Archiv für Mai 2012

Viel Bewegung

Bloccupy hin oder her, der ganz überwiegende Teil der radikalen Linken ist der Ansicht, dass derzeit mal wieder ganz wenig läuft, insbesondere in Deutschland, keine Bewegung, kein Unmut, bzw. allenfalls »unbrauchbare Unzufriedenheit« (Peter Decker). Das sieht die herrschende Klasse anders. Muss mal so gesagt werden. Die FAZ etwa beklagt »Respektlosigkeiten am laufenden Band« – in Deutschland, nota bene:
»Tausende haben die Ordner im Innenraum des Stadions ignoriert, sie haben die Bitten des Stadionsprechers überhört, das Eigentumsrecht missachtet und insgesamt die Grundregeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt.« Es geht »nur« um Fußball, um das angebliche Drama von Düsseldorf, aber der Kommentator zielt vorsorglich auf das Höhere, auf das Gesamtgesellschaftliche, und dann geht es (ihm/ihnen) immer zuerst um »das Eigentumsrecht« und dessen Unantastbarkeit. Nutzlos der Hinweis, dass die Fans durch den Erwerb einer Eintrittskarte dieses Eigentumsrecht erst mal respektiert und zweitens dadurch erst einen bestimmten Anspruch an den Eigentümer formuliert haben – den Anspruch auf Brot und Spiele, auf genau das Spektakel, das Fußball nun mal ist.
Dieser Brot-und-Spiele-Komplex ist nun an sich selbst gescheitert, streng dialektisch betrachtet hat er sich ›aufgehoben‹, er funktioniert so perfekt, dass die Kommentatoren zwischen realer Unkontrollierbarkeit und perfekter Vollendung des Spektakels (die Leute entwickeln einen unbändigen Willen und verwenden eine irre Energie darauf, eine zunächst hoch abgesichertes Spielfeld zu erstürmen, würden sie nur zehn Prozent dieses Enthusiasmus’ darauf verwenden, für höhere Löhne und angenehmere Arbeitszeiten zu kämpfen, der Kapitalismus sähe sehr schnell sehr alt aus) nicht mehr zu unterscheiden wissen. Vielleicht ist es ja auch dasselbe.
»Diese Menschen waren keine brutalen Hooligans, keine sportpolitisch motivierten Ultras, es waren Hinz und Kunz, Väter mit teils minderjährigen Söhnen, die mittendrin sein wollten, nicht nur dabei. Dieses Verhalten ist nicht allein ein Phänomen des Fußballs. (…) Die Bereitschaft, Regeln zu brechen ist überall im Lande und quer durch die Gesellschaft zu erkennen. Demonstranten halten sich nicht an Verfügungen von Verwaltungsgerichten, große Unternehmen unterlaufen wie selbstverständlich Steuergesetze, selbst der einst höchste Mann im Staat wusste sich nicht zu benehmen.« Der FAZ-Mann antwortet nicht mit einem offenen Aufruf zum Klassenkampf von oben – das ist passé, eine Angelegenheit der 90er, als Rot-Grün hemmungslos den Eliten-Liberalismus protegierte –, sondern mit Moralsauce, denn Verfehlungen gibt es, ohje, auch unter Managern und Spitzenpolitikern, einfach überall! Am schlimmsten bleiben freilich »Hinz und Kunz«, in denen die Bestie der GROTESKEN BELEIDIGUNG schlummert: »Denn die Verrohung der Sitten sind das Ergebnis einer Entwicklung, die Lehrer schon seit Jahren beobachten, Unterrichtsstörungen, groteske Beleidigungen, ja Bedrohungen. Wer das ändern will, muss bei den Kleinsten anfangen, mit der Anerkennung von Grundwerten in der Familie. Im Stadion ist es zu spät.« Grundwerte, Anstand, Disziplin, Maßhalten, Mamapaparespekt, die üblichen Appelle, die sich an ALLE richten, aber allein denen schaden, die als Lohnabhängige sonst sehr wenige Gelegenheiten zum Über-die Stränge-Schlagen haben. Es sind übrigens diese Moralapostel, die den Meistertrainer Jürgen Klopp nicht zuletzt für sein penetrantes Geschwafel von der »Lust« und vor allem der »Gier« über den grünen Klee loben. Aber das nur nebenbei.
Was in Düsseldorf passiert ist (und einen Tag zuvor in Karlsruhe und ein paar Tage davor in Köln und dann noch in …) hat nichts mit Klassenkampf zu tun. Aber die Reaktionen darauf drücken eine große Verunsicherung aus: Selbst – nein, gerade – das am besten organisierte Spektakel lässt sich nicht restlos beherrschen. Gut möglich, dass demnächst die Feuilletons nichts mehr davon wissen wollen, ganz im Gegensatz zu den tiefschürfenden Essais der letzten zwanzig Jahre, dass das Fußballgeschehen ein besonders sensibler Gradmesser für gesellschaftliche Zustände ist. Die Erkenntnis könnte schwindeln machen.

