»Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet…«

Seit ich aus meinem Handwerkerleben tägliche Schreibstunden habe aussparen können, mein einziger Mehrwert, hat mich ein Vorhaben besessen und gequält: das Andenken des seltsamen Menschen zu retten, der Feuer an das – von äußersten »Linken« wie »Rechten« als »Schwatzbude« verachtete – Gebäude des Reichstages gelegt und damit ungewollt den heimlich angebahnten Freundschaftsvertrag zwischen den beiden blutigsten Alleinherrschern jener Zeit gestört und hinausgeschoben hatte – er war erst sechs Jahre später besiegelt worden.

Von dem Attentat aufgeschreckt, hatten beide Vertragsparteien in dem bettelarmen, landfremden Brandstifter nur ein Werkzeug des anderen sehen wollen und sich gegenseitig eines tückischen Anschlags bezichtigt. Aber keiner der dem Reichsgericht wie auch im »Gegenprozeß« in London vorgebrachten Verdachtsgründe hatte die eine oder andere Beschuldigung zu erhärten vermocht. Der Angeklagte hatte, so wie er selber hartnäckig versichert, seine Tat alleine begangen. Richter und Kläger beider Lager hatten sich zu der verschwiegenen Erkenntnis bequemen müssen, daß der Einfall eines »hergelaufenen« halbblinden Maurers die geheimen Absichten zweier gewaltiger Machtgebilde durchkreuzt hatte.

Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet, Auftakt zur Verfolgung aller Eigenwilligen bis tief in die Reihen beider Parteien hinein: das Leitbild des gehorsamen »politischen Soldaten« hatte das des »Aufständischen«, des »Rebellen« verdrängt.

Nachdem sie den von aller Welt verdammten Brandstifter enthauptet, hatte der Kanzler des Deutschen Reiches an einem selben Tage alle Unbotmäßigen seiner Partei ohne Gericht noch Spruch erschießen lassen. Kaum später hatte der andere im Osten sich angeschickt, als »Schädlinge«, »Saboteure«, »Verräter« und »schlüpfriges Otterngezücht« schlechthin alle Ungleichen, nicht ohne sie zuvor zu erniedrigen und seelisch zu zerstören, in den Tod zu schicken.

Aus: Georg K. Glaser, »Jenseits der Grenzen. Betrachtungen eines Querkopfs«, Claassen Verlag, Düsseldorf 1985, S. 203f.
Szenen aus dem nie vollständig und eigenständig publizierten Drama sind in der Glaser-Anthologie »Aus der Chronik der Rosengasse und andere kleine Arbeiten« erschienen (Dietz Verlag, Bonn 1985). Einiges an Material zu Glaser hat dieser Genosse zusammengetragen.

Glaser: »Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also den Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtig hält, um statt dessen nur noch den politischen Soldaten gelten zu lassen. In diesem Sinn hat jede Partei die Soldaten für die andere Seite vorbereitet.«
(Das Zitat kursiert im Netz ohne Quellenangabe, vermutlich stammt es aus einem im Interviewband »Lebensgeschichten«, Lamuv-Verlag, Bornheim 1981, erschienenen Gespräch mit Glaser.)

Paul Mattick: »Man wird, lässt sich die Lüge vom Naziagenten nicht mehr aufrecht erhalten, euch sagen, dass v.d.L. verantwortlich gemacht werden muss für den Hitlerterror , der nach den Brand einsetzte. Aber damit werden sie den alten Lügen nur eine neue anfügen. Die Nazis übten den Terror schon vor den Brand aus. Sie sprachen schon vorher öffentlich aus, dass sie alle Arbeiter, die sich ihnen entgegenstemmen werden, niederschlagen werden. Die Zahl der Arbeitermorde stieg schon vor dem Brand in schnellem Tempo. Der faschistische Terror war nicht eine Folge der Tat v.d.L., sondern seine Tat sollte der Beendigung des Terrors gegen die Arbeiterschaft dienen. Die Niederlage des deutschen Proletariats auf die Tat v.d.L. zurückzuführen zu wollen, ist nur ein Versuch, den eigenen Bankerott zu verbergen.«
Mattick hat noch sein letztes, bewusst als Vermächtnis konzipiertes Buch »Marxism, last refuge of the bourgeoisie?« (1981) van der Lubbe gewidmet.

Zu Marinus van der Lubbe:
Horst Karasek, »Der Brandstifter. Lehr- und Wanderjahre des Maurergesellen Marinus van der Lubbe, der 1933 auszog, den Reichstag anzuzünden«, Wagenbach Verlag, Berlin/West 1980.
Josh van Soer (Hg.), »Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand. Rotbuch«, Edition Nautilus, Hamburg 1983
Martin Schouten , »Marinus van der Lubbe. Eine Biographie«, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1999

In den letzten Jahren sind einige Neuerscheinungen zur never ending story Reichstagbrand erschienen:
Sven Felix Kellerhoff, »Der Reichtagsbrand. Die Karriere eines Krininalfalls«, Be.Bra.Verlag, Berlin/Brandenburg 2008, Rezension
Marcus Giebeler, »Die Kontroverse um den Reichstagsbrand: Quellenprobleme und historiographische Paradigmen«, Meidenbauer Verlag, München 2010
Alexander Bahar und Wilfried Kugel, »Der Reichstagsbrand. Das Ende einer Legende«, Papy Rossa Verlag, Köln 2012 (soll im November erscheinen) Offensichtlich knüpft das Buch an eine gleichnamige 2001 erschienene Publikation der beider Autoren an.
Siehe auch diese Kontroverse.