Von der Höhe der Hürde

Immer wenn Wolfgang Pohrt ein neues Buch (Büchlein) zusammengestellt hat – und das wird ja von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher, umso größer die Freude –, sind eigentlich alle unzufrieden oder gelangweilt, schwer genervt, jedenfalls nicht glücklich. Noch jedes Mal er nun definitiv seine Bankrotterklärung abgegeben, ist ermüdet und lustlos, blamiert sich selbst, interessiert einfach gar keinen mehr, ist völlig unerheblich, bestätigt die schlimmsten Erwartungen, enttäuscht maßlos – kurzum: Pohrt ist niemals straight und im Sinne Bob Dylans niemals da, wo man ihn vermutet.
Obwohl er regelmäßig für »erledigt« erklärt wurde, ich beobachte dieses Spielchen jetzt auch schon seit über zwanzig Jahren, reden aber alle über den jeweils neuesten Pohrt. Kurios! Und ausnahmsweise mal tatsächlich: deutsch. Denn offensichtlich scheint man hier von Theoretikern ein weisungsbefugtes Vor-Denken zu erwarten, müssen die Texte, die jemand abliefert, noch im kleinsten Einschub »richtig« sein, wird von Autoren absolute Konsistenz erwartet. Wären Terry Eagleton, Mike Davis oder Perry Anderson deutschsprachig, sie hätten keinerlei Chance (Zizek ist die Ausnahme, wird aber, Hand aufs Herz, insgeheim als Balkan-Clow belächelt). Das Gejaule über »Abweichler« heult nicht nur durch die Szenen, es ertönt bis hinauf in AK Konkret Jungle World, unvorstellbar aber, dass man bei der vornehmen New Left Review jemals die Contenance wegen einer abweichenden Position verlieren würde. Die hiesige Linke zählt Erbsen, legt sie auf die Goldwaage und wundert sich dann, dass es immer noch Erbsen sind. Völlig zurecht nennt Pohrt diejenigen, die ihn an seinen früheren Texten messen, einzig um der »Entlarvung« willen, »die Gehässigen mit dem Elefantengedächtnis«. So ist die Stimmung hier, Kameraden!
Gebe ich ja zu – früher war ich auch der Ansicht, man könne dieses zersplittert-essayistische Werk auf ein Prinzip zurückführen: die Gebrauchswertzerstörung durch das einst gebrauchswertsetzende Kapital selbst – politisch: die Zersetzung bürgerlicher Vermittlungsformen wie Markt, Demokratie, Persönlichkeit, durch diese selbst, entwickelt in seiner Diss »Theorie des Gebrauchswerts« (1976 erstmals in Buchform erschienen, zwanzig Jahre später noch einmal in durchgesehener und erweiterter Fassung). Grob mag das stimmen, aber Pohrt ist (war) vor allem ein Dauerfeuerer, unmöglich, dass jede seiner Interventionen begrifflich durch den Rückbezug auf ein »Urwerk« abgesichert gewesen ist. Richtige Sätze stehen neben falschen, die richtigen sind goldwert, die falschen bisweilen ekelhaft. Schicksal des brillanten Stilisten.
Trotzdem denke ich, dass in seinem letzten (?!) Buch die beiden Passagen aus den 70er-Papers entscheidend sind, die sind prominent platziert und sehr ausführlich zitiert. Ganz offensichtlich handelt es sich um Dokumente aus den (frühen) 70er Jahren, entstanden auf jenem Zenit, wo der Marxismus eine extreme Hochzüchtung erfährt und gleichzeitig ihm immer weniger ihm real entspricht1. Man muss sich nur mal die unendliche Verästelung der Staats- und Weltmarkt- (und und und)-Debatten z.B. in den 70er-Prokla-Jahrgängen anschauen. Aus heutiger Sicht schlicht unverständlich. Wahrscheinlich war es das schon damals. Hinzukommt: Diese Papers aus den 70ern sind von Pohrt vermutlich nie veröffentlicht worden (mit irgendwem wird er sie aber wohl diskutiert haben?!). Jetzt sind sie da, eine Art Flaschenpost. Ein arg strapaziertes Bild (wg. Adorno und so – nur bei denen war das kokett), aber hier trifft es. Ich denke, dass die Botschaft dieser Dokumente – und ihrer Montage in diesen launigen Essay, der sich ansonsten liest wie eine Aneinanderreihung von Blog-Einträgen (und Pohrt gibt ja auch irgendwo versteckt zu, dass auch er Internet-Junkie ist) – schlicht lautet: Wenn man sich dem Kapital entgegenstellt, dann muss man sich der Radikalität, gerade auch der existenziellen, dieser Aufgabe bewusst sein2. Pohrt formuliert hier die Bedingungen von Gegnerschaft, indem er auch noch die Affirmativität weiter Teile des Marxismus und vor allem seiner pädagogisch-didaktischen »Anwendung« hinzunimmt. Das muss man erst mal schlucken. Denn so radikal ist hier keiner von uns, und wer will es schon sein?

