Archiv für Juli 2012

Werner Kofler: Die motorisierte Massenbewegung

Die Erhebungen des Proletariats, die früher so genannten KLASSENKÄMPFE, haben, denke ich, in der Motorisierung des Proletariats ihr Ende gefunden, die Motorisierung des Proletariats als Emanzipation, die Emanzipation und Befriedung des Proletariats als dessen Motorisierung, ein historischer Fortschritt, ein FORTSCHRITTSRÜCKSCHRITT! Aus den revolutionären Massen sind motorisierte Massen geworden, eine motorisierte Massenbewegung, denke ich, eine motorisierte Massenbewegung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit und zurück. Das Automobil ist ja die technische Verkörperung der Freiheit, hat der Vorstandsvorsitzende der Volkswagenwerke vor kurzem in einem Vortrag ausgeführt, denn es gestattet, unabhängig zu sein, Zeit und Weg, Ziel und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, so dieser Vorsitzende in seinem Vortrag, den er auf Einladung der Industriellenvereinigung und der Streikbrechergewerkschaft in Wie gehalten hat. Schon denke ich, daß diese Äußerungen ja blanker Unsinn sind, dieser Vorsitzende scheint nur Unsinn geredet zu haben, wie kann denn Freiheit käuflich sein, gewiß, denke ich, als Vorstandsvorsitzender der Volkswagenwerke MUSS er natürlich seine Volkswagen als Freiheitsartikel anbieten und verkaufen, er muß den Markt, den Freiheits- und Befreiungsgütermarkt teilen und beherrschen, und deshalb sagt er solche Sachen, denke ich; da denke ich auf einmal, mir selbst widersprechend, daß dieser Vorsitzende ja gar keinen Unsinn gesagt hat, das Automobil ist ja tatsächlich die technische Verkörperung der Freiheit, wenn die FREIHEITSSTATUE in New York die KÜNSTLERISCHE Verkörperung der Freiheit ist, dann ist das Automobil die TECHNISCHE Verkörperung der Freiheit, ganz ohne Zweifel; vor allem das schrottreife, vor der Zeit zerstörte, aus dem Verkehr gezogene Automobil ist die technische Verkörperung der Freiheit, die dieser Vorstandsvorsitzende gemeint hat, denke ich. Aber das denke ich nicht wirklich, denn Freiheit, denke ich, läßt sich ja nicht verkörpern, Freiheit ließe sich höchstens im Chaos verkörpern, aber wenn die technische Verkörperung der Freiheit das Automobil sein soll, dann IST ja auch das Chaos die Verkörperung der Freiheit; wenn mehr als sechshunderttausend allein in Wien zugelassene Pkw-Lenker und Kraftfahrer von ihrer Freiheit Gebrauch machen, Zeit und Weg, Ziel und Geschwindigkeit selbst zu bestimmen, dann herrscht ja das Chaos, und es herrscht ja tagtäglich das Chaos, das VERKEHRS-CHAOS, wie gesagt wird, das Chaos herrscht, die Unfreiheit herrscht, Unfreiheit und Chaos herrschen unter dem Deckmantel, unter dem Rechtstitel der Freiheit, denke ich und halte damit nicht hinter dem Baum, denn in Wirklichkeit ist ja die vermeintliche Freiheit des einzelnen längst zur tatsächlichen Unfreiheit aller geworden! (Freilich, der sogenannten FRAU WABERL, der VIELZITIERTEN Frau Waberl wird das auf Anhieb nicht in den Sinn wollen, der Präsident der Industriellenvereinigung spricht gerne von der Frau Waberl als dem gemeinen Mann, von der, so der Präsident, VIELZITIERTEN Frau Waberl, dabei ist er der einzige, der ständig die Frau Waberl im Munde führt, stets die Frau Waberl bemüht, so daß er bereits wieder zu Recht von der Frau Waberl als einer VIELzitierten und VIELbemühten spricht; aber jetzt sage ich einmal FRAU Waberl, jetzt spreche ich von der Frau Waberl, die, wie gesagt, das auf Anhieb nicht verstehen und von sich weisen wird.)

