Werner Kofler: Die motorisierte Massenbewegung

Die Erhebungen des Proletariats, die früher so genannten KLASSENKÄMPFE, haben, denke ich, in der Motorisierung des Proletariats ihr Ende gefunden, die Motorisierung des Proletariats als Emanzipation, die Emanzipation und Befriedung des Proletariats als dessen Motorisierung, ein historischer Fortschritt, ein FORTSCHRITTSRÜCKSCHRITT! Aus den revolutionären Massen sind motorisierte Massen geworden, eine motorisierte Massenbewegung, denke ich, eine motorisierte Massenbewegung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit und zurück. Das Automobil ist ja die technische Verkörperung der Freiheit, hat der Vorstandsvorsitzende der Volkswagenwerke vor kurzem in einem Vortrag ausgeführt, denn es gestattet, unabhängig zu sein, Zeit und Weg, Ziel und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, so dieser Vorsitzende in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Industriellenvereinigung und der Streikbrechergewerkschaft in Wie gehalten hat. Schon denke ich, daß diese Äußerungen ja blanker Unsinn sind, dieser Vorsitzende scheint nur Unsinn geredet zu haben, wie kann denn Freiheit käuflich sein, gewiß, denke ich, als Vorstandsvorsitzender der Volkswagenwerke MUSS er natürlich seine Volkswagen als Freiheitsartikel anbieten und verkaufen, er muß den Markt, den Freiheits- und Befreiungsgütermarkt teilen und beherrschen, und deshalb sagt er solche Sachen, denke ich; da denke ich auf einmal, mir selbst widersprechend, daß dieser Vorsitzende ja gar keinen Unsinn gesagt hat, das Automobil ist ja tatsächlich die technische Verkörperung der Freiheit, wenn die FREIHEITSSTATUE in New York die KÜNSTLERISCHE Verkörperung der Freiheit ist, dann ist das Automobil die TECHNISCHE Verkörperung der Freiheit, ganz ohne Zweifel; vor allem das schrottreife, vor der Zeit zerstörte, aus dem Verkehr gezogene Automobil ist die technische Verkörperung der Freiheit, die dieser Vorstandsvorsitzende gemeint hat, denke ich. Aber das denke ich nicht wirklich, denn Freiheit, denke ich, läßt sich ja nicht verkörpern, Freiheit ließe sich höchstens im Chaos verkörpern, aber wenn die technische Verkörperung der Freiheit das Automobil sein soll, dann IST ja auch das Chaos die Verkörperung der Freiheit; wenn mehr als sechshunderttausend allein in Wien zugelassene Pkw-Lenker und Kraftfahrer von ihrer Freiheit Gebrauch machen, Zeit und Weg, Ziel und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, dann herrscht ja das Chaos, und es herrscht ja tagtäglich das Chaos, das VERKEHRS-CHAOS, wie gesagt wird, das Chaos herrscht, die Unfreiheit herrscht, Unfreiheit und Chaos herrschen unter dem Deckmantel, unter dem Rechtstitel der Freiheit, denke ich und halte damit nicht hinter dem Baum, denn in Wirklichkeit ist ja die vermeintliche Freiheit des einzelnen längst zur tatsächlichen Unfreiheit aller geworden! (Freilich, der sogenannten FRAU WABERL, der VIELZITIERTEN Frau Waberl wird das auf Anhieb nicht in den Sinn wollen, der Präsident der Industriellenvereinigung spricht gerne von der Frau Waberl als dem gemeinen Mann, von der, so der Präsident, VIELZITIERTEN Frau Waberl, dabei ist er der einzige, der ständig die Frau Waberl im Munde führt, stets die Frau Waberl bemüht, so daß er bereits wieder zu Recht von der Frau Waberl als einer VIELzitierten und VIELbemühten spricht; aber jetzt sage ich einmal FRAU Waberl, jetzt spreche ich von der Frau Waberl, die, wie gesagt, das auf Anhieb nicht verstehen und von sich weisen wird.)

Die Arbeiterbewegung, denke ich, die Arbeiterbewegung, ach; hätten sie dem früher so bezeichneten Klassenfeind dessen frühe Automobile nicht überlassen können, ohne in den Irrtum zu verfallen, auch welche haben zu müssen, überlassen nicht nur ohne Neid, sondern aus Bosheit? Nein! Gehört dieser nationale Automobilpark wirklich zum gesellschaftlichen Reichtum? Ja! Es ist jeder sein eigener Herr, indem er sein Kraftfahrzeug in Betrieb nimmt, jeder frei allein dadurch, daß er das eigene Volant umklammert auf der Fahrt zur Arbeit etwa, in ein Motorenwerk, oder wohin immer.

Jeder sein eigener Herr!, und naturgemäß Herr über die Natur, den ANORGANISCHEN LEIB DES MENSCHEN, wie ich bei Karl Marx, in MEINEN MARX-ZITATEN gelesen zu haben mich entsinne. Zwar kann ich mir die Natur als anorganischen Leib auch des WIENERS nur schwer vorstellen, Marx hat ja auch nicht geschrieben: die Natur ist der anorganische Leib des Wieners, sondern nur allgemein philosophisch: die Natur ist der anorganische Leib des Menschen. Andererseits ist der Wiener ja auch ein Mensch, und trotzdem ist die Natur als anorganischer Leib des Wieners eine LACHHAFTE Vorstellung. Aber wenn sie zutrifft, und das muß sie ja, denke ich , so hat ja der Wiener genau die Natur, die er verdient, die sprichwörtliche WIENER NATUR, den sandigen, staubigen Wienerwald und die anderen Wiener Naherholungsgebiete, eine ganz und gar UNBEGABTE LANDSCHAFT, wie ich denke, aber auch gegen diese von vornherein nicht zum Besten zählende Natur geht der Wiener mit seiner gemütlichen Härte vor, ein echter Wiener, wird gesagt, geht ja nicht unter, und der Wiener schlechthin hat eine NATURBEGABUNG für alles Motorisierte, er ist der geborene KFZ-Mechaniker. Ein VERKEHRSINDIVIDUALIST ist der Wiener, der Wiener läßt sein Auto nicht stehen, nicht im Stich, auch wenn dadurch der öffentliche Verkehr zum Erliegen kommt, auf der Strecke bleibt, auf der Strecke liegen bleibt und er, der Wiener, der PKW-Wiener, sich über die Störung des Individualverkehrs, diese RÜCKWIRKENDE STÖRUNG auch noch fürchterlich aufbudelt und erregt.

Käme der Individualverkehr einmal zum Erliegen, denke ich, käme der Individualverkehr endlich und endgültig zum Erliegen, müßte an seinem Aufkommen gezweifelt werden, das wäre ein Fortschritt; die Überwindung der Auto-Kultur, Privatautos: nein, öffentliche Verkehrsmittel: ja, öffentlicher Verkehr ja, Individualverkehr nein, das wäre ein Fortschritt! Denke ich und halte damit nicht hinter dem Berg.

Aus: Freibeuter 23, Berlin Wagenbach 1985, S.134/53 (Um es kurz zu machen: nach Diktat verreist, Rückmeldung irgendwann Ende August.)

Werner Kofler
Werner Kofler