Archiv für Juni 2012

Kultur ist ein Palast … (aus den Chroniken des Froschmäusekriegs)

Es reichte noch nicht, der Revolution einen, nein, nicht Knüppel, sondern gleich Dachbalken zwischen die Beine zu werfen, ein zweiter kommt gleich hinterher: Die Aneignung der Kultur seitens des Proletariats sei Voraussetzung für die Errichtung des Kommunismus, was nicht nur heiße, die bürgerliche Kultur zu assimilieren, sondern auch die ersten Elemente der kommunistischen Kultur zu schaffen. Wunderbar. All das bekommt nur Sinn, Folgendes glauben zu machen: Will man Wohlergehen haben, braucht man die Macht, will man die Macht, braucht man den Willen zum Kampf, für den Willen zum Kampf braucht man das Bewusstsein, für das Bewusstsein braucht man Kultur, die Kultur ist nicht Ausdruck einer Klasse, sondern ewiges „absolutes Vermögen des Denkens“. Es sind demnach nicht materielle Kräfte, die zum Handeln führen und Ideologien hervorbringen, nein, es ist die geistige Tätigkeit, die den geschichtlichen Kampf bedingt. Nur diejenigen, die solche Dinge im Kopf haben, aber nicht offen machen bzw. nicht wissen, was sie sagen, können so schreiben.
Daher wird dann Trotzki, der die Dinge ins Reine bringt, gehörig „ausgebessert“. Er hatte nämlich die Stirn zu sagen, das Proletariat könne höchstens die bürgerliche Kultur in sich aufnehmen. Und weiter, das Proletariat könne, solange es Proletariat sei, nur die bürgerliche Kultur annehmen, und wenn es eine neue Kultur schaffe, dies keine proletarische sein werde, weil es das Proletariat dann gar nicht mehr gebe. Dieser Standpunkt Trotzkis ruft natürlich Empörung hervor, aber es lohnt nicht, die Albernheiten wiederzugeben, mit denen er bedacht wird. Jedenfalls formuliert er den Kern des marxistischen Determinismus. Auf dem Gebiet der Schule, der Presse, Propaganda, Kirche etc. hat die Verbreitung der bürgerlichen Ideologie, solange die werktätige Klasse ausgebeutet wird, immer alle Vorteile auf ihrer Seite. Natürlich muss die Revolution, wenn sie die Partie nicht verlieren will, auf starke kämpfende Massen zählen können, allerdings ohne im Geringsten anzunehmen, sie seien den bürgerlichen wirtschaftlichen und kulturellen Einflüssen entzogen. Es ist vielmehr der, den Kämpfenden noch nicht zu Bewusstsein gekommene1 – und von wissenschaftlicher Kultur kann da erst recht keine Rede sein! – Gegensatz der materiellen Produktivkräfte, der sie unweigerlich zum Kampf drängt.

Aus: Danza di fantocci: dalla coscienza alla cultura, Il programma comunista, Nr. 12, Juni/Juli 1953. Die Übersetzung ist gerade erschienen, damit ist der Zyklus, oder sagen wir: dessen komprimierteste Ausdruck, der kommunistischen Kritik an den libertären Marx-Verbesserern Socialisme ou Barbarie abgeschlossen: Der Froschmäusekrieg, Das Gequake über die Praxis, und eben Tanz der Marionetten: Vom Bewusstsein zur Kultur.

