Die Revolution ist monochrom

… oder sie wird gar nicht sein.
Zu den Lieblingsfloskeln linksradikalen Aktivist_innentums (so richtig geschrieben?!) gehört der vielfältige, kreative, lebendige aber vor allem: bunte Widerstand — wie das Viertel, das kurz vor der Gentrifizierung stehend natürlich bunt bleiben muss, wie das Leben, das im Gegensatz zum grauen Alltag bunt zu sein hat, wie die Haare oder die Klamotten halt. Revolution wäre demnach vor allem ein Ding der Selbstverwirklichung, im Jargon gesrpochen: ein »Projekt«, und dieses wird dann so lange betrieben, bis den Aktivisten ein Lichtlein aufgeht, dass man sich auch ganz prima in dieser Gesellschaft selbstverwirklichen kann. Die Wahrheit ist natürlich, dass Selbstverwirklichung und bürgerliche Gesellschaft untrennbar zusammengehören, meistens steht die Selbstverwirklichung allerdings der Einsicht in diese Wahrheit entgegen.
Vom Anarchismus könnte man lernen, dass die Revolution anti-kreativ, anti-originell, also monochrom oder konsequent gesagt: sogar »anti-farblich« ist – nämlich schwarz. Man könnte, wird es aber nicht, weil die Anarchisten heute auch in erster Linie bunt sein wollen.
Dabei ist die Wahrheit so einfach: Die schwarze Flagge ist die paradox personifizierte Kritik der Kreativität, die Autorschaft und Originalität bis zur Unsichtbarkeit, bis zum Verschwinden in sich aufsaugt.
Sagt Howard Ehrlich:

Warum ist unsere Farbe schwarz? Schwarz ist ein Schatten der Negation. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nation … Schwarz ist eine Stimmung von Zorn und Wut gegen alle Verbrechen gegen die Menschheit, die im Namen der Verbindungen zwischen den Staaten verübt werden. … Schwarz ist auch eine Farbe der Trauer; die schwarze Fahne, die die Nation ausstreicht, betrauert die Millionen, die in inneren und äußeren Kriegen ermordet wurden, sie trauert für diejenigen, denen die Arbeit geraubt und besteuert wurde, um das Gemetzel und die Unterdrückung anderer Menschen zu bezahlen … Aber Schwarz ist auch schön. Es ist die Farbe der Bestimmtheit, der Lösung, der Stärke, eine Farbe, durch die alle anderen aufgeklärt und definiert werden.

Es ist das Schwarz der Fahne, das die Kollektivität der Aufständigen zum Ausdruck (konsequenter: Anti-Ausdruck) bringt. Carl Einstein über seine Erfahrungen in der Kolonne Durruti während der spanischen Revolution:

Durutti, dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich, von seiner Person. Er hatte das vorgeschichtliche Wort »ich« aus der Grammatik verbannt. In der Kolonne Durutti kennt man nur die kollektive Syntax. Die Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven Sinn zu erneuern.
Durutti hatte die Kraft der anonymen Arbeit innigst erkannt. Namenlosigkeit und Kommunismus sind eines. … Durutti war kein General, er war unser Kamerad. Dies ist nicht dekorativ, doch in dieser proletarischen Kolonne beutet man die Revolution nicht aus, man betreibt keine Publizität. Man sinnt nur auf eines: den Sieg und die Revolution. (…)
Die Kameraden wissen, dass sie diesmal für die arbeitende Klasse kämpfen, nicht für eine kapitalistische Minderheit, den Gegner. Diese Einsicht auferlegt allen strenge Selbstdisziplin. Der Milizmann gehorcht nicht, sondern verfolgt zusammen mit seinen Genossen die Verwirklichung seines Ideals, einer sozialen Notwendigkeit.
Durrutis Größe bestand gerade darin, dass er selten befahl, sondern stets erzog. Die Kameraden kamen, wenn er von der Front zurückkehrte, zu ihm ins Zelt. Er erklärte ihnen den Sinn seiner Maßnahmen und diskutierte mit ihnen. Durruti befahl nicht, er überzeugte. Nur die Überzeugung verbürgt ein klares, entschlossenes Handeln. Bei uns kennt ein jeder den Grund seines Tuns und ist mit diesem Eins. (…)

Es geht nicht um Glorifizierung und die Begeisterung für das Unmittelbare: Einsteins Statement ist in einer Ausnahmesituation verfasst worden und auch nur so zu verstehen. Wer das nicht berücksichtigt, verfehlt die historische Wahrheit dieser Agitation. Nur: Sollte die hiesige Linke sich jemals in einer Ausnahmesituation befinden, ist es ganz ratsam, sich vorher die historischen Lektionen anzueignen. Klingt banal. Aber die banalen Sachen hakt man ja fatalerweise meistens als »bereits erledigt« ab.