Archiv für November 2012

Those were the days

… in allen politischen Kämpfen ging es eigentlich immer darum, für eine bessere Zukunft, wenn nicht Gegenwart zu kämpfen und das eigene Leben möglichst auch noch für diese glücklicheren Tage zu retten. Töten und getötet zu werden war immer unvermeidlicher historischer Tribut ans Bessere gewesen. Mit dem Ruf ›Es lebe der Tod‹ auf den Lippen gingen im Spanischen Bürgerkrieg die Falangisten in den Kampf, die Sprache der Nazis stammte aus der Untergangsphilosophie. Man muß zur Kenntnis nehmen, daß Todesideologie, Selbstvernichtungsbereitschaft Errungenschaften des Imperialismus, des 20. Jahrhunderts sind, einer Epoche, in der die Menschheit von der geheimen Ahnung durchdrungen ist, daß es auf sie wirklich nicht mehr ankommt. Nun muß man sich fragen, woher dieses Bewußtsein kommt, in unserem Falle, die ausweglose Perspektive, welche ein palästinensisches Kommando veranlaßt, in einer Art Kamikaze-Unternehmen [Anspielung auf die blutig beendete Geiselnahme eines israelischen Reisebusses, Anm. Ofenschlot] ihr Leben wegzuwerfen und gleichzeitig zu wissen, daß dadurch kurz- oder langfristig sich die Lage der Palästinenser nicht verbessert. Man wird sich, um die Herkunft dieses verzweifelten Bewußtseins zu verstehen, mit der palästinensischen Realität beschäftigen müssen, welche die Behauptung, die Palästinenser würfen ihr eigenes Leben weg, nicht mehr ohne weiteres zuläßt, sondern eher den Schluß, daß sie dort schon gar keines mehr haben.

(…)

Ich bin auch mit sehr vielen Leuten zusammengetroffen, die ich schon seit über zehn Jahren kenne, vor allem mit Kibbuzmitgliedern. Die bundesrepublikanische Linke hat den Kibbuz sehr lange für eine im wesentlichen fortschrittliche Einrichtung betrachtet, und auch heute, im Zuge der dubiosen Zurück-auf’s-Land-Bewegung genießt er beträchtliche Sympathien. Doch auch der Kibbuz hat sich unter dem Druck der jüngsten Entwicklung zu einem verläßlichen Bestandteil des großen Angstkartells gemausert. Mir sträubten sich die Haare, als ich alte Bekannte, deren Integrität ich nie in Zweifel gezogen hatte, auch bei den schärfsten politischen Differenzen nicht, plötzlich nach dem Standrecht verlangen hörte. Die Kibbuzim wimmeln von Hunden, die Furcht hat landsweit eine sympathische traditionelle jüdische Barriere gegen Haus- und Wachhunde niedergerissen. Mit dreifachem Stacheldrahtverhau umgeben, von Wachtürmen eingegrenzt, gleichen manche Kibuzzim eher Konzentrationslagern, jedes Gefängnis ist eine wirkliche Festung. Industrieanlagen jeder Art igeln sich ein wie auf einem Schlachtfeld, Wächter patrouillieren überall, wichtige Einrichtungen sind nachts in grelles Scheinwerferlicht getaucht, Rentner bewachen die Eingänge von Schulen und Kindergärten.
Einem oberflächlichen Touristen mag das entgehen, den Einheimischen ist es zum Vergessen: dies alles geschieht aus der umfassenden Angst heraus, daß sich zu einem unberechenbaren Zeitpunkt all das den Palästinensern zugefügte Unrecht schlagartig rächen wird.

Eike Geisel nach einen mehrwöchigen Besuch in Israel 1978, erschienen unter dem Titel »Tel Aviv – Hügel des Frühlings 1978. Außenpolitische Randglossen« in der Broschüre des Evangelischen Bildungswerks Berlin »Nationale und soziale Faktoren im Emanzipationsprozess des Nahen Ostens« (›graue Literatur‹, also in Bibliotheken nur schwer zu finden, archiviert aber z.B. vom Evangelischen Zentralarchiv Berlin).

