Archiv für August 2012

Unabgegoltenes

Und die Hauptaufgabe für die revolutionären Arbeiter in Deutschland besteht heute ganz und gar nicht mehr darin, an jenen unvermeidlich im inneren Kreis der Beteiligten noch für eine geraume Zeit mit großer Heftigkeit andauernden »häuslichen Streitigkeiten« der verschiedenen rechten, mittleren und linken Strömungen in den Kommunistischen Parteien und um die Kommunistischen Parteien teilzunehmen. Unsere Aufgabe besteht darin, jenen toten »Kommunismus«, der als ein betrübliches und bisweilen närrisches Gespenst in der heutigen proletarischen Arbeiterbewegung umgeht, zu seinen Toten heimzuschicken, und uns mit verdoppelter Energie hineinzustellen in die heute schon mit fühlbarer neuer Kraft beginnenden gegenwärtigen und wirklichen Kämpfe der Arbeiterklasse. Hier ist Rhodos, hier springe! Das ist Marxismus und Leninismus, das allein ist unter den jetzt gegebenen Bedingungen wirkliche kommunistische Politik.

Karl Korsch, »Die zweite Partei«, Kommunistische Politik, 2.Jg, Nr. 19/20, 28.12.1927, S.1-4; wieder in (und hier zitiert nach):Ders., »Politische Texte«, Herausgegeben und eingeleitet von Erich Gerlach und Jürgen Seifert. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1974 (hier: S. 219).12

  1. In ihrer kurzen Einleitung zu diesem Text erwähnen die Herausgeber noch eine Bemerkung Korschs zur Organisationsform:

    In einer »An unsere Leser!« wird rückblickend über die Aufgabe der Kommunistischen Politik gesagt, daß es darauf angekommen sei, für »eine Anzahl klassenbewußter zum kritischen Selbstdenken entschlossener Proletarier die Möglichkeit zu schaffen, sich von einer Ideologie und Organisation zu befreien, die sich heute noch kommunistisch nennt, in Wirklichkeit aber längst aus einer Entwicklungsform in eine Fessel des revolutionären proletarischen Klassenkampfes umgewandelt worden ist.« Korsch kommt in der Folgezeit nicht mehr auf diese einzige Anmerkung zur Parteistruktur zurück.

    -- Warum auch? Die Texte, Notizen, Untersuchungen und Briefe des späten Korschs beinhalten die durchgeführte Partei- und Organisationskritik, insofern Korsch die (Selbst-)Zerstörung der alten Arbeiterbewegung unbestechlich festhält, wozu müsste er also Kritik der »Parteistruktur« explizit machen?[zurück]

  2. Oder auch:

    Was als Arbeiterbewegung® existierte und heute beschrieben wird, läßt sich unter die Parteigeschichtsschreibung subsumieren, so wie das auch von der bürgerlichen und DDR-Geschichtsschreibung gemacht wird. Die – über die verschiedenen aktuellen und historisch abgeleiteten, politischen Fraktionsinteressen – legitimierten Versuche, die selbständigen revolutionären Bewegungen als Inhalt der Geschichte der Arbeiterbewegung® zu deklarieren, scheiterten überall umso eher, je mehr die zugrundeliegenden Kategorien der jeweiligen Geschichtswissenschaft von der wirklichen Geschichte entfernt sind. Je allgemeiner gültig, je verallgemeinerter der Anspruch auf ›objektiv‹, ›wissenschaftlich-sozialistisch‹, ›historisch-materialistisch‹, desto beliebiger ist die wissenschaftliche Interpretation; so ist es unmöglich, die Geschichte der revolutionären Bewegung im Rahmen der Geschichte der Arbeiterbewegung® zu schreiben, da es diese letztere in Wirklichkeit nur gab als die jedem genugsam bekannten Formen im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. als Parteien des maßvollen Fortschritts im Rahmen der Gesetze im weitesten Sinne.

    Aus: H.D. Heilmann, »Ist diese Linke wirklich noch das Rechte?«, Schwarze Protokolle Nr.6, Oktober 1973, hier zitiert nach dem PDF.[zurück]