1. Mai

Erzählung des Arbeiters Franz K.

Ich bin Bauarbeiter, rot seit 1918, seit 46 nicht mehr so. Ich habe mit der Wismut das Erzgebirge auf den Kopf gestellt, acht Stunden täglich, in Schächten ohne Sicherung, die jeden Tag absaufen konnten. Wer nicht mit dem Schacht absoff, soff ab im Schnaps. Wen der Schnaps nicht fertigmachte, den brachten die Weiber auf den Hund. Es war schwer, sich herauszuhalten: aus den Schächten, aus den Weibern, aus dem Schnaps. Jetzt hat sich das gebessert: die Schächte sind gesichert, und die Weiber sind verheiratet. Hier im Kombinat hab ich mir noch kein Bein ausgerissen. Wenns der Bauleitung zu langsam geht, warum kommt sie nicht zu uns auf die Baustelle? Manchmal schicken sie einen Dispatcher mit Motorrad. Der kommt an in einer Staubwolke, reißt das Maul auf und fährt wieder ab in einer Staubwolke, eh wir zu Wort gekommen sind. Aber in der Versammlung reden sie uns mit Arbeiterklasse an. Wenigstens könnten sie dafür sorgen, daß es keine Wartezeiten gibt. Wir warten auf die Zeichnungen. Wir warten auf Material. Das drückt auf den Lohn. Wir wissen, was wir wert sind und machen nichts umsonst. Eh wir uns bescheißen lassen, bauen wir vor: der Lohn steigt schneller als die Mauern, die Kurve schneller als die Produktion. Die Brigadiere schreiben die Norm, die wir brauchen, und der Polier drückt beide Augen zu. Es ist nicht sein Schaden. Bremer war der erste, der das nicht mitgemacht hat. Er sagte immer wieder: Das ist Betrug. Betrug kommt nicht in Frage. Er hat nicht mitgemacht, nicht für Prügel, die er gekriegt hat, und nicht für Bier, das wir ihm angeboten haben. Er ist rot bis auf die Knochen.

Heiner Müller, zuerst veröffentlicht in dem Stück »Die Korrektur«, Neue Deutsche Literatur, Berlin 5/1958, S. 21-36, hier zitiert nach Heiner Müller, »Werke 2. Die Prosa«, Suhrkamp, Frankfurt 1999, S. 75.