The year of dreaming dangerously

Die volle Anerkennung des Eingetretenen gilt sowohl für den individuellen Befreiungsweg, als auch die revolutionäre Praxis. Nur so macht man sich keine Illusionen. Marx und Bordiga legten großen Nachdruck auf die Lektionen der Niederlage, der Konterrevolution und zogen folgenden Schluss daraus: Die Revolution ist erst möglich, sobald die Konterrevolution bis ans Ende gegangen ist. Das erfordert eine historische Nachforschung großen Umfangs. Bordiga sagte, dass man in der Konterrevolution sieht, wer wirklich revolutionär ist. In der Revolution wird jedermann von der Revolution angesteckt. Die Niederlage der Revolution bedeutet, dass der Prozess der Wiedergewinnung der Kontinuität mit der früheren Entwicklung der Gattung, die Rückkehr zur Gemeinschaft, gehemmt worden ist. Revolutionär sein in der Konterrevolution heißt, die Möglichkeit dieser Entwicklung aufrechterhalten.

Jacques Camatte1
Die Referenz:

Der Marxismus ist nicht die Lehre von den Revolutionen, sondern die Lehre von den Konterrevolutionen: alle wissen sich zu bewegen, wenn sich der Sieg abzeichnet, jedoch nur wenige wissen dies zu tun, wenn die Niederlage kommt, sich kompliziert und andauert.

Amadeo Bordiga, »Lezioni delle controtivoluzioni«, 1951.

Es ist derzeit viel von der »Idee des Kommunismus« die Rede (oder auch von einer kommunistischen Hypothese), und egal, wie umsichtig, geistreich und gewaltig in ihrer Anstrengung die Entfaltung dieser Idee sein mag – es bleibt das Unbehagen, damit auf etwas Positives hinauszuwollen, auf eine Ableitung des Kommunismus, der dem – als ontologische Gewissheit oder als quasi-mathematisches Axiom – Denken Halt und Orientierung gibt.
Die Idee des Kommunismus ist eben immer auch der Kommunismus als Idee. Ein Denkregulativ, das der Wahrheit schon die Richtung vorgeben wird, einstweilen aber praxislos bleibt (Habe ich das hier schon mal notiert? Zweimal hatte ich die Gelegenheit, Zizek, damals bereits in seiner offen ›leninistischen‹ Phase, live zu erleben, beide Male stritt er parktisch-politische Konsequenzen aus seinem Philoleninismus ab.). Die Geste von Zizek und Badiou, die Philosophie zu rehabilitieren, besonders penetrant vorgeführt bei Badiou, will immer auf einen Neuanfang heraus, der aber auch garantiert ist, es liegt ja bei diesen Neo-Kommunisten eine Art wahrheitspolitische Rückversicherung vor, und genau das schneidet die Durcharbeitung der Geschichte – und diese ist, dem krampfigen Hurra-Optimismus der Postoperaisten zum Trotz, die Geschichte der Konterrevolution – ab.
Es bleibt exakt die Philosophie übrig, aus der Marx schleunigst raus wollte.

  1. Vielleicht noch ein Wort zum Bordigismus: Für uns hatten bordigistische Texte (Loren Goldner, Gilles Dauvé, …) einen wichtigen Gebrauchswert: sie lieferten eine Kritik der Demokratie „von links“. Der Bordigismus ist aber auch ein süßes Gift und man rutscht leicht in eine Szene rein, wo sich linksextreme Minigrüppchen und Einzelpersonen – weitab von realen sozialen Prozessen – gegenseitig verbal die Birne einhauen. Das ist nicht so unsere Welt…

    … pfiff es im Walde, reichlich zittrig. Indeed, Mr. Camatte: »This world we must leave!« [zurück]