Wer Vereinzelte fragt, kriegt auch nur Vereinzeltes zu hören

Vor kurzem beim Aufräumen über eine Stelle gestolpert, in der Wolfgang Rieland, der die besten deutschsprachigen Arbeiten zum historischen Operaismus geschrieben hat (»Organisation und Autonomie. Die Erneuerung der italienischen Arbeiterbewegung«, Franfurt/M. 1977, Einleitung zu »Klassenanalyse als Klassenkampf. Arbeiteruntersuchungen bei Fiat und Olivetti« von Romano Alquati, Einleitung zu »Fiat-Streiks: Massenkampf und Organisationsfrage«, München 1970) und einige zentrale Texte auch übersetzte, eine grundsätzliche Kritik an den Methoden der empirischen Industriesoziologie übt (Alquati hat sich ja auf diesem Feld bewegt, das war sein Job1).
Diese Methoden konstituieren den Arbeiter erst als Bürger – der er außerhalb des Produktionsprozesses auch tatsächlich ist (Matthias Beltz, der für den REVOLUTIONÄREN KAMPF etliche seiner besten Jahre am Fließband von Opel Rüsselsheim schuftete, schilderte das befremdliche Erlebnis, wie ihn ein Kollege, mit dem er auf Arbeit selbstverständlich per Du war, siezte, als sie sich zufällig nach Feierabend oder am Wochenende in der Stadt über den Weg liefen) – und zwar als Bürger sozusagen nicht in Uniform, sondern im Overall: Der Bürger wird in die Fabrik hineinverlängert. Dort war er aber nicht, und dort ist er, sorry liebe Genossen R. Kurz und J. Bruhn, bis heute nicht. Der Methodenindividualismus reproduziert die Vereinzelung der Bürgers, weil er nach dem Arbeiter in seiner Vereinzelung fragt. Theorie verdoppelt Wirklichkeit, und das bekommt beide nicht gut.
Und diese spezifische Kritik Rielands – steht in der Einleitung zu Alquati-Texten auf den S. 36/37 –, lässt sich auch erweitern: Linke, die an der Wirklichkeit verzweifeln, verzweifeln nicht zuletzt an der Demütigung, Isolierung, Zurückgeworfenheit – an der Depression des Individuums. Das alles soll nicht geleugnet werden, es ist ja unübersehbar, nicht weg-zu-fühlen. Aber es gibt die Seite der Kooperation, das Bemühen in zig Mikrostrukturen eben nicht alles Funktionalität und Verwertbarkeit zu unterwerfen, einen Anarchismus der Gefühle, die kollektiver sind, als wir denken und als Facebook uns verrät.
»Der einzige Weg, das System zu verstehen, ist der, eine Vorstellung von seiner Zerstörung zu gewinnen«, schreibt Alberto Asor Rosa, ein weiterer ›Frühoperaist‹ 1962 – und das geht eben nur kollektiv (einfache Erkenntnis, aber schwierig auszusprechen).

Und erst diese Aufhebung des »einzelnen Arbeiters« innerhalb der Produktion schafft dann vollends die objektiven Voraussetzungen für die kollektive und solidarische Praxis der Arbeiter in ihrem Kampf. Dieser entscheidende politische Prozeß aber wird in dem Moment nicht praktisch begriffen, wo die Individualität des Arbeiters dadurch rekonstruiert wird, daß jetzt nur wieder jener »einzelne Arbeiter« – und zwar eben als solcher – außerhalb der Produktion befragt wird, als wiederum isoliertes Individuum, als welches er in der Produktion tatsächlich zu existieren aufgehört hat. Damit allerdings erkennt die soziologische Konzeption der Arbeiteruntersuchung nicht mehr die kapitalistische Wirklichkeit an, sondern nurmehr deren ideologischen Schein – und sei es auch dessen Reflex im Kopf des »einzelnen Arbeiters«.
Derselbe Widerspruch pointiert sich auch dort in der empirischen Sozialforschung, wo diese, auf der Suche nach jenem berühmten »Arbeiterbewußtsein«, zunächst durchaus richtig davon ausgeht, daß solches Arbeiterbewußtsein »greifbar« dort in Erscheinung tritt, wo es sich in Konflikten praktisch äußert: so in Streiks. Solche Streiks aber sind nicht Kämpfe von Individuen, sondern hier ist gerade der solidarische Zusammenhang dieser »einzelnen Arbeiter« das wesentliche politische Moment, das ihren Kampf überhaupt erst konstituiert. Wie aber soll man nun dieses handelnde Subjekt (den »kollektiven Arbeiter« Alquatis, wenn man so will) nach seinem »Bewußtsein« befragen, ohne gleichzeitig diesen wesentlichen Zusammenhang der kämpfenden Arbeiter in der Befragung immer nur »einzelner Arbeiter« praktisch doch wieder aufzulösen? Gerade an diesem Widerspruch wird deutlich, daß mit der Reduktion von Arbeiteruntersuchung auf simple Befragungstechnik die wesentlichen Momente des Kampfes – wo ja jenes »Arbeiterbewußtsein« »greifbar« Gestalt annimmt; das war die Voraussetzung – nicht mehr erfaßt werden können; und an dieser Stelle wird Arbeiteruntersuchung allerdings zur politischen Frage (und nicht zum Gegenstand irgendeines »Methodenstreits«)!

  1. Pier Paolo Pasolini ätzt 1968 über eine »häretische Variante« des Kommunismus »jedoch auf Grundlage des niedersten Jargons der ideologielosen Soziologen«. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass er die ›Operaisten‹ – oder das, was 1968 aus ihnen geworden war – gemeint hat. Das wäre – wie so vieles von Pasolini – böse und auch wohl überspitzend sein Ziel verfehlend, aber wie immer: ungeheuer klasseninstinktsicher. Alquati, Raniero Panzieri – den vor allem – oder Danilo Montaldi (kennt hier aber keiner) muss man freilich in Schutz nehmen, Jargon wird man bei ihnen nicht finden. [zurück]