Der Kapitalismus, heißt es in dem früheren, wohl unmittelbar nach »1968«erschienenen Text (»Kapitalismus Forever«, S.15ff.), habe »eine Entwicklungsstufe erreicht (…), auf welcher er generell – fast unabhängig von der Klassenzugehörigkeit – unerträglich geworden ist.« »Die Klassengesellschaft zerschlagen könnte heute heißen: die Deklassierung organsiieren. Die Angestellten zu politisieren kann doch nur heißen, ihnen bewusst zu machen, dass sie keine Angestellten mehr sein wollen. Die Opel-Arbeiter politisieren kann doch nur heißen, ihnen klar zu machen, dass sie keine Opels bauen und keine Arbeiter mehr sein wollen. (…) Revolution kann in den kapitalistischen Metropolen nicht heißen: Aufbau des Sozialismus, sondern: Zertrümmerung der Warenwelt3.« Und schließlich: »(Walter) Benjamins Forderung, die Revolution müsse ihre Energie nicht aus der spießigen Hoffnung auf das Wohlergehen der Enkelkinder beziehen, sondern aus dem Hass, die Generationen von Unterdrückten und Umgekommenen zu rächen, trifft den Kern. Die Sehnsucht nach einem glücklichen Leben kann sich gegenwärtig nicht als Hoffnung auf eine bessere Zukunft konkretisieren, sondern nur als die unumstößliche Gewissheit, dass ein Leben unter diesen Verhältnissen nicht lebenswert ist.«
Wenige Jahre später – 1976 – konstatierte Pohrt bereits den Verrat der Marxisten an dieser Einsicht der 68er-Revolte (S.34f.): »Auffällig ist ein eisernen Vorhang aus Optimismus, der wie eine Festung verteidigt wird und jede Verständigung unmöglich macht. Ohne es recht zu merken, haben die berufstätigen Linken von den Institutionen, die sie zu unterminieren glauben, deren eigentümliches Verhältnis zum Rest der Welt übernommen. (…) Die Missratenheit der Welt taucht nur noch in der Form auf, wie die Institutionen sie definieren: als Objekt der Macher und Organisatoren.« »Die Verhärtung gegen sich selbst korrespondiert dem sozialfürsorgerischen Verhältnis zu anderen Menschen.«

  1. Amadeo Bordiga hatte 1945 eine Weltwirtschaftskrise für das Jahr 1975 prognostiziert. Das Milieu klammerte sich eisern an diese Vorhersage. Dann kam die Krise, und wie sie kam! Alles schien korrekt. Aber wer fehlte in dem big picture? Das Proletariat. Das hat dem traditionellen linkskommunistischen Milieu wohl das Genick gebrochen, darüber sind sie nie eigentlich hinweggekommen. [zurück]
  2. Siehe auch hier:

    die sozialwissenschaftler hatten schon längst jeglichen kontakt mit der exakten wissenschaftlichkeit abgebrochen. Sie sahen nur kleine einheiten, aber nicht ihren bezug aufeinander, sprachen von totalität, von verhältnissen, von ökonomischen gesellschaftsformationen, lebenszusammenhängen, hatten sich das erlesen, anderes bei gegnerischen tuis ausgeliehen, erfanden neologismen, spannen herum, bezogen ein buch auf ein anderes, das ihrige, gerade in der mache befindliche und hüteten sich mit psychotischer beharrlichkeit, mit der gesellschaftlichen realität in kontakt zu treten. Sie sprachen so viel von gesellschaftlichen verhältnissen, nur verhielten sie sich nie gesellschaftlich, sie verhielten sich asozial, sich individualisierend in die schäbigen isolationsformen dieser ungesellschaft. Es wäre alles halb so schlimm gewesen, hätten sie nicht sich für sozialisten gehalten. Wären sie doch die konsequenten immanenten demokraten geworden, die sie schon immer waren! Warum war ihr kopf nur ihnen vorangelaufen und ließ sich nicht von ihrem übrigen verhalten einholen? Oder war nicht gerade dieses voranlaufen des kopfes und dieses nichteinholenkönnen ihres übrigen tätigen werkeltätigen verhaltens konstitutiv für sie, diese traurigen ritter, deren verschämter idealismus der buchstabengeilheit umso mehr hervortrat, je bramabarsierender fordernder sie jede neue parzellierung im gefild der sozialwissenschaften absegneten, indem sie das attribut materialistisch drumherumwanden. Je weniger realität sich in ihren schriften spiegelte, desto inflationärer der gebrauch des wörtleins materialistisch. Je stärker und penetranter die notwendigkeit der ableitungen betont wurde, desto sicherer das gefühl, es handele sich um umleitungen gesellschaftlicher tätigkeiten in die begriffswüsten der langweiligkeit. Ihr theorieterroristisches insistieren auf der ableitungsakrobatik war das komplement ihrer politischen ignoranz.

    Aus: Christian Riechers, »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus«, Unrast Verlag, Münster 2009, S. 219, der Text ist von 1975. [zurück]

  3. Eine Stimme aus der alten Arbeiterbewegung:

    Pläne hin, Pläne her: Die kapitalistischen Staaten machen Pläne, die proletarische Diktatur wird Pläne machen. Aber der erste wahre sozialistische Plan (der als unmittelbarer despotischer Eingriff verstanden werden muss, siehe „Manifest“) wird endlich ein Plan sein zur Erhöhung der Produktionskosten, Kürzung des Arbeitstages, Desinvestition von Kapital, quantitative und vor allem qualitative Nivellierung der Konsumtion (die unter der kapitalistischen Anarchie zu neun Zehntel absurde Vergeudung von Produkt ist), weil nur so der „betrieblichen Rentabilität“ und den „rentablen Preisen“ beizukommen sein wird. Also ein Unterproduktionsplan zur drastischen Verringerung des Anteils der Kapitalgüter an der Produktion. Dem Reproduktionsgesetz wird sofort die Luft ausgehen, wenn es die Marxsche „Abteilung II“ (Produktion von Lebensmitteln) endlich schafft, die „Abteilung I“ (Produktion von Produktionsmitteln) knock-out zu schlagen. Jedenfalls hat uns das kapitalistische „Konzert“ schon zu lange das Trommelfell malträtiert.

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