»Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre.«

Selbstbestimmung und Selbstverwaltung stehen unvermindert hoch im Kurs bei radikalen Linken (genauso wie »Basisdemokratie« im Gegensatz zur angeblichen bloß formellen oder bürgerlichen Demokratie). Es grassiert eine regelrechte »Selbst-«Sucht, als ob es nicht auch böse Selbst-Wörter gäbe – die Selbstoptimierung beispielsweise (Management-Jargon!), und von Selbstregierung reden all die Selbstverwalter dann schon nicht mehr so gerne, denn mit »›Regierung« hat man ja so seine Probleme, obwohl die Selbstverwaltung immer auch auf eine Art Regierung abzielt, aber wer denkt schon gerne so weit. Erinnert sei daran, dass die Sache mit dem Selbst, also die Subjektivierung von Politik, die freilich ein die Subjektivierung voraussetzendes übermächtiges Objekt impliziert, mit der Selbstkritik begann, mit jenem erniedrigenden, demütigenden Verfahren, in dem die Opfer Stalins in diesen so unheimlichen Schauprozessen sich zu Tätern erklärten: Im Stande ihrer größten Machtlosigkeit und totalen Isolierung mussten sie sich – selbstkritisch – in die Rolle diabolischer Gegenspieler einfühlen; nie waren sie selbstbewusster als im Moment vor ihrer realen Auslöschung, ein gespenstischer Akt der Selbstbestimmung, den mit für ausländische Prozessbeobachter zutiefst verwirrendem Furor nicht wenige Altbolschewiken vollzogen.1

Die historische Geburt linker Selbst-Sucht ist in den Ritualen der Selbstkritik zu suchen. Ironie der Geschichte, dass das Konstrukt der Selbstbestimmung ausgerechnet bei dezidiert anti-stalinistischen Gruppen aufblühte, namentlich – sprich: am profiliertesten – bei der französischen Gruppe Socialisme ou Barbarie (SouB), deren zentrale Thesen in einem mittlerweile legendären Text von Cornelius Castoriadis unter dem Titel »Über den Inhalt des Sozialismus« niedergelegt wurden2. Amadeo Bordiga, der schon zu Beginn der 50er Jahre in einer ausführliche Essay-Reihe3 sich ebenso gründlich wie sarkastisch mit den rrrrrevolutionären SouB-Ideen auseinandergesetzt hatte4, kam 1957 in dem Referat »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus« noch einmal – abschließend – auf die Franzosen zurück5.

Sagte Marx welches der »Inhalt des Sozialismus« ist? Marx hat eine dermaßen metaphysische Frage nicht beantwortet. Der Inhalt eines Gefäßes kann sowohl Wasser als auch Wein oder eine stinkende Flüssigkeit sein. Als Marxisten können wir uns fragen, welcher historische Prozess zum Sozialismus führt, und können uns auch fragen, welche Verhältnisse zwischen den Menschen »im Sozialismus«, das heißt in der nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft, herrschen werden.
Unter beiden Aspekten sind absolut idiotisch die Antworten: Kontrolle über die Produktion in der Fabrik – Verwaltung der Fabrik, oder die andere, die sie oft begleitet: Selbstbestimmung des Proletariats.
Was den historischen Prozess anbelangt, der von einer vollindustriellen kapitalistischen Gesellschaft zum Sozialismus führt, haben wir ihn schon vor einem Jahrhundert beschrieben: Entstehung des Proletariats, Organisation des Proletariats zur politischen Klassenpartei, Organisation des Proletariats zur herrschenden Klasse. Erst zu diesem Zeitpunkt beginnt die Kontrolle und die Leitung der Produktion, aber nicht im Betrieb und nicht durch die Belegschaft, sondern in der Gesellschaft und durch den von der Klassenpartei geführten Klassenstaat.
Wenn diese Suche nach dem lächerlichen »Inhalt« sich aber auf die vollständig sozialistische Gesellschaft bezieht, verlieren die Formeln Arbeiterkontrolle und Arbeiterverwaltung in noch weiterem Maß jeglichen Sinn. Im Sozialismus gibt es nicht mehr die zwischen Produzenten und Nichtproduzenten gespaltene Gesellschaft, weil es keine in Klassen gespaltene Gesellschaft mehr gibt. Der Inhalt (wenn man dieses metaphysische Wort verwenden will) des Sozialismus wird nicht die Selbstbestimmung des Proletariats, wird nicht die proletarische Kontrolle und Verwaltung sein, sondern das Verschwinden des Proletariats; der Lohnarbeit; des Tauschs und auch des am längsten überlebenden: des Tausches zwischen Geld und Arbeitskraft; und schließlich des Betriebs. Es wird nichts zu kontrollieren und verwalten da sein; niemanden, demgegenüber Selbstbestimmung zu verlangen wäre. Wer solche ideologischen Phrasen gebraucht, zeigt nur seine absolute theoretische und praktische Ohnmacht, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die nicht eine schlechte Nachahmung der bürgerlichen Gesellschaft sei. Sie wollen nur die Autonomie ihrer selbst – gegenüber einer harten Aufgabe, gegenüber der Macht der Klassenpartei, gegenüber der revolutionären Diktatur. Der ganz junge Marx, noch in den Windeln der hegelschen Formeln – an die solche Leute noch heute glauben – hätte geantwortet, dass wer die Autonomie des Proletariats sucht, nur die Autonomie des Bourgeois, ewiges Vorbild des Menschen, findet (siehe »Die jüdische Frage«).