Kleine Anmerkung die Falle des Antizionismus betreffend:
Wer sich die Hände reibt, um sogleich beruhigend auf den berühmt-berüchtigten Saulus-Paulus-Wandel1 hinzuweisen – denn von dem Geisel, den »wir« alle als Konkret- und Edition-Tiamat-Autor kennen, sind derartige Äußerungen nicht mehr bekannt (die heute absolut gängige Häme gegenüber den Palästinenser findet man nach meinem Kenntnisstand allerdings auch beim ›späten‹ Geisel nicht) –, dem sei gesteckt: Nein, es ist kein antizionistisches Pamphlet. Geisel kritisiert am Antizionismus die Fixierung auf den Zionismus, den jener zum Popanz aufbläst und mit dem er sich in Betonung der besonderen historischen Rolle des jüdischen Volkes einig weiß (wenn auch negativ) – um über Imperialismus und soziale Befreiung zu reden, ist Antizionismus folglich kein taugliches Konzept. Geisel macht die Falle des Antizionismus u.a. an folgendem Beispiel deutlich:

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Westberlin hat vor einiger Zeit in Briefen an den Senat, in der Presse und in an die beiden Universitäten gerichteten Schreiben in gewohnter Form gegen Solidaritätsveranstaltungen für den Kampf des palästinensischen Volkes in den westberliner Universitäten protestiert, weil es sich um antisemitische Propaganda handle. Das mag sich noch einfügen in die ohnehin vorhandene Dominanz zionistischer Ideologeme in der Gemeinde wie in der westberliner Öffentlichkeit. Was die Sache aber prekär macht, das ist die Reaktion der Angegriffenen. Sie reagieren (…) als wäre die Jüdische Gemeinde in Wahrheit eine Filiale des Staates Israel, eine ›Agentur des Zionismus‹, als wären ihre Mitglieder Zionisten sans phrase, und sie behaupten damit die von der zionistischen Ideologie phantasierte Identität von Judentum und Zionismus. Mit ihren Angriffen gegen die Jüdische Gemeinde treiben sie deren Mitglieder geradewegs dorthin, wo man alle Anstrengungen unternimmt, die Unterschiede ebenfalls zu verwischen: in die Arme des Zionismus.

Und an die Adresse PLO gerichtet stellt er ebenso eindeutig klar:

Wir alle wissen, was Unterdrückungspolitik ist, wie man die Auslöschung organisiert [Geisel spielt in diesem Zusammenhang auf die ungesühnten us-amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam an, Anm. Ofenschlot] – und sollten nicht vergessen, daß ein revolutionärer Befreiungskampf schon in seiner Praxis ein Stück Befreiung von den terroristischen Zusammenhängen sein muß, in denen dieser Kampf geführt wird. In den Mitteln muß das Ziel aufscheinen, selbst wenn man unterstellt, daß der bewaffnete Kampf Priorität besitzt.

Geisels Text ist von der dialektischen Spannung durchzogen, die Verrohung der israelischen Gesellschaft durch ihre eigene Besatzungspraxis zu zeigen (»Diese Entwürdigung [der Palästinenser, Anm. Ofenschlot] hat sich, der Dialektik kolonialer Unterdrückung folgend, zur zweiten Natur der vorläufigen Sieger entwickelt.«), ohne dies auf gleichsam vor-gesellschaftliche, vor-zivilisatorische Residua wie Religion, kulturelle Identität etc. zu beziehen (wie es der Antizionismus nahe legt): der staatsgewordene Zionismus ist kein jüdisches, sondern eine kolonialistisches Phänomen.
Die dialektische Spannung gilt auch für die von ihm eingeforderte Solidarität mit den Unterdrückten, die er konsequent vom Identitätskarneval (jener »… orientalische Schnickschnack, mit dem sich Demonstranten maskieren…«) abgrenzt.
Mag sein, dass Geisel in den Folgejahren einfach zu müde war, um diese Spannung noch weiter durchzuhalten; naheliegend auch, dass die Situation in Deutschland und speziell in der deutschen Linken einfach zu drückend, zu klebrig-muffig-heuchlerisch wurde, um darin noch mit exakter Kritik UND Parteinahme zu intervenieren. Mir liegt es jedenfalls fern, Geisel als Renegaten anzuprangern. Die in diesem hier auszugsweise dokumentieren Text gespeicherte Erfahrung bleibt als Herausforderung an die heutige Linke, nicht mehr, nicht weniger.

