Nach dem 1. Mai

Sozialismus ist, wie wir immer wieder einhämmern, die Eroberung des Gesamtprodukts seitens der nicht in Betrieben, sondern in der Weltgesellschaft assoziierten Arbeiter, also nicht nur die Eroberung des Mehrwerts – jenes Werts also, den, wie es banalerweise heißt, der Fabrikherr einheimst, tatsächlich aber ein vom Kapitalismus positiv hereingebrachter gesellschaftlicher Abzug ist. Eroberung, sagen wir es noch einmal, des Gesamtwerts, wonach der Wert zerstört sein wird, so wie nach der Eroberung der ganzen Macht die Macht zerstört sein wird.
Nur wenn das Gemeinwesen das Gesamtprodukt erobert, wird es möglich sein, die gesteigerte Produktivkraft zu nutzen und die Arbeitszeit auf ein Minimum herabzudrücken, wobei diese Arbeitszeit kaum höher sein wird als die der Gesellschaft geschenkte – das, was wir heute Mehrarbeit nennen und die auch ohne den Fabrikherrn bestehen bleibt, heute jedoch den Umweg: vom Arbeiter zum Betrieb, und vom Betrieb zur Gesellschaft, nehmen muss. Ohne dieses Ergebnis wäre es pure Aufschneiderei, von proletarischem Bewusstsein zu sprechen.

Nachträge

1. Bordiga reagiert hier polemisch präzise auf die Vorstellung, »Sozialismus sei die Eroberung des Betriebsgewinns für die Arbeiter«, also wäre primär die Selbstverwaltung der Fabriken durch die Arbeiterinnen und Arbeiter (und die Angestellten, sollten wir nicht vergessen), eine Irrlehre, deren historische Kontinuität er seit Proudhon verfolgt – Lassalle, Dühring (jener Eugen Dühring, den wir heute bloß noch als Engels’ punching ball kennen, vor 140, 130 Jahren aber einer der einflussreichsten Theoretiker der Arbeiterbewegung war – wohl weit einflussreicher als Marx und Engels), Sorel und schließlich Gramsci verortet er in dieser Linie.
Das mag unfair gegenüber Gramsci sein, immerhin eine zeitlang enger Genosse Bordigas!, aber ungeachtet seiner tadellosen kommunistischen Haltung propagierte er stets verworrene Räte-Ideen: Christian Riechers zitiert Gramsci

Der revolutionäre Prozeß dagegen verwirklicht sich auf dem Produktionssektor, in der Fabrik, wo das Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrückten herrscht, zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten, wo es keine Freiheit für den Arbeiter, keine Demokratie gibt.

und kommentiert

Nach Gramscis Vorstellungen soll ein Netz von Räteinstitutionen (Bauernräte eingeschlossen) Italien überziehen. Nicht die revolutionären Sowjets der Oktoberrevolution mit ihrer durchweg politischen Funktion, sondern im Prinzip unpolitische, auf rein ökonomische Aufgaben beschränkte Produzentenräte (…) geben das Grundmodell ab. Diese Räte sind qua Institution derart an den Betrieb gebunden, daß sie erst gar nicht den Rahmen überschreiten, in den wenig später das deutsche Betriebsrätegesetz die zuvor noch mächtige politische Rätebewegung zu zwängen versucht.
Während der Periode der Fabrikbesetzungen in Norditalien im September 1920 bleiben freilich die inzwischen gebildeten Fabrikräte in den Turiner Fabriken und organisieren mit Hilfe nur weniger bei ihnen verbliebener Techniker selbständig die Produktion. Gramscis Traum von der ökonomischen Autonomie der »Produzenten« verwirklicht sich für eine Weile. Die Gewerkschaft, welche »die Arbeiter nicht als Produzenten, sondern als Lohnarbeiter« (Gramsci) organisiert, scheint für einen Augenblick von der Szene zurückzutreten. Gramscis polemischer Einwand gegenüber [Angelo] Tasca, daß der Rat »in seinen höheren Formen dahin tendiert, dem vom Kapitalismus zu Profitzwecken geschaffenen Produktions- und Tauschapparat proletarische Züge zu verleihen« bewahrheitet sich jetzt. Die Arbeiter beweisen, daß sie auch ohne Aufsicht gut produzieren können. Darin liegt der »proletarische Zug«, der dem kapitalistischen Produktionsapparat verliehen wird. Das erzeugte Mehrprodukt eignen sie sich jedoch nicht an, sondern liefern es bei Ende der Fabrikbesetzungen dem Unternehmer aus.
(Christian Riechers, »Antonio Gramsci. Marxismus in Italien«, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanst. 1970, S.63; das Zitat Gramscis stammt aus, Ders., »Philosophie der Praxis«, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 1967, S.65 [»Der Fabrikrat«, in Ordine Nuovo, 5.6.1920])

2.

Wenn Russland eine Orgie der Spezialisierung, der despotischen Arbeitsteilung sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb des Betriebs, ja der Zwangsarbeit veranstaltet, die die kombinierten Arbeiter in die jeweiligen Arbeitslager deportiert, so geschieht dies nicht, weil Stalin ein Schuft ist, sondern weil man nur so die kapitalistische Produktion etablieren kann – zu einer Zeit, in der die Jahrhunderte dauernde Entwicklung von der ersten halb-handwerklichen Manufaktur bis hin zu den automatisierten Monsterbetrieben schon durchlaufen war. Und weil nur so der Kampf gegen die Anarchie der Unternehmen zu führen ist; ein Kampf, der in den staatlichen Bilanzen der UdSSR leicht abzulesen ist.
Der Staatskapitalismus versucht gegen die Anarchie der Produktion vorzugehen, aber da Waren produziert werden und es stets um die Produktionskosten geht, bleibt nur, den Betriebsdespotismus über die Lohnarbeit zu verschärfen.
Dies ist jedenfalls keine sozialistische Verwaltung. Der Sozialismus wird den Arbeiter, folglich den Menschen befreien, und zwar gleichzeitig von der gesellschaftlichen Anarchie und der Ausbeutung im Betrieb, von der Arbeitsteilung und der beruflichen Spezialisierung. Dieser lange Kampf wird in dem Moment beginnen und von den Sektoren ausgehen, in dem wir mit der Geld-/Warenproduktion fertig geworden sind bzw. sie überwunden worden ist.
Vom bellum omnium contra omnes wird man zum Kommunismus kommen, sobald jeder Anreiz zum Wettbewerb aus der Organisation des Lebens verbannt ist.
Denn der Wettbewerb ist der Grund dafür, dass der Unglückselige, der Blut und Wasser schwitzt, um allen zu zeigen, wie groß die Kohlenmenge ist, die an einem Arbeitstag mit der Hacke aus einem Flöz gehauen werden kann, ein nationaler »Held der Arbeit« werden kann – und den jeder Marxist am liebsten mit Fußtritten traktieren würde.
Aber auch darin liegt eine Logik. Die kapitalistische Gesellschaft braucht die Helden der Arbeit. Der Kommunismus wird sie abschaffen.