Die Arbeiterbewegung, denke ich, die Arbeiterbewegung, ach; hätten sie dem früher so bezeichneten Klassenfeind dessen frühe Automobile nicht überlassen können, ohne in den Irrtum zu verfallen, auch welche haben zu müssen, überlassen nicht nur ohne Neid, sondern aus Bosheit? Nein! Gehört dieser nationale Automobilpark wirklich zum gesellschaftlichen Reichtum? Ja! Es ist jeder sein eigener Herr, indem er sein Kraftfahrzeug in Betrieb nimmt, jeder frei allein dadurch, daß er das eigene Volant umklammert auf der Fahrt zur Arbeit etwa, in ein Motorenwerk, oder wohin immer.

Jeder sein eigener Herr!, und naturgemäß Herr über die Natur, den ANORGANISCHEN LEIB DES MENSCHEN, wie ich bei Karl Marx, in MEINEN MARX-ZITATEN gelesen zu haben mich entsinne. Zwar kann ich mir die Natur als anorganischen Leib auch des WIENERS nur schwer vorstellen, Marx hat ja auch nicht geschrieben: die Natur ist der anorganische Leib des Wieners, sondern nur allgemein philosophisch: die Natur ist der anorganische Leib des Menschen. Andererseits ist der Wiener ja auch ein Mensch, und trotzdem ist die Natur als anorganischer Leib des Wieners eine LACHHAFTE Vorstellung. Aber wenn sie zutrifft, und das muß sie ja, denke ich , so hat ja der Wiener genau die Natur, die er verdient, die sprichwörtliche WIENER NATUR, den sandigen, staubigen Wienerwald und die anderen Wiener Naherholungsgebiete, eine ganz und gar UNBEGABTE LANDSCHAFT, wie ich denke, aber auch gegen diese von vornherein nicht zum Besten zählende Natur geht der Wiener mit seiner gemütlichen Härte vor, ein echter Wiener, wird gesagt, geht ja nicht unter, und der Wiener schlechthin hat eine NATURBEGABUNG für alles Motorisierte, er ist der geborene KFZ-Mechaniker. Ein VERKEHRSINDIVIDUALIST ist der Wiener, der Wiener läßt sein Auto nicht stehen, nicht im Stich, auch wenn dadurch der öffentliche Verkehr zum Erliegen kommt, auf der Strecke bleibt, auf der Strecke liegen bleibt und er, der Wiener, der PKW-Wiener, sich über die Störung des Individualverkehrs, diese RÜCKWIRKENDE STÖRUNG auch noch fürchterlich aufbudelt und erregt.

Käme der Individualverkehr einmal zum Erliegen, denke ich, käme der Individualverkehr endlich und endgültig zum Erliegen, müßte an seinem Aufkommen gezweifelt werden, das wäre ein Fortschritt; die Überwindung der Auto-Kultur, Privatautos: nein, öffentliche Verkehrsmittel: ja, öffentlicher Verkehr ja, Individualverkehr nein, das wäre ein Fortschritt! Denke ich und halte damit nicht hinter dem Berg.

Aus: Freibeuter 23, Berlin Wagenbach 1985, S.134/53 (Um es kurz zu machen: nach Diktat verreist, Rückmeldung irgendwann Ende August.)

