Das Wissen der 90er

Das war ja so ein typisches Pubertätsding: Jeder hatte die Platte, jeder hörte sie hoch und runter, jeder fand sie albern, komplett zum Fremdschämen, aber doch insgeheim unfassbar geil – bloß nicht zugeben: »Licensed To Ill«. Bis heute ist das Debüt-Album (1986) der Beastie Boys nicht kanonisiert, wird aber wohl ihre meistverkaufte Platte sein. Das jungmännliche Asi-Schocker-Image (das aus Rotznasenperspektive, wie wir heute wissen, schon den ganzen Verfall des klassischen us-amerikanischen HipHop ab Mitte der 90er Jahre treffsicher ironisiert) legte sich wie ein Schatten auf ihr erstes Meisterwerk, »Paul’s Boutique« (1989) fiel durch, noch nicht mal – es wurde gar nicht erst verstanden, das kam erst viel später, rückblickend mit den kommenden Alben: Zum ersten Mal bewiesen Ad-Rock (Adam Horovitz), Mike D (Michael Diamond) und MCA (Adam Yauch) ihr schier unfassbares Talent aus einem eklektizistischen Gewusel, einem unübersichtlich wuchernden Stil-Mix heraus präzise musikalische Statements zu komponieren – wenn man irgendwo die New Yorker Utopie verkörpert sehen wollte, dann hier: Vielfalt, Gewimmel, grelle Buntheit, aber alles das stiftet die Vision einer friedlich durchgeknallten Gemeinschaft. »Paul’s Boutique« – das war Coolness ohne Arroganz und Hierarchie, Stylness ohne Abgrenzungsgegockel, Abhängertum ohne Konzentrationsverlust. Das Kiffen muss sie zu Höchstleistungen angespornt haben (manchmal klappt das ja). Dass die Jungs – wie immer wieder betont wird – aus der jüdischen Mittelschicht Brooklyns stammten, macht nix – es ging ihnen um Zukunft, nicht Herkunft. Bzw. reduzierte sich die Herkunft auf das eine große Ding, auf die Hauptstadt des 20. Jahrhundert: New York. »Check Your Head« (1992) ist dann ihr Hauptwerk, weil es jenseits der damals so produktiven wie allerdings auch immer unwichtiger werdenden Subszenen von Postrock, Stoner, Minimal Techno oder Drum’n’Bass noch einmal großen Pop stiftete, Konsens geboren aus radikalem Experimentiergeist, keine Kompromisse, aber eine Einladung an alle. »Ill Communication« (1994) lieferte die Zauberformel dafür. Dass die drei danach in den Modus der Selbstbezüglichkeit einrasteten und nie wieder die Stärke der alten Zauberformal auszunutzen wussten – geschenkt. Außerdem stimmt das so nicht, ihre letzte große New-York-Hommage, »To the 5 Boroughs« (2004) war schon sehr rührend, gerade weil sie sich nie dem Sentimentalen hingaben. Lokalpatriotismus statt Heimatschutz, allemal sympathischer. Dass sie zwischendurch die Erleuchtung fanden und allerlei Tibet-Hindu-Zen-Gebimmel + Tierschutz und was mit Menschenrechten machten – ja, das ist tatsächlich Mittelstandsethik, das erwähnte dann aber keiner mehr. Gestern ist, nach drei Jahren Kampf gegen den Krebs, Adam Yauch gestorben. Die Zauberformel bleibt, und das ist die einzig gute Nachricht.

Beastie Boys – So What Cha Want von BeastieBoys-Official