Schule der Dialektik

Klaus Heinz Metzger: Der Fortschritt, so wie er im Material-Kapitel der Philosophie der Neuen Musik dargestellt ist, ist ein durch und durch dialektischer. Es gibt da diesen Satz, der, wie ich festgestellt habe, fast immer falsch verstanden wird: »Nicht nur verengt und erweitert es« – das Material – »sich mit dem Gang der Geschichte, sondern alle seine spezifischen Züge sind Male des geschichtlichen Prozesses.« Also: es verengt und erweitert sich. Das wird meist so mißverstanden: mal verengt es sich, dann erweitert es sich wieder, und das ist halt der Gang der Geschichte. Gemeint ist aber, daß Erweiterung und Verengung zwei dialektische Momente ein und derselben prozessualen Bewegung sind. Die Erweiterung ist zugleich die Verengung. Die Erweiterung des Materials etwa durch die atonale Revolution bedeutete zugleich den Ausschluß der gesamten tonalen Kompositionsmittel. Mit dem tonalen Material indes gingen zugleich die technischen Mittel seiner Behandlung dahin. Wie ist es heute mit dem Materialstand? 1958 hat Cage die Variations I geschrieben. Dort ist alles zum – möglichen – musikalischen Material geworden. Gleichzeitig ist es eben deshalb auch nichts: die berühmte Identität von Allem und Nichts, die Hegel schon ziemlich zu Beginn seiner Logik dargetan hat. Also: die Erweiterung, die Expansion, ist inzwischen bis zu allem gegangen und die Verengung, die Selektion, bis zu nichts, und beides ist dasselbe. Es gibt inzwischen wirklich nichts mehr auf der Welt, was nicht musikalisches Material sein.

Josef Früchtl: Das gilt also auch für die alten Harmonien.

Metzger: Ja, sicher, von daher kann man die Nichtigkeit des Ganzen gut beleuchten, denn zugleich können die avancierten ästhetischen Nerven überhaupt nichts mehr ertragen. Und die Unerträglichkeit des historisch nicht mehr Substantiellen war stets der Grund der selektiven Seite des Materialfortschritts. Unter das, was in jedem Moment auszuscheiden ist, fällt mittlerweile alles. Damit wären wir ja eigentlich am Ende. Aber vielleicht haben Sie trotzdem noch Fragen?

Früchtl: Wir könnten uns – versuchsweise – weniger am aktuellen Stand der Musik als an Adornos Theorie orientieren.

Metzger: Eines möchte ich zum aktuellen Stand sagen. Passiert ist das Jahr im Jahr 1958, nämlich diese Variations I von Cage. Und es ist so bestürzend, daß die allermeisten Komponisten es nicht einmal bemerkt haben, sondern so weiterkomponieren, als wäre nichts geschehen.

Früchtl: Jetzt muß ich doch einmal fragen: hat nicht die Kunst sozusagen immer recht? Der Kritiker hinkt hinter ihr her und muß zur Kenntnis nehmen, was Sache ist. Wenn man diesen Sachverhalt umkehrt – und das scheint mir Ihre Einstellung zu sein –, gerät man in Gefahr, von einer gewissen Warte aus – meistens ist sie auch sehr hoch – auf das irdische Geschehen in der Kunst in verächtlicher Haltung hinunterzublicken.