Werner Kofler
Werner Kofler

Hartnäckige Arbeit am Verlust der Illusionen

Gefunden in dem schönen Band »Den Kopf verkehrt aufgesetzt oder die melancholische Linke. Aspekte des Kulturzerfalls in den siebziger Jahren« (1981) von Michael Schneider:

Der Intellektuelle ist nach jeder Begegnung mit dem Volk bestrebt, »in seine Kreise zurückzukehren« – von der Lösung des sozialen Problems kehrt er zur Lösung des individuellen zurück. (Maxim Gorki, »Zerstörung der Persönlichkeit«, in »Über Literatur«, Berlin u. Weimar 1968, S.61)

Aber das eben ist die ironische Natur der Geschichte, gerade in der Epoche des Rückzugs von allen (politischen) Posten hat der Standesdünkel der Intelligenzler seine höchste Steigerung erreicht … Nie zuvor haben sie solch einen Grad der Selbstberauschung, Verliebtheit in sich selbst erreicht, und nie zuvor waren sie so anspruchsvoll. Sie haben sich selbst von Kopf bis Fuß abgetastet, und es gibt nicht eine einzige Geste, nicht die geringste Seelenfalte, die sie nicht mit verliebter Gründlichkeit autobiographisch festgehalten hätten. (Leo Trotzki, »Über die Intelligenzler«, in »Literatur und Revolution«, Berlin 1968, S.289/290)

Trotzki und Gorki resümieren ihre Erfahrungen mit der (intellektuellen Aufarbeitung der) gescheiterten – so schien es ja – russischen Revolution von 1905.
Die Parallelen zu heute, zu »2011«, drängen sich geradezu penetrant auf: Auch die 1905er Revolution kam schlagartig, explodierte in einem Land, das westliche Intelligenzler mit statischer Barbarei identifizierten, entwickelte sich aus einer »unpolitischen« Bewegung, überraschte die sozialistischen-kommunistischen-anarchistischen Gruppen, euphorisierte die Gesellschaft, scheiterte jäh und wurde aufgesogen von oberflächlich-demokratischen Reformen, mündete in einer überwältigenden Repressionswelle, die die sozialistischen-kommunistischen-anarchistischen Gruppen nach Sibirien (oder – mit Glück – Westeuropa) spülte.
Neun Jahre später dann die Katastrophe des Weltkriegs, 1905 schien endgültig verblasst, zwölf Jahre später dann, im Oktober… 1905 und 1917 gehören zusammen, genauer – 1905, 1917 UND DIE KONTERREVOLUTION DAZWISCHEN. Und ein Mittel, die Zeit der Dürre und Hoffnungslosigkeit zu überstehen war die Arbeit am Illusionsverlust. Die Texte von Gorki und Trotzki sind Werkzeuge dafür.

Immer schön sauber bleiben

Wir sehen also, daß Ethnologen wie [Wilhelm Emil] Mühlmann, die glauben, man könne ein »inneres Verständnis« für einen Papua nur haben, wenn man ein Papua wäre, und die den »existentiellen Mitvollzug« als einen »Krampf« abtun, mit ihrer Behauptung unrecht haben. Denn wenn wir nicht wissen könnten, wie ein anderer fühlt (was natürlich nicht bedeutet, der andere zu sein), dann wäre es auch nicht möglich zu wissen, wie wir selber fühlten (wir hätten überhaupt keinen Maßstab für die Art und Weise unseres Gefühls). Wenn wir jedoch wissen können, wie es ist, wie wir selber fühlen, dann müssen wir auch notwendigerweise wissen können, wie ein anderer fühlt. Wenn der »existenzielle Mitvollzug« des Seelenlebens eines anderen nicht möglich ist, dann wird es auch kaum möglich sein, »existenziell mitzuvollziehen«, was Mühlmann mit seiner These meint, warum er eine derartige These aufstellt, was er dabei fühlt usw., und er wird dies dann auch selber nicht wissen können. Seine These würde darauf hinauslaufen, den Begriff des »Mitvollzuges« aus dem Verkehr der Sprache zu ziehen.
Aber ich glaube wiederum, daß man sehr wohl mitvollziehen kann, was jemand meint, der eine solche These vertritt. Denn sie scheint ein Augenblick der Angst davor zu sein, sich auf das Fremde einzulassen und dadurch die eigenen Selbstverständlichkeiten in einem anderen Licht zu sehen. So tendiert der Forscher zu einem ›Solipsisimus‹, sei es nun der seiner eigenen ›verwissenschaftlichten‹ Lebensform oder gar der seiner Person.
Daß wir keine Papuas sind, hindert uns so wenig an einem Zugang zur Seele der Papuas, wie es uns hindert, Mühlmann zu verstehen, daß wir nicht Mühlmann sind. Daß wir Mühlmann viel leichter verstehen können als den Papua, liegt daran, daß wir uns mit geringerer Mühe in die Lebensform eines Professors einfühlen – oder, à la mode ausgedrückt: ›sozialisieren‹ – können als in die des Menschen am Sepik.
Aber vermutlich würde der Professor sich selber viel besser verstehen, wenn er das Wagnis auf sich nähme, dasjenige nachzuvollziehen, was sich nicht mehr in die Begrifflichkeiten seiner Wissenschaft übersetzen läßt.
Indem er bereits die Möglichkeit des Verständnisses des anderen abtut, begibt er sich gleichzeitig die Möglichkeiten eines Selbstverständnisses, das zu gewinnen gerade der Ethnologe große Chancen hätte. Er sieht nicht, ›daß ein anderer nicht sein zu können‹ kein Hindernis, sondern die Bedingung des Verständnisses des Fremden ist, und er ähnelt darin jenen Philosophen, die glauben, daß der ›Sprung im kosmischen Ei‹, die ›Entfremdung‹, die Erkenntnis des Wesens der Wirklichkeit verhindere. Doch das ›absolute Wissen‹ ist kein Wissen, und das Wissen verdanken wir Eva, die nach der Frucht griff.