  1. Als Übersetzer, Herausgeber, Kommentator war Geisel u.a. an folgenden Publikationen beteiligt — man beachte die (interessierte?)Ahnungslosigkeit des Wikipedia-Eintrags: Nathan Weinstock, »Das Ende Israels? Nahostkonflikt und Geschichte des Zionismus« (Wagenbach Verlag 1975); Isaac Deutscher, »Die ungelöste Judenfrage. Zur Dialektik von Antisemitismus und Zionismus« (Rotbuch Verlag 1977, beide Bücher zusammen mit Mario Offenberg herausgegeben); Hanna Lévy-Hass, »Vielleicht war das alles erst der Anfang. Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen 1944-1945« (+ Interview mit Lévy-Hass, Rotbuch 1978). Geisel war zudem Redakteur des von der Deutsch-Israelischen Studiengruppe an der FU Berlin herausgegebene Magazins »Diskussion«.
    Ein digitaler Reprint des Werks von Weinstock findet sich hier, allerdings ohne die Einleitung von Geisel/Offenberg. Die nicht weiter gekennzeichnete und deswegen missverständliche Herausgeber-Bemerkung vom Dezember 2004 kann natürlich nicht von den Originalherausgebern stammen.[zurück]

Korrekte Ableitung von Wesen und Funktion der Gewerkschaften

Was die Linke nicht kann, macht die bürgerliche Presse (und kein Journalist weiß, was er da so hinschreibt):

(…)
In der Bevölkerung Spaniens, wo inzwischen jeder vierte keine reguläre Beschäftigung mehr hat und 400.000 Wohnungen geräumt wurden und in Portugal, wo die Arbeitslosenquote in der demokratischen Geschichte des Landes ebenfalls beispiellose 16 Prozent beträgt, gelten die Gewerkschaften inzwischen vorrangig als Vertreter derer, die noch eine Arbeit haben und nicht des großen Restes.
Vor allem die Jugendlichen,von denen gegenwärtig in Spanien jeder zweite und in Portugal jeder dritte einen Job und Vertrag sucht und nicht findet, glauben, von ihnen nicht viel erwarten zu dürfen. In beiden iberischen Ländern sind die Generalstreiks geradezu inflationär geworden. In Portugal ist es der dritte in eineinhalb Jahren, in Spanien der zweite binnen zwölf Monaten.
(…)
Die letzten Generalstreiks waren hüben und drüben eine eher matte Angelegenheit. Die Privatindustrie beteiligte sich nur in geringem Umfang an dem Ausstand. Die Gewerkschaften demonstrierten derweil, dass ihre eigentliche Machtbasis noch der öffentliche Dienst ist. So wird es ihnen auch an diesem Mittwoch gelingen, die städtischen Verkehrsmittel zu lähmen und, von vereinbarten eingeschränkten Notdiensten abgesehen, den Transport bei der Bahn, auf den Flughäfen und in den Häfen weitgehend zum Erliegen zu bringen.
Aber dass zum Beispiel die spanische Regierung einknicken und ihrer Forderung nach einer Volksabstimmung über den neuen Sparhaushalt für das kommende Jahr nachkommen wird, ist eine Illusion. Am Tag danach werden in Madrid Mariano Rajoy und in Lissabon Pedro Passos Coelho noch immer Regierungen mit stabilen absoluten Mehrheiten im Parlament haben und tun, was sie aufgrund ihres Mandats für unvermeidlich halten.
Die iberischen Gewerkschaften, die in ihrer politischen und ideologischen Verzopftheit bislang zu allem nur Nein gesagt haben – vor der Arbeitsmarktreform bis zu der Reform des öffentlichen Dienstes – können zwar mit Kundgebungen zeitweilig den Druck der Straße erhöhen. Aber auch dort haben ihnen bisweilen schon Bürgerinitiativen, die über die sozialen Netze wie Facebook oder Twitter Spontanaktionen organisieren, oft den Rang abgelaufen.
(…)