Der Froschmäusekrieg

  1. Anmerkung Ofenschlot: Dazu die Referenz bei Marx (»Die Heilige Familie«, MEW 2, September/November 1844): »Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird.« [zurück]

Von den Schwierigkeiten der Durchsetzung bürokratischer Herrschaft, was für ein Gewaltakt das bedeutet und zu welchen merkwürdigen »Selbstverständlichkeiten« das letztendlich geführt hat. Eine Geschichte aus dem alten Preußen

»Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel.« (Heiner Müller)

Ein Staat führt eine Kopfsteuer (und das ist noch ein besonders einfacher Fall für die Bürokratie!, Anm. Ofenschlot) für alle Erwachsenen ein. Es genügt nun keineswegs, eine solche Norm aufzustellen, sondern schon diese einfache Regel bringt Probleme mit sich. Schon die Definition eines Erwachsenen ist schwierig, wenn die Bauern nicht gewöhnt sind, ihr Alter nach Jahren zu zählen – und das tun sie in einer schriftlosen Kultur selten. Das Eintragen in eine Liste setzt voraus, daß der Befragte nicht nur einen für Identifikationszwecke brauchbaren Namen hat, sondern daß er diesen Namen konsistent über die Zeit beibehält – nichts ist weniger selbstverständlich als das. Fragt der Beamte den Familienvater nach der Zahl der Kinder, dann tauchen neue Schwierigkeiten auf. Zunächst das Problem, was man unter »sein Kind« versteht – keine einfach zu beantwortende Frage, wenn man nicht in die Subtilitäten des Familien- und Verwandtschaftssystems eingeweiht ist. Dann die Zahl der Kinder. Daß er seine Kinder abstrakt zusammenzählt, mag für den Bauern durchaus ungewohnt sein. Gegenüber all diesen Fragen zeigt der Bauer Unverständnis und Gleichgültigkeit. Aber selbst wenn er sie versteht, wird er vermutlich Unverständnis vortäuschen, um falsche Angaben zu machen.1

  1. Aus: Gerd Spittler, »Abstraktes Wissen als Herrschaftsbasis zur Entstehungsgeschichte bürokratischer Herrschaft im Bauernstaat Preußen«, KZSS 32, 1980, S.574-604, hier S.578 [zurück]

Wer Vereinzelte fragt, kriegt auch nur Vereinzeltes zu hören

Vor kurzem beim Aufräumen über eine Stelle gestolpert, in der Wolfgang Rieland, der die besten deutschsprachigen Arbeiten zum historischen Operaismus geschrieben hat (»Organisation und Autonomie. Die Erneuerung der italienischen Arbeiterbewegung«, Franfurt/M. 1977, Einleitung zu »Klassenanalyse als Klassenkampf. Arbeiteruntersuchungen bei Fiat und Olivetti« von Romano Alquati, Einleitung zu »Fiat-Streiks: Massenkampf und Organisationsfrage«, München 1970) und einige zentrale Texte auch übersetzte, eine grundsätzliche Kritik an den Methoden der empirischen Industriesoziologie übt (Alquati hat sich ja auf diesem Feld bewegt, das war sein Job1).
Diese Methoden konstituieren den Arbeiter erst als Bürger – der er außerhalb des Produktionsprozesses auch tatsächlich ist (Matthias Beltz, der für den REVOLUTIONÄREN KAMPF etliche seiner besten Jahre am Fließband von Opel Rüsselsheim schuftete, schilderte das befremdliche Erlebnis, wie ihn ein Kollege, mit dem er auf Arbeit selbstverständlich per Du war, siezte, als sie sich zufällig nach Feierabend oder am Wochenende in der Stadt über den Weg liefen) – und zwar als Bürger sozusagen nicht in Uniform, sondern im Overall: Der Bürger wird in die Fabrik hineinverlängert. Dort war er aber nicht, und dort ist er, sorry liebe Genossen R. Kurz und J. Bruhn, bis heute nicht. Der Methodenindividualismus reproduziert die Vereinzelung der Bürgers, weil er nach dem Arbeiter in seiner Vereinzelung fragt. Theorie verdoppelt Wirklichkeit, und das bekommt beide nicht gut.
Und diese spezifische Kritik Rielands – steht in der Einleitung zu Alquati-Texten auf den S. 36/37 –, lässt sich auch erweitern: Linke, die an der Wirklichkeit verzweifeln, verzweifeln nicht zuletzt an der Demütigung, Isolierung, Zurückgeworfenheit – an der Depression des Individuums. Das alles soll nicht geleugnet werden, es ist ja unübersehbar, nicht weg-zu-fühlen. Aber es gibt die Seite der Kooperation, das Bemühen in zig Mikrostrukturen eben nicht alles Funktionalität und Verwertbarkeit zu unterwerfen, einen Anarchismus der Gefühle, die kollektiver sind, als wir denken und als Facebook uns verrät.
»Der einzige Weg, das System zu verstehen, ist der, eine Vorstellung von seiner Zerstörung zu gewinnen«, schreibt Alberto Asor Rosa, ein weiterer ›Frühoperaist‹ 1962 – und das geht eben nur kollektiv (einfache Erkenntnis, aber schwierig auszusprechen).

