Kultur ist ein Palast … (aus den Chroniken des Froschmäusekriegs)

Es reichte noch nicht, der Revolution einen, nein, nicht Knüppel, sondern gleich Dachbalken zwischen die Beine zu werfen, ein zweiter kommt gleich hinterher: Die Aneignung der Kultur seitens des Proletariats sei Voraussetzung für die Errichtung des Kommunismus, was nicht nur heiße, die bürgerliche Kultur zu assimilieren, sondern auch die ersten Elemente der kommunistischen Kultur zu schaffen. Wunderbar. All das bekommt nur Sinn, Folgendes glauben zu machen: Will man Wohlergehen haben, braucht man die Macht, will man die Macht, braucht man den Willen zum Kampf, für den Willen zum Kampf braucht man das Bewusstsein, für das Bewusstsein braucht man Kultur, die Kultur ist nicht Ausdruck einer Klasse, sondern ewiges „absolutes Vermögen des Denkens“. Es sind demnach nicht materielle Kräfte, die zum Handeln führen und Ideologien hervorbringen, nein, es ist die geistige Tätigkeit, die den geschichtlichen Kampf bedingt. Nur diejenigen, die solche Dinge im Kopf haben, aber nicht offen machen bzw. nicht wissen, was sie sagen, können so schreiben.
Daher wird dann Trotzki, der die Dinge ins Reine bringt, gehörig „ausgebessert“. Er hatte nämlich die Stirn zu sagen, das Proletariat könne höchstens die bürgerliche Kultur in sich aufnehmen. Und weiter, das Proletariat könne, solange es Proletariat sei, nur die bürgerliche Kultur annehmen, und wenn es eine neue Kultur schaffe, dies keine proletarische sein werde, weil es das Proletariat dann gar nicht mehr gebe. Dieser Standpunkt Trotzkis ruft natürlich Empörung hervor, aber es lohnt nicht, die Albernheiten wiederzugeben, mit denen er bedacht wird. Jedenfalls formuliert er den Kern des marxistischen Determinismus. Auf dem Gebiet der Schule, der Presse, Propaganda, Kirche etc. hat die Verbreitung der bürgerlichen Ideologie, solange die werktätige Klasse ausgebeutet wird, immer alle Vorteile auf ihrer Seite. Natürlich muss die Revolution, wenn sie die Partie nicht verlieren will, auf starke kämpfende Massen zählen können, allerdings ohne im Geringsten anzunehmen, sie seien den bürgerlichen wirtschaftlichen und kulturellen Einflüssen entzogen. Es ist vielmehr der, den Kämpfenden noch nicht zu Bewusstsein gekommene1 – und von wissenschaftlicher Kultur kann da erst recht keine Rede sein! – Gegensatz der materiellen Produktivkräfte, der sie unweigerlich zum Kampf drängt.

Aus: Danza di fantocci: dalla coscienza alla cultura, Il programma comunista, Nr. 12, Juni/Juli 1953. Die Übersetzung ist gerade erschienen, damit ist der Zyklus, oder sagen wir: dessen komprimierteste Ausdruck, der kommunistischen Kritik an den libertären Marx-Verbesserern Socialisme ou Barbarie abgeschlossen: Der Froschmäusekrieg, Das Gequake über die Praxis, und eben Tanz der Marionetten: Vom Bewusstsein zur Kultur.

Der Froschmäusekrieg

  1. Anmerkung Ofenschlot: Dazu die Referenz bei Marx (»Die Heilige Familie«, MEW 2, September/November 1844): »Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.« [zurück]