In drei oder fünf Jahren – so oder so eine optimistische Rechnung – werden geläuterte Linke den Generalstreik als großen Fetisch unserer Zeit dechiffriert haben1: Je mehr sich die »Gegenmacht« in den Betrieben auflöst, je weniger die Linke in den Alltag der Leute intervenieren kann, desto mehr müssen es die großen Spektakel richten. Der Generalstreik 2.0 SOLL ja auch ein Spektakel sein, ein übergroßes Stopp!-Schild. Früher mag die Abwesenheit des Proletariats in den Betrieben noch impliziert haben, dass es sich dann woanders aufhält – auf der Straße, um die Machtfrage zu stellen. Heutige Generalstreikler wollen die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen. Ach so, ne, der Spruch war ja irgendwie anders gemeint.

  1. Und in den zahlreichen Plädoyers Oskar Lafontaines, den – politischen – Generalstreik auch hierzulande zu legalisieren, klingt allzu deutlich der Wunsch des Populisten nach der grenzenlosen Mobilisierung »seiner« Masse durch; der Aufhänger seiner Interventionen ist freilich richtig: In der Frühzeit der BRD wurde auf die üblich demokratisch-juristische Weise versucht – erfolgreich – den Gewerkschaften einen unpolitischen und so gesehen auch a-gesellschaftlichen Kurs aufzudrücken. Von dieser Niederlage haben sich die Gewerkschaftslinken in sechs Jahrzehnten nicht erholt. Selbst, oder gerade?!, in ihrer stärksten Phase, in den frühen und mittleren 70er Jahren, dachten die Gewerkschaften nicht daran, dieses Rad zurückzudrehen. Auch ihren ebenso plötzlichen wir kurzzeitigen Machtzuwachs nach 1989, als ihnen das gesamte Ostproletariat regelrecht hinterhergeschmissen wurde, nutzten sie nicht. [zurück]

The year of dreaming dangerously

Die volle Anerkennung des Eingetretenen gilt sowohl für den individuellen Befreiungsweg, als auch die revolutionäre Praxis. Nur so macht man sich keine Illusionen. Marx und Bordiga legten großen Nachdruck auf die Lektionen der Niederlage, der Konterrevolution und zogen folgenden Schluss daraus: Die Revolution ist erst möglich, sobald die Konterrevolution bis ans Ende gegangen ist. Das erfordert eine historische Nachforschung großen Umfangs. Bordiga sagte, dass man in der Konterrevolution sieht, wer wirklich revolutionär ist. In der Revolution wird jedermann von der Revolution angesteckt. Die Niederlage der Revolution bedeutet, dass der Prozess der Wiedergewinnung der Kontinuität mit der früheren Entwicklung der Gattung, die Rückkehr zur Gemeinschaft, gehemmt worden ist. Revolutionär sein in der Konterrevolution heißt, die Möglichkeit dieser Entwicklung aufrechterhalten.

Jacques Camatte1
Die Referenz:

Der Marxismus ist nicht die Lehre von den Revolutionen, sondern die Lehre von den Konterrevolutionen: alle wissen sich zu bewegen, wenn sich der Sieg abzeichnet, jedoch nur wenige wissen dies zu tun, wenn die Niederlage kommt, sich kompliziert und andauert.

Amadeo Bordiga, »Lezioni delle controtivoluzioni«, 1951.

