Beiträge zur kritisch selbstkritischen Ideologiekritik, Neue Folge #93

Vor ein paar Jahren hat irgendwo jemand über die Bigotterie, den Denkern der Totalität Totalitarismus zu unterstellen und eben nicht der Totalität selbst, gestöhnt. Es gibt ja diese spezifisch kapitalismusaffine Ideologiekritik, die wahlweise der Dialektik oder dem Marxismus, Hegel höchstpersönlich oder generell jedem Revolutionär einen Zug ins Totalitäre nachweisen will, eine Feindschaft gegen die offene Gesellschaft. Überraschenderweise kommt diese Ideologiekritik aber nie dazu, sich zu fragen, ob denn die offene Gesellschaft wirklich so offen ist.
Wer jetzt an die Ideologiekritiker Karl Popper oder Ernst Topitsch denkt, liegt natürlich nicht ganz falsch. Und es ist übrigens tatsächlich ein genereller Zug der Ideologiekritik, also auch der kritisch-theoretisch, dass sie ihrer Hybris (dem eigenen Durchblickertum) letztlich mit Haut und Haaren verfällt, denn nur ein buchstabengläubiger Intellektueller kann auf die Idee kommen, Marx hätte das verbindliche Drehbuch für Despotie und Bürokratismus im 20. Jahrhundert geschrieben oder Judith Butler wäre für den Untergang der Transzendentalphilosophie verantwortlich.
Bekanntlich gibt es im Feuilleton einen absolut folgenlosen Diskurs des radical chic – Zizeks Lenin-Paradigma ist ein bloßer Denkoperator, der Aufmerksamkeit, Publikumsinteresse und Medienpräsenz generiert1. Als Reaktion darauf (man spürt ja diese Folgenlosigkeit als prekär beschäftigter Kopflanger besonders schmerzhaft) gibt es im Kultur- und Medienbetrieb auch Vertreter einer neuen Ernsthaftigkeit – das sind diese Leute, die davon träumen, mal im Wahlkampf-Team von Sigmar »Habermas-Schüler« Gabriel und Jürgen Trittin mitzutun –, die sich über diesen radical chic Ihresgleichen echauffieren, und dann, wie eine Julian Rebentisch, fordern, etwa »die diffuse Rede von der Herrschaft des Spektakels (…) auf unbestimmte Zeit zu suspendieren«. Selbstverständlich ist damit niemals nie nicht gemeint, die klare Rede von der Herrschaft des Spektakels, wie sie bei Guy Debord vorliegt, gegen das in der Tat diffuse Gemurmel und Geraune abzugrenzen2. Aram Lintzel, »wissenschaftlicher Mitarbeiter in der grünen Bundestagsfraktion und freier Publizist in Berlin«, beklagt sich viel lieber im Entlarvungsgestus über den »Entlarvungsgestus der Ideologiekritik« und ist ganz schnell dabei, »fragwürdige Stellen« bei Debord selbst ausfindig zu machen. Z.B. das Debord vom »Verlust der Einheit der Welt« rede und davon, dass »alles, was unmittelbar erlebt wurde, in eine Vorstellung entwichen (ist).« Man könnte, selbst im beschränkten Umfeld einer taz-Kolumne, eine Sekunde darüber grübeln, was »Einheit der Welt« mal bedeutet haben mag, was aber beim Posen mit der entlarvenden Geste allerdings stören würde. Linzel muss nämlich nur noch – Ehrensache: völlig argumentfrei – mit »Jargon der Eigentlichkeit«, »Authentizitätsfan« und »konfliktfreie Idylle« wedeln und schon wissen allen Bescheid: ein Totalitärer, diese Debord! Ein kleinbürgerlicher Aufklärer! Ein Verächter der Massen: »Schon Debords Pamphlet degradierte den Menschen zum ‘Zuschauer‘.« Gesetze – als Ausdruck des Gewaltmonopols des Staates – degradieren Menschen, aber die einzelne Stimme eines marginalen Kritikers? In dieser grotesken Überschätzung von Debord spiegelt sich vor allem die groteske Überschätzung der eigenen analytischen Fähigkeiten.

  1. Aber es stehen doch auch viele richtige Sätze bei Zizek? Wohl wahr, aber sie fungieren in diesem Aufmerksamkeitszirkus als Schrauben, die sich zwar drehen, aber nichts antreiben. Anders gesagt: Das was bei Zizek richtig ist, steht – oftmals präziser und durchdachter – bei anderen, z.B. bei Lenin. [zurück]
  2. Fingerzeig: Eben weil sie so klar ist, lässt sie sich auch gut als Lukacs-Castoriadis-Marxismus dechiffrieren und also – an diesem Maßstab gemessen gemessen! – kritisieren, siehe hier. [zurück]