Aus: Hans Peter Duerr, »Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation« S.212f. (1978, hier zitiert nach: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1985), die Fußnoten wurden weggelassen.1

Sich von solchen grundlegenden erkenntnistheoretischen Einsichten einleuchten zu lassen, ist sinnvoll angesichts einer gerade in linken/linksradikalen Szenen/Subszenen grassierenden restriktiven – also im Wortsinne: eingrenzenden, segmentierenden, abschneidenden – Sprachpolitik, die im Bemühen, ultragenau, also: KORREKT, zu sein, gerade nicht die gegenseitige Verständigung über die Rest bürgerlichen Sprachmülls hinweg vorantreibt, sondern Verständigung verunmöglicht: Da sie überall die falsche Sprache wittert, legt sie die Hürden der Verständigung in schwindelerregende Höhen – und schafft vor allem das Amt der Sprachrichters, der nach einem für die anderen (für sich auch?!) immer weniger nachvollziehbaren Regelwerk darauf achtet, dass auch ja niemand beim Versuch, die Hürde zu nehmen, ›schummelt‹, wobei dieser Begriff letztlich völlig willkürlich ist.
Anstatt Verständigung zu befördern, benennen die Sprachrichter krampfhaft und von sich selbst dauergestresst die negativen Bedingungen, also die, die einer Verständigung entgegenstehen. Vor lauter Selbstkritik kommt man gar nicht mehr zur Sache selbst (wenn diese nicht gleich als ein Trugbild der falschen Sprache denunziert wird). Soll es auch gar nicht. Das Dilemma wird regressiv-autoritär ›aufgelöst‹, durch das Eingrenzen von Bereichen, über die gar nicht mehr gesprochen werden darf – Stichwort: Definitionsmacht. Damit kommen diese Linke, um ihnen einmal zu schmeicheln, auf den Stand des frühen Wittgenstein – »Wovon man nicht sprechen kann, …« –, der aber immerhin schon damals wusste, dass sein Projekt der Sprachkritik sich selbst aufhebt: »Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muß diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.« (Tractatus, 6.54)