Es ist derzeit viel von der »Idee des Kommunismus« die Rede (oder auch von einer kommunistischen Hypothese), und egal, wie umsichtig, geistreich und gewaltig in ihrer Anstrengung die Entfaltung dieser Idee sein mag – es bleibt das Unbehagen, damit auf etwas Positives hinauszuwollen, auf eine Ableitung des Kommunismus, der dem – als ontologische Gewissheit oder als quasi-mathematisches Axiom – Denken Halt und Orientierung gibt.
Die Idee des Kommunismus ist eben immer auch der Kommunismus als Idee. Ein Denkregulativ, das der Wahrheit schon die Richtung vorgeben wird, einstweilen aber praxislos bleibt (Habe ich das hier schon mal notiert? Zweimal hatte ich die Gelegenheit, Zizek, damals bereits in seiner offen ›leninistischen‹ Phase, live zu erleben, beide Male stritt er parktisch-politische Konsequenzen aus seinem Philoleninismus ab.). Die Geste von Zizek und Badiou, die Philosophie zu rehabilitieren, besonders penetrant vorgeführt bei Badiou, will immer auf einen Neuanfang heraus, der aber auch garantiert ist, es liegt ja bei diesen Neo-Kommunisten eine Art wahrheitspolitische Rückversicherung vor, und genau das schneidet die Durcharbeitung der Geschichte – und diese ist, dem krampfigen Hurra-Optimismus der Postoperaisten zum Trotz, die Geschichte der Konterrevolution – ab.
Es bleibt exakt die Philosophie übrig, aus der Marx schleunigst raus wollte.

  1. Vielleicht noch ein Wort zum Bordigismus: Für uns hatten bordigistische Texte (Loren Goldner, Gilles Dauvé, …) einen wichtigen Gebrauchswert: sie lieferten eine Kritik der Demokratie „von links“. Der Bordigismus ist aber auch ein süßes Gift und man rutscht leicht in eine Szene rein, wo sich linksextreme Minigrüppchen und Einzelpersonen – weitab von realen sozialen Prozessen – gegenseitig verbal die Birne einhauen. Das ist nicht so unsere Welt…

    … pfiff es im Walde, reichlich zittrig. Indeed, Mr. Camatte: »This world we must leave!« [zurück]

»Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet…«

Seit ich aus meinem Handwerkerleben tägliche Schreibstunden habe aussparen können, mein einziger Mehrwert, hat mich ein Vorhaben besessen und gequält: das Andenken des seltsamen Menschen zu retten, der Feuer an das – von äußersten »Linken« wie »Rechten« als »Schwatzbude« verachtete – Gebäude des Reichstages gelegt und damit ungewollt den heimlich angebahnten Freundschaftsvertrag zwischen den beiden blutigsten Alleinherrschern jener Zeit gestört und hinausgeschoben hatte – er war erst sechs Jahre später besiegelt worden.

Von dem Attentat aufgeschreckt, hatten beide Vertragsparteien in dem bettelarmen, landfremden Brandstifter nur ein Werkzeug des anderen sehen wollen und sich gegenseitig eines tückischen Anschlags bezichtigt. Aber keiner der dem Reichsgericht wie auch im »Gegenprozeß« in London vorgebrachten Verdachtsgründe hatte die eine oder andere Beschuldigung zu erhärten vermocht. Der Angeklagte hatte, so wie er selber hartnäckig versichert, seine Tat alleine begangen. Richter und Kläger beider Lager hatten sich zu der verschwiegenen Erkenntnis bequemen müssen, daß der Einfall eines »hergelaufenen« halbblinden Maurers die geheimen Absichten zweier gewaltiger Machtgebilde durchkreuzt hatte.

Folgerichtig hatten sie in der Gestalt des Attentäters den Begriff überhaupt des sich selbst bestimmenden Lebenden geschändet und geächtet, Auftakt zur Verfolgung aller Eigenwilligen bis tief in die Reihen beider Parteien hinein: das Leitbild des gehorsamen »politischen Soldaten« hatte das des »Aufständischen«, des »Rebellen« verdrängt.