Metzger: Daß die Kunst immer recht habe, ist eine These, die sich Leichtigkeit halten läßt, sobald man sich die Befugnis zuspricht, darüber zu befinden, was Kunst sei und was nicht. Die Kunst, die immer recht hat, bestimmt man dann selbst und hat infolgedessen selber recht.

Aus: »Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno / hrsg. von Josef Früchtl und Maria Calloni«, Frankfurt/M. 1991: Suhrkamp. S.171ff.

Die Revolution ist monochrom

… oder sie wird gar nicht sein.
Zu den Lieblingsfloskeln linksradikalen Aktivist_innentums (so richtig geschrieben?!) gehört der vielfältige, kreative, lebendige aber vor allem: bunte Widerstand — wie das Viertel, das kurz vor der Gentrifizierung stehend natürlich bunt bleiben muss, wie das Leben, das im Gegensatz zum grauen Alltag bunt zu sein hat, wie die Haare oder die Klamotten halt. Revolution wäre demnach vor allem ein Ding der Selbstverwirklichung, im Jargon gesrpochen: ein »Projekt«, und dieses wird dann so lange betrieben, bis den Aktivisten ein Lichtlein aufgeht, dass man sich auch ganz prima in dieser Gesellschaft selbstverwirklichen kann. Die Wahrheit ist natürlich, dass Selbstverwirklichung und bürgerliche Gesellschaft untrennbar zusammengehören, meistens steht die Selbstverwirklichung allerdings der Einsicht in diese Wahrheit entgegen.
Vom Anarchismus könnte man lernen, dass die Revolution anti-kreativ, anti-originell, also monochrom oder konsequent gesagt: sogar »anti-farblich« ist – nämlich schwarz. Man könnte, wird es aber nicht, weil die Anarchisten heute auch in erster Linie bunt sein wollen.
Dabei ist die Wahrheit so einfach: Die schwarze Flagge ist die paradox personifizierte Kritik der Kreativität, die Autorschaft und Originalität bis zur Unsichtbarkeit, bis zum Verschwinden in sich aufsaugt.
Sagt Howard Ehrlich:

Warum ist unsere Farbe schwarz? Schwarz ist ein Schatten der Negation. Die schwarze Fahne ist die Negation aller Fahnen. Sie ist die Negation der Nation … Schwarz ist eine Stimmung von Zorn und Wut gegen alle Verbrechen gegen die Menschheit, die im Namen der Verbindungen zwischen den Staaten verübt werden. … Schwarz ist auch eine Farbe der Trauer; die schwarze Fahne, die die Nation ausstreicht, betrauert die Millionen, die in inneren und äußeren Kriegen ermordet wurden, sie trauert für diejenigen, denen die Arbeit geraubt und besteuert wurde, um das Gemetzel und die Unterdrückung anderer Menschen zu bezahlen … Aber Schwarz ist auch schön. Es ist die Farbe der Bestimmtheit, der Lösung, der Stärke, eine Farbe, durch die alle anderen aufgeklärt und definiert werden.

Es ist das Schwarz der Fahne, das die Kollektivität der Aufständigen zum Ausdruck (konsequenter: Anti-Ausdruck) bringt. Carl Einstein über seine Erfahrungen in der Kolonne Durruti während der spanischen Revolution:

Durutti, dieser außergewöhnlich sachliche Mann, sprach nie von sich, von seiner Person. Er hatte das vorgeschichtliche Wort »ich« aus der Grammatik verbannt. In der Kolonne Durutti kennt man nur die kollektive Syntax. Die Kameraden werden die Literaten lehren, die Grammatik im kollektiven Sinn zu erneuern.
Durutti hatte die Kraft der anonymen Arbeit innigst erkannt. Namenlosigkeit und Kommunismus sind eines. … Durutti war kein General, er war unser Kamerad. Dies ist nicht dekorativ, doch in dieser proletarischen Kolonne beutet man die Revolution nicht aus, man betreibt keine Publizität. Man sinnt nur auf eines: den Sieg und die Revolution. (…)
Die Kameraden wissen, dass sie diesmal für die arbeitende Klasse kämpfen, nicht für eine kapitalistische Minderheit, den Gegner. Diese Einsicht auferlegt allen strenge Selbstdisziplin. Der Milizmann gehorcht nicht, sondern verfolgt zusammen mit seinen Genossen die Verwirklichung seines Ideals, einer sozialen Notwendigkeit.
Durrutis Größe bestand gerade darin, dass er selten befahl, sondern stets erzog. Die Kameraden kamen, wenn er von der Front zurückkehrte, zu ihm ins Zelt. Er erklärte ihnen den Sinn seiner Maßnahmen und diskutierte mit ihnen. Durruti befahl nicht, er überzeugte. Nur die Überzeugung verbürgt ein klares, entschlossenes Handeln. Bei uns kennt ein jeder den Grund seines Tuns und ist mit diesem Eins. (…)

Es geht nicht um Glorifizierung und die Begeisterung für das Unmittelbare: Einsteins Statement ist in einer Ausnahmesituation verfasst worden und auch nur so zu verstehen. Wer das nicht berücksichtigt, verfehlt die historische Wahrheit dieser Agitation. Nur: Sollte die hiesige Linke sich jemals in einer Ausnahmesituation befinden, ist es ganz ratsam, sich vorher die historischen Lektionen anzueignen. Klingt banal. Aber die banalen Sachen hakt man ja fatalerweise meistens als »bereits erledigt« ab.

Das Wissen der 90er

Das war ja so ein typisches Pubertätsding: Jeder hatte die Platte, jeder hörte sie hoch und runter, jeder fand sie albern, komplett zum Fremdschämen, aber doch insgeheim unfassbar geil – bloß nicht zugeben: »Licensed To Ill«. Bis heute ist das Debüt-Album (1986) der Beastie Boys nicht kanonisiert, wird aber wohl ihre meistverkaufte Platte sein. Das jungmännliche Asi-Schocker-Image (das aus Rotznasenperspektive, wie wir heute wissen, schon den ganzen Verfall des klassischen us-amerikanischen HipHop ab Mitte der 90er Jahre treffsicher ironisiert) legte sich wie ein Schatten auf ihr erstes Meisterwerk, »Paul’s Boutique« (1989) fiel durch, noch nicht mal – es wurde gar nicht erst verstanden, das kam erst viel später, rückblickend mit den kommenden Alben: Zum ersten Mal bewiesen Ad-Rock (Adam Horovitz), Mike D (Michael Diamond) und MCA (Adam Yauch) ihr schier unfassbares Talent aus einem eklektizistischen Gewusel, einem unübersichtlich wuchernden Stil-Mix heraus präzise musikalische Statements zu komponieren – wenn man irgendwo die New Yorker Utopie verkörpert sehen wollte, dann hier: Vielfalt, Gewimmel, grelle Buntheit, aber alles das stiftet die Vision einer friedlich durchgeknallten Gemeinschaft. »Paul’s Boutique« – das war Coolness ohne Arroganz und Hierarchie, Stylness ohne Abgrenzungsgegockel, Abhängertum ohne Konzentrationsverlust. Das Kiffen muss sie zu Höchstleistungen angespornt haben (manchmal klappt das ja). Dass die Jungs – wie immer wieder betont wird – aus der jüdischen Mittelschicht Brooklyns stammten, macht nix – es ging ihnen um Zukunft, nicht Herkunft. Bzw. reduzierte sich die Herkunft auf das eine große Ding, auf die Hauptstadt des 20. Jahrhundert: New York. »Check Your Head« (1992) ist dann ihr Hauptwerk, weil es jenseits der damals so produktiven wie allerdings auch immer unwichtiger werdenden Subszenen von Postrock, Stoner, Minimal Techno oder Drum’n’Bass noch einmal großen Pop stiftete, Konsens geboren aus radikalem Experimentiergeist, keine Kompromisse, aber eine Einladung an alle. »Ill Communication« (1994) lieferte die Zauberformel dafür. Dass die drei danach in den Modus der Selbstbezüglichkeit einrasteten und nie wieder die Stärke der alten Zauberformal auszunutzen wussten – geschenkt. Außerdem stimmt das so nicht, ihre letzte große New-York-Hommage, »To the 5 Boroughs« (2004) war schon sehr rührend, gerade weil sie sich nie dem Sentimentalen hingaben. Lokalpatriotismus statt Heimatschutz, allemal sympathischer. Dass sie zwischendurch die Erleuchtung fanden und allerlei Tibet-Hindu-Zen-Gebimmel + Tierschutz und was mit Menschenrechten machten – ja, das ist tatsächlich Mittelstandsethik, das erwähnte dann aber keiner mehr. Gestern ist, nach drei Jahren Kampf gegen den Krebs, Adam Yauch gestorben. Die Zauberformel bleibt, und das ist die einzig gute Nachricht.