  1. Wolfgang Pohrt ganz richtig über den Zusammenhang von Despotie und Subjektivierung:
    Hitler und Stalin haben es auch gewusst: Nicht das Wort des Führers war Befehl, sondern sein Wille. Und den kannte man halt nicht. Den lernte man erst kennen, wenn es zu spät war. Also kann man sich nie bequem im Sessel zurücklehnen und darauf vertrauen, man habe doch alle Anweisungen befolgt und alles richtig gemacht. Man muss vielmehr permanent versuchen, sich hineinzudenken und hineinzufühlen in den Führer oder in den Markt, man muss versuchen, die Trends zu erschnuppern, und man weiß nie, ob es geklappt hat. Dieses Risiko schärft alle Sinne, es hält einen hellwach. (Aus: Ders., »Kapitalismus Forever«, Berlin 2012: Edition Tiamat, S. 60)

    Eben – Selbstoptimierung. [zurück]

  2. Im Rahmen der bei der Edition AV erscheinenden Castoriadis-Werkausgabe finden sich die Thesen im Band 2.1, »Vom Sozialismus zur autonomen Gesellschaft. Über den Inhalt des Sozialismus«. Es kursieren auch ältere Übersetzungen. [zurück]
  3. Die wichtigsten Texte sind hier genannt, auf Deutsch liegen vier der genannten fünf vor (und der letzte ist bereits in Vorbereitung): »Die Lehre vom ›Teufel im Leibe‹«; »Vorwärts, Barbaren!«; »Der Froschmäusekrieg«; »Das Geschnatter über die Praxis«. [zurück]
  4. Keine Ironie der Geschichte, sondern eine ermüdende Nachlässigkeit ist es, wenn in einer der wenigen auf Deutsch vorliegenden ausführlichen Arbeiten über SouB zwar brav referiert wird (S.27), dass es eine »bordigistische« Strömung auf Seiten der französischen antistalinistischen Linken gegeben, Bordiga eine, oh la la!, »ungewöhnliche Theorie« vertreten und auch dass »SouB sich zu diesem Zeitpunkt mit ihnen [hier gemeint: sog. »Neobordigisten« ?!] in einem längeren Diskussionsprozeß über die UdSSR, die aktuelle Entwicklung des bürgerlichen und bürokratischen Kapitalismus, das Bewußtsein von Klasse und Partei, die Diktatur des Proletariats und die sozialistische Gesellschaft sowie revolutionäre Perspektive und aktuelle Aufgaben der Avantgarde verständigt« habe. Aber es ging nicht um »Verständigung«, sondern um Trennung, und was die Punkte der Bordigisten, äh… Neobordigisten bzgl. des »Bewußtseins von Klasse und Partei« (was für ’ne blöde Konstruktion, die sich so nicht bei B. findet!) gewesen waren, dass sie sich um’s Ganze von den SouB-Positionen unterscheiden, erfährt man nicht, nicht mal im Modus der »ungewöhnlichen Theorie«. [zurück]
  5. Zitiert nach einer mutmaßlich verbesserungswürdigen Übersetzung. Die Fettungen stammen aus der Übersetzung, wir können nicht dafür bürgen, dass sie sich auch im Original finden. An diese Grundlagen hat mich der Genosse von Espace Contre Ciment erinnert! [zurück]