Immer schön sauber bleiben

Wir sehen also, daß Ethnologen wie [Wilhelm Emil] Mühlmann, die glauben, man könne ein »inneres Verständnis« für einen Papua nur haben, wenn man ein Papua wäre, und die den »existentiellen Mitvollzug« als einen »Krampf« abtun, mit ihrer Behauptung unrecht haben. Denn wenn wir nicht wissen könnten, wie ein anderer fühlt (was natürlich nicht bedeutet, der andere zu sein), dann wäre es auch nicht möglich zu wissen, wie wir selber fühlten (wir hätten überhaupt keinen Maßstab für die Art und Weise unseres Gefühls). Wenn wir jedoch wissen können, wie es ist, wie wir selber fühlen, dann müssen wir auch notwendigerweise wissen können, wie ein anderer fühlt. Wenn der »existenzielle Mitvollzug« des Seelenlebens eines anderen nicht möglich ist, dann wird es auch kaum möglich sein, »existenziell mitzuvollziehen«, was Mühlmann mit seiner These meint, warum er eine derartige These aufstellt, was er dabei fühlt usw., und er wird dies dann auch selber nicht wissen können. Seine These würde darauf hinauslaufen, den Begriff des »Mitvollzuges« aus dem Verkehr der Sprache zu ziehen.
Aber ich glaube wiederum, daß man sehr wohl mitvollziehen kann, was jemand meint, der eine solche These vertritt. Denn sie scheint ein Augenblick der Angst davor zu sein, sich auf das Fremde einzulassen und dadurch die eigenen Selbstverständlichkeiten in einem anderen Licht zu sehen. So tendiert der Forscher zu einem ›Solipsisimus‹, sei es nun der seiner eigenen ›verwissenschaftlichten‹ Lebensform oder gar der seiner Person.
Daß wir keine Papuas sind, hindert uns so wenig an einem Zugang zur Seele der Papuas, wie es uns hindert, Mühlmann zu verstehen, daß wir nicht Mühlmann sind. Daß wir Mühlmann viel leichter verstehen können als den Papua, liegt daran, daß wir uns mit geringerer Mühe in die Lebensform eines Professors einfühlen – oder, à la mode ausgedrückt: ›sozialisieren‹ – können als in die des Menschen am Sepik.
Aber vermutlich würde der Professor sich selber viel besser verstehen, wenn er das Wagnis auf sich nähme, dasjenige nachzuvollziehen, was sich nicht mehr in die Begrifflichkeiten seiner Wissenschaft übersetzen läßt.
Indem er bereits die Möglichkeit des Verständnisses des anderen abtut, begibt er sich gleichzeitig die Möglichkeiten eines Selbstverständnisses, das zu gewinnen gerade der Ethnologe große Chancen hätte. Er sieht nicht, ›daß ein anderer nicht sein zu können‹ kein Hindernis, sondern die Bedingung des Verständnisses des Fremden ist, und er ähnelt darin jenen Philosophen, die glauben, daß der ›Sprung im kosmischen Ei‹, die ›Entfremdung‹, die Erkenntnis des Wesens der Wirklichkeit verhindere. Doch das ›absolute Wissen‹ ist kein Wissen, und das Wissen verdanken wir Eva, die nach der Frucht griff.

Aus: Hans Peter Duerr, »Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation« S.212f. (1978, hier zitiert nach: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1985), die Fußnoten wurden weggelassen.1

