Viel Bewegung

Bloccupy hin oder her, der ganz überwiegende Teil der radikalen Linken ist der Ansicht, dass derzeit mal wieder ganz wenig läuft, insbesondere in Deutschland, keine Bewegung, kein Unmut, bzw. allenfalls »unbrauchbare Unzufriedenheit« (Peter Decker). Das sieht die herrschende Klasse anders. Muss mal so gesagt werden. Die FAZ etwa beklagt »Respektlosigkeiten am laufenden Band« – in Deutschland, nota bene:
»Tausende haben die Ordner im Innenraum des Stadions ignoriert, sie haben die Bitten des Stadionsprechers überhört, das Eigentumsrecht missachtet und insgesamt die Grundregeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt.« Es geht »nur« um Fußball, um das angebliche Drama von Düsseldorf, aber der Kommentator zielt vorsorglich auf das Höhere, auf das Gesamtgesellschaftliche, und dann geht es (ihm/ihnen) immer zuerst um »das Eigentumsrecht« und dessen Unantastbarkeit. Nutzlos der Hinweis, dass die Fans durch den Erwerb einer Eintrittskarte dieses Eigentumsrecht erst mal respektiert und zweitens dadurch erst einen bestimmten Anspruch an den Eigentümer formuliert haben – den Anspruch auf Brot und Spiele, auf genau das Spektakel, das Fußball nun mal ist.
Dieser Brot-und-Spiele-Komplex ist nun an sich selbst gescheitert, streng dialektisch betrachtet hat er sich ›aufgehoben‹, er funktioniert so perfekt, dass die Kommentatoren zwischen realer Unkontrollierbarkeit und perfekter Vollendung des Spektakels (die Leute entwickeln einen unbändigen Willen und verwenden eine irre Energie darauf, eine zunächst hoch abgesichertes Spielfeld zu erstürmen, würden sie nur zehn Prozent dieses Enthusiasmus’ darauf verwenden, für höhere Löhne und angenehmere Arbeitszeiten zu kämpfen, der Kapitalismus sähe sehr schnell sehr alt aus) nicht mehr zu unterscheiden wissen. Vielleicht ist es ja auch dasselbe.
»Diese Menschen waren keine brutalen Hooligans, keine sportpolitisch motivierten Ultras, es waren Hinz und Kunz, Väter mit teils minderjährigen Söhnen, die mittendrin sein wollten, nicht nur dabei. Dieses Verhalten ist nicht allein ein Phänomen des Fußballs. (…) Die Bereitschaft, Regeln zu brechen ist überall im Lande und quer durch die Gesellschaft zu erkennen. Demonstranten halten sich nicht an Verfügungen von Verwaltungsgerichten, große Unternehmen unterlaufen wie selbstverständlich Steuergesetze, selbst der einst höchste Mann im Staat wusste sich nicht zu benehmen.« Der FAZ-Mann antwortet nicht mit einem offenen Aufruf zum Klassenkampf von oben – das ist passé, eine Angelegenheit der 90er, als Rot-Grün hemmungslos den Eliten-Liberalismus protegierte –, sondern mit Moralsauce, denn Verfehlungen gibt es, ohje, auch unter Managern und Spitzenpolitikern, einfach überall! Am schlimmsten bleiben freilich »Hinz und Kunz«, in denen die Bestie der GROTESKEN BELEIDIGUNG schlummert: »Denn die Verrohung der Sitten sind das Ergebnis einer Entwicklung, die Lehrer schon seit Jahren beobachten, Unterrichtsstörungen, groteske Beleidigungen, ja Bedrohungen. Wer das ändern will, muss bei den Kleinsten anfangen, mit der Anerkennung von Grundwerten in der Familie. Im Stadion ist es zu spät.« Grundwerte, Anstand, Disziplin, Maßhalten, Mamapaparespekt, die üblichen Appelle, die sich an ALLE richten, aber allein denen schaden, die als Lohnabhängige sonst sehr wenige Gelegenheiten zum Über-die Stränge-Schlagen haben. Es sind übrigens diese Moralapostel, die den Meistertrainer Jürgen Klopp nicht zuletzt für sein penetrantes Geschwafel von der »Lust« und vor allem der »Gier« über den grünen Klee loben. Aber das nur nebenbei.
Was in Düsseldorf passiert ist (und einen Tag zuvor in Karlsruhe und ein paar Tage davor in Köln und dann noch in …) hat nichts mit Klassenkampf zu tun. Aber die Reaktionen darauf drücken eine große Verunsicherung aus: Selbst – nein, gerade – das am besten organisierte Spektakel lässt sich nicht restlos beherrschen. Gut möglich, dass demnächst die Feuilletons nichts mehr davon wissen wollen, ganz im Gegensatz zu den tiefschürfenden Essais der letzten zwanzig Jahre, dass das Fußballgeschehen ein besonders sensibler Gradmesser für gesellschaftliche Zustände ist. Die Erkenntnis könnte schwindeln machen.