Und erst diese Aufhebung des »einzelnen Arbeiters« innerhalb der Produktion schafft dann vollends die objektiven Voraussetzungen für die kollektive und solidarische Praxis der Arbeiter in ihrem Kampf. Dieser entscheidende politische Prozeß aber wird in dem Moment nicht praktisch begriffen, wo die Individualität des Arbeiters dadurch rekonstruiert wird, daß jetzt nur wieder jener »einzelne Arbeiter« – und zwar eben als solcher – außerhalb der Produktion befragt wird, als wiederum isoliertes Individuum, als welches er in der Produktion tatsächlich zu existieren aufgehört hat. Damit allerdings erkennt die soziologische Konzeption der Arbeiteruntersuchung nicht mehr die kapitalistische Wirklichkeit an, sondern nurmehr deren ideologischen Schein – und sei es auch dessen Reflex im Kopf des »einzelnen Arbeiters«.
Derselbe Widerspruch pointiert sich auch dort in der empirischen Sozialforschung, wo diese, auf der Suche nach jenem berühmten »Arbeiterbewußtsein«, zunächst durchaus richtig davon ausgeht, daß solches Arbeiterbewußtsein »greifbar« dort in Erscheinung tritt, wo es sich in Konflikten praktisch äußert: so in Streiks. Solche Streiks aber sind nicht Kämpfe von Individuen, sondern hier ist gerade der solidarische Zusammenhang dieser »einzelnen Arbeiter« das wesentliche politische Moment, das ihren Kampf überhaupt erst konstituiert. Wie aber soll man nun dieses handelnde Subjekt (den »kollektiven Arbeiter« Alquatis, wenn man so will) nach seinem »Bewußtsein« befragen, ohne gleichzeitig diesen wesentlichen Zusammenhang der kämpfenden Arbeiter in der Befragung immer nur »einzelner Arbeiter« praktisch doch wieder aufzulösen? Gerade an diesem Widerspruch wird deutlich, daß mit der Reduktion von Arbeiteruntersuchung auf simple Befragungstechnik die wesentlichen Momente des Kampfes – wo ja jenes »Arbeiterbewußtsein« »greifbar« Gestalt annimmt; das war die Voraussetzung – nicht mehr erfaßt werden können; und an dieser Stelle wird Arbeiteruntersuchung allerdings zur politischen Frage (und nicht zum Gegenstand irgendeines »Methodenstreits«)!

  1. Pier Paolo Pasolini ätzt 1968 über eine »häretische Variante« des Kommunismus »jedoch auf Grundlage des niedersten Jargons der ideologielosen Soziologen«. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass er die ›Operaisten‹ – oder das, was 1968 aus ihnen geworden war – gemeint hat. Das wäre – wie so vieles von Pasolini – böse und auch wohl überspitzend sein Ziel verfehlend, aber wie immer: ungeheuer klasseninstinktsicher. Alquati, Raniero Panzieri – den vor allem – oder Danilo Montaldi (kennt hier aber keiner) muss man freilich in Schutz nehmen, Jargon wird man bei ihnen nicht finden. [zurück]