Schule der Dialektik

Klaus Heinz Metzger: Der Fortschritt, so wie er im Material-Kapitel der Philosophie der Neuen Musik dargestellt ist, ist ein durch und durch dialektischer. Es gibt da diesen Satz, der, wie ich festgestellt habe, fast immer falsch verstanden wird: »Nicht nur verengt und erweitert es« – das Material – »sich mit dem Gang der Geschichte, sondern alle seine spezifischen Züge sind Male des geschichtlichen Prozesses.« Also: es verengt und erweitert sich. Das wird meist so mißverstanden: mal verengt es sich, dann erweitert es sich wieder, und das ist halt der Gang der Geschichte. Gemeint ist aber, daß Erweiterung und Verengung zwei dialektische Momente ein und derselben prozessualen Bewegung sind. Die Erweiterung ist zugleich die Verengung. Die Erweiterung des Materials etwa durch die atonale Revolution bedeutete zugleich den Ausschluß der gesamten tonalen Kompositionsmittel. Mit dem tonalen Material indes gingen zugleich die technischen Mittel seiner Behandlung dahin. Wie ist es heute mit dem Materialstand? 1958 hat Cage die Variations I geschrieben. Dort ist alles zum – möglichen – musikalischen Material geworden. Gleichzeitig ist es eben deshalb auch nichts: die berühmte Identität von Allem und Nichts, die Hegel schon ziemlich zu Beginn seiner Logik dargetan hat. Also: die Erweiterung, die Expansion, ist inzwischen bis zu allem gegangen und die Verengung, die Selektion, bis zu nichts, und beides ist dasselbe. Es gibt inzwischen wirklich nichts mehr auf der Welt, was nicht musikalisches Material sein.

Josef Früchtl: Das gilt also auch für die alten Harmonien.

Metzger: Ja, sicher, von daher kann man die Nichtigkeit des Ganzen gut beleuchten, denn zugleich können die avancierten ästhetischen Nerven überhaupt nichts mehr ertragen. Und die Unerträglichkeit des historisch nicht mehr Substantiellen war stets der Grund der selektiven Seite des Materialfortschritts. Unter das, was in jedem Moment auszuscheiden ist, fällt mittlerweile alles. Damit wären wir ja eigentlich am Ende. Aber vielleicht haben Sie trotzdem noch Fragen?

Früchtl: Wir könnten uns – versuchsweise – weniger am aktuellen Stand der Musik als an Adornos Theorie orientieren.

Metzger: Eines möchte ich zum aktuellen Stand sagen. Passiert ist das Jahr im Jahr 1958, nämlich diese Variations I von Cage. Und es ist so bestürzend, daß die allermeisten Komponisten es nicht einmal bemerkt haben, sondern so weiterkomponieren, als wäre nichts geschehen.

Früchtl: Jetzt muß ich doch einmal fragen: hat nicht die Kunst sozusagen immer recht? Der Kritiker hinkt hinter ihr her und muß zur Kenntnis nehmen, was Sache ist. Wenn man diesen Sachverhalt umkehrt – und das scheint mir Ihre Einstellung zu sein –, gerät man in Gefahr, von einer gewissen Warte aus – meistens ist sie auch sehr hoch – auf das irdische Geschehen in der Kunst in verächtlicher Haltung hinunterzublicken.

Metzger: Daß die Kunst immer recht habe, ist eine These, die sich Leichtigkeit halten läßt, sobald man sich die Befugnis zuspricht, darüber zu befinden, was Kunst sei und was nicht. Die Kunst, die immer recht hat, bestimmt man dann selbst und hat infolgedessen selber recht.

Aus: »Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno / hrsg. von Josef Früchtl und Maria Calloni«, Frankfurt/M. 1991: Suhrkamp. S.171ff.