  1. Aus einem 2009 mit Duerr geführten Interview:

    Wie muss man sich Mühlmann vorstellen?
    Er war, auch vom Alter her, ein wenig wie die Lehrer, die ich zu Schulzeiten erlebt hatte. Er hatte eine autoritäre Art und wusste sehr viel. Hinzu kam, dass er sehr empfindlich war. Es war bekannt, dass er ein Nazi gewesen ist, doch das galt als mehr oder weniger normal. Damals gab es ja solche und solche: Einer meiner Großväter war Nazi, Kreisamtsleiter der NSDAP, gewesen, der andere Großvater Kommunist. Mein Vater hatte den Nationalsozialismus vollkommen abgelehnt. Nazi gewesen zu sein war also gang und gäbe, ich machte mir keine großen Gedanken darüber und beteiligte mich auch nie an den Aktionen gegen Mühlmann aufgrund seiner Vergangenheit. Natürlich machte ich mich ein bisschen lustig über ihn, aber eher provozierend als denunzierend. Als ich ihn den »Naturvölkischen Beobachter« nannte, fand er das allerdings weniger witzig als ich.
    War Mühlmann den Studenten gegenüber offen?
    Ich weiß noch, wie er mich im ersten Semester zu sich kommen ließ und fragte, was ich schwerpunktmäßig denn so machen wolle. Damals hatte ich gerade den Film »Meuterei auf der Bounty« mit Marlon Brando gesehen, doch mehr als Brando interessierten mich die barbusigen Frauen auf Tahiti. In meiner Einfalt hatte ich mir vorgestellt, dass sie dort noch immer so rumlaufen würden und war stark motiviert, eine Feldforschung in Polynesien zu machen. Dazu ist es nie gekommen. Mühlmann meinte zu mir, ich solle entweder nach Hamburg gehen – dort gab es den Schwerpunkt Südsee – oder eine Dissertation über die Küstenfischerei in Sizilien schreiben. Das war für mich natürlich eine Zumutung und ich sagte ihm, dass ich mich gerade mit Wittgenstein und Nietzsche beschäftigte und daher keinerlei Interesse an den sizilianischen Fischern hätte. So bekam ich schon sehr früh Konflikte mit Mühlmann, auch weil ich ihn in den Seminaren bedenkenlos kritisierte und seine Autorität in Frage stellte. Gemeinsam mit Fritz Kramer veröffentlichte ich einen kleinen kritischen Artikel in der Heidelberger Studentenzeitschrift, woraufhin die Professoren uns als Revoluzzer einstuften. Fritz Kramer trat dann in den SDS ein, ich jedoch nicht, da mir der Marxismus nicht so zusagte. Ich sympathisierte eher mit der anarchistischen Richtung.

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An einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung

Im März 2000 widmete die Zeitschrift KONKRET Robert Kurz’ »Schwarzbuch Kapitalismus« ausführliche Kritiken von Freerk Huisken1 und Michael Heinrich, die wenig vom Buch übrig ließen. Mich hat das damals vor allem für Huisken eingenommen, von dem ich bis dahin (und auch danach) allzu gewundene und verquaste Texte kannte, dieser war aber gründlich, präzise, angemessen polemisch (ja: angemessen polemisch, auch wenn das fast schon eine contraqdictio in adjecto ist). Man kann diese Kritiken aber auch als freiwillig unfreiwillige Anerkennung des Autors lesen – was wurde da für ein schweres Geschütz aufgefahren, um das halsbrecherische Projekt eines Einzelnen auseinander zu nehmen! Mag sein, Huisken und Heinrich haben die besseren Argumente, die besseren Bücher aber hat Kurz geschrieben.
Das Schwarzbuch ist damals »überall« besprochen worden – mit einer eigentümlich widerwilligen Bewunderung, denn vom Marxismus wollte man noch weniger als heute wissen. Ich erinnere mich an einen Bekannten, der das Buch für eine große Tageszeitung zu besprechen hatte, und dem vorab (!!) klar war, dass er es verreißen würde, weil schon beim ersten Blättern keinerlei »methodologisch abgesicherte« Satisfaktionsfähigkeit zu erkennen war – Einzelkämpfertum, keine Interdisziplinarität, keine Quellenforschung, oberflächliche Auswertung der Sekundärliteratur –, der sich aber gleichzeitig ehrlich fasziniert zeigte von der Anstrengung, dass jemand so ein Projekt durchziehe und im tiefsten Neoliberalismus noch oder: überhaupt einmal die Gegengeschichte des Kapitalismus schreibe – als populär angelegtes Sachbuch!
Ich denke, der große Moment Robert Kurz’ war nicht das Schwarzbuch, sondern »Der Kollaps der Modernisierung«, das HM Enzensberger mit dem ihm eigenen pfiffigen Opportunismus 1991 in der »Anderen Bibliothek« rausbrachte (fast genauso wichtig: »Honeckers Rache«, das zeitgleich bei der Edition Tiamat erschien): Am absoluten Nullpunkt marxistischer Theorie ihren Neustart zu formulieren – und zwar nicht im unterwürfig beflissenen Argument-Prokla-Haug-Altvater-Style – sondern im Vollbesitz ihrer analytischen Kraft: das war wichtig. Kurz machte für den Untergang des Realsoz weder externe Faktoren verantwortlich (ENTWEDER Verrat, Revisionismus, Romantik ODER zu wenig Marktfreiheit, zu spät einsetzende demokratische Reformen) noch drehte er die Vorzeichen einfach um (der Zusammenbruch ist gar keiner, es ist »nur« eine Transformation eines staatskapitalistischen Systems in ein privatkapitalistisches). Er zeigte, dass der Realsoz und die mit ihm – wie lose auch immer – assoziierte globale Arbeiterbewegung sich durchaus auf arbeitsontologische, positivistisch-rationalistische Prämissen des Marxschen Denkens selbst stützte. Das heißt nun nicht, dass Marx der Demiurg war, dem noch Stalin folgen musste, sondern umgekehrt: dass selbst in der bis dato avanciertesten theoretischen wie praktischen Kapitalismuskritik sich Elemente finden, die das Kritisierte fatalerweise affirmieren resp. rationalisieren. Eben: die Vergötzung der Arbeit, der Wahn, mit negativen Kategorien wie Wert, Geld, Profit etc.pp. positiv planen zu wollen. Kurz leistete die Selbstkritik des Marxismus aus marxistischer Perspektive, ohne den in der Tat verräterischen Rückgriff auf neobürgerliche Traditionsbestände (Gramsci, Habermas, Regulationstheorie etc.pp.).
Das haben damals doch auch andere gemacht?! Yep. Aber er tat es mit Chuzpe und schrieb dem Kapitalismus gleich noch den Nachruf – 1991, als andere das Ende der Geschichte hereingebrochen sahen! »Selbstkritik« und »Nachruf« waren bei Kurz identisch, ein Rundumschlag wie aus dem Nichts, und nur wer völlig verhockt in seiner ultraorthodoxen Kleinstgruppe ausharrte, konnte das nicht als erfrischend, befreiend und zutiefst befriedigend erleben.
»Der Kollaps der Modernisierung« ist eines dieser Bücher, die wichtig – wenn es nicht so abgeschmackt klingen würde: epochal – sind, nicht weil sie besonders »richtig« oder dramatisch »falsch« wären, sondern weil sie an einem heiklen Punkt der Selbstbefreiungsbewegung revolutionäre Energie verdichten und in einen großen Wurf bringen. Deshalb steht dieses Werk auf einer Stufe mit »Geschichte und Klassenbewußtsein« oder »Der eindimensionale Mensch«. Man sollte das nicht vergessen.

