An einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung

Im März 2000 widmete die Zeitschrift KONKRET Robert Kurz’ »Schwarzbuch Kapitalismus« ausführliche Kritiken von Freerk Huisken1 und Michael Heinrich, die wenig vom Buch übrig ließen. Mich hat das damals vor allem für Huisken eingenommen, von dem ich bis dahin (und auch danach) allzu gewundene und verquaste Texte kannte, dieser war aber gründlich, präzise, angemessen polemisch (ja: angemessen polemisch, auch wenn das fast schon eine contraqdictio in adjecto ist). Man kann diese Kritiken aber auch als freiwillig unfreiwillige Anerkennung des Autors lesen – was wurde da für ein schweres Geschütz aufgefahren, um das halsbrecherische Projekt eines Einzelnen auseinander zu nehmen! Mag sein, Huisken und Heinrich haben die besseren Argumente, die besseren Bücher aber hat Kurz geschrieben.
Das Schwarzbuch ist damals »überall« besprochen worden – mit einer eigentümlich widerwilligen Bewunderung, denn vom Marxismus wollte man noch weniger als heute wissen. Ich erinnere mich an einen Bekannten, der das Buch für eine große Tageszeitung zu besprechen hatte, und dem vorab (!!) klar war, dass er es verreißen würde, weil schon beim ersten Blättern keinerlei »methodologisch abgesicherte« Satisfaktionsfähigkeit zu erkennen war – Einzelkämpfertum, keine Interdisziplinarität, keine Quellenforschung, oberflächliche Auswertung der Sekundärliteratur –, der sich aber gleichzeitig ehrlich fasziniert zeigte von der Anstrengung, dass jemand so ein Projekt durchziehe und im tiefsten Neoliberalismus noch oder: überhaupt einmal die Gegengeschichte des Kapitalismus schreibe – als populär angelegtes Sachbuch!
Ich denke, der große Moment Robert Kurz’ war nicht das Schwarzbuch, sondern »Der Kollaps der Modernisierung«, das HM Enzensberger mit dem ihm eigenen pfiffigen Opportunismus 1991 in der »Anderen Bibliothek« rausbrachte (fast genauso wichtig: »Honeckers Rache«, das zeitgleich bei der Edition Tiamat erschien): Am absoluten Nullpunkt marxistischer Theorie ihren Neustart zu formulieren – und zwar nicht im unterwürfig beflissenen Argument-Prokla-Haug-Altvater-Style – sondern im Vollbesitz ihrer analytischen Kraft: das war wichtig. Kurz machte für den Untergang des Realsoz weder externe Faktoren verantwortlich (ENTWEDER Verrat, Revisionismus, Romantik ODER zu wenig Marktfreiheit, zu spät einsetzende demokratische Reformen) noch drehte er die Vorzeichen einfach um (der Zusammenbruch ist gar keiner, es ist »nur« eine Transformation eines staatskapitalistischen Systems in ein privatkapitalistisches). Er zeigte, dass der Realsoz und die mit ihm – wie lose auch immer – assoziierte globale Arbeiterbewegung sich durchaus auf arbeitsontologische, positivistisch-rationalistische Prämissen des Marxschen Denkens selbst stützte. Das heißt nun nicht, dass Marx der Demiurg war, dem noch Stalin folgen musste, sondern umgekehrt: dass selbst in der bis dato avanciertesten theoretischen wie praktischen Kapitalismuskritik sich Elemente finden, die das Kritisierte fatalerweise affirmieren resp. rationalisieren. Eben: die Vergötzung der Arbeit, der Wahn, mit negativen Kategorien wie Wert, Geld, Profit etc.pp. positiv planen zu wollen. Kurz leistete die Selbstkritik des Marxismus aus marxistischer Perspektive, ohne den in der Tat verräterischen Rückgriff auf neobürgerliche Traditionsbestände (Gramsci, Habermas, Regulationstheorie etc.pp.).
Das haben damals doch auch andere gemacht?! Yep. Aber er tat es mit Chuzpe und schrieb dem Kapitalismus gleich noch den Nachruf – 1991, als andere das Ende der Geschichte hereingebrochen sahen! »Selbstkritik« und »Nachruf« waren bei Kurz identisch, ein Rundumschlag wie aus dem Nichts, und nur wer völlig verhockt in seiner ultraorthodoxen Kleinstgruppe ausharrte, konnte das nicht als erfrischend, befreiend und zutiefst befriedigend erleben.
»Der Kollaps der Modernisierung« ist eines dieser Bücher, die wichtig – wenn es nicht so abgeschmackt klingen würde: epochal – sind, nicht weil sie besonders »richtig« oder dramatisch »falsch« wären, sondern weil sie an einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung revolutionäre Energie verdichten und in einen großen Wurf bringen. Deshalb steht dieses Werk auf einer Stufe mit »Geschichte und Klassenbewußtsein« oder »Der eindimensionale Mensch«. Man sollte das nicht vergessen.

  1. Im Gedächtnis habe ich die Kritik von Huisken als eine speziell an Kurz abgespeichert. So kann man sich irren: Schwerpunkt seiner Kritik bildete das von Kurz mitverfasste »Manifest gegen die Arbeit«, Kollektivautor war die Gruppe Krisis. [zurück]