Andererseits…

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Es wird allmählich klar, worin die Ursache der jüngsten, um den Golfkrieg zentrierten, selbst- und identitätszerstörenden, von Haß- und Zerstörungswünschen begleiteten ›Schlammschlacht‹ besteht, an der Pohrt sich mit gewohnter Vehemenz, zugleich mit allen Anzeichen einer galoppierenden Regression beteiligt hat.2 Um das Coming-out des bürgerlichen Kritikers geht es, um sein Bekenntnis zum bürgerlichen Staat. Man darf sich durch den Lärm, der dabei entsteht, den ungeheuren Druck, der zumal auf die Gleichgesinnten ausgeübt wird, nicht täuschen lassen. Das Geklapper gehört zum Handwerk, es verdankt sich keineswegs einer originalen Kränkung, allenfalls dem Versuch, teils mit Lärm und teils mit Druck zu übertünchen, was tatsächlich geschieht.
Wenn aber das in sich spektakuläre Verhältnis des bürgerlichen Kritikers zugleich um keinen Preis bzw. nur in getreuer Konstellation zu einer unterstellten spektakulären Entwicklung der Verhältnisse aufs Tapet kommen darf, dann, so muß vermutet werden, gewiß nicht deshalb, weil der Kritiker sich seiner Konversion schämte – solche Situationen sind im Gegenteil allemal eher problemlos überstanden worden –, sondern weil unvermittelt die Vergangenheit, die Zeit, als ›man ihm noch geglaubt hat‹, ins Zentrum des theoretischen und politischen Interesses rückt. Die Folgen wären nämlich weitreichend. Selbstreflexion wäre angesagt, die Untersuchung der Kontinuität da, wo in einem fort Sprünge, existentialistische Situationen noch und noch, behauptet werden. Gehört es vielleicht zu den tragenden Selbstmißverständnissen der bundsrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft und Nachkriegstheorie, einem Selbstmißverständnis, dem durch die Existenzialisierung von Faschismus und Antifaschismus unerhört Vorschub geleistet worden ist, bürgerliche Kritik, die sich allein durch Faschismuskritik legitimiert hat, als marxistische Kritik zu betrachten? – und zwar ohne Rücksicht auf die für die Einschätzung der Kritik allerdings zentrale Frage, ob der Faschismus etwa im Namen des gekränkten bürgerlichen Staates oder explizit gegen ihn und den von ihm ostentierten Schein einer gewaltlosen Normalexistenz kritisiert wurde.
Die Frage soll hier nicht im einzelnen erötert (…) werden. Ganz schematisch sei angedeutet – und niemand verwechsle hier das Schema mit Realgeschichte –, daß die Crux der Marxschen Geschichtsrekonstruktion, die das Bürgertum zum Telos einer in jeder ihrer Kategorien auf es bezogenen Vorgeschichte und zum Quellpunkt einer ebenfalls in jeder ihrer Kategorien auf es bezogenen sozialistischen Utopie macht, in der bundesrepublikanischen linken Theorie zur entscheidenden Voraussetzung und theoriebildenden Rationalisierung geworden ist, und zwar in einer Weise, die man sich gar nicht trivial genug vorstellen kann. Unter den die Geschichte allerdings radikal abbreviierenden Auspizien des deutschen Faschismus avanciert der Kapitalismus unversehens zu einer Geschichte der Befreiung, die das amerikanische Kriegskalkül und die Existenz der Roten Armee gleichermaßen unterschlägt: amerikanischer Kapitalismus habe Auschwitz bereits einmal befreit und sei die einzige Instanz, die eine Wiederholung von Auschwitz nicht nur verhindern könne, sondern auch wolle, ist die logische, die letzten vierzig Jahre [von 1991 aus gesehen, Anm. Ofenschlot] freilich im Spagat überwindende Konsequenz; von ihr bis zu jener neuesten Version, die unter den Auspizien des gescheiterten Sozialismus den Kapitalismus – bedrängt von faschismusförmigen Partikularismen und Nationalismen – unversehens als befreite Geschichte präsentiert, ist es nur noch ein lächerlicher Zentimeter.