Beastie Boys – So What Cha Want von BeastieBoys-Official

Nach dem 1. Mai

Sozialismus ist, wie wir immer wieder einhämmern, die Eroberung des Gesamtprodukts seitens der nicht in Betrieben, sondern in der Weltgesellschaft assoziierten Arbeiter, also nicht nur die Eroberung des Mehrwerts – jenes Werts also, den, wie es banalerweise heißt, der Fabrikherr einheimst, tatsächlich aber ein vom Kapitalismus positiv hereingebrachter gesellschaftlicher Abzug ist. Eroberung, sagen wir es noch einmal, des Gesamtwerts, wonach der Wert zerstört sein wird, so wie nach der Eroberung der ganzen Macht die Macht zerstört sein wird.
Nur wenn das Gemeinwesen das Gesamtprodukt erobert, wird es möglich sein, die gesteigerte Produktivkraft zu nutzen und die Arbeitszeit auf ein Minimum herabzudrücken, wobei diese Arbeitszeit kaum höher sein wird als die der Gesellschaft geschenkte – das, was wir heute Mehrarbeit nennen und die auch ohne den Fabrikherrn bestehen bleibt, heute jedoch den Umweg: vom Arbeiter zum Betrieb, und vom Betrieb zur Gesellschaft, nehmen muss. Ohne dieses Ergebnis wäre es pure Aufschneiderei, von proletarischem Bewusstsein zu sprechen.

Nachträge

1. Bordiga reagiert hier polemisch präzise auf die Vorstellung, »Sozialismus sei die Eroberung des Betriebsgewinns für die Arbeiter«, also wäre primär die Selbstverwaltung der Fabriken durch die Arbeiterinnen und Arbeiter (und die Angestellten, sollten wir nicht vergessen), eine Irrlehre, deren historische Kontinuität er seit Proudhon verfolgt – Lassalle, Dühring (jener Eugen Dühring, den wir heute bloß noch als Engels’ punching ball kennen, vor 140, 130 Jahren aber einer der einflussreichsten Theoretiker der Arbeiterbewegung war – wohl weit einflussreicher als Marx und Engels), Sorel und schließlich Gramsci verortet er in dieser Linie.
Das mag unfair gegenüber Gramsci sein, immerhin eine zeitlang enger Genosse Bordigas!, aber ungeachtet seiner tadellosen kommunistischen Haltung propagierte er stets verworrene Räte-Ideen: Christian Riechers zitiert Gramsci

Der revolutionäre Prozeß dagegen verwirklicht sich auf dem Produktionssektor, in der Fabrik, wo das Verhältnis zwischen Unterdrücker und Unterdrückten herrscht, zwischen Ausbeuter und Ausgebeuteten, wo es keine Freiheit für den Arbeiter, keine Demokratie gibt.

