Dialektik

Ein klassischer Fall ist in dem höchst interessanten Buch von Bertram D. Wolfe: »Drei, die eine Revolution machten. Lenin, Trotzki, Stalin« wiedergegeben; das Buch aus dem Jahre 1948 [die deutsche Übersetzung erschien 1965, Anm. Ofenschlot] ist eine wahre Fundgrube historischer Daten, bei allen Vorbehalten gegenüber der Linie des Verfassers. À la Pearl Harbour griffen die Japaner am 6. Februar 1904 – ohne Kriegserklärung – die russische Flotte vor Port Arthur an und vernichteten sie. Ganz klar eine Aggression. Nach der langen Land- und Seebelagerung fiel die Festung im Januar 1905. Dumpfer Schmerz für den russischen Patriotismus. In der ›Wperjod‹ vom 14. Januar 1905 schrieb Lenin Sätze wie folgende:

»Das Proletariat hat allen Grund, sich zu freuen…«
»Nicht das russische Volk, sondern die Selbstherrschaft hat eine schimpfliche Niederlage erlitten. (…) Die Kapitulation Port Arthurs ist der Prolog zur Kapitulation des Zarismus. Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende, aber jeder Schritt zur Weiterführung des Krieges bedeutet eine unermessliche Verstärkung der Gärung und Empörung im russischen Volk und bringt uns dem Beginn eines neuen großen Krieges näher, des Volkskrieges gegen die Selbstherrschaft« [›Der Fall von Port Arthur‹, LW 8, S.35 u. 41]

(…)

Vierzig Jahre vergingen; am 2. September 1945 kapitulierte das von den Amerikanern durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki geschlagene Japan bedingungslos. Obwohl Russland den Japanern erst ein paar Stunden vorher den Krieg erklärt hatte, übermittelte Marschall Stalin am gleichen Tag folgende Siegesproklamation:

»Die Niederlage der russischen Truppen im Russisch-Japanischen Krieg von 1904 lastet schwer auf der Erinnerung unseres Volkes, denn sie ist eines der traurigsten Kapitel in unserer Geschichte. Unser Volk wartete und hoffte auf den Tag, an dem Japan in die Knie gezwungen und der Schandfleck zum Verschwinden gebracht sein würde. Vierzig Jahre lang haben wir, die Männer der älteren Generation, diesen Augenblick ersehnt und jetzt ist er gekommen!« [zitiert nach Wolfe 1965 S. 370; W. kommentiert trocken: »Nichts kann den Kontrast zwischen ›Lehrer‹ und ›bestem Schüler‹ mehr hervorstreichen als diese beiden Kommentare…«, Anm. Ofenschlot]

Die eindrucksvolle Geschichte der Kriegsbefürwortungen liefert also entscheidende Argumente zur Stützung des Leninschen revolutionären Defätismus, der taktischen Norm, dass die proletarischen Parteien durch wie auch immer geartete Zugeständnisse nicht weiterkommen können, ohne die Arbeiterklasse der Willkür staatlich militärischer Manöver auszuliefern. Es reicht dann schon, dass diese Staaten durch eine kurze Note den Stein ins Rollen bringen, auf dass Gefahr für Nation, Boden und Ehre ausgerufen werden kann: Jede Empfänglichkeit gegenüber derartigen Argumenten wird der Ruin der nationalen und internationalen Klassenbewegung sein.