  1. Im Gedächtnis habe ich die Kritik von Huisken als eine speziell an Kurz abgespeichert. So kann man sich irren: Schwerpunkt seiner Kritik bildete das von Kurz mitverfasste »Manifest gegen die Arbeit«, Kollektivautor war die Gruppe Krisis. [zurück]

Andererseits…

1

Es wird allmählich klar, worin die Ursache der jüngsten, um den Golfkrieg zentrierten, selbst- und identitätszerstörenden, von Haß- und Zerstörungswünschen begleiteten ›Schlammschlacht‹ besteht, an der Pohrt sich mit gewohnter Vehemenz, zugleich mit allen Anzeichen einer galoppierenden Regression beteiligt hat.2 Um das Coming-out des bürgerlichen Kritikers geht es, um sein Bekenntnis zum bürgerlichen Staat. Man darf sich durch den Lärm, der dabei entsteht, den ungeheuren Druck, der zumal auf die Gleichgesinnten ausgeübt wird, nicht täuschen lassen. Das Geklapper gehört zum Handwerk, es verdankt sich keineswegs einer originalen Kränkung, allenfalls dem Versuch, teils mit Lärm und teils mit Druck zu übertünchen, was tatsächlich geschieht.
Wenn aber das in sich spektakuläre Verhältnis des bürgerlichen Kritikers zugleich um keinen Preis bzw. nur in getreuer Konstellation zu einer unterstellten spektakulären Entwicklung der Verhältnisse aufs Tapet kommen darf, dann, so muß vermutet werden, gewiß nicht deshalb, weil der Kritiker sich seiner Konversion schämte – solche Situationen sind im Gegenteil allemal eher problemlos überstanden worden –, sondern weil unvermittelt die Vergangenheit, die Zeit, als ›man ihm noch geglaubt hat‹, ins Zentrum des theoretischen und politischen Interesses rückt. Die Folgen wären nämlich weitreichend. Selbstreflexion wäre angesagt, die Untersuchung der Kontinuität da, wo in einem fort Sprünge, existentialistische Situationen noch und noch, behauptet werden. Gehört es vielleicht zu den tragenden Selbstmißverständnissen der bundsrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft und Nachkriegstheorie, einem Selbstmißverständnis, dem durch die Existenzialisierung von Faschismus und Antifaschismus unerhört Vorschub geleistet worden ist, bürgerliche Kritik, die sich allein durch Faschismuskritik legitimiert hat, als marxistische Kritik zu betrachten? – und zwar ohne Rücksicht auf die für die Einschätzung der Kritik allerdings zentrale Frage, ob der Faschismus etwa im Namen des gekränkten bürgerlichen Staates oder explizit gegen ihn und den von ihm ostentierten Schein einer gewaltlosen Normalexistenz kritisiert wurde.
Die Frage soll hier nicht im einzelnen erötert (…) werden. Ganz schematisch sei angedeutet – und niemand verwechsle hier das Schema mit Realgeschichte –, daß die Crux der Marxschen Geschichtsrekonstruktion, die das Bürgertum zum Telos einer in jeder ihrer Kategorien auf es bezogenen Vorgeschichte und zum Quellpunkt einer ebenfalls in jeder ihrer Kategorien auf es bezogenen sozialistischen Utopie macht, in der bundesrepublikanischen linken Theorie zur entscheidenden Voraussetzung und theoriebildenden Rationalisierung geworden ist, und zwar in einer Weise, die man sich gar nicht trivial genug vorstellen kann. Unter den die Geschichte allerdings radikal abbreviierenden Auspizien des deutschen Faschismus avanciert der Kapitalismus unversehens zu einer Geschichte der Befreiung, die das amerikanische Kriegskalkül und die Existenz der Roten Armee gleichermaßen unterschlägt: amerikanischer Kapitalismus habe Auschwitz bereits einmal befreit und sei die einzige Instanz, die eine Wiederholung von Auschwitz nicht nur verhindern könne, sondern auch wolle, ist die logische, die letzten vierzig Jahre [von 1991 aus gesehen, Anm. Ofenschlot] freilich im Spagat überwindende Konsequenz; von ihr bis zu jener neuesten Version, die unter den Auspizien des gescheiterten Sozialismus den Kapitalismus – bedrängt von faschismusförmigen Partikularismen und Nationalismen – unversehens als befreite Geschichte präsentiert, ist es nur noch ein lächerlicher Zentimeter.