und kommentiert

Nach Gramscis Vorstellungen soll ein Netz von Räteinstitutionen (Bauernräte eingeschlossen) Italien überziehen. Nicht die revolutionären Sowjets der Oktoberrevolution mit ihrer durchweg politischen Funktion, sondern im Prinzip unpolitische, auf rein ökonomische Aufgaben beschränkte Produzentenräte (…) geben das Grundmodell ab. Diese Räte sind qua Institution derart an den Betrieb gebunden, daß sie erst gar nicht den Rahmen überschreiten, in den wenig später das deutsche Betriebsrätegesetz die zuvor noch mächtige politische Rätebewegung zu zwängen versucht.
Während der Periode der Fabrikbesetzungen in Norditalien im September 1920 bleiben freilich die inzwischen gebildeten Fabrikräte in den Turiner Fabriken und organisieren mit Hilfe nur weniger bei ihnen verbliebener Techniker selbständig die Produktion. Gramscis Traum von der ökonomischen Autonomie der »Produzenten« verwirklicht sich für eine Weile. Die Gewerkschaft, welche »die Arbeiter nicht als Produzenten, sondern als Lohnarbeiter« (Gramsci) organisiert, scheint für einen Augenblick von der Szene zurückzutreten. Gramscis polemischer Einwand gegenüber [Angelo] Tasca, daß der Rat »in seinen höheren Formen dahin tendiert, dem vom Kapitalismus zu Profitzwecken geschaffenen Produktions- und Tauschapparat proletarische Züge zu verleihen« bewahrheitet sich jetzt. Die Arbeiter beweisen, daß sie auch ohne Aufsicht gut produzieren können. Darin liegt der »proletarische Zug«, der dem kapitalistischen Produktionsapparat verliehen wird. Das erzeugte Mehrprodukt eignen sie sich jedoch nicht an, sondern liefern es bei Ende der Fabrikbesetzungen dem Unternehmer aus.
(Christian Riechers, »Antonio Gramsci. Marxismus in Italien«, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanst. 1970, S.63; das Zitat Gramscis stammt aus, Ders., »Philosophie der Praxis«, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag 1967, S.65 [»Der Fabrikrat«, in Ordine Nuovo, 5.6.1920])

2.

Wenn Russland eine Orgie der Spezialisierung, der despotischen Arbeitsteilung sowohl in der Gesellschaft als auch innerhalb des Betriebs, ja der Zwangsarbeit veranstaltet, die die kombinierten Arbeiter in die jeweiligen Arbeitslager deportiert, so geschieht dies nicht, weil Stalin ein Schuft ist, sondern weil man nur so die kapitalistische Produktion etablieren kann – zu einer Zeit, in der die Jahrhunderte dauernde Entwicklung von der ersten halb-handwerklichen Manufaktur bis hin zu den automatisierten Monsterbetrieben schon durchlaufen war. Und weil nur so der Kampf gegen die Anarchie der Unternehmen zu führen ist; ein Kampf, der in den staatlichen Bilanzen der UdSSR leicht abzulesen ist.
Der Staatskapitalismus versucht gegen die Anarchie der Produktion vorzugehen, aber da Waren produziert werden und es stets um die Produktionskosten geht, bleibt nur, den Betriebsdespotismus über die Lohnarbeit zu verschärfen.
Dies ist jedenfalls keine sozialistische Verwaltung. Der Sozialismus wird den Arbeiter, folglich den Menschen befreien, und zwar gleichzeitig von der gesellschaftlichen Anarchie und der Ausbeutung im Betrieb, von der Arbeitsteilung und der beruflichen Spezialisierung. Dieser lange Kampf wird in dem Moment beginnen und von den Sektoren ausgehen, in dem wir mit der Geld-/Warenproduktion fertig geworden sind bzw. sie überwunden worden ist.
Vom bellum omnium contra omnes wird man zum Kommunismus kommen, sobald jeder Anreiz zum Wettbewerb aus der Organisation des Lebens verbannt ist.
Denn der Wettbewerb ist der Grund dafür, dass der Unglückselige, der Blut und Wasser schwitzt, um allen zu zeigen, wie groß die Kohlenmenge ist, die an einem Arbeitstag mit der Hacke aus einem Flöz gehauen werden kann, ein nationaler »Held der Arbeit« werden kann – und den jeder Marxist am liebsten mit Fußtritten traktieren würde.
Aber auch darin liegt eine Logik. Die kapitalistische Gesellschaft braucht die Helden der Arbeit. Der Kommunismus wird sie abschaffen.