Sich von solchen grundlegenden erkenntnistheoretischen Einsichten einleuchten zu lassen, ist sinnvoll angesichts einer gerade in linken/linksradikalen Szenen/Subszenen grassierenden restriktiven – also im Wortsinne: eingrenzenden, segmentierenden, abschneidenden – Sprachpolitik, die im Bemühen, ultragenau, also: KORREKT, zu sein, gerade nicht die gegenseitige Verständigung über die Rest bürgerlichen Sprachmülls hinweg vorantreibt, sondern Verständigung verunmöglicht: Da sie überall die falsche Sprache wittert, legt sie die Hürden der Verständigung in schwindelerregende Höhen – und schafft vor allem das Amt der Sprachrichters, der nach einem für die anderen (für sich auch?!) immer weniger nachvollziehbaren Regelwerk darauf achtet, dass auch ja niemand beim Versuch, die Hürde zu nehmen, ›schummelt‹, wobei dieser Begriff letztlich völlig willkürlich ist.
Anstatt Verständigung zu befördern, benennen die Sprachrichter krampfhaft und von sich selbst dauergestresst die negativen Bedingungen, also die, die einer Verständigung entgegenstehen. Vor lauter Selbstkritik kommt man gar nicht mehr zur Sache selbst (wenn diese nicht gleich als ein Trugbild der falschen Sprache denunziert wird). Soll es auch gar nicht. Das Dilemma wird regressiv-autoritär ›aufgelöst‹, durch das Eingrenzen von Bereichen, über die gar nicht mehr gesprochen werden darf – Stichwort: Definitionsmacht. Damit kommen diese Linke, um ihnen einmal zu schmeicheln, auf den Stand des frühen Wittgenstein – »Wovon man nicht sprechen kann, …« –, der aber immerhin schon damals wusste, dass sein Projekt der Sprachkritik sich selbst aufhebt: »Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.« (Tractatus, 6.54)

  1. Aus einem 2009 mit Duerr geführten Interview:

    Wie muss man sich Mühlmann vorstellen?
    Er war, auch vom Alter her, ein wenig wie die Lehrer, die ich zu Schulzeiten erlebt hatte. Er hatte eine autoritäre Art und wusste sehr viel. Hinzu kam, dass er sehr empfindlich war. Es war bekannt, dass er ein Nazi gewesen ist, doch das galt als mehr oder weniger normal. Damals gab es ja solche und solche: Einer meiner Großväter war Nazi, Kreisamtsleiter der NSDAP, gewesen, der andere Großvater Kommunist. Mein Vater hatte den Nationalsozialismus vollkommen abgelehnt. Nazi gewesen zu sein war also gang und gäbe, ich machte mir keine großen Gedanken darüber und beteiligte mich auch nie an den Aktionen gegen Mühlmann aufgrund seiner Vergangenheit. Natürlich machte ich mich ein bisschen lustig über ihn, aber eher provozierend als denunzierend. Als ich ihn den »Naturvölkischen Beobachter« nannte, fand er das allerdings weniger witzig als ich.
    War Mühlmann den Studenten gegenüber offen?
    Ich weiß noch, wie er mich im ersten Semester zu sich kommen ließ und fragte, was ich schwerpunktmäßig denn so machen wolle. Damals hatte ich gerade den Film »Meuterei auf der Bounty« mit Marlon Brando gesehen, doch mehr als Brando interessierten mich die barbusigen Frauen auf Tahiti. In meiner Einfalt hatte ich mir vorgestellt, dass sie dort noch immer so rumlaufen würden und war stark motiviert, eine Feldforschung in Polynesien zu machen. Dazu ist es nie gekommen. Mühlmann meinte zu mir, ich solle entweder nach Hamburg gehen – dort gab es den Schwerpunkt Südsee – oder eine Dissertation über die Küstenfischerei in Sizilien schreiben. Das war für mich natürlich eine Zumutung und ich sagte ihm, dass ich mich gerade mit Wittgenstein und Nietzsche beschäftigte und daher keinerlei Interesse an den sizilianischen Fischern hätte. So bekam ich schon sehr früh Konflikte mit Mühlmann, auch weil ich ihn in den Seminaren bedenkenlos kritisierte und seine Autorität in Frage stellte. Gemeinsam mit Fritz Kramer veröffentlichte ich einen kleinen kritischen Artikel in der Heidelberger Studentenzeitschrift, woraufhin die Professoren uns als Revoluzzer einstuften. Fritz Kramer trat dann in den SDS ein, ich jedoch nicht, da mir der Marxismus nicht so zusagte. Ich sympathisierte eher mit der anarchistischen Richtung.

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