Hanna Lévy-Hass, »Vielleicht war das alles erst der Anfang. Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen 1944-1945« (+ Interview mit Lévy-Hass, Rotbuch 1978). Geisel war zudem Redakteur des von der Deutsch-Israelischen Studiengruppe an der FU Berlin herausgegebene Magazins »Diskussion«.
    Ein digitaler Reprint des Werks von Weinstock findet sich hier, allerdings ohne die Einleitung von Geisel/Offenberg. Die nicht weiter gekennzeichnete und deswegen missverständliche Herausgeber-Bemerkung vom Dezember 2004 kann natürlich nicht von den Originalherausgebern stammen.[zurück]