Nachdem sie den von aller Welt verdammten Brandstifter enthauptet, hatte der Kanzler des Deutschen Reiches an einem selben Tage alle Unbotmäßigen seiner Partei ohne Gericht noch Spruch erschießen lassen. Kaum später hatte der andere im Osten sich angeschickt, als »Schädlinge«, »Saboteure«, »Verräter« und »schlüpfriges Otterngezücht« schlechthin alle Ungleichen, nicht ohne sie zuvor zu erniedrigen und seelisch zu zerstören, in den Tod zu schicken.

Aus: Georg K. Glaser, »Jenseits der Grenzen. Betrachtungen eines Querkopfs«, Claassen Verlag, Düsseldorf 1985, S. 203f.
Szenen aus dem nie vollständig und eigenständig publizierten Drama sind in der Glaser-Anthologie »Aus der Chronik der Rosengasse und andere kleine Arbeiten« erschienen (Dietz Verlag, Bonn 1985). Einiges an Material zu Glaser hat dieser Genosse zusammengetragen.

Glaser: »Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also den Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtig hält, um statt dessen nur noch den politischen Soldaten gelten zu lassen. In diesem Sinn hat jede Partei die Soldaten für die andere Seite vorbereitet.«
(Das Zitat kursiert im Netz ohne Quellenangabe, vermutlich stammt es aus einem im Interviewband »Lebensgeschichten«, Lamuv-Verlag, Bornheim 1981, erschienenen Gespräch mit Glaser.)

Paul Mattick: »Man wird, lässt sich die Lüge vom Naziagenten nicht mehr aufrecht erhalten, euch sagen, dass v.d.L. verantwortlich gemacht werden muss für den Hitlerterror , der nach den Brand einsetzte. Aber damit werden sie den alten Lügen nur eine neue anfügen. Die Nazis übten den Terror schon vor den Brand aus. Sie sprachen schon vorher öffentlich aus, dass sie alle Arbeiter, die sich ihnen entgegenstemmen werden, niederschlagen werden. Die Zahl der Arbeitermorde stieg schon vor dem Brand in schnellem Tempo. Der faschistische Terror war nicht eine Folge der Tat v.d.L., sondern seine Tat sollte der Beendigung des Terrors gegen die Arbeiterschaft dienen. Die Niederlage des deutschen Proletariats auf die Tat v.d.L. zurückzuführen zu wollen, ist nur ein Versuch, den eigenen Bankerott zu verbergen.«
Mattick hat noch sein letztes, bewusst als Vermächtnis konzipiertes Buch »Marxism, last refuge of the bourgeoisie?« (1981) van der Lubbe gewidmet.

Zu Marinus van der Lubbe:
Horst Karasek, »Der Brandstifter. Lehr- und Wanderjahre des Maurergesellen Marinus van der Lubbe, der 1933 auszog, den Reichstag anzuzünden«, Wagenbach Verlag, Berlin/West 1980.
Josh van Soer (Hg.), »Marinus van der Lubbe und der Reichstagsbrand. Rotbuch«, Edition Nautilus, Hamburg 1983
Martin Schouten , »Marinus van der Lubbe. Eine Biographie«, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/M. 1999

In den letzten Jahren sind einige Neuerscheinungen zur never ending story Reichstagbrand erschienen:
Sven Felix Kellerhoff, »Der Reichtagsbrand. Die Karriere eines Krininalfalls«, Be.Bra.Verlag, Berlin/Brandenburg 2008, Rezension
Marcus Giebeler, »Die Kontroverse um den Reichstagsbrand: Quellenprobleme und historiographische Paradigmen«, Meidenbauer Verlag, München 2010
Alexander Bahar und Wilfried Kugel, »Der Reichstagsbrand. Das Ende einer Legende«, Papy Rossa Verlag, Köln 2012 (soll im November erscheinen) Offensichtlich knüpft das Buch an eine gleichnamige 2001 erschienene Publikation der beider Autoren an.
Siehe auch diese Kontroverse.