Evolutionäres Verschwinden der Gewalt?

Letzten Herbst hat das Buch »Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit« von Steven Pinker für – na, jetzt müsste hier die Floskel stehen … für Furore gesorgt. Hat es aber nicht so richtig. Es ist ein gewichtiges Werk, weil er auf den 1200 Seiten eine Irrsinnsmenge an Fakten und Literatur verarbeitet, und es ist auch in einem renommierten Verlag erschienen, die Feuilletons kamen also nicht drum herum. Aber es ist vielleicht ein bisschen heikel, ein Buch abzufeiern und das Pinker-Paradigma auszurufen, wenn man in einer dermaßen rezessionszerfurchten Zeit schreiben muss, in der der big bang, der nächste richtig große Krieg nur eine gescheiterte Währungsrettungskonferenz entfernt liegt. Pinker jedenfalls gibt den knallharten Evolutionstheoretiker der Gewaltlosigkeit, sozusagen eine fröhlich-pragmatische US-Version Norbert Elias’. Herfried Münkler resümmierte in der FAZ:

So kommt Pinker zu dem Ergebnis, dass der Zweite Weltkrieg mit 55 Millionen Toten auf einer „ewigen Rangliste“ der Gewaltkatastrophen erst auf den neunten Platz kommt, während die mongolischen Eroberungen den zweiten und der Sklavenhandel im Nahen Osten den dritten Platz einnehmen. Die Ermordung der Juden Europas ist bei solchen Berechnungen kein einzigartiges Ereignis mehr, ja sie taucht in Pinkers Liste der zwanzig größten Gewaltkatastrophen in der Geschichte der Menschheit nicht einmal auf. In der Nacht der Statistik sind nun einmal alle Katzen grau; das ist der Preis, den eine Methode zahlen muss, die mit den historischen Umständen auch alle Besonderheiten und Einmaligkeiten in quantitativen Größen verschwinden lässt.

Dabei könnten auch wir es belassen, hätten wir nicht kürzlich einer Diskussion beigewohnt, in der Pinker von linker Seite aus verteidigt, ja: angepriesen wurde, vor allem als Gegengift für den in der Tat lähmenden Kulturpessimismus (äußert sich bei Linken eher als Geschichtsfatalismus – denn die nächste Dubstep-Party will sich keiner vermiesen lassen). Das Anliegen geht in Ordnung, die spontan geäußerte Kritik – Pinker würde sich nicht um »strukturelle« oder »verinnerlichte« (soll wohl heißen: statistisch nicht erfassbare, aber evidente) Gewalt kümmern – war wenig triftig. Wir haben uns auch ein paar Notizen gemacht – die nicht als Buchbesprechung etc.pp. zu verstehen sind –, weil die Diskussion aber bislang nicht wieder aufgenommen wurde, lagen sie ein paar Wochen auf dem Desktop und werden jetzt hier veröffentlicht.

Das Gegen-Argument zu Pinker ist nicht, dass die Gewalt »verinnerlicht« oder »struktruell« geworden ist, man halst sich damit nur die Probleme auf, was Begriffe wie Verinnerlichung resp. strukturell meinen (sie erklären die Gewalt gerade nicht).
Die Behauptung, dass »wir« immer friedfertiger werden, fängt an zu riechen, wenn man sich die entsprechende Analogie dazu ausmalt: Demnach lebten wir bereits im Sozialismus. Ist doch klar, früher haben die Leute sechs Tage die Woche zwölf Stunden gearbeitet und sind mit 40 oder spätestens 50 an irgendeiner Arbeiterseuche krepiert, von den zwölf Kindern haben auch nur vier überlebt. Heute fängst du erst mit 30 an zu arbeiten, wirst mit 60 in die Frührente geschickt, hast eine 38-Stunden-Woche, vier Wochen Urlaub … und wenn du mal arbeitslos bist, kriegst du Stütze und auch noch staatlich finanzierte Weiterbildungsmaßnahmen angedient.
Also leben wir im Sozialismus! Das würde selbst ein Negrist nicht mal nach der Einnahme krassen Optimismus induzierender Happy-Pills behaupten wollen.
Verhältnisse in ihrem historischen Verlauf zu vergleichen führt meistens zu einem schwerwiegenden Methodenfehler – weil das, was verglichen wird, isoliert wird von seinem realen Zusammenhang. Wenn man vergleicht, dann den Sachverhalt XY nicht mit etwas früherem, sondern man muss die Gesellschaft an ihren eigenen Ansprüchen, ihren eigenen Maßstäben messen. Es hat 1995 in Srebrenica einen planmäßigen Massenmord an 8000 bosnischen Männern durch serbische Milizen gegeben. Für Pinker aus historischer Perspektive wohl eine Petitesse. Ja, früher, da hätten sie nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen, die Kinder, einfach alle niedergemetzelt, so ungefähr würde die Pinker-Linie aussehen.
Aber: Srebrenica hätte es niemals geben dürfen! Jugoslawien war eine antifaschistische Republik, jahrzehntelang Völkerfreundschaft gepredigt, unglaublich viele »Mischehen« (nicht meine Sprache!), einheitliche Sprachenpolitik, mit einem Wort: hochzivilisiert. Die Frage ist doch nicht, ob früher viel mehr umgebracht worden wären, sondern warum eine Gesellschaft so schnell zerfällt (und sich neu konstituiert – das Srebrenica-Massaker sollte so etwas wie das Gründungsverbrechen der Serbischen Republik von Bosnien sein) und dabei diese Gewalt freisetzt. Um solche Fragen zu klären, muss man eine Gesellschaft an sich selbst messen.1
Um zum vermeintlichen Sozialismus zurück zu kommen: Die Verelendung besteht nicht darin, dass »alles immer schlimmer wird«, sondern dass es keine Garantie gibt, dass nicht alles doch ganz schlimm kommt. Oder andres gesagt: Der Skandal besteht darin, dass vermutlich allein mit den tagtäglich in Deutschland weggeschmissenen Nahrungsmitteln man den Hunger in der Welt ausräumen könnte. Das ist der Maßstab. Oder noch mal anders gesagt: Die Menschen schuften nicht mehr zehn, sondern acht Stunden pro Tag (dafür hat der Kapitalismus 80 Jahre gebraucht…), gemessen am technisch-wissenschaftlich-kommunikativen-kooperativen Stand der Gesellschaft – so wie sie jetzt ist, man muss sich nicht irgendwelche Utopien flüchten! – bräuchte jeder aber nur zwei Stunden zu arbeiten. Nicht bloß in Europa, sondern weltweit. Verelendung ist immer ein qualitativer Begriff, dass man ihn empirisch darstellen kann, heißt nicht, aus der bloßen Empirie eine Tendenz abzuleiten.

  1. Pinker unterlaufen wohl noch mehrere dieser methodischen Fehler, z.B. scheint er Massaker in früheren Zeit so zu bewerten, als wären sie statistisch wie die neuzeitlichen Kriege erfasst, man kann aber nicht mit der Gewissheit über frühere Gewaltherrscher urteilen – etwa über Dschingis Khan – wie man das über Mao oder Hitler kann. [zurück]