  1. Anschließend an diesen Eintrag. [zurück]
  2. »Wolfgang Pohrts Ideologiekritik«, dieser Text von Ilse Bindseil erschien, kleiner Treppenwitz der jüngeren linken Geschichte, in einem bei Ca Ira verlegten Band, nämlich in »Frauen 2. Polemik und Politik« (1991, hier: S.153/154). »Frauen« war eine radikalfeministische Buchreihe, die u.a. von Bindseil betreut in den 90er Jahren erschien und es auf sechs durchgehend lesenswerte Bände brachte. Bindseils Pohrt-Dekonstruktion kann man auch als Vorwegnahme alle weiteren Kritiken am Antideutschtum lesen, ja, man hätte diese sich sparen können, hätte man nur rechtzeitig (oder überhaupt) ihren Text gelesen. Das ist aber freilich eine idealistische Annahme. Bindseil nimmt hier Bezug auf eine Polemik Pohrts, die unter dem Titel »Musik in meinen Ohren« in der 91er März(= Golfkriegsausgabe)-Ausgabe von KONKRET erschienen war. (Ich meine mich zu erinnern, dass Pohrt Jahre später die Veröffentlichung dieses Textes bedauert hat.). Die Veröffentlichung dieses Text muss dem Magazin irre viele Abo-Kündigungen eingebracht haben. Einige Highlights daraus:
    »Dies hätte ein Artikel unter dem Horkheimer abgeschauten Titel ›Für Amerika‹ werden sollen, eine vorbehaltlose Rechtfertigung der US-Politik seit dem zweiten August [1990, Tag des Einmarsches irakischer Truppen in Kuwait, Anm. Ofenschlot]. Es wurde eine Art Brief daraus, geschrieben in der ersten Person, die ich sonst meide. Seit amerikanische Patriot-Abwehrraketen Israel schützen, während die um diese Waffe gebetene Bundesregierung, statt wortlos unverzüglich zu liefern, erklärt, man wolle die Bitte ein paar Tage lang ernsthaft prüfen, hat ein Deutscher kein moralisches Recht, die USA zu kritisieren.«
    »Seit der Geist ihrer Ahnen in die Deutschen fuhr, sind die politischen Verhältnisse hier gleichsam umgepolt, die ›FAZ‹ kann man lesen, die besten – und übrigens hervorragend geschriebenen – Kommentare findet man in ›Bild‹. Das Wort vom Linksfaschismus stellt sich als Untertreibung dar, weil man sich die Vorsilbe ‘Links’ sparen kann, und die Regel lautet: Je weiter links einer stand, ein desto engagierterer Nazi ist er nun, alle politischen Gliederungen sind erhalten geblieben, haben aber das Vorzeichen gewechselt, man braucht keine Phantasie mehr, um sich die Antiimpis oder die Autonomen als Volkssturmabteilungen der Hitlerjugend oder als Verbände der Aktion Werwolf vorzustellen.
    Natürlich ist, was momentan hier passiert, eine Neuauflage der Friedensbewegung vom Anfang der 80er Jahre. Aber jene Bewegung war, verglichen mit der heutigen, bloß eine Eselei, weil damals faktisch keine wirkliche Entscheidungssituation existierte, es objektiv absolut wurst war, ob diese Raketen nun stationiert wurden oder nicht. In einer Situation, wo Worte und Verhaltensweisen nicht besonders ernst zu nehmen sind, weil sie praktisch folgenlos bleiben, hatte die deutsche Linke sich mächtig blamiert. Diesmal hingegen steht etwas auf dem Spiel, unter anderem die Existenz des Staates Israel, und eine Neuauflage der Friedensbewegung bedeutet nun, daß die hiesige Linke im weitesten und im engen Sinn wirklich für alle Zeiten moralisch erledigt ist. Deutlicher gesagt: Verglichen mit der PDS ist der CIA eine hochmoralische Anstalt.
    Kein lustiger Brief also, eben (27.1. 17.00 Uhr) meldet Bagdad, daß es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird. (…)« [zurück]