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  2. »Wolfgang Pohrts Ideologiekritik«, dieser Text von Ilse Bindseil erschien, kleiner Treppenwitz der jüngeren linken Geschichte, in einem bei Ca Ira verlegten Band, nämlich in »Frauen 2. Polemik und Politik« (1991, hier: S.153/154). »Frauen« war eine radikalfeministische Buchreihe, die u.a. von Bindseil betreut in den 90er Jahren erschien und es auf sechs durchgehend lesenswerte Bände brachte. Bindseils Pohrt-Dekonstruktion kann man auch als Vorwegnahme alle weiteren Kritiken am Antideutschtum lesen, ja, man hätte diese sich sparen können, hätte man nur rechtzeitig (oder überhaupt) ihren Text gelesen. Das ist aber freilich eine idealistische Annahme. Bindseil nimmt hier Bezug auf eine Polemik Pohrts, die unter dem Titel »Musik in meinen Ohren« in der 91er März(= Golfkriegsausgabe)-Ausgabe von KONKRET erschienen war. (Ich meine mich zu erinnern, dass Pohrt Jahre später die Veröffentlichung dieses Textes bedauert hat.). Die Veröffentlichung dieses Text muss dem Magazin irre viele Abo-Kündigungen eingebracht haben. Einige Highlights daraus:
    »Dies hätte ein Artikel unter dem Horkheimer abgeschauten Titel ›Für Amerika‹ werden sollen, eine vorbehaltlose Rechtfertigung der US-Politik seit dem zweiten August [1990, Tag des Einmarsches irakischer Truppen in Kuwait, Anm. Ofenschlot]. Es wurde eine Art Brief daraus, geschrieben in der ersten Person, die ich sonst meide. Seit amerikanische Patriot-Abwehrraketen Israel schützen, während die um diese Waffe gebetene Bundesregierung, statt wortlos unverzüglich zu liefern, erklärt, man wolle die Bitte ein paar Tage lang ernsthaft prüfen, hat ein Deutscher kein moralisches Recht, die USA zu kritisieren.«
    »Seit der Geist ihrer Ahnen in die Deutschen fuhr, sind die politischen Verhältnisse hier gleichsam umgepolt, die ›FAZ‹ kann man lesen, die besten – und übrigens hervorragend geschriebenen – Kommentare findet man in ›Bild‹. Das Wort vom Linksfaschismus stellt sich als Untertreibung dar, weil man sich die Vorsilbe ‘Links’ sparen kann, und die Regel lautet: Je weiter links einer stand, ein desto engagierterer Nazi ist er nun, alle politischen Gliederungen sind erhalten geblieben, haben aber das Vorzeichen gewechselt, man braucht keine Phantasie mehr, um sich die Antiimpis oder die Autonomen als Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend oder als Verbände der Aktion Werwolf vorzustellen.
    Natürlich ist, was momentan hier passiert, eine Neuauflage der Friedensbewegung vom Anfang der 80er Jahre. Aber jene Bewegung war, verglichen mit der heutigen, bloß eine Eselei, weil damals faktisch keine wirkliche Entscheidungssituation existierte, es objektiv absolut wurst war, ob diese Raketen nun stationiert wurden oder nicht. In einer Situation, wo Worte und Verhaltensweisen nicht besonders ernst zu nehmen sind, weil sie praktisch folgenlos bleiben, hatte die deutsche Linke sich mächtig blamiert. Diesmal hingegen steht etwas auf dem Spiel, unter anderem die Existenz des Staates Israel, und eine Neuauflage der Friedensbewegung bedeutet nun, daß die hiesige Linke im weitesten und im engen Sinn wirklich für alle Zeiten moralisch erledigt ist. Deutlicher gesagt: Verglichen mit der PDS ist der CIA eine hochmoralische Anstalt.
    Kein lustiger Brief also, eben (27.1. 17.00 Uhr) meldet Bagdad, daß es